Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021015--03237-3027364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
otttt 130 ZsetwcrLLurUrtze rLioaronzuzrul Nr. 7 Wien, 7. Februar. (Aus der Genossenschaft d e r M e ch a n i k e r.) Es wird uns das nachstehende merk-- würdige Schreiben zur Verfügung gestellt: „Vor wenigen Tagen batte ich die Absicht, meinen Lehrling, der sich durch Fleiß und Pünktlichkeit, durch große Ordnungsliebe und feines Ehrgefühl auszeichnete, und der, wie ich hoffte, eine Stütze meines Geschäftes werden würde, bei der Genoffenschaft der ich angehöre, im Sinne der gesetzlichen Vorschrift eintragen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß der Knabe einen anderen Glauben habe als den meinigen. Ich sollte aber auch von der Genoffenschaft erfahren, daß in zwei Sitzungen beschlossen wurde, keinen Lehrling jüdischen Glaubens aufzunehmen und daß es Ehrensache sei, sich darnach zu richten, wenn auch die Behörde diesen Beschluß nicht bestätigte. Will ich mich daher mit meinen Geschäftsgenoffen nicht verfeinden, so bleibt mir nichts Anderes übrig, als das arme Kind zu entlassen und Ihrer Güte zu empfehlen. Der Brief stammt von einem christlichen Gewerbetreibenden und ist an einen angesehenen Fabrikanten gerichtet. Die Thatsache, daß eine Genoffenschaft den Beschluß gefaßt hat, jüdische Lehrlinge nicht aufzunehmen, wird kaum überraschen, wenn man erfährt, daß es die Genossenschaft der Mechaniker ist, von der dieser den Geist echter Humanität athmende Beschluß stammt. Dem Beschlüsse der Genoffenschaft ist die behördliche Bestäügung verweigert worden; was Wunder, wenn der Vorstand, dem Ernst Schneider angehört, die Ehre der Standesgenoffen anruft, um die Aufnahme jüdischer Lehrlinge zu Hintertreiben. So wenig Logik auch darin liegt, daß ein solcher Mann, der ja bisher mit ganz anderen Agitationsmitteln gearbeitet hat, mit dem Appell an die Ehre in's Feld rückt, um seinen Zweck zu erreichen, so sicher zeigt sich doch, daß auch dieses Instrument des Kampfes seine Wirkung nicht versagt. Bedauerlicher aber als dies ist das Verhalten der Regierung gegenüber der genannten Genossenschaft. Wenn eine Corporation, deren Aufsicht dem Staate obliegt, auf jegliche Art darnach trachtet, die Vorschriften des, Gesetzes zu umgehen, und wenn sie Beschlüsse faßt, die geradezu einen Hohn auf die Gesetze bedeuten, dann ist es die Pflicht der Regierung, nicht etwa blos für die formelle Beobachtung des Gesetzes zu sorgen, sondern auch die materielle Verletzung desselben zu verhindern. Die Auflösung der Genoffenschaft der Mechaniker war und ist das einzige Mittel, solch grobem Unfuge zu steuern. Oder täuschten wir uns und läge hier nicht einer der „Fälle" vor, die „erforderlich" sind, um die Staatsgewalt zu bestimmen, den Staatsgrundgesetzen Achtung zu verschaffen? Das Vorgehen der Mechanikergenoffenschaft wirft aber auch ein recht grelles Licht auf das, was man die „Fudenfrage" nennt. Die Antisemiten haben neben der Anatomie und Physiologie der Juden an diesen insbesondere auch die Abneigung gegen die Arbeit auszusetzen. Niemals aber kämpfen sie leidenschaftlicher, als wenn sie in einem Gewerbe Juden finden. Der israelitische Handwerkerverein, der Tausende Bekenner des mosaischen Glaubens bisher dem Handwerk zugeführt hat, ist in ihren Augen der größte Gräuel, wie der jüdische Handwerker ein Schandfleck des Jahrhunderts. Wenn doch einmal die Antisemiten sich zu der besonnenen Frage aufschwingen könnten, welchen Beruf die Juden wählen sollen, um keinen Anlaß zu Beschwerden und Angriffen zu geben, dann wäre das, was sie „Judenfrage" nennen, bald gelöst. Den Gefallen, sich zu erhängen, werden ihnen die Juden ja schließlich doch nicht erweisen. St. Polte«. (Deputation einer israelitischen Cultusgemeind e beim Bischof.) Am 11. d. begab sich eine Deputation der israelitischen Cultusgemeinde in Pölten, mit dem Präses Fabriksbesitzer M. Frank an der Spitze, zu dem daselbst residirenden neuernannten Bischof Herrn Dr. Rößler, um demselben aus Anlaß seiner Erwählung die Glückwünsche der Gemeinde zu überbringen. Der Bischof empfing die Deputation in der freundlichsten Weise. Nachdem der Präses die Glückwünsche der Gemeinde zum Ausdruck gebracht hatte, folgte eine Ansprache des Rabbiners Dr. Weinsberg, auf welche der Bischof Dr. Rößler erwiderte, u. A. betonend: „Er verkenne nicht die Schwierigkeiten seiner Mission, in dieser turbulenten Zeit die Principien des Evangeliums überall zur Geltung zu bringen. Doch hoffe er, mit dem Beistände Gottes die frühere Harmonie zwischen allen Bewohnern der St. Pöltener Gemeinde wiederherzustellen." Der Kirchenfürst zog sodann die einzelnen Deputationsmitglieder ins Gespräch und-entließ dann die Deputatto« mit den Worten, daß