Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gelte 126 Vrsterrrtrtzische Wochenschrift Nr. 7 Zibt zu, daß es unbequem und kein Vergnügen sei, Jude zu sein, aber Merunowicz ist ja, Gott sei Dank, kein Jude; welche Unbequemlichkeiten können also ihm aus dem Umstande erwachsen, daß die Juden 613 Gebote und Verbote besitzen. Was die Verwerflichkeit des Talmuds betrifft, müsse Redner constatiren, daß er selbst bis zum 15. Lebensjahre den Talmud studirt hat und daß ihn die Grundsätze, die er aus der Talmudschule davongetragen habe, nicht nur zu keinem Hasse gegen seine andersgläubigen Mitbürger und das Volk, in deffen Mitte er lebte, aufreizten, sondern daß sie ihm vielmehr gelehrt haben, seine Mitbürger und die ihnen heilige Sache zu lieben und zu ehren, obwohl er ein echtes Mitglied seiner Glaubensgenossenschaft sei. „Ich bin ein guter Bürger und ein guter Jude" schloß Redner — „Beides haben mich die Grundsätze meiner Religion gelehrt." In kurzen, aber entschiedenen Worten wies der Referent des Unterrichts-Ausschusses Graf Adalbert Dziuduszycki die Angriffe Merunowicz' zurück. Er constatirte, daß, obwohl von keiner Seite der Ausdruck „Antisemitismus" gefallen sei, es doch nicht zu verkennen wäre, daß die Rede Merunowicz's antisemitisch gewesen ist. Er müsse die Resolutionen Merunowicz's ablehnen und empfehle dagegen den vom Abgeordneten Dr. Goldmann in der gestrigen Sitzung gestellten Antrag, betteffend die Gründung einer Anstatt zur Heranbildung israelitischer Religionslehrer. Unter großer Spannung des Hauses wurde hierauf zur Abstimmung geschritten. Der Landmarschall Fürst Sanguszko, welcher gewöhnlich mittels Erheben der Hände abstimmen läßt, forderte diesmal diejenigen Abgeordneten, welche die Anttäge Merunowicz's unterstützen wollen, zum Erheben von den Sitzen auf. Das Haus war sehr zahlreich besucht, aber mit Ausnahme des Antragstellers erhob sich — trotz wiederholter Anfrage des Landmarschalls — kein einziger Abgeordneter von seinem Platze; die Resolutionen wurden einstimmig abgelehnt, dagegen der Anttag des Dr. Goldmann mit-großer Majorität angenommen. Herr Merunowicz mag nicht gerade von angenehmsten Gefühlen erfüllt gewesen sein, als er sich so ganz vereinzelt sah; der Landtag aber hat durch seine Abstimmung energisch Protest dagegen erhoben, daß man den Antisemitismus n seine Mitte hineinttage. Interessant ist, daß die bäuerlichen Abgeordneten, sowohl die polnischen, als die ruthenischen, die doch sonst als judenfeindlich gelten, an der Abstimmung theilgenommen haben. Befragt, ob sie nicht vielleicht überhört hätten, daß über die Resolutionen Merunowicz' abgestimmt wurde, erklärten sie, daß sie dieselben mit vollem Bewußtsein verwerfen. Ein Abgeordneter der Rechten, welcher sich bei der Abstimmung über diese Anttäge zu erheben anschickte, aber sich sofort wieder setzte, trat gleich darauf auf die Abgeordneten Dr. Goldmann und Dr. Fruchtmann zu und entschuldigte sich in den wärmsten Worten damit, daß er im ersten Augenblick geglaubt habe, es handle sich um den Anttag Goldmann's. Mit einem Worte, es war eine , bewußte und in ihrer Einhelligkeit seltene Manifestation des Landtages gegen den von Merunowicz verschämt propagitten Antisemitismus. Wird der genannte Abgeordnete eine Lehre ziehen? Jüdischer Christenhatz. In einer bluttriefenden Flugschrift eines protestantischen Pastors, welche uns gütigst zugemittelt worden, finden wir herzbewegende Klagen über den angeblichen „jüdischen Christenhaß". Die Phrase vom „Jüdischen Christenhaß" hat allen mittelalterlichen Verbrechen und Grausamkeiten den Vorwand gegeben. Dem entgegen wellen wir den frommen Mann an die Geschichte seiner eigenen Glaubensgenossen erinnern, an die Geschichte der unglücklichen Salzburger Protestanten, über welche wir in der „Oesterreichischen Wochenschrift" 1892; Nr. 37 und 1893 Nr. 28 historische Daten vorführten. Wie bekannt, wurden 1732 die Salzburger Protestanten ihres Glaubens wegen unter schweren Bedrückungen aus ihrer