Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Oestrrreichifche Wochenschrift Serie U7 Nr. 6 „Das ist sehr edel gedacht!" rief Eugen, „umsomehr, als Sie sich, wie ich annehmen muß, in ungünstigen Verhältnissen befinden." „Gnädiger Prinz", erwiderte Fränkl, „es erschiene mir incorrect, wenn ich höchst Ihnen gegenüber durch Verschweigen der Wahrheit unsere Handlungsweise in günstigerer Beleuchtung erscheinen ließe. Wir sind, Gott sei Dank, auch wenn der Mark' graf seinen Raub behält, im Besitze eines großen Vermögens, das uns allerdings, so lange wir als todeswürdige Verbrecher verfolgt wurden und uns zu verbergen gezwungen waren, unerreichbar war. Es ist mir gelungen, die Vermögenstheile, die wir außerhalb .des Fürstenthums Ansbach besaßen, zu retten. Unsere Schuldner waren ehrliche Leute und zahlten uns, was wir bei ihnen zu fordern hatten. Ich habe unser ziemlich großes Vermögen bei Jonas Meyer in Dresden deponirt." „Ich kenne ihn persönlich: er ist der Oberhosfactor Königs August des Starken, der sich in meiner Gegenwart sehr lobend über ihn ausgesprochen." „So lange ich und die Meinen kein Lebenszeichen von uns geben durften, war die Lage meiner Mutter und Schwester in der That die entsetzlichste, die furchtbarste, die man sich nur denken kann. In jener- Nackt, in der ich meinen Vater aus seinem Kerker befreite, hatte sich Mutter und Schwester, einem unwiderstehlichen Drange folgend, auf dem gefrorenen Flusse in der Nähe des Mauerthurmes eingefunden. .Während ich, den Vater auf dem Stromesrücken zurücklassend, einen Moment nochmals an's Ufer zurückkehren.mußte, war die Eisdecke zusammengebrochen. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Vater gerettet wurde, wußte bis heute Vormittag nicht, ob Mutter und Schwester am Leben, heute erfuhr ich, daß sie in steter Angst um den Vater und mich anderthalb Jahre in tiefster Armuth im unglaublichsten Elende herumirrten. Sie durften es nicht wagen, durch einen Brief an Jonas Meyer in Dresden zu verrathen, daß sie am Leben, wo sie wären. Ich hatte allerdings einen ziemlich großen Betrag bei mir, aber ich durfte nicht den leisesten Versuch wagen, ihre Spur aufzusuchen; ein Wort konnte sie in die Hände des wüthenden Markgrafen liefern, der die Befreiung unseres Vaters Zauberkünsten zuschrieb und meine Mutter und meine Schwester unbedenklich dem flammenden Holzstoß überantwortet hätte!" Rafael Frankl athmete tief auf. „Der entsetzlichen Sorge bin ich, Gott sei Dank, ledig! Jetzt, unter so günstig veränderten Umständen wird es mir, mit Hilfe des allverehrten Herrn Oberhoffactors Wertheimer leicht werden, ihren Aufenthaltsort zu erfahren, dann reise ich sofort zu ihnen, setze sie von dem plötzlichen Umschwung in unseren Verhältnissen in Kenntniß und bringe sie hierher. Jetzt quält mich nur die Ungewißheit über das Schicksal meines Vaters." „Ich muß es offen aussprechen, Sie hatten schon, als ich Sie vor acht Jahren in Ansbach das erste Mal sah, einen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht; daß sich dieser heute, als ich Sie als einen Mann kennen lernte, der mir einen hohen Dienst erwiesen, noch wesentlich verstärkte, werden Sie begreiflich finden; — aber je näher ich Sie kennen lerne, desto mehr lerne ich Sie achten.... Sie sind, wie Sie sagten, fest entschlossen, nicht nach Ansbach zurückzukehren, ich billige das; lassen Sie sich hier in Wien nieder. In der kaiserlichen Residenz wird Ihnen wohl Gelegenheit geboten werden, Ihre Fähigkeiten, Ihre Bildung, Ihren Charakter zur Geltung und Anerkennung zu bringen. Was ich hierzu beitragen kann, will ich gerne thun. Daß der Kaiser Ihre Niederlassung in Wien gestatten wird, verbürge ich mit meinem Fürstenworte." „Es ist mein innigster Wunsch, mich hier in Wien niederzulassen und ich bin höchst Ihnen für Ihre gnädige Zusage zu höchstem Danke verpflichtet." „Kommen Sie morgen um 5 Uhr wieder her. Ich werde mich schon in dem Besitze des Brouillons befinden, das mir der Markgraf zusenden wird. Ich will, bevor ich es zur Reinschrift approbire, Ihre Meinung hören, es soll ganz nach Ihrem Wunsche ausgefertigt werden.a