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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-02 · 5 (2.2.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 94 Oestrrreichifche Wochenfchrrst Nr. 5 zugleich Sonntagsbeilage der hiesigen antisemitischen Zeitung „Frei-Dtzutschland" bringt „Erinnerungen aüs dem Jrrenhause" von Carl Paasch. Die ungeheuerlichsten Beschuldigungen, wie wir sie ähnlich in den Paasch'schen Processen kennen gelernt haben, werden hier ausgesprochen. Es heißt da: „Das Bemerkenswertheste ist und bleibt, daß der Justizmi»ister von Schelling den Herrn Landrichter Curtius während meines 1 ^tägigen Verhörs mit Prof. Pander im November v. I. zum Landgerichtsrath machte und ihm dann eine Geheimrathsstelle im Justizministerium mit Mark 7500 Besoldung anbot, unter der Bedingung, daß er . . . Curtius schlug bekanntlich dieses Ansinnen aus und wurde darauf aus der IV. Strafkammer des Landgerichtes in Berlin in die I. Strafkammer versetzt. Hiernach sah er sich genöthigt, die Strafkammer gänzlich zu verlassen und an das Civilgericht zu gehen. Wegen des Mißlingens seiner Bemühungen, meine Sachen aufzuklaren und wegen des Widerstandes, den er überall zu finden glaubte, sowie aus Kummer über die corrupten Zustände in unserem Vaterlande gab sich Curtius schließlich selbst den Tod." Zwei Tage darauf brachte die antisemitische „Deutsche Wacht" des Abgeordneten Zimmermann vom 13. v. M. folgende mysteriöse Notiz: „Wie wir aus sicherer Quelle hören, ist Dr. Jung, der Untersuchungsrichter in der Sache Miguel gegen Plack und Ahlwardt, der die Untersuchung mit anerkennenswerther Objectivität führte, in eine Civilabtheilung ohne sein Bewerben versetzt worden. Bekanntlich hat dem Landrichter Curtius, der in dem Oberwinder-Proceß und bei ähnlichen Gelegenheiten, speciell aber im Proceß Paasch sich gleicher Objectivität bc,keißigte, das gleiche Schicksal geblüht." Beide Andeutungen werden nicht verfehlen, großes Auf. sehen zu erregen. Sie werfen dem Minister ganz unverblümt vor, daß er, da er von der Untersuchung der ihm unterstellten Richter Nachtheile für sich erwartete, sich ungesetzlicher Handlungen schuldig gemacht habe. Dresden. Von dem Patriotismus der antisemitischen „Dresdner Nachrichten" im Jahre 1870 entwirft ein Artikel des amtlichen „Dresd. Journal" vom 18. Juli 1870 folgende