Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021014--03217-3027343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
vrr. 6 Sesterrrirtzifrhe Wortzerrfrtzrtft Sette 111 ihrem guten Vorhaben bestärken und beitragen werden zu dem Entstehen einer der Gemeinde?zur großen Ehre gereichenden Institution. Perlberger. Dresden. Unter den sächsischen Antisemiten beginnt es bedenklich zu krachen. Eine der Hauptsäulen der Partei, Herr Erwin Bauer in Leipzig, ist bekanntlich aus der Partei ausgetreten und mit ihm zugleich ist auch sein Organ, die „Neue Deutsche Zeitung", von der Bildfläche verschwunden. Galoppirende Abonnentenschwindsucht und chronische Kassenebbe haben Vater und Kind das Lebenslicht ausgeblasen. Dies deutet aber darauf hin, daß der Kreis der antisemitischen Zeitungsleser sich zusehends verringert. Und so ist es in der That. Das wüste Treiben der Antisemitenpresse und ihrer Leiter flößt den anständigen Elementen aller Parteien Abscheu ein, man beginnt nachzudenken über die Zwecke, welche die Hetzapostel verfolgen und da diese, wie immer mehr zu Tage tritt, meist auf Geschästsegoismus zurückzuführen sind, wendet man sich, angeekelt von diesem widerwärtigen Gebühren, ab. Dieselbe Erscheinung zeigt auch die antisemitlsche Bewegung in Dresden. Auch sie hat ihren Höhepunkt überschritten, das Vertrauen in den bisher einflußreichsten Führer, den Reichsrathsabgeordneten Zimmermann, hat durch die jüngsten Enthüllungen über seinen Geschäftsantisemitismus einen Stoß erlitten, der ihm nicht zum zweiten Mal als Vertreter Dresdens im deutschen Reichstage aus der Wahlurne hervorgehen lassen wird. Der beginnende Zerfall der Partei wird auch dadurch offenbar, daß das in Dresden erscheinende Parteiorgan, die „Deutsche Wacht", bereits dem Siechthum verfallen zu sein scheint. Es leidet an derselben Krankheit wie die weiland Leipziger Collegin. Es soll aber nicht eines so jähen Todes sterben wie das Bruderorgan, sondern allmälig und sanft hinüberschlummern und daher vom 1. April ab, wie verlautet, nur noch dreimal wöchentlich, statt wie bisher täglich, erscheinen — der Anfang vom Ende. Dagegen hört man von einer neuen antisemitischen Zeitungsgründung in Chemnitz. Diese trägt aber den Keim des Todes schon bei der Geburt in sich, denn in der sehr stark socialistisch durchsetzten Bevölkerung von Chemnitz, die überdies eine tüchtige Localpresse besitzt, kann und wird eine antisemitische Zeitung nie Boden fassen. Der weitere Verlauf der antisemitischen Bewegung in Sachsen, namentlich aber der Ausfall der nächsten Reichstagswahlen werden uns bestätigen, daß wir nicht übertrieben haben. Leipzig, vr. phil. Moritz Steinschneider, der den Professortitel erhalten hat, genießt als Kenner des jüdischen Schriftthums einen internationalen Ruf. Begonnen hat Steinschneider (geboren 1816 zu Proßnitz in Böhmen) sein Studium der jüdischen Wissenschaft als Zögling einer Talmudschule. Später mit den Methoden des Unterrichts im Griechischen und Lateinischen vertraut geworden, wurde er sich dessen bewußt, daß auch die jüdische, rabbinische und talmudische LiteraMr mit philologischer und historischer Kritik zu behandeln sei. In diesem Sinne trat er, selbstständig geworden, in die wissenschaftliche Arbeit ein, in der er an Leopold Zunz einen Vorgänger hatte. Er. beschränkte sich aber durchaus nicht auf das jüdische Schriftthum, wenn er dieses auch ganz vorwiegend pflegte. Vielmehr legte er auch entsprechend der Verbindung, die zwischen dem jüdischen Schriftthum und anderen Zweigen der Orientkunde besteht, auch in verwandten Disciplinen thatkräftig Hand an. Vor Allem hat er die Kenntniß des Arabischen, besonders in Hinsicht auf die Realien, bereichert. Von den wissenschaftlichen Leistungen Steinschneider's ist an erster Stelle anzuführen, was er für die Katalogisirung hebräischer Handschriften und Drucke geleistet hat. Er steht in dieser Hinsicht allen gleichstrebenden Gelehrten voran. Man verdankt ihm Verzeichnisse der Hebraica der Bodleyanischen Bibliothek zu Oxford, der Stadtbibliothek zu Hamburg, der Hof- und Staatsbibliothek zu München und der königlichen Bibliothek zu Berlin. Anzureihen sind hier die „Hebräische Bibliographie" und das „Bibliographische Handbuch der Literatur für hebräische Sprache". In seinen Einzelforschungen beschäftigt sich Steinschneider mit Vorliebe mit der mittelalterlichen Literatur. Er ist dabei besonders darauf bedacht, was zur Kenntniß des geistigen und wissenschaftlichen Lebens im Mittelalter Bedeutsames in hebräischen und arabischen Schriften sich vorfindet, ans Licht zu ziehen und zur Verwerthung zurecht zu machen. Auf diesem Wege hat Steinschneider den mannigfachsten Wissensgebieten, vor Allem der Geschichte der Mathematik und der Heilkunde, hervorragende Dienste erwiesen. Z. B. stützt sich