rivedersi!" Siebzehntes Capitel. Rafael Fränkl hatte die wunderbare Macht Gottes in überraschendster Weise kennen gelernt. Im Laufe eines Tages hatte sich in jähem Wechsel in seinem und der Seinen Schicksal ein völlig ungeahnter Umschwung vollzogen. ' In einer Stunde war er von allen Sorgen, die seine Seele mit unschilderbarer Qual bedrückten, — bis auf eine, über das Schicksal des geliebten Vaters — befreit worden! Er hatte erfahren, daß Mutter und Schwester am Leben, er hatte einen mächtigen Protector gewonnen, vor dessen Macht die Gefahr, die ihn und die Seinen bisher wie ein böser Geist verfolgte, wie ein wesenloses Schattengebilde in Nichts zerrann. Er hatte erfahren, daß Markgraf Friedrich Wilhelm, der ihm und den Seinen, in tollem Wüthen ein Todfeind gewesen, sich mit ihm aussöhnen wollte! Aus dem Armen, Verfolgten, Berfehmten, Verzweifelnden war urplötzlich ein reicher, angesehener Mann geworden; — Mutter und Schwester konnten wieder jene hohe Stellung einnehmen, die ihnen früher Jedermann neidlos eingeräumt, — als verfolgter, verfehmter, vogelfreier Mann war ihm der Gedanke, Lea Arnstein als Hausfrau heimzuführen, als heller Wahnsinn erschienen, nun durfte er um sie werben und mit Gewißheit erwarten, auch von ihren Eltern mit offenen Armen als Schwiegersohn empfangen zu werden und auch der Vereinigung seiner Schivester mit Perez Markbreiter stand jetzt nichts mehr im Wege. Der Tochter des allverehrten Oberrabbiners Hirsch Fränkl, dessen Rettung halb Deutschland, Juden sowohl als Christen, einem Wunder Gottes, dem außergewöhnlichen Einschreiten des allwaltenden Weltenlenkers zuschrieb, der, wenn noch am Leben, wenn er es wollte, wieder seine frühere Stellung erlangen konnte, dessen Familie nun wieder in dem Besitze ihres großen, beim Oberhoffactor Meyer in Dresden erliegenden Vermögens gelangt war, stand nun kein Mann der Judenheit als Gatte zu hoch und auch der einzige Sohn des Landesältesten und Nikolsburger Gemeindevorstehers, des reichsten, vornehmsten Juden in Mähren, mußte es als ein Glück betrachten, Eva Fränkl als Hausfrau heimzuführen und dessen Eltern mußten auf eine solche Schwiegertochter stolz sein. Rafael Fränkl wäre der glücklichste Mensch auf Erden gewesen, wenn ihn nicht die Sorge um den geliebten, angebeteten Vater gequält, wenn er gewußt hätte, daß dieser wohl und gesund am Leben wäre! * * Als Rafael Fränkl aus dem Palais des Prinzen heimkehrte, wurde er von Wertheimer erwartet, dem er den Inhalt seines Gespräches mit dem Prinzen mittheilte. „Ihre Angelegenheiten", sprach der Hoffactor, „entwickeln sich von Stunde zu Stunde günstiger und ich hoffe, daß mrt Gottes Hilfe alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen werden. Wir werden jetzt, wo wir offen äuftreten können, rasch den Aufenthalt Ihrer Mutter und Schwester auffinden. Ich werde, als Oberrabbiner der deutschen und der dem österreichischen Scepter unterstehenden Judenheit das Edict des Markgrafen, worin dieser Ihren Vater ftw schuldlos erklärt, ihm und den Seinen die Rückkehr in die Heimat gestattet und jene Kundmachung, in welcher ein hoher Preis auf Ihre Köpfe ausgeschrieben, widerruft, für Null und nichtig erklärt, in allen Judengemeinden Mitteleuropas publiciren lassen und Ihre Mutter, Ihre Schwester und auch Josel Deidelsheimer auffordern, sofort hieher nach Wien zu kommen; sollten sie sich nicht im Besitze des nöthigen Reisegeldes befinden, die Gemeinde, in welcher ihnen eben meine Aufforderung zukommt, beauftragen, ihnen diese für unsere Rechnung vorzustrecken, die Damen durch verläßliche Personen hierher geleiten zu lassen." „Herr Oberhoffactor!" rief Fränkl enthusiastisch, „wie kann ich Ihnen für Ihre endlose Huld danken?!" „Sie sind mir nicht den geringsten Dank schuldig", erwiederte Wertheimer in seiner gewohnten, ruhigen Weise, „ich erfülle nur die Pflicht, die mir mein Gewissen gebietet, mein Amt auferlegt." (Fortsetzung folgt.) Wochenkalender. Adar^Rischon 5654. — Februar 1894. Freitag 9 E. d. N. 5>' 50-1® Samstag 4 nenn 10: Sonntag 5| 11; Montag 6; 121 Dienstag 7! 13] Mittwoch 8! 141 Donnerstag 9 15! Freitag 101 16