er noch Gelegenheit nehmen werde, seinen speciellen Dank für die Glückwunschmänrfestation abzustattrn. Pilsen. (Der Antisemitismus in Pilsen.) Bor einigen Jahren schon wiesen wir darauf hin, daß auch im hiesigen deutschen Lager der Antisemitismus Wurzel zu fassen begonnen hat, doch legte man dem keine Bedeutung bei, weil es doch nur Beamte des westböhmischen Bergbauvereines und der Skoda'schen Fabrik waren, die sich aus leicht erklärlichen Gründen offen aufzutreten hüteten, doch desto eifriger waren sie bemüht, Anhänger zu gewinnen und verpflanzten, durch Concentrirung in der Turnerverbindung „Tafelrunde', ihre verwerfliche Thätigkeit in den Turnverein, wo man ihnen Anfangs entgegentrat, doch ohne Erfolg, da selbe von einzelnen ihrer Vorgesetzten werkthätigst unterstützt wurden und deren kräftige Unterstützung auch genießen. Vorerst wurden antisemitische Blätter abonnirt, verbreitet, in dem von ihnen frequentirten Gasthause aufgelegt und bei jeder Gelegenheit Versuche gemacht, diese edle Mode in alle Kreise zu verpflanzen. Als im Vorjahre gelegentlich einer stattgefundenen Hauptversammlung des Turnvereines der hochachtbare Obmann der Schulvereinsortsgruppe, Paul Ziegler ihnen ihr verderbliches Treiben vorhielt und sie zur Besserung mahnte, antworteten sie mit dem Gesammtausiritte aus der hiesigen Ortsgruppe, verlangten sogar, selber solle ihnen Abbitte leisten, blieben sodann auf dem Fcühlingsfeste zum Besten des Schnlvereines ferne, verließen ostentativ unsere Stadt, zur selben Zeit, als die deutsche Liedertafel die ankommenden Gäste zu ihrem Jubelfeste am Bahnhofe umarmte, vertheilten anläßlich des Festes eines anderen deutschen Vereines Bilder mit jüdischen Carricaturen. Dagegen betheiligten sich diese deutschnationalen Antisemiten bei allen Veranstaltungen des gesinnnngsgleichen Männerturnvereines in Prag> veranstalteten Sammlungen zur Förderung ihres Leibblattes, „Der deutsche Bolksbote", aus welchem sie die schönsten Blüthenlesen ärgster Judenfeindschaft einsaugen, um auf diesem Wege hier weiter zu wirken. Und wahrlich, sie haben Erfolge aufzuweisen. Am 21. Jänner gelang es ihnen mit Unterstützung verkappter Antisemiten, ein verdientes jüdisches Mitglied aus dem Vorstande hinaus zu drängen; dadurch ermuthigt, verlegten sie ihr Thätigkeitsgebiet in die Liedertafel, welche neben 160 arischen, 117 jüdische Mitglieder zählt. Zu der am 3. Februar stattgefundenen Hauptversammlung wurden von denselben Candi- - dateülisten versandt, in welche aber auch nicht ein Jude ausgenommen wurde, und als von jüdischer Seite in der Hauptversammlung selbst gegen ein solches, die Juden tief beleidigendes Vorgehen Einwendung erhoben wurde und von denselben zwei jüdische Candidaten nominirt wurden, fand es weder der Obmann der Liedertafel, noch der anwesende Parteiführer Doctor Starck ftär angezeigt, wenn auch nur mit wenigen Worten, auf dieses verderbliche und das Deutschthum schädigende Vorgehen hinzuweisen, so daß die sogenannte judenreine Candidatenliste mit überwiegender Mehrheit durchdrang. Es ist dies leicht erklärlich, daß die sonst ruhiger denkenden jüdischen Mitglieder eine Erregung erfaßte und diese selbst zum Austritte aus der Liedertafel drängen. Wenn man bedenkt, daß von den 8000 Deutschen, 2500 Juden sind, von denen sich der größte Theil zur deutschen Partei offen und unumwunden nicht nur bekennt, sondern selbe moralisch und materiell unterstützt, so ist es zumindest eine moralische Pflicht, solche schätzenswerthe Mitglieder nicht nur nicht verletzen zu lassen, sondern selbe in Schutz zu nehmen, besonders gegen Elemente, welche zum großen Theile auch durch jüdische Gelder ihre Existenz fristen und froh sein sollten» daß sie als Ausländer eine gute Unterkunft - gefunden haben. Die ärgsten Antisemiten sind die wegen ihrer bekannten Umtriebe aus dem Bureau des hiesigen westböhmischen Bergbauvereines ausgetretenen Härtl und Krotsch, Agenturen mit technischen Artikeln, die trotzdem vom Leiter genannten Bureaus werkthätigst unterstützt werden, was wohl erklärlich — aber unsere jüdischen Mitbürger sollten solchen Fanatikern die nöthigen Belehrungen — zukommen lassen. Die hiesigen Juden haben sich überall, beim Theater-, Turn- Hallen-Bau und sonstigen Bedürfnissen für das Deutschthum als opferwillige, oft sehr werthvolle Stammesgenoffen bewiesen, trotz Terrorismus, Proscription seitens der ezechischen Presse, immer wacker mitgewählt, und da wagt man es wegen einiger - grünen Jünglinge, die bisher; nichts gethan als Unfrieden gestiftet, solche verläßliche Stützen der deutschen Gesellschaft in Gegenwart des Parteiführers so tief beleidigen zu lassen. Warum war die Parteileitung im Frühjahr des Vorjahres gleich dabei, einen deutschen Verein in Bann zu legen, weil derselbe