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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-02 · 5 (2.2.1894) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 5 Vefierretrtztfche WochensttzrM Settc 97 und schritt einem ungewissen Ziele, einer ungewissen Zukunft entgegen. — Es wäre vergeblich, wollte ich es versuchen, die entsetzliche Traurigkeit, das Gefühl der grauenvollsten Vereinsamung, der Verzweiflung, das meine Seele erfüllte, zu schildern. Je länger ich darüber nachdachte, desto überzeugter hielt ich mich davon, daß Vater, Mutter, Schwester und der erprobte Freund todt wären und die Sorge und Angst um mich, noch ihre letzten Lebensmomente verdüstert hatte — und ich — ein Verfolgter, ein Vervehmter, sollte fortleben wollen? Was war das für ein Leben, für ein Dasein, wenn ich bei dem Anblicke eines jeden wildfremden Menschen, den ich mein Lebenlang früher nicht gesehen, den ich nie beleidigt, nie geschädigt, dem ich ganz gewiß, würde er tu Lebensgefahr gerathen, gern mit Gefahr meines eigenen Lebens gerettet hätte, — wenn ich bei dem Anblicke eines jeden mir fremden Menschen denken mußte, wenn der Mensch nur wüßte, wer Du bist — würde er Dich an Rad und Galgen bringen!" „Das sind in der That bittere Gedanken", meinte Markbreiter, „die einem Menschen das Leben bis zur Unertragbarkeit vergällen können!" „Als der Morgen anbrach, befand ich mich auf der großen Kaiserstraße. Es war jetzt Zeit, das Morgengebet zu verrichten, Tfillin *) anzulegen — aber wäre ich hierbei auf offener Straße überrascht worden, hätte man sofort erkannt, daß ich kein Jäger sei; ebenso wenig konnte ich dies in einer Herberge thun und selbst bei Glaubensgenossen durfte ich dies nicht wagen, diesen hätte meine Verkleidung auffallen müssen, es wäre ihnen leicht geworden, zu erratben, wer ich sei. Es war dies eine jener zahllosen Schwierigkeiten, an die ich früher nicht gedacht hatte und die sich im Laufe meiner langen Wanderschaft unzähligemale wiederholten. Aber als ich etwas später auf meinem Wege doch ein abgelegenes, dichtes Gebüsch fand, in welchem ich meine Andachtsübung ungestört verrichten konnte, betrachtete ich dies als ein schwaches Zeichen sich mir von Neuem zuwendender Gottes- Huld, und als ich dann weiter schritt, konnte ich doch leise zu mir selbst sprechen: Trotz alledem ist mein Glaube unerschüttert; ich bau' doch auf Dich mein Gott und Herr! .... Ich wollte so rasch als möglich an die ungarische Grenze gelangen. Ich legte den weiten Weg unter den größten Schwierigkeiten zurück. So lange ich mich noch auf deutschem Boden befand, wagte ich nicht die Jägerkleidung abzulegen und mich als Juden zu bekennen, erst als ich die böhmische Grenze überschritten, legte ich gewöhnliche Kleidung an. Da unsere Familie Fränkl dem Stamme der Levtim angehörte, nannte ich mich Levi und gab mich für einen süddeutschen Talmudjünger aus, der nach Eisenstadt auf die Jeschiba geht, und in der That schien mir dieser Ort, der schon nahe an der Grenze liegt**) als der zweckmäßigste Aufenthalt und war ich auch in der That entschlossen, um als beschäftigungsloser Fremder, in der kleinen Stadt nicht aufzufallen, die Vorträge des dortigen Rabbiners, Rabbi Mäir zu besuchen. Als ich dort angelangt, mich dem Rabbiner vorstellte und um die Erlaubniß bat, seine Vorträge besuchen zu dürfen, hatte er mich, zu meinem großen Schrecken, an meiner auffallenden Aehnlichkeit mit meinem Großvater Henoch Fränkl erkannt und mich mit meinem Namen angesprochen. Ich erzählte ihm nun ausführlich all die Unglücksfälle, die mich und meine Familie betroffen. Der Rabbi nahm, wie man sich denken kann, innigen Antheil an mir, versicherte mir, daß er mein Geheimniß wohl bewahren und dies nicht einmal seiner Frau und seinen Söhnen mittheilen werde." „Wie mir Rabbi Mäir schrieb, blieben Sie nur einige Monate in Eisenstadt", sprach Wertheimer, „was veranlaßte Sie, einen Ort, wo Sie so ziemlich vor Entdeckung sicher waren, zu verlassen?" „Ich hatte nicht das Allermindeste über meine Angehörigen gehört und all mein Denken und Fühlen galt nur ihnen. Ich liebe meinen Vater, — Sie werden mir dies glauben — nicht weniger als Mutter und Schwester, aber trotzdem bereitete mir das Schicksal der Frauen weit mehr Sorge. In dem Momente, als die Katastrophe eintrat, war Deidelsheimer beim Vater; wenn Gott die Beiden wunderbar gerettet hatte, dann stand meinem Vater ein treu ergebener, kluger Mann zur Seite, aber Mutter und Schwester! zwei verlassene, schutzlose Frauen, was sollten diese, wenn sie noch am Leben waren, beginnen?! Ich *) Philakterien, Gebetriemen, welche die Juden an Wochentagen des Morgens beim Gebete anlegen. **) Eisenstadl, das jetzt zu Ungarn gehört, gehörte damals zu Oesterreich. verzehrte mich in ohnmächtigem Wollen, etwas über sie zu erfahren, und als ich eines Tages, meinem gepreßten Herzen Luft machend, zum Rabbi sagte: O! wenn ich nur einen Ort wüßte, wo ich