die heutige Kenntniß der Medicin der arabischen Schule zum größten Theile auf Forschungen von Steinschneider. Er veröffentlichte hierzu in Birchow's Archiv zur Kenntniß der arabischen Medicin im neunten Jahrhundert eine Studie über Razzi's Traktat über Wissenschaft und Charlatanerie, ferner Arbeiten über Donnolo's Fragmente zur Arzneimittellehre aus dem 10. Jahrhundert, über die salernitanische Schule, über die Schriften der Araber zur Giftlehre bis Ende des 12. Jahrhunderts, überMaimonides Schriften über die Gifte und deren Heilung, und über Gafiki's Berzeichniß einfacher Heilmittel. Ueber arabische Mathematiker arbeitete Steinschneider zum Theile gemeinsam mit B. Boncopagni; die einschlägigen Arbeiten erschienen zumeist in italienischer Sprache. Angereiht sei hier Steinschneider's philosophie-geschichtliche Schrift „Al-Farabi des arabischen Philosophen Leben und Schriften". Für die Religionsgeschichte von Interesse ist sein Buch über die „Polemische und apologetische Literatur in arabischer Sprache". Als bedeutsam allseitig anerkannt ist die zusammenfassende Darstellung der jüdischen Literatur, die Steinschneider 1857 zu Erfch und Gruber's Enchklopädie beisteuerte. Preisgekrönt wurde 1885 von der Pariser Akademie der Inschriften Steinschneiders im vorigen Jahre im Druck erschienenes Werk „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher". Königsberg in Preußen, 21. Jänner. An die hiesige Universität ist von der Universität Bonn der außerordentliche Professor der philosophischen Facultät Minkowski berufen worden. Der jugendliche Gelehrte, ein Bruder des Vorsitzenden des hiesigen „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur", Max Minkowski, löste im Alter von 21 Jahren eine mathematische Preisaufgabe der Akademie in Paris und wurde damals viel in den Tagesblättern genannt. An unserer Albertus-Universität wirkte bereits vor einem Decennium ein Glaubensgenosse als Professor der mathematischen Wissenschaften, namens Hurwitz, der sich durch gleiche Frühreife auszeichnete, da er im Alter von 24 Jahren Professor wurde. Die Albertina tritt in Bezug auf confessionelle Vorurteilslosigkeit in gleiche Reihe wie die Schweizer Universitäten, ja übertrifft dieselben vielleicht noch in dieser Hinsicht. Juden, nicht nur dem Namen nach, sondern mit vollem, tatkräftigem Eintreten, auch an der Spitze unserer Gemeindeinstitutionen und wohltätigen Stiftungen, sind als ordentliche Professoren der hiesigen Universität zu nennen: Der Pharmakologe Jaffe, auch mit der Centralleitung des Reichsgesundheitsamts betraut, Professor Samuel, zugleich erster Vorsteher der hiesigen Hauptgemeinde, desgleichen Professor Schreiber. Wenn wir die Privatdocenten hinzurechnen und, um den Rassenantisemiten in ihren statistischen Bestrebungen zu Hilfe zu kommen, die getauften Juden mit einrechnen, zählt die Albertina etwa 25 „Semiten" als Universitätslehrer, ist also nach antisemitischer Doctrin durch und durch „verjudet", um so mehr als Männer von gelehrtem Weltruf wie der Archäologe Gustav Hirschfeld, bei der jüngsten Ordensverleihung besonders ausgezeichnet worden sind: der an der Spitze des hiesigen israelitischen Studienbeförderungsvereins stehende Professor Jaffe hat bereits früher den RothenAdler-Orden erhalten. Der obenerwähnte Professor Minkowski muß zudem die Freunde des Antrags Hammerstein besonders interessiren, denn er ist seinem Nationale nach ursprünglich nicht einmal Inländer, — seine Eltern sind aus dem russisch-jüdischen Ansiedlungsrayon hiehergezogen — er wie sein in Straßburg als Assistent Nauny's für innere Medicin docirender Bruder sind Urenkel des in Rußland als gelehrter Talmudist bekannt gewesenen Rabbiners Aron Karliner aus dem Kownoschen Gouvernement. („Allg. Ztg. des Judenthums".) Berlin, 25. Jänner. Sämmtliche vier in der medicinischen Facultät der Berliner Universität neu ernannten Professoren entstammen jüdischen Familien. Es sind die Professoren Güterbock (der Name des Geh. Sanitätsrathes Güterbock findet sich in dem Wohlthäterverzeichniß der Mannheimer'schen Altersversorgungsanstalt) Lasiar, Remak und Beit. Es ist gewiß bedauerlich, daß selbst auf dem als neutral geltenden Gebiet der Naturwissenschaft jüdischen Docenten in Verfolgs ihrer Laufbahn aus ihrer Confession Schwierigkeiten erwachsen. Cohnheim, Jacob Henle, der in vorgerücktem Alter den Uebertritt vorzunehmen sich genöthigt sah. find betrübende Beispiele für eine Art der Lösung dieser Schwierigkeiten seitens jüdischer Gelehrter von europäischem Ruf. Auf der anderen Seite fehlt es erfreulicher Weise nicht an hervorragenden jüdischen Männern der Wissenschaft, bei denen die Beförderung Jahre lang ausblieb, die aber der Aufforderung zum Uebertritt gegenüber consequent standhaft blieben und die es schließlich auch erreichten, wenn