Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 7 (16.2.1894)
- Date
- 1894-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 124 vmyenpMft Nr. 7 Mn Dieb als Antisemitenführer von Oedenburg. . Theodor Fuhrmann in Oedenburg ist nicht blos ein reicher Mann und Hausbesitzer, ein vielbeschäftigter Spänglermeister, sondern auch der eifrigste antisemitische Apostel, der Anführer bei jeder Judenhetze, der größte Schreier gegen die jüdische Corruption; seine Partei hat ihm Ehren- und Bertrauensstellen übertragen; er ist der Schrecken der Juden und der Liebling der Antisemiten und die Verwalter adeliger Schlösser bevorzugten bei Vergebung von Arbeiten Theodor Fuhrmann vor jeden liberalen oder gar jüdischen Gewerbsmann. Je reicher somit Theodor Fuhrmann im Laufe der Jahre geworden, desto eifriger betrieb er seine christlich-sociale antisemitische Agitation. . Das Schloß, welches Esterhaz heißt, liegt bei Oedenburg und ' Eigentümer desselben ist jetzt Fürst Paul Esterhazy, der auch in Wien sehr bekannte Sportsmann, der die Würde eines Obergespans des Oedenburger Comitats bekleidet und soeben seinem verstorbenen Vater succedirte. Das Schloß ist uralt, die Mitglieder der fürstlichen Familie bewohnen es schon seit langer Zeit nicht, aber es ist nichtsdestoweniger von bedeutendem Werthe, denn es birgt in seinen ausgedehnten Räumlichkeiten die seltensten und prächtigsten Kunstschätze, Antiquitäten von hohem Werthe, die zum Theile schon der Großvater des jetzigen Chefs der Familie, Fürst Paul Esterhazy, erworben hatte. Unter Anderem in London vier antike Teller aus massivem Golde um den Preis von circa 50.000 fl. Ganz abgesehen von der reichen und kunstvollen Ciselirung, welche diese Teller aufwiesen, hatten ste noch eine besondere historische Bedeutung, die ihren Besitz doppelt kostbar erscheinen ließ. Auf zweien derselben wurden der unglücklichen Maria Stuart vor ihrer Absetzung durch die schottischen Großen, respeclive vor ihrer Verheiratung mit Bothwell, die Speisen servirt, und die anderen zwei Teller rührten aus dem Service der großen Kaiserin Maria Theresia her. Diese Erbstücke aus dem Familienbesitze der Fürsten Esterhazy waren in dem Schlosse Esterhaz mit vielen anderen werthvollen Kunstgegenständen untergebracht. In der verflossenen Woche nun entdeckte man den Abgang der vier goldenen Teller. Die Nachforschungen wurden sofort eingeleitet und umso unerklärlicher war der Diebstahl, als ja die strechsten Borfichtsmaßregeln in dem Schlosse geübt werden. Nun wurde der Anti semi ten führ er von Oedenburg, der reiche Spänglermeister Theodor Fuhrmann, der zu wiederholtenmalen in dem fürstlichen Schlosse die Ausführung verschiedener Arbeiten seines Faches zu besorgen hatte, als der Dieb entdeckt und verhaftet. Man ließ Theodor Fuhrmann unbewacht im Schlosse, weil er ein reicher Mann und ein christlich-socialer Apostel war, der immer wacker auf „die jüdischen Schwindler aus voller Kehle schimpfte". Als der Abgang der vier Prachtteller entdeckt war, lenkte sich der Verdacht auf die Arbeiter des Spänglermeisters und das Schloßpersonale überschüttete sogar Herrn Fuhrmann mit Vorwürfen, weil er seine Arbeiter zu schlecht überwacht habe; allein bald zeigte sich, daß er selber der Dieb war. Anläßlich eines Strikes nämlich, der in seinem Etablissement ausbrach und der zu Arbeiterentlaffungen führte, äußerte sich einer der Entlassenen öffentlich, daß die aus dem Schlosse Esterhaz entwendeten Prunkteller sich im Besitze Fuhrmann's befinden müssen. Bei einer vorgenommenen Hausdurchsuchung fand man denn auch bei ihm einen Goldklumpen, über dessen Herkunft er keine klare Auskunft geben konnte, und Fuhrmann wurde verhaftet und in das Comitats-Gefangeuhaus gebracht. Dort in der Haftzelle soll er dann bald nach der Einlieferung einen Selbstmordversuch verübt haben; er versuchte es, in einem unbewachten Augenblicke sich am Fenfterkreuz der Zelle zu erhängen, wurde aber noch rechtzeitig entdeckt und steht seither unter scharfer Bewachung. Ein mit ihm neuerlich aufgenommenes Verhör, im Laufe dessen eine Confrontation mit dem vorerwähnten Arbeiter stattfand, hatte das Ergebniß, daß Fuhrmann