Heimat' vertrieben. Die meisten von ihnen fanden Zuflucht beim König von Preußen, der ihnen besonders in Ostpreußen Wohnsitze anwies und ihnen die Mittel gewährte, sich eine neue Existenz zu gründen. Auf der langen Reise wurden die armen Ausgewiesenen, denen es oft am Nothwendigsten fehlte, mit warmer Menschenliebe von den Juden unterstützt. Die Beschreibung der Reise findet sich in dem durchwegs selbsterlebten Werke von dem Salzburger Emigranten Gerhard Gottlieb Günther Göcking: „Vollkommene Emigrationsgeschichte von denen aus dem Ertz-Bißthum Saltzburg vertriebenen .. Lutheranern" .. und erschien zwei Jahre darauf (1734) bei' Christian Ulrich Wagner, Frankfurt und Leipzig. Buch II, V. Cap. lautet: Wie diese Pilgrim auf ihrer Reyse von den Juden ausgenommen? Darin heißt es (Bd. I. S. 561—566): „Die Juden haben diesen Glaubenshelden an vielen Orlen Liebe erwiesen, fast an keinem einzigen ihnen aber das geringste Leid zugefügt. Es hat mir die Antwort insonderheit gefallen, die ein Jude an einem Orte Jemandem gegeben, da er gefragt worden: Warum er diese Leute so reichlich beschenkte, da es doch Christen wären? Es bestund dasselbe darin, daß er sagte: Es wären doch aber Menschen, und wären auch nach dem Bilde Gottes geschaffen. Gott aber habe befohlen, man solle sich gegen Fremdlinge gütig bezeugen. Und er stellte sich das Exempel seiner Vorfahren dabei vor, als sie aus Egypren gezogen. Denen würde es ohne Zweifel wohl gefallen haben, wenn ihnen andere aus ihrer Reise gütlich gethan und sie erquicket hätten. Man wird demnach hier dasjenige, was sonst davon bekannt worden, dem geneigten Leser mittheilen." Die erste Begegnung zwischen Juden und Salzburgern fand in dem katholischen Dorfe Klein-Nördlingen statt. Dort halten die kath. Einwohner die Eimer vom Brunnen abgenommen. Die Juden aber, die ihren besonderen Brunnen, hatten, führten die Salzburger zu diesem und. gaben ihnen außerdem Bjerund Brot und nach ihrem geringen Vermögen auch noch Geld. Die Juden in Gunzenhausen waren selbst blutarm, brachten aber doch zwei Reichsthaler zusammen. In Harburg (in Bayern) beschenkten sie sie nicht nur, sondern beherbergten sie auch. Aehnliches geschah in Hildesheim, Weimar, Frankfurt a. O. In Regensburg erbot sich ein Jude Salamon, zwanzig Salzburger auf seine Kosten zu verpflegen. Der Rath gab ihm nur zwölf, diese verpflegte er aufs Beste und beschenkte sie reichlich. Zu Halberstadt sammelten sie 36 Thaler, und Alles in Allem gaben sie nach und nach beinahe 150 Thaler. Besonders aber rühmt Göcking von ihnen, daß sie aus freien Stücken in der Synagoge ausrufen ließen, der solle verflucht sein, der den geringsten Profit an diesen Leuten suche. In Nauen stand eine Jüdin auf der Straße und theilte den Vorbeiziehenden Gaben aus. Ein kranker Mann lehnte ihre Spende ab, weil es ihm, wie er später erzählte, geschienen, daß die Frau ärmer sei als er und das Geld nöthiger brauche. In Berlin sammelten die Juden 33 Thaler 8 Groschen am Tage nach der Ankunft des erstell Trupps Salzburger, nachdem sie ihnen schon bei ihrem Einzüge Vieles zugeworfen. Die Frauen schenkten 204%, Ellen Leinwand mit der Bitte, daß bei der Austheilung auch die Aeltesten und Aermsten nicht vergessen werden möchten. Ein Fürther Jude gab allein über hundert Gulden. Die Juden in der Landgrafschaft Hessen-Kassel sammelten sogar viertausend Thaler. In Nymwegen sammelte der Bankier Benedict Levy Gompers für sie 1200 Gulden. Endlich wird Aehnliches noch von den Juden in Bamberg, Würzburg, Coburg, Bahn, Danzig, und Königsberg berichtet. An dem letztgenannten Orte schenkte ihnen Moses Lewin zwei Oxhoft Wein zur Erquickung. Kurz „allenthalben", sagt Göcking, „wo Juden wohnten, erwiesen sie diesen Flüchtlingen alle Liebe". Aus Bd. II. S. 211. „Ein Jude in Coburg, der nicht weit von der Stadt wohnte, schickte am 21. Juni 1732, als map vor die Salzburger eine Collecte sammelte, zwei Gulden auf's Rathhaus mit dieser Aufschrift : „Stalldhasten, armen vertriebenen Leuten ein klein Präsent."