Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021015--03238-3027365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ja. 7 >vellerrLUrmure ÄJuouriUUiAm «eue 131 es gewagt hatte, einigen Parteimännern Westböhmens von dem antisemitischen Getriebe Kenntniß zu geben, ja das war etwas Anderes, da war man den Antisemiten auf die Hühneraugen getreten und das ist nicht gestattet, doch die Juden kann man beschimpfen, wenn sie nur zahlen und wählen, andere Rechte haben sie nicht. Endlich ist es den hiesigen Juden doch zu toll geworden, selbe haben sich organisirt, um allen solchen Strömungen mit Entschiedenheit entgegenzutreten, es besteht sogar die Absicht, aus allen deutschen Vereinen auszutreten und einen eigenen demokratischen Verein zu gründen, der sich glänzend erhalten müßte, da die Juden allein an Bereinsbeiträgen bisher fl. 6000 bezahlen. Wir begrüßen diesen Schritt wärmstens und freuen uns, daß die Pilsener Juden endlich zur Emsicht kommen, um zu ersehen, was sie von den sogenannten Liberalen zu erwarten haben. D. R. Budapest, 6. Februar. In der Großgemeinde Hodsagh (Bacs-Bodrogher Comitat) wohnen keine Juden. Die 4099 Einwohner sind zumeist wohlhabende Landwirthe, doch hat Hodsagh auch eine blühende Industrie und einen reichen Kaufmannsstand; der letztere nur verhindert es, daß sich Juden ansässig machen, denn sämmtliche Kaufleute des Ortes bilden ein Cartell und stipuliren die Preise nach ihrem Geschmack, was ihnen umso leichter wird, als Hodsagh keine Bahnstation ist und daher auch keine Concurrenz von auswärts zu befürchten hat. Es versuchten wohl schon einige Juden, sich in diesem reichen Orte ansässig zu machen, doch war Alles vergebens; nachdem sie ihr Vermögen eingebüßt, mußten sie wiederabziehen. Doch ist die Bevölkerung keinesfalls antisemitisch gesinnt; so paradox es auch scheinen mag, wir können es aus Erfahrung behaupten, daß sich der jüdische Gast nirgends im Lande bester fühlen wird, als in Hodsagh und wenn er in welchen Geschäften immer reist, so wird er von Hodsagh gewiß nicht ohne Resultat weiterziehen. Großes Aufsehen erregt nun in dieser Gegend die in einem hiesigen Wochenblatte erschienene Annonce eines Hodsagher Bürgers, der sein neueroautes für Geschäftszwecke vorzüglich geeignetes Wohnhaus zum Verkaufe ausbietet und mit fetten Lettern bemerkt: „Israel. Kaufleute werden bevorzugt." Man erzählt sich Wunderdinge, um wieviel die gewöhnlichsten Consumartikel in Hodsagh theurer verkauft werden als in dem kleinsten Nest, und gewiß muß diese Monopolwirthschaft schon die höchste Stufe erreicht haben, wenn em ketzerischer Hauseigenthümer (die Hodsagher Hausbesitzer haben nämlich das Gelöbniß gethan, Juden kein Haus zu verkaufen) jetzt gar einem Juden den Vorzug geben will, weil er die wohlthätigen Wirkungen der Concurcenz, die das ganze Land genießt, dadurch auch seinem Geburtsorte erschließen will. Ob sich wohl — nach solchen Antecedentien — ein Jude finden wird, der die Lust verspüren sollte, als Bahnbrecher des modernen Handels den Kampf gegen das Mittelalter aukzunehmen und in gesellschaftlicher Beziehung zu einer glänz nden Jsolirung verurtheilt zu sein, denn, wohlgemerkt, nur die fremden Juden werden von den Hodsaghern hochgeachtet und geliebt — das müssen wir bezweifeln, sollte es aber doch derartige unternehmungslustige Juden geben, so theilen wir ihnen mit, daß sie sich an Nicolaus Kraus, Hauseigenthümer in Hodsagh (Bacser Comitat), wenden mögen. Dresden. Hier kam vor dem Schöffengericht kürzlich ein Beleidigungspröceß zur Hauptverhandlung, der wieder einmal einen Einblick in das Treiben der Antisemiten hinter den Coulissen gestattete. Dr. Paul Lim an und Dr. Max Lohan, vor nicht allzu langer Zeit noch intime Freunde, beide Redacteure der „Dresdener Nachrichten", traten mit Klage und Widerklage -gegeneinander in die Schranken. Die Verhandlungen drehten sich in der Hauptsache darum, ob Dr. Liman, ein Vorkämpfer des Rassenantisemitismus, gewußt habe, daß er selbst von Juden abstamme oder nicht. Dresdener Blättern ist darüber Folgendes zu entnehmen: Dr. Lohan sagt aus, daß ihn bei seinem Borgehen gegen den ehemaligen Freund namentlich die Absicht 'eleitet habe, die Reformpariei vor Dr. Liman zu warnen, 'der infolge seiner jüdischen Abstammung niemals überzeugter Raffenantisemit werden könne ES werden drei Documente der Friedrich-Werderffchen Gemeinde in Berlin verlesen, aus deren erstem erhellt, daß der Urgroßvater Dr. Liman'S, Isaak Nathaniel Christian Lipmann 1899 unter dem Namen „Christian Lreman" in' der Friedrich-Werder'schen Gemeinde zu Berlin vom Judenthum zum Christenthum übergetreten sei. Die beiden anderen Documente beziehen sich auf den Uebertritt der jüdischen Großeltern Dr. Liman's zum Ctiristenthum. In den Augen Ser Rassenantisemiten ist also der Vater des Letzteren Vollblutjude gewesen. Dr. Liman bestritt, daß er schon früher die jüdische Abstammung seiner Vorfahren gekannt habe, während Dr. Lohan die Ueberzeugung von dem Gegen» theil ausspricht. Nachvem auf eine neuerliche Berichtigung Dr. Liman's in der „Staatsb.