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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-09 · 6 (9.2.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
6 (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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desterreirtzilrhr Wochenschrift Seite 105 Nr. 6. und aristokratischen Finsterlinge beleuchten und das Rechtsgefühl ungarischer Geschworner glänzend documentiren dürfte. Daß aber jene wilde Schwenkung unseres clericalen Preßorganes ohne taktischen Erfolg blieb und das Andenken des heiligen Vincenz nicht durch eine Judenhetze geschändet wurde, ist nach dem raschen Eingreifen der Staatsanwaltschaft zunächst dcck Verdienst des weisen und milden Kirchenfürsten Cardinal-Primas Vaszary, der als Vorsitzender der katholischen -Vollversammlung in der Hauptstadt in seiner Eröffnungsrede die Theilnehmer aufforderte, sich im Kampfe gegen die Gesetzesvorlagen keiner der Kirche unwürdigen Mittel zu bedienen. Und wahrlich, Se. Eminenz hätte seinen friedlichen und menschenfreundlichen Charakter verleugnen müssen, wenn er es nicht verhütet hätte, daß die unter seiner Acgide' stattgefundene Monstreversammlung, so wie die gleichartige in Szabadka und Komorn gegen die Reception und die Juden losziehe. ~ - I „Pap" war ja das Losungswort, womit dieses Oberhaupt der ungarischen Katholiken seinen geistlichen Fürstenthron bestieg, und wenngleich ihm die seiner Obhut anvertraute' Kirche den Kampf gegen die Gesetzentwürfe aufdrängt, so wird ihm dabei der Purpur seines Cardinalkleides gewiß nicht den toleranten und versöhnenden Geist verblenden, den er vor noch gar nicht so langer Zeit auf dem Catheder des Gymrasiums so glänzend bewährte. Sein objectives Gefühl des einstigen Geschichtsprofessors wird das Geschrei jener Hetzcapläne, als ob die Juden die journalistischen Vorkämpfer der kirchenpolitischen Gesetzesvorlagen wären, gewiß gehörig zu würdigen wissen. Thalsächlich sind die Redacteure jener Blätter, welche die Regierungsvorlagen unterstützen, fast ausnahmslos gute Christen. Ob nun diese Schmerzenskinder der Regierung doch das Licht der Gesetzeswelt erblicken werden, ist freilich eine Frage, deren Antwort von der Neugestaltung der parlanlentarischen Parteien abhängt. Das Ende der Zerbröckelung der liberalen Partei ist vorderhand noch gar nicht abzusehen, denn noch immer lösen sich Abgeordnete wie morsche Steine vom erschütterten Gebäude los. Was aber auch immer das Schicksal dieser Gesetzesvorlagen sein wird, wir Juden gewinnen oder verlieren mit der Reception nichts mehr als einige Proselyten von Amors Gnaden und einige Formalitäten, die die thatsächliche Rechtsstellung der ungarischen Israeliten nur in geringem Maße alteriren. Früher oder später, sobald das finstere Gewölk der Neaction sich vom parlamentarischen Himmel verzogen haben wird, wird die Reception, von der dann umso intensiver strahlenden Sonne völlig gereift, ohnehin leichter vom Baume der confessionellen Gleichberechtigung gepflückt werden können. Jede Erscheinung auf socialem Gebiete vom confessionetten Standpunkte zu beurtheilen, zeugt gewiß von einer gewissen Einseitigkeit und Befangenheit, allein bei dem Umstande, daß in letzterer Zeit — wie oben bemerkt — sich auch bei uns, wenngleich nur flüchtig, vorübergehende Bestrebungen nach confessionellen Absonderungen bemerkbar machten, wird man es uns zu Gute halten, wenn wir es diesmal hervorheben, daß die gesellschaftlichen Winterunterhaltungen in schönster Eintracht zwischen denverschiedenen Confessionen abgehalten wurden. Mögen auch einige wenige Faschingsvergnügungen einen mehr oder weniger exclusiven Charakter angenommen haben, wir wollen darin nicht gleich eine antisemitische Demonstration wittern. Steht es ja jedem gesellschaftlichen Kreise frei, sich nach seiner Manier zu vergnügen. Ollaeuu a son goüt. Immerhin muß aber dem gegenüber registrirt werden, daß es noch keinem jüdischen Vereine eingefallen ist, seine in einem öffentlichen Locale arrangirte Tanzunterhaltung nur für mosaische Bekenner abzuhalten. Daß aber unter den heurigen Elitebällen dem Kaufmännischen Ball, also einer von vorwiegend bürgerlichem und jüdischem Element veranstalteten Unterhaltung, die allerhöchste Auszeichnung eines Besuches unseres gütigen Monarchen zu Theil wurde, haben die freundlichen