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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-09 · 6 (9.2.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
6 (9.2.1894)
Date
1894-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 104 Drsterrrichischr Wochenschrift Nr. 6 besitzt? Soll sich der Piomessenbesitzer vielleicht mit einem gestempelten Gesuche an die Staatsschulden-Controlscommissün oder an die Commune Wien, an die Creditanftalt oder gar an die ungarische, serbische oder türkische Regierung wenden und dort um Auskunft ersuchen, ob das Los, auf welches seine Promesse Lautet, schon gezogen ist oder nicht? Ist es denn nicht geradezu unglaublich, Jemand einen: Anderen die Gewinnsthosfnungvon einem Lose verkaufen kann, welches er selbst gar nicht besitzt? — Das ist ja an und für sich schon ein ganz unerhörter Vorgang. Darin aber liegt der Fehler, und hier muß durch die Gesetzgebung Remedur geschaffen werden. Wer Promessen aus geben will, muß die Lose in natura haben und muß ferner verpflichtet werde n, dem Besitzer einer Promesse auf Verlangen das Originallos vorzuzeigen. Den Henen Schelhammer und Schatten nun war die Veröffentlichung jenes Artikels in der „Ostdeutschen Rundschau" begreiflicherweise sehr unangenehm. Die Corruptiouslödterei in allen Ehren, aber wozu wären denn die Juden da, wenn nian die Corruption nicht lediglich an und bei ihnen bekämpfen sollte! Und wozu wären die Herren Schelhammer und Schattera waschechte Antisemiten, wenn sie sich dadurch nicht einen Freibrief erkauft hatten, ein Geschäft, das von der eigenen Presse als unmoralisch und fast betrügerisch gebrandmarkt wird, ohne Bedenken zu betreiben? Sie gingen also her und schalteten in der volkswirthschaftlichen Rubrik der „Ostdeutschen Rundschau" vom 2. d. M. ein Reclame-Artikelchen ein, in welchem sie das Verdammungsurtheil über das Promeffen-Geschäft als durchaus ungerechtfertigt zu corrigiren suchten und die Vortheile des Spieles auf Promeffen in den hellsten Farben malten. . Unterzeichnet war dieses Artikelchen mit der deutlichen Chiffre: „Sch. u. Sch." Die Chiffre hatte offenbar den Zweck, den Verdacht zu beseitigen, als ob für die Aufnahme dieser Reclame seitens der Administration des Blattes eine besondere Gebühr eingehoben worden sei. Und da fängt eben die Schlauheit des Herrn K. H. Wolf an. Es ist nämlich ganz gleichgiltig, ob Herr K. H. Wolf sich diese Texteinschaltung direct bezahlen läßt oder nicht. Es genügt der Umstand, daß er einem Jahres-Jnserenten, dessen Firma täglich mit dicken Lettern im Blatte erscheint, gestattet, gegen seine eigene, wenige Tage vorher in der „Ostdeutschen Rundschau" verfochten e Ueberzeugung für das als unsolid und unmoralisch bezeichnte Promessen-Geschäft Reclame zu machen und das antisemitische Publicum zu reger Betheiligung an diesem Geschäfte auszumuntern. Wir wüßten keinen jüdischen Zeitungs- Herausgeber zu nennen, der so bodenlos unverschämt und so corrumpirt wäre, heute in seinem Blatte als grün hinzustellen, was er gestern noch als blau bezeichnet hatte. Herr K. H. Wolf läßt sich von den Herren Schelhammer '& Schattera die Versicherung geben, „daß im unwahrscheinlichen Falle eines Jnthums die Bank oder das Bankhaus für den Betrag eines Haupttreffers aufkommen müßten." Das ist unrichtig, denn dieser Fall ist ganz ausgeschlossen; ein schon gezogenes Los kann nicht wieder gezogen werden. Eine Bank, ein Bankhaus oder sonst Jemand, der „Losspiele" vonsolchen Losen verkaufen wollte, die schon gezogen und eingelöst sind, weiß sich ganz sicher nicht nur vor der Entdeckung des Betruges, sondern auch vor der eventuellen Bezahlung eines Treffers". Das Stücklein, das die Herren Schelhammer und Schattera da. im Verein mit dem Corruptionstödter K. H. Wolf aufgeführt, enthält aber eine sehr merkwürdige und sehr eindringliche Lehre. Es beweist uns, w e r die Zeitungen corrumpirt, non welcher Seite die Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu Geschäftszwecken in Wahrheit ausgeht. Wie Ernst Vergani