-Zlg." Bezug genommen war, worin Letzterer versichert, es sei nicht wahr, dag er väterlicher- oder mütterlicherseits von Juden abstamme, erklärt der früher mit Dr. Liman befreundete Zeuge Rohland, in Freundeskreisen sei man nie über die jüdische Abstammung Dr. Liman's in Zweifel gewesen. Daraus habe ihm u. A. auch einer der .beiden Brüder Dr. Liman's durchaus kein Hehl gemacht. Andere Zeugen constatiren im Anschluß hieran, daß Dr. Liman Vorhaltungen betreffs seiner jüdischen Abkunft niemals widersprochen habe. Ein Zeuge, Herzfeld, erzählt, daß dem Angeklagten gegenüber während dessen Studentenzeit die Bemerkung gefallen ist: „Da regt sich wieder das semitische Blut in Dir!" Rohland bekundet, daß ihm entweder Dr. Liman selbst oder oeffen Zwillingsbruder erzählt habe, der Großvater sei getauft worden. Redacteur Starke bekundet, daß er mit Dr. Liman über dessen semitische Abstammung gesprochen habe, ohne daß derselbe dagegen protestirt habe. Dr. Lohan erklärt, noch bevor er den „offenen Bcief" mit den Vorwürfen gegen den ehemaligen Freund veröffentlichte, habe er versucht, von Dr. Liman persönliche Genugthuuug zu erlangen. Er habe gehofft, daß etwas von dem Muthe der alten Makkabäer auf Dr. Liman übergegangen sei. Er habe sich hierin geirrt. Dr. Liman habe ihm die Satisfaction verweigert. Dr. Liman bestätigt, daß ihm von seinem Gegner eine Forderung auf Pistolen bis zur Kampfesunfähigkeit zugegangen sei. Hauptmann a. D. Liman, dessen Vereidigung nivt erfolgte, erklärte, daß er ^war stets geglaubt habe, in seinen Adern fließe jüdisches Blut, aber der Nachweis hierfür sei ihm erst durch das Vorgehen Dr. Lohan's erbracht worden. Er vemerkte u. A., daß er von seinen Kameraden der „schöne David" genannt worden sei. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen bestritt Dr. Liman, daß er jemals Anhänger, Mitglied oder Führer der Reformpartei gewesen. Auch sei er nicht Redacteur der „Deutschen Wacht", gewesen, sondern habe nur aushilfsweise für dieselbe gearbeitet. Schriftsteller Wolfgang Kirchbach bestätigt die rassenantisemitische Richtung Dr. Liman's. Hauptmann a. D. Santen erwiderte auf die Frage des Vorsitzenden, ob ein Judensprößling als Mitglied der Resormpartei geduldet werden könne: Das sei eine Pciiicipienfrage, die von den meisten seiner Parteifreunde verneint wurde. Rechtsanwalt Brauer legte einen von Dr. Liman Unterzeichneten Leitartikel der „Dresdener Nachrichten" vor, worin dieser sich gegen die Jndentaufe ausspricht und den Standpunkt des Raffenantisemitismus verficht. Die Verkündigung des Urtheils wurde vertagt. In seinem Plaidoyer suchte der Vertheidiger Liman's namentlich dessen Bewußtsein von feiner semitischen Abstammung zu bestreiten, während der Vertreter des Dr. Lohan die entgegengesetzte Meinung zum Ausdruck brachte. Indessen ist diese Frage eben so wenig von allgemeiner Bedeutung, wie die weiter in dem Pcoceß verhandelten, ob Dr. Liman mit einer Audienz beim König von Sachsen renommirt habe, die niemals stattgefunden, ob er dritte Personen veranlaßt habe, an die Verleger der „Dresdener Nachrichten" Briefe zum Lobe seiner Leitartikel zu schreiben, und ob er entgegen bestimmten Versprechungen gleichzeitig den „Leipz. Neuest. Nachr." Leitartikel geliefert habe. Dadurch würde weiter nichts bewiesen, als was jeder Einsichtige ohnedies weiß, daß es nämlich unter den Antisemiten Renommisten und gute Geschäftsleute gibt, die es mit der Wahrheit und ihrem Worte nicht genau nehmen. Wohl aber fällt es bei der Beurtheilung der rassenantisemitischen Bewegung in's Gewicht, daß eine von Juden abstammende Persönlichkeit in ihr lange Zeit eine große Rolle spielen konnte, ein Mann, über dessen Abkunft die Antisemiten selbst nicht im Zweifel waren. Das beweist am besten die innere Unwahrheit des ganzen Raffenanüsemitismus, beweist, daß seine Führer selbst nicht glauben, was sie sagen, eine Thatsache, an der die anständigen Leute freilich nie gezweifelt haben und nach früheren Vorkommnissen auch nicht zweifeln konnten. Berlin. Der in weiten Kreisen bekannte königliche Mufikdireetor Profeffor L. Lewandowski ist am Sonntag Morgen nach brrzern Krankenlager im Alter von 75 Jahren an Altersschwäche gestorben. Profeffor L. war circa 40 Jahre hindurch als Leiter des Synagogenchors der israelitischen Gemeinde thätig und hat sich in dieser Stellung sowohl, wie in derjenigen als Lehrerder Horwitz'schen Knabenschule, sowie der Steinschneider'schen Mädchenschule die Liebe und Verehrung vieler Tausende erworben. L. wurde unter Kaiser Wilhelm f. gelegentlich mehrerer vor dem Kaiserpaare veranstalteten Musik-