Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 6 (9.2.1894)
- Date
- 1894-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M. 6 Wien, 9. Februar 1894. Jahrgang XI. Crntralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. K. k. Po stsp arraffen-N mi Clearingv erkrhr Nr. 810.976. Redarlion und Administration: Wien Franr Josefs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. m - .-------.■=* -#- Eigrnthümrr: Keichsraths-Abgrordneler Dr. Kloch. --«*-*~M~*-**-- Erscheint jeden Freitag. -—>—+-<■ —r»-- Man abonnirt bei allen Pofianstallrn des In- und Auslandes. Um Srxugsprri» für L-rsterreir! Halbjährig 4 fl. — S Ar. Einzelexemplare SS kr. Mr's Ausland: halbjährig S fl. — 10 Är. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die Enunciationen der Regierung. — Noch einmal „das galizische Falliment." — Auch Du Bcmus? — Bnoapester Briefe. — Die Sabbatharier. — Gesammt-Lehiplan für den Religionsunterricht der Pester israelitischen Cultusgemeinde. — Stimmen aus dem Publikum. — Correspondenzen: Wien, Pilsen, Mähr.-Weixkirchen, Brünn, Lemberg, Dresden, Leipzig, Königsberg in Preußen, Berlin, London. — Vermischtes: Wien, Straßnitz, Mamua, Brünn, Prag, Pilsen, Budapest, Raab, Piesling, Bisenz, Kremsier, Waag-Neustadtl, Dicsö-Szt.-Marton, Kuttenplan, Oedenburg, Prerau, Troppau. Lemberg, Agram, Berlin, Grzymalow, Paris, Danzig, Rom. — Fürsteng un st Xl^V. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Die Enunriakionen der Regierung. In zwei verschiedenen Kundgebungen hat sich nunmehr die Coalitiönsregierung über die antisemitischen Agitationen geäußerte Die Antwort, welche Ministerpräsident Fürst Windischgrätz der Deputation des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus ertheilte, trägt einen officiellen Charakter. Sie stellt fest, daß allen staatlich anerkannten Kirchen- und Religionsgesellschaften das verfassungsmäßig gewährleistete Recht auf gesetzlichen Schutz gebühre, und sie betont, daß die staatlichen Organe „erforderlichen. Falles" auch gegenüber der mosaischen Religionsgesellschaft ihre Pflicht erfüllen werden. Die zweite Manifestation geht vom Handelsminister Grafen Wurmbrand aus und ist im L-chooße der Börsekammer für landwirthschaftliche Produkte durch den landesfürstlichen Börsecommissär erfolgt. Der Kammer lag ein Antrag vor, mit Rücksicht auf die Beschimpfungen, welche im Landtage von antisemitischer Seite gegen die einheimischen und fremden Besucher des Saatenmarktes geschleudert wurden, von der Abhaltung der internationalen Getreide- und Saatenmärkte in Wien Abstand zu nehmen. Doch ehe die Börsekammer in die Discussion über diesen Antrag eintrat, brachte der landesfürstliche Commissär eine Erklärung zur Verlesung, in welcher das Handelsministerium die wirthschaftliche Bedeutung des Saatenmarktes „von seinem Ressort-Standpunkte" ans anerkennt, die wohlthätigen Rückwirkungen dieser Institution auf die Belebung des Verkehres in der Reichshauptstadt anerkennt und für die Aufrechterhnltung desselben im Interesse unseres Prestiges gegenüber dem Auslande eintritt. Das ist Alles — nichts mehr und nichts weniger! Wir geben nur der allgemeinen Empfindung unter unseren Glaubensgenossen Ausdruck, wenn wir diese beiden lendenahmen Enunciationen als einen Versuch bezeichnen, durch rein formalistische Redewendungen über den Kern der Frage hinwegzugleiten. Sowohl die Antwort des Ministerpräsidenten als auch die Declaration des Handelsministers haben unter der jüdischen Bevölkerung das Gefühl tiefster Enttäuschung erweckt. Das Regierungsprogramm hat „Wahrheit und Offenheit" im öffentlichen Leben verkündet und nun sehen wir, daß in einer der wichtigsten und dringlichsten Fragen dieses öffentlichen Lebens eine diplomatische Hinterhältigkeit und Leisetreterei .beobachtet wird, welche nur geeignet ist, die Apostel des Rassenhasses zu weiterer Verhöhnung des Gesetzes und der bürgerlichen Ordnung zu ermuthigen. Unsere Glaubensgenossen haben die Berufung des Cabinets Windischgrätz mit der frohen Zuversicht begrüßt, daß endlich, endlich dem schandvollen Treiben der Judenhetzer Einhalt gethan werden würde. Die Zusage des Regierungsprogrammes, daß allen friedenstörenden Elementen mit rücksichtsloser Entschiedenheit entgegengetreten werden solle, wurde als eine ehrlich gemeinte Verheißung wirksamen Schutzes für unsere in ihrer wirthschaftlichen und socialen Existenz schwer bedrohten Glaubensbrüder gedeutet, und thatsächlich hat die Coalition und das Conlitionsministerium nirgends aufrichtigere Freunde und begeistertere Anhänger gefiinden als unter den Juden. Der Lohn für diese Treue und Hingebung ist die Antwort des Ministerpräsidenten an den Verein zur Abwehr des Antisemitismus, welche sich einerseits mit kühler Glätte auf die Staatsgrundgesetze bezieht und anderseits indirect in Abrede stellt, daß ein Grund zu energischem Einschreiten der staatlichen Organe bisher thatsächlich schon vorliegt. Diese Organe, so sagt Fürst Windischgrätz, werden „erforderlichenfalls" ihxe Pflicht thun. Jedermann, der deutsch lesen und schreiben gelernt hat, kann diese Erklärung nur so deuten, daß nach Ansicht der Regierung ein solches Erforderniß bis zum heutigm Tage nicht vorhanden war. Wir verweisen auf die Aeußerung Schneiders in Krems, daß die Juden wie ein Wildschaden abgeschossen werden sollen. Wir verweisen auf die Judenkrawalle in Holleschau und Kolin und auf die blutigen Scenen in Nepomuk. Wir verweisen auf die Beschimpfungen jüdischer Aerzte und Advocaten durch eine Broschüre der deutschnationalen Wiener Studenten, auf die Verunglimpfung und Schädigung jüdischer Kaufleute durch die Hetzreden des Prinzen Liechten st ein und des Dr. P a t t a i in der Volkshalle des Wiener Rathhauses. In all' diesen Fällen ist das Gesetz frech mit Füßen getreten worden, ohne daß die staatlichen Organe eingeschritten wären. Ueber die Rechte, welche die Staatsgrundgesetze unseren Glaubensgenossen einräumen, brauchen wir uns nicht erst bei dem Herrn Ministerpräsidenten Raths zu erholen. Die Action des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus hatte einen anderen Zweck. Sie sollte die Regierung veranlassen, eine klare und bündige Auskunft darüber zu geben, ob sie entschlossen, sei, das in ihrem Programme niedergelegte Versprechen, eine auf der Höhe der Zeit stehende Verwaltung zu etabliren, auch in Ansehung der Juden. erfüllen zu wollen. Der Herr Ministerpräsident ist einer solchen klaren und bündigen Auskunft ausgewichen, und das ist umso auffallender, als seine Antwort nicht aus