Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Senc 132 Vesterrrichifttzr WsHrenzuzriN Vtr. 7 aufführungen zum königlichen Musikdirector und vom Kaiser Wilhelm ll. zum Professor der Musik ernannt. Den greisen Gelehrten traf vor vierzehn Tagen noch der große Schmerz, daß ihm seine gleichfalls betagte Gattin starb. Zu dem 1876 stattgehabten 50jährigen Rabbiner-Jubiläum des Herrn Doctor Hildesheimer componirte er die Festhymnen. Geboren in Wreschen, kau, er bereits als Knabe nach Berlin, wo seine große musikalische Begabung durch die vorzüglichsten der damaligen Lehrer eine gediegene Ausbildung erfuhr. Alsbald führten ihn individueller Trieb und die Bedürfnisse der Zeit auf die Bahn, auf welcher er mehr als 50 Jahre unausgesetzt als schaffender, wie ausübender Musiker gewandelt ist. Schon als Knabe dem hiesigen Synagogenchor angehörig und durch seinen schönen Sologesang dort excellirend, begann er im Jahre 1840 das eines Chordirigenten zu verwalten, als welcher er zuerst lange Jahre in der sogenannten alten, später in der neuen Synagoge ununterbrochen fungirt hat, bis vor zwei Jahren das Alter und körperliche Leiden seiner Thätigkeit ein Ziel setzten. Die Chor-Werke, welche er schon früh, zunächst nur für die Hebung des heimischen Gottesdienstes, zu schaffen begann, erwiesen sich als eine so vortreffliche und zeitgemäße Bereicherung und Verschönerung des Gottesdienstes, daß sich nach und nach immer zahlreichere auswärtige Gemeinden dieser Neuerwerbung theilhaft machten, und bald war der Name Lewandowski's ein allüberall in der jüdischen Welt gefeierter. An unzähligen Orten hat man seine Chöre eingkführt, an etlichen hat man zur Einrichtung eines verschönerten Gottesdienstes seine persönliche Mitwirkung durch Rath und That erbeten. Mehrere von ihm verfaßte Sammelwerke, welche nicht nur den Chor-, sondern auch den Vorbeter. Gesang nach geläutertem Geschmack feststellen, sind außerordentlich verbreitet und ihnen, wie seinem Persönlichen Unterricht in dem Seminar der jüdischen Gemeinde zu Berlin verdanken wir zu einem großen Theile die veredelte Singweise, welche unsere Cantoren in der neueren Zeit angenommen haben. Dabei hat er keine von den Perlen des alten Melodienschatzes verloren gehen lassen, hat ihnen vielmehr eine kunst- und geschmackvolle Fassung, durch moderne harmonische Begleitung und theilweise durch Uebertragung auf den Chorgesang gegeben, wodurch ihre ergreifende Wirkung verstärkt und ihnen von Neuem eine dauernde Lebensfähigkeit eingeprägt worden ist. Die summarische Angabe und Nennung einiger Titel genügt, um eine Vorstellung von der Vielseitigkeit der Tonschöpfungen Lewandowski's auf synagogalem wie auf weltlichem Gebiete zu geben. In erster Hinsicht find zu nennen: 1) Zwei Trinklieder. von Gabirol und Juda Halevi; 2) Hebräische Melodien für Clavier und Violine; 3) Hebräische Rhapsodie für Clovier; 4) Fünf Fest-Präludien für Orgel; 5) Kol Rinah u-Tephilla; 6) Toda we-Simra I und II: 7) Achtzehn lithurgische Psalmen für Soli, Chor und Orgel. An weltlicher Bocal- und Instrumentalmusik hat er geschaffen: 8) Die Excellenz, Duett für Sopran und Alt; 9) Kaiserhochzeit, Quartett für Sopran, Alt, Tenor und Baß; 10) Viele Concertlieder; 11) Patriotische Lieder; 12) Schullieder, theils selbstständig, theils in Liedersammlungen erschienen rc. rc. Neben seiner eigentlichen Berufsthätigkeit — er unterrichtete auch an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde — nahm er regen Antheil an allen jüdischen Angelegenheiten, widmete er sein künstlerisches Können mit freudiger Hilfsbereitschaft der Förderung gemeinnütziger Interessen. Hiedurch, wie durch die Liebenswürdigkeit seines Charakters erwarb er sich die Liebe und Verehrung weitester Kreise, welche bei seinem 50jährigen Künstler-Jubiläum am 21. December 1890 zu ehrendem Ausdruck kamen und auch bei der unlängst stattaehabten Beerdigung in einer imposanten Betheiligung aller Schichten der hiesigen jüdischen Bevölkerung und zahlreicher nichtjüdischer Vertreter der Musikwelt, officieller Deputationen rc. sich bethätigten. Nachdem im Sterbehause eine Trauerfeier im Kreise der Familie und der engsten Freunde stattgefunden, wobei Herr Prediger Dr. Apolant sprach, wurden die sterblichen Reste nach dem Friedhofe in Weißensee überführt. Dort widmete zunächst Herr Rabbiner Dr. Maybaum namens der jüdischen Gemeinde dem verdienten Beamten, dem Reorganisator und Bereicherer des synagogalen Gesanges, ehrende Worte des Nachrufes, dann sprachen Herr Direktor Dr. Holzmann den Dank der von ihm geleiteten Lehrerbildungsanstalt und der Knabenschule der jüdischen Gemeinde und zum Schluß Herr Prediger Dr. M. Lewin den Dank der Schüler, aus. Berlin, 4. Februar. Vor einigen Wochen brachte der .