unter der Flagge des Catonismus seine dunklen Wege ging und aus dem Antisemitismus und Anti-Corruptionismus Capital zu schlagen wußte, so haben die Herren Schelhammer und Schattera durch Aussteckung der antisemitischen Firma sich eine große Clientel zu schaffen gewußt und Herr K. H. Wolf thut das Seinige, um ihnen diese Kundschaft zu erhalten. Seine sittliche Entrüstung über den „Promessen-Spielteufel" hindert ihn nicht im Mindesten, den werthen Gesinnungsgenossen zu empfehlen, daß sie sich mit diesem Spielteufel näher befreunden. Die Texteinschaltung in der „Ostdeutschen Rundschau" ist ein werthvolles Document für die Geschichte der Corruption in Oesterreich. Budaprster Briese. IV. Anfangs Feb ruar 1894. Seit meinem jüngsten Briefe sind in unserem innerpolitischen Leben recht bedenkliche Erscheinungen zu Tage ge-. treten, die den traurigen Schluß zulassen, daß auch in Ungarn, dem bisher gelobten Lande der Liberalität, der Ausbau des freiheitlichen Gesetzestempels nicht ohne die Bitternisse eines Culturkampfes wird fortgesetzt werden können. Unheimlich kommen überall reactionäre Gespenster zum Vorschein und führen um die kirchenpolitischen Gesetzesvorlagen einen förmlichen Hexentanz auf. Wir hätten wohl sonst keinen Grund, uns in diesen Blättern mit dem vom katholischen Standpunkte vielleicht berechtigten Kampfe zu. befassen, wenn die eoelerna militans in letzterer Zeit ihre Geschosse nicht auch gegen die Juden gerichtet hätte. Ja, in ihrer prima furia holte sie sogar den bösen Geist des Antisemitismus aus der finsteren Höhle mittelalterlicher Intoleranz hervor und ließ ihn auf dem Tummelplatz reactionärster Journalistik, in den Spalten des ultramontanen „Magyar Allam“, gar verteufelt rumoren. Grinsend und fletschend schwang er dort über die ungarischen Juden die mörderische Sense und malte ihnen mit der Druckerschwärze für die nahende St. Vincenznacht ein magyarisches Bartholomäus-Blutbad vor. Und da solche Unholde, wie das Unglück, selten allein zu kommen pflegen, so zog er in Gestalt eines ephemen aufgetauchten Antisemitenblättchens noch einen Poltergeist mit sich her, der chamäleonartig in allen Farbentönen Gift und Galle gegen die Juden speit, seit vierzehn Tagen es auch glücklich zu einer zweiten Ausgabe gebracht, während sein Herr und Meister beim Anblick des nahenden Staatsanwaltes sich schleunigst wieder in die Höhlen des Blocksberges zurückzog. Fragt man nun, warum wieder dieses Gekeife und Gepolter gegen die Juden in Ungarn? Ist etwa eine zweite Esther Solymossi verschwunden und der verschollene Verhovay redivivus wieder aufgetaucht? C der hat etwa Vater Jstoczy die entsunkene Fahne des Antisemitismus wieder ausgegriffen und sie im clericalen Lager neuerdings aufgepflanzt? Nichts von alldem, — ganz einfach: Unsere volksver sammelnden Prälaten und Magnaten sind endlich von dem antisemitischen Geiste Luegcr's erleuchtet worden und haben herausgefunden, daß an dem ganzen Uebel der Civilehe, Religionsfreiheit u. s. w. einzig und allein die Juden schuld sind, und um den Schäfchen allen, die sie zu den Protestmeetingen nach Oedenburg, Komorn und Szabadka versammelten, einen Vorgeschmack ihres seelenhirtlichen Eiferszu geben, ließen sie ihre Peitschen über die Häupter aller'Sündenböcke, über die Juden, knallen. Nun ist auch die „gefürchtete“, mit so großem Aplomb in der Haupt- und Residenzstadt inscenirte Katholikenversammlung trotz der blutrünstigen Drohung des „Magyar Allam“ harmlos verlaufen und den Juden wurde kein Härchen gekrümmt. Es fiel auch freilich keinem Semiten ein, sich durch das Schnauben einiger Hetzapostel bange machen zu lassen und nach der Polizei zu rufen. Die Hüterin des Gesetzes, die Oberstaatsanwaltschaft, schritt'sofort nach Erscheinen jenes Artikels ganz spontan gegen die hierzulande schon ungewohnte Nassen- und Classenverhetzung .ein und in den Sälen unseres Justizpalastes wird sich demnächst ein Preßproceß abspielen, der das Gebühren mancher clericalen

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