Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Teile 102 VrstrrreichMr Wochenschrift Nr. 6 dem Stegreif ertheilk, sondern wohl vorbereitet und überlegt war, denn der Verein zur Abwehr des Antisemitismus war so vorsichtig gewesen, ihm vor der officiellen Überreichung der Resolution den Inhalt derselben vertraulich zur Kenntniß zu bringen. Die ofsicielle Antwort hat bitter enttäuscht, aber noch viel ungenügender müssen die Erklärungen der Fachminister der Justiz, des Unterrichts und des Innern gewesen sein, an welche sich der Verein gleichfalls gewendet hatte, denn man hat sich gescheut, diese Erklärungen zu veröffentlichen. . Die Kundgebung der Regierung hat das Gegentheil dessen bewirkt, was die an der Spitze des Abwehr-Vereines steheüden hochherzigen Männer von ihr erhofften. Im antisemitischen Lager ist die Antwort des Fürsten Windischgrätz mit Hellem Jubel ausgenommen worden, die Iudenhetzer schlagen aus ihr Capital und betrachten sie als einen Freibrief zu weiteren Ungesetzlichkeiten, denen sich unsere Glaubensgenossen schutzlos preisgegeben sehen. So sieht die Wahrheit und Offenheit dieser Regierung, so sieht die „Zurückdrängung der friedenstörenden Elemente", so sieht ihre „auf der Höhe der Zeit stehende Verwaltung", so endlich sieht der Dank aus, mit welchen man die Juden für die Treue entlohnt, mit welcher sie die liberale Partei in einem entscheidungsvollen Augenblicke unterstützt haben. Und nun die Declaration des Handelsministeriums in Sachen des Getreide- und Saatenmarktes. Die unmittelbare Veranlassung derselben ist bekannt, man weiß, welche nichtswürdigeu Schmähungen die antisemitischen Wortführer im Landtage gegen die einheimischen und fremden Besucher des Saatenmarktes, unter welchen sich ja auch viele Nichtjuden befinden, geschleudert haben. Die Leitung der Börse für landwirthschaftliche Producte ist von der richtigen Empfindung ausgegangen, daß sie den fremden Besuchern nicht zumuthen könne, sich in Wien wörtlichen und thätlichen Beleidigungen auszusetzen und ihre kaufmännische Ehre untergraben zu lassen. Die Angriffe auf die Teilnehmer des Saatenmarktes, die als eine Horde von Raubgesellen hingestellt wurden, sind eine internationale Angelegenheit, sie machen Wien zum Gegenstand des Spottes oder Abscheues vor dem Auslande und stellen unser Vaterland vor ganz Europa an den Pranger. Und wie antwortet die Regierung auf diese Niederträchtigkeiten? Sie hat kein Wort der Verdammung gegen die Banditen, welche Tausenden ehrlicher Geschäftsleute die Ehre abschneiden, sie findet kein Wort der Abwehr gegen eine Hetze, welche die Reputation der Reichshauptstadt und das Ansehen der österreichischen Verwaltung auf das Schwerste schädigt. Der Handclsminister stellt sich auf seinen „Ressort-Standpunkt" und' lediglich von diesem aus verlangt er die Aufrechthaltung des Saatenmarktes. Unsere Gäste werden mit Koth beworfen und mit Unflath überschüttet — thut nichts, sie sollen nur kommen! Mit keiner Silbe wird ihnen zugesichert, daß sie künftighin vor Schmähungen und Verunglimpfungen bewahrt bleiben sollen, mit keiner Silbe wird gesagt, daß man den antisemitischen Ehrabschneidern das Handwerk legen wolle. Keine Spur! Die Hetze soll lustig weiter gedeihen, der Wirth wirft seinen Gästen Dreschflegel an den Kopf, aber trotz alledem sollen sie nur kommen! Daß sie doch Narren wären! Nein, und dreimal nein, sie sollen nicht kommen! Wir wissen nicht, welchen endgiltigen Beschluß die Börsekammer nach der famosen Erklärung des Handelsministers fassen wird, aber unseren Glaubensgenossen auswärts rathen wir mit aller Bestimmtheit, den Saatenmarkt nicht früher zu besuchen, als bis die Negierung ausreichende Ca kielen dafür bietet, daß sie ihre Ehre gegen die antisemitische Verleumderbande mit aller Energie schützen will. Wenn die Regierung den „erforderlichen Fall" noch nicht gegeben erachtet, dem Hetzgesindel den Herrn zu zeigen, wir erachten ihn für gegeben und wir werden unsere Rechte mit allen uns zuftehendcn Mitteln wahren. Sind die Juden die Parias der Gesellschaft, dann braucht man sie auch nicht, um „unser Prestige gegenüber dem Auslande zu wahren"; braucht man sie aber, bann behandle man sie nicht länger als Parias. *' Und schließlich noch ein eindringliches Wort an unsere Wiener Glaubensgenossen! Sie haben der liberalen Partei bisher unweigerliche Heerfolge geleistet, sie haben ihr gedient mit Aufopferung und Selbstlosigkeit. So weit ging diese Treue, daß sie einen Augenblick bereit schienen, jenen unerschütterlichen Vorkämpfer der Gleichberechtigung, den sie vor zwei Jahren selbst ‘ auf den Schild gehoben haben, den Abgeordneten Dr. Kronawetter, auf Geheiß der Führer dieser Partei wieder fallen zu blassen. Sie glaubten ja seiner bewährten Kraft entrathen zu können in dem Momente, wo die große liberale Partei selbst wieder zur Macht gelangt war und wo sie hoffen durften, daß diese mächttge, einffußreiche Partei den Schutz der jüdischen Bevölkerung als ihre heilige Pflicht, als ein Gebot der Dankbarkeit und des Fortschritts erkennen werde. Die Thatsachen belehren uns heute, daß es in der Coalittonsära nicht besser geworden, als unter dem Ministerium Taaffe. Die liberale Partei, das zeigt sich' immer mehr, ist nicht gewillt, die Beschwerden der Juden zu vertreten und damit ihre Stellung innerhalb der Coalition zu erschweren. Wenn die Wahl Dr. Kronawetter's vor zwei Jahren ein Act der Klugheit war, so ist es heute ein Gebot der Selbsterhaltung, diesen Mann nicht preiszugeben, den Einzigen, welchen der Kamps gegen den Antisemitismus eine Principiensache ist. Und diese Mahnung erheben wir nicht blos für heute und morgen, sondern für alle Zukunft! __ Noch einmal „Vas galizifrhe Falliment" Zwei Tage nacheinander, in seiner Montags- und in seiner Dienstags-Nummer, schrotet Pan Berganew den bekannten Artikel Dr. Elbogen's über „Das galizische Falliment" zu Zwecken der antisemitischen Hetze aus. Das Schlagwort von der „Tarnopoler Moral" feiert wieder seine Auferstehung und „die betrügerischen Cridatare vom Stamme Sem" werden „ohne Bedenken auf das Conto des gesummten Judenthums gebucht". Ja, Pan Berganew constatirt ausdrücklich und spricht Herrn Dr. Elbogen sogar seine Anerkennung dafür aus, daß er mit seinem Artikel der antisemitischen Bewegung einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen habe. Der Dienst ist umso größer, als die antisemittschen Blätter nur die unrichtigen Behauptungen des Dr. Elbogen verwerthen, die statistischen Richtigstellungen aber entweder ganz verschweigen oder in ihrer Wirkung abzuschwächen suchen. . Daß Dr. Elbogen einem Pan Berganew und Anderen gleichen Calibers Gelegenheit geboten hat, sich wieder einmal als Corruptionstödter zu präsentiren, ist allerdings ein bedauerliches Factum, aber Pan Berganew sollte sich doch nicht gar zu sehr in die Brust werfen. Seine Posaunenstoße über die „Tarnopoler Moral" machen die specifisch „arisch-antisemitische Moral", deren berüchtigster Bertteter er selber ist, nicht vergessen. Die Schnorrbriefe Pan Berganew's an jüdische Banken, die Unterschlagung von Armengeldern, der berüchtigte Pauschalvertrag des „Deutschen Volksblatt" mit der Süobahn sind Dinge, die, um mit Berganew's eigenen Worten zu sprechen, „auf der Schneide des Gesetzes balanciren" und ihn „haarscharf an der Grenze des Strafgerichtes vorübergeführt haben". Und das übrige antisemitische Gelichter gibt dem „polnischen Kratzer" noch ein Double vor. Wir erinnern an die Defraudation der Gelder für die Csango-Magyaren durch Berhovay, an die Betrügereien Z e r b o n i's, an die Malversation bei antisemitischen Vereinen und Krankencassen, an den antisemitischen Armenrath, der als Hehler entlarvt wurde, rc. Da ist vor wenigen Tagen in Berlin über den „Ersten christlichen deutschen Bazar" der Concurs verhängt worden. Der Besitzer dieses Bazars, ein gewisser Paul Bathe, hat die armen Arbeiter erbarmungslos gedrückt und geschunden unter dem „christlichen" Vorwände, er müsse billiger verkaufen als die Judengeschäfte, könne daher auch keine so hohen Löhne zahlen. Und trotz dieser im weitesten Umfange angewendeten „arisch-antisemitischen Moral" hat Paul Bathe, nicht etwa nach