^Hannoversche Courier" die Mittheilung, daß ein jüdischer Kleiderhändler aus dem Südosten von Berlin für, sein Geschäft, das den Namen „Kleider-Baron" führt, Reclamezettel vertheilt habe, deren Inhalt jedes religiöse Gefühl verletze. So sehr es uns widerstrebt, das von dem genannten Blatte mitgetheilte angebliche Reclamegedicht hier zu reproduciren, so können wir uns dieser unangenehmen Nothwendigkeit doch nicht entziehen. Das von dem „Kleider-Baron" vertheilte „Gedicht" soll alsy folgenden Wortlaut gehabt haben: „Das Christkind kam aus Maria Schooß Hier auf die Welt ganz nackend und bloß; hätte der heilige Joseph auch damals schon gekannt den berühmten „Kleider-Baron", Er hätte ihn gewiß — was kann da sein —. Dann eingekleidet höchst nobel und fein in 5000 hochelegante Winterpaletots" u. s. w. Diese Mittheilung des hannover'schen Blattes ging in die „Kölnische Zeitung" über und wurde dann von der gesummten antisemitischen Presse übernommen und in der herkömmlichen Weise fructificirt. Die „Kreuzzeitung" gab der Notiz folgende Bemerkung mit auf den Weg: „Was sagen hierzu die Judenblätter? Werden sie jetzt auch in Entrüstungsgeschrei ausbrechen, wie damals, als die harmlosen „Fahrkarten nach Jerusalem" in der Friedrichstraße vertheilt wurden? Bewahre! Sie werden die Sache todtschweigen und schmunzelnd den „Witz" Eines von ihren Leut' bewundern, der wieder nur in der gemeinen Verspottung des für die Christen Heiligsten seine ganze „Größe" entfalten kann." Auf diesen räthselhaften „Baron" wurde nun eine förmliche Hetzjagd eröffnet; antisemitische und andere Zeitungen fahndeten nach ihm, die Polizei arbeitete mit ihrem großen Apparat, um ihn einzufangen und eine. Zeitung wandte sich an ihren Leserkreis mit der Bitte, ihr zu einem Exemplar jener frivolen Reclame zu verhelfen — Alles vergeblich. Zwar wurde ein Kaufmann, der seinem Geschüft die Bezeichnung „Znm Kleider-Baron" gegeben hat, — allerdings nicht im Südosten der Stadt, wo der Reclamevertheiler wohnen sollte, sondern im Centrum, in dem dem Alexanderplatz nahen Theile der Landsbergerstraße — ermittelt, aber dieser Mann konnte überzeugend Nachweisen, daß er niemals Reclamen der bezeichneten Art vertheilt hat, und er hat selbst bei der Polizei die Eröffnung einer Untersuchung zur Klarstellung der Angelegenheit beantragt. Der Polizei ist es trotz der eifrigsten Bemühungen nicht gelungen, eine Thatsache, die der vom „Hannoverschen Courier" mitgetheilten auch nur entfernt ähnlich sähe, zu ermitteln und so steht nunmehr fest, daß'die Geschichte von seiner schamlosen Reclame eine frivole Erfindung ist, über deren Urheber man wohl nicht zweifelhaft sein kann. In Sachen des „Kleider-Baron" veröffentlicht der „Hannoversche Courier" folgende Erklärung: Jüngst ging durch die Blätter ein cynisches Reclame-Gedickt. welches von einem Berliner Trödler, der unter dem Namen „Kleider- Baron" bekannt wäre, herrühren sollte. Wie sich jetzt herausstellt, beruht die ganze Sache auf Erfindung. Da in verschiedenen Blättern der „Hannov. Courier" als Quelle angeführt und um Aufklärung ersucht wird, bemerken wir, daß-wir die Mittheilung Berliner Blättern entnommen haben, in denen sie, wie z. B. in der antisemitischen „Täglichen Rundschau", zu finden war. Petersburg, 25. Jänner. Der von Geheimrath Pobedonoszew vor wenigen Tagen dem Kaiser Alexander lll. unterbreitete Rechenschaftsbericht für die Jahre 1891 und 1892 übertrifft an Interesse alle seine Vorgänger. Der diesjährige Bericht ist eine Anklageschrift gegen alle Nichtorthodoxen, gegen die politische Gesinnung der gebildeten Classen, gegen die rationalistischen Secten und gegen jede Aufklärung im Reiche, namentlich wird diesmal über den Katholicismus und Protestantismus scharf hergezogen, die für Rußland eine große politische Gefahr und mit aller Macht zu bekämpfen seien. Ueber die mosaische Lehre und über den Einfluß der Juden auf die Moralität der orthodoxen Bevölkerung fällt Pobedonoszew ein milderes Urtheil. Der Einfluß der Juden auf die Orthodoxie und auf die Moral der Rechtgläubigen sei weniger gefährlich als jen r des Katholicismus und des Protestantismus; doch müsse die Regierung auch über die Juden wachen.... Dagegen erblickt der Bericht im Islam und im Buddhismus eine Gefahr für die Orthodoxie und für Rußland. „Der Islam", führt der Rechenschaftsbericht aus, „hat während der letzten Zeit das Haupt erhoben; in den.an der Wolga und am Ural liegenden Provinzen treibt der Islam ein wüstes Spiel, indem er alle dortigen Stämme an sich reißt." „Der Buddhismus, der seinen Hauptsitz in Transkaukasien hat, ist ebenfalls haßerfüllt gegen die Orthodoxie." Die unter dem Namen „Altgläubige" bekannten Sectirer bezeichnet der .Blicht M „eine'klaffende Wunde, im national-kirchlichen Leben Ruß-