möglicherweise etwas über meine Angehörigen erfahren könnte, rieth er mir nach Wien zu gehen, das durch Sie, Herr Oberhoffactor, das Centrum der Judenheit geworden. Nach Wien kämen täglich Juden, aus allen Theilen der Welt und namentlich in Ihrem Hause, Herr Oberkriegsfactor, wäre es möglich, daß ich von einem der vielen Zugereisten, ohne zu fragen, etwa aus den Tischgesprächen bei der Fremdentafel, zufällig etwas über die Meinen erfahren könnte. Er wollte mich an Sie empfehlen, Ar mich, um eine Stelle als Commis in Ihrem Hause bitten. — Ich nahm sein Offert dankend an — alles Andere wissen Sie!" „Ich bettachte es als eine große Gottesgnade", sprach Wertheimer, „daß Sie in meinem Hause erfuhren, daß Ihre Mutter und Ihre Schwester am Leben, daß Sie in die Lage kamen, dem mächtigsten und edelsten Manne in Oesterreich einen Dienst zu erweisen, der ihn veranlaßt, eine Wendung in dem Schicksale Ihrer Familie zu erzwingen. . . . Aber", der Oberhoffactor zog die Uhr aus der Tasche, es ist bald fünf Uhr, Sie, lieber Fränkl, werden um diese Stunde vom Prinzen erwartet, Sie haben allerdings nicht zu Mittag gespeist, Ihre Mittheilungen haben uns daran vergessen lasten; aber große Herren lieben es nicht, zu warten!" (Fortsetzung folgt., Literatur. Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Literatur von Dr. S. Bäck. (Rabbiner in Lissa. 2. verb. Auflage. Frankfurt, I. Kaufmann.) Erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, wurde es allgemein unabweisliche Forderung, daß die Geschichte der Juden einen integrirenden Bestandtheil des jüdischen Religionsunterrichtes an den oberen Elasten der Mittelschule bilde. Die nächste «Schwierigkeit, die jedoch zu besiegen galt, war die Abfassung eines guten Lehrbuches, — welche» gleichzeitig die Literaturgeschichte einbezieht; denn die Geschichte der Juden ist seit der Zerstörung des Tempels eine mit dem jeweiligen Schriftthum innig verwachsene Culturgeschichte. Die Juden waren zu allen Zeiten das Volk der Schrift, besonders aber seit der Zeit deS Verluste» der Selbstständigkeit und der gemeinschaftlichen Heimat, seit der Zeit, da kein anderes Band die einzelnen in aller Welt zerstreuten Glieder zusammenhielt als die gleiche religiöse Lehre, die, weil sie den wesentlichen Inhalt und den wesentlichen Zweck des Lebens bildet, auch den Hauptantheil an der Gestaltung des Lebens nahm. Darum ging das Schriftthum nicht nur nebenher, es blieb nicht nur theoretische Wissenschaft oder schöngeistige Beschäftigung, es verlangte und fand praktische Anwendung. So wurden die Gedichte zu Gebeten, die wissenschaftlichen Abhandlungen ergaben Gesetze und Normen für da» tägliche Leben, die philosophischen Betrachtungen bildeten die Grundlage der Bibelerklärung. Andererseits gab wieder das Alltagsleben Anregung zum Ausbaue der .religiösen Lehre, und die Darstellung des Wechsclwirkens von Leben und Lehre bildet den Inhalt der Geschichte der Juden. Sie wird aber ihren eigentlichen Zweck beim Religionsunterrichte nur dann erreichen, wenn sie das Herz des Schülers erwärmt, Begeisterung für den Inhalt dieser Lehre und ihre Träger hervorruft und zur Bethätigung des jüdischen Lebens aneifert. Denn nicht eine Schaar von passiven Märtyrern, sondern eine Genossenschaft von Helden soll erzogen werden, die erfüllt sind von religiösen Gefühlen und religiöser Gesinnung. Darum kann un» ein Lehrbuch, welches nichts weiter ist als ein Herbarium trockener Namen, Zahlen und Büchertitel wenig nützen. Es muß in demselben klar dargestellt werden, wie der große Mann au» seiner Zeit herauswuchs und auf seine Zeit einwirkte. Er muß lehren, worin die Bedeutung eines Mannes lag, und was seine Größe auSmachte; eS genügt nicht, wenn in einem Lehrbuche allen Zeitereignissen Erwähnung geschieht, — vielmehr muß gezeigt werden, wie jene Ereignisse in Zusammenhang von Ursache und Wirkung stehen — und nichts Anderes bedeuten, als den Kampf menschlicher, wüster Leidenschaften gegen reinen Gottesglauben, religiöse Wahrheit, Idealismus und Vervollkommnung des Menschengeschlechtes. Das Lehrbuch der jüdischen Geschichte soll zeigen, wie sich endlich die hochgesinnten, edlen Menschen aller Confesfiouen und Völker finden und begreifen, und daß trotz aller Anfeindungen, Verfolgungen und Bedrückungen Juden und Judenthum stets Beschützer beim besseren Theile der Andersgläubigen fanden. * Zu solchen Bettachtungen wird man beim Lesen des vorliegenden Lehrbuches angeregt, und ich wüßte kein anderes Lehrbuch für Oberclassen an Mittelschulen, welches den gestellten Anforderungen in so vollkommenem Maße gerecht wird, als das von Dr. S. Bäck. Die vorliegende zweite Auflage ist ein Beweis, daß dieses Lehrbuch die wohlverdiente Verbreitung gefunden hat. Die in dieser neuen Auflage vorgenommenen Verbesserungen bestehen in einigen Ergänzungen, wie z. B. bei Erwähnung de» Purim-Feste» (Seile 18>,

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