Leser gewiß schon den Tagesblättern entnommen. Se. Majestät verblieb daselbst nahezu zwei Stunden in gnädiger und sichtlich zufriedener Stimmung. Es steht uns gewiß nicht an, aus der väterlichen Huld unseres gütigen Herrschers unberufene Conclusionen zu machen, aber unwillkürlich drängt sich uns der Gegensatz zwischen den Bestrebungen einer gewissen „arisch-rassenreinen" politischen Fraction in Oesterreich, zu deren Programm auch die „Magyarophobie" gehört, und dem denkwürdigen Ausspruch unseres weisen Monarchen auf, den er auf diesem Balle unter Hinweis auf die rasche und schöne Entwicklung unserer Hauptstadt that und der da lautet: „Da könnten die Wiener wirklich von Ihnen lernen." Auch das können wir nicht dem bloßen Zufall zuschreiben, daß Se. Majestät Tags darauf das Kaufmännische Spital mit seinem Allerhöchsten Besuche auszeichnete. Es liegt ein tiefer und lehrreicher Sinn in diesen königlichen Huldbezeigungen an die Bürgerschaft, welche in consessioneller Eintracht an dem Aufblühen des Handels und Wandels in d?r Metropole mitwirkt. B. M . . . l. Dir Sabbatharier. Bon Lehrkanzeln und akademischen Vorlesungen tönt uns oft die Behauptung entgegen, daß in der Geschichte der Mensch- I heit Wirkung und Gegenwirkung in strenger Gesetzmäßigkeit auf! einander folgen. Die pragmatische Geschichtsforschung gefällt sich darin, die sogenannten verborgenen Kräfte, welche die Vergangenheit und Gegenwart beherrschen, zu entdecken. Diese Philosophie a posteriori zerbricht sich dann den Kopf darüber, ob ein geschichtliches Ereigniß kommen mußte, weil die einzelnen Grundbedingungen dafür vorhanden waren, oder ob die geschichtliche Entwicklung diese Erscheinungen mit sich gebracht Hat, eine Frage deren Lösung so schwer ist wie jene, ob eine Brücke das rechte Ufer mit dem linken verbindet, oder umgekehrt. Allein, in zahllosen Fällen steht diese Geschichtsforschung den einzelnen Erscheinungen machtlos gegenüber; in solchen Fällen bleibt sie trotz ihrer großen Geistesschärfe uns die Aufklärung schuldig. Ein solches unlösbares Räthsel ist eine kaum beachtete Thatsache, die sich vor sechsundzwanzig Jahren in einem kleinen, vom großen Verkehre des alltäglichen Lebens abseits gelegenen Dorfe des romantischen Siebenbürgens zugetragen hat. Auf die bloße Nachricht hin, daß das ungarische Parlament die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden zum Gesetze erhoben hat, bekennen sich die Ueberreste der Sabbatharier zum Judenthume. lieber diese ganze Bewegung, wie auch über die fast drei Jahrhunderte lang dauernde vorbereitende Gährung derselben gibt uns das neueste Buch des mit dieser Frage gründlich vertrauten Pester Rabbiners Dr. Samuel Kohn^) eine genügende Aufklärung. Es lohnt der Mühe, dem gelehrten Verfasser in seinen Darstellungen zu folgen, denn die Bewegung, die er uns darstellt, hat einem Ideal gegolten, und Ideale verdienen immer wenn auch nicht unsere Bewunderung, so doch unsere Aufmerksamkeit. Um die ersten Keime der sabbatharischen Bewegung entdecken zu können, müssen wir um vierthalb Jahrhunderte zurückgreifen und die große Gährung. die die Reformation in allen Ländern, wohin sie gedrungen, hervorgerufen hat, uns vergegenwärtigen. Dieselbe Umwälzung, welche das Christcnthum auf dem Gebiete der Architektur hervorgerufen, zeigt uns die Reformation Luthers auf rein geistigem Felde. Die alte Form des alten griechisch-römischen Tempels, deren Anlage, weil nur zur Aufnahme der dienstthuenden Priester bestimmt, räumlich beschränkt und enge war, mußte einer neuen, zur Aufnahme der zuni Gottesdienste herbeigezogenen großen Bolksmaffe bestimmten Form weichen. Die alte, Basilika benannte Markthalle Roms war der Grundtypus der ersten Kirchen, und dadurch wurde der Gottesdienst verallgemeinert und auf die große Masse des Volkes ausgedehnt. Eine gleiche Erscheinung bietet uns die Bewegung der Reformation. Die Bibel, bislang nur im Dienste der Geistlichkeit, wird durch die deutsche Uebersetzung Luthcrs Gemeingut des ganzen Volkes. Mit Bewunderung sieht der einfache schlichte Mann, dem das Buch der Bücher bisher ein *) Die Sabbatharier in Siebenbürgen. Ihre Geschichte, Literatur und Dogmatik. Ein Beitrag zu Religious- und Culturgeschichte der letzten drei Jahrhunderte, Budapest Leipzig 1894. 8.

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