ein Geständniß der That ablegte. Selbstverständlich bildet in Oedenburg der Vorfall das Tagesgespräch und die Nachrichten, die uns gestern von dort zugegangen sind, lassen denn auch die Affaire in einem wahrhast sensationellen Lichte erscheinen. Leider findet aber auch die Thatsache volle Bestätigung, daß die vier goldenen Teller, welche im Schloß Esterhaz gestohlen wurden, von dem Diebe vernichtet wurden, indem er dieselben einschmolz. Diese Brutalität, durch welche vier Kunstwerke vernichtet wurden, die ihren Schätzungswerth von 50.000 fl. vermöge ihrer Herkunft und der seltenen Feinheit ihrer künstlerischen Ausführung beiweitem überstiegen, erregt allenthalben die größte Erbitterung^ Bei dem Umstande, als Fuhrmann, der übrigens auch Mitglied der Oedenburger Gewerbekammer sein soll, sich in günstigen materiellen Verhältnissen befindet, ist es wahrscheinlich, daß Fürst Esterhazy zum Mindesten für den Geldwerth der gestohlenen Antiquitäten Deckung finden wird. Ein Betrag von 16.000 fl., welcher auf den Namen Fuhrmann's in der Sparkasse erliegt, wurde bereits mit Beschlag belegt. Selbstverständlich handelt es sich hier nicht lediglich um den Geldwerth — die Kunstwerke sind, wie gesagt, vernichtet. Zur Artion der Abwehr. Wien, am 10. Februar 1894. Heute wurde dem Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz eine Eingabe überreicht, deren Rubrum folgende markant Stellen enthält: Die innen ergebenst Unterzeichneten Vorstehe gewerblicher Genossenschaften und Obmänner gewerblicher Corporationen in Wien protestiren gegen die zum Schaden des Wiener Gewerbes seit längerer Zeit verübten sogenannten antisemitischen Verhetzungen, insbesondere gegen die.im niederöster-' reichischen Landtage mißbräuchlich im Namen der Wiener verübten Jnsultirungen gegen Fremde, die Wien anläßlich der internationalen Saalenmärkte zu besuchen pflegen, und bitten in diesem Sinne um Aufrechthaltung des internationalen Saatenmarktes." Die Eingabe selbst lautet wörtlich: Euere Durchlaucht! Mit der im Jahre 1867 beschlossenen Zweitheilung der Monarchie "hat die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien eine Epoche großer cultureller und wirthschaftlicher Entwicklung abgeschlossen. Gleichwie der Landwirth des ungarischen Tieflandes physisch nicht viel zu thun braucht, um den Segen Gottes zur Erntezeit einzuheimsen, ebenso hatte vordem unser Wien blos die Ausgabe, die Haupt- und Residenzstadt des Reiches zu sein, um naturgemäß stetig weiter zu blühen und ihren Bürgern den Ertrag dieses Gedeihens zu sichern. Vom Jahre 1867 an wurde es anders. Nicht nur Budapest hat seither auf Kosten Wiens einen großen, ehedem für unmöglich gehaltenen Aufschwung genommen, auch die Landeshauptstädte ziehen die Summen der in jedem Lande sich befindenden wirthschaftlichen Potenzen an sich, selbstverständlich immer auf Kosten der alten Reichshauptstadt Wien. Die technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte und die dadurch mächtig gehobene Weltconcurrenz hat ein Weiteres dazu beigetragen, diesen Zustand zu verschlimmern. Inwieweit auch noch andere Locaterscheinungen nicht blos das Ansehen, sondern auch das wirtschaftliche Gedeihen Wiens beeinträchtigen müssen, darüber enthalten wir uns, eine Meinung auszusprechen. In dieser Weise wickelt sich seit Jahren das geschäftliche und gewerbliche Leben Wiens ab, in leider zumeist schleppender, kraftloser Bethätigung. Blos einigemale im Jahre, zur Firmungszeit, zu Weihnachten, macht sich einiges Leben im wirthschasttichen Verkehre Wiens bemerkbar. Seit Jahren hat sich zu diesen sporadischen Erscheinungen eine weitere beigesellt, hervorgernfen durch den zu Beginn des Herbstes in Wien abgehaltenen internationalen Saalenmarkt. Fünf- bis sechstausend Fremde, durchaus wohlhabende Leute mit guten Lebensgewohnheiten, besuchen Wien, füllen die Hotels, Restaurants und Kaffeehäuser, machen Einkäufe aus den meisten gewerblichen Branchen, bestellen Kleider und Toiletten, kurzum, bringen ein wenig Leben in die um jene Zeit leider zumeist tobte Saison. Einige Personen finden an diesem Fremdenzufluß keinen Gefallen. Es mag nun sein, daß Leute mit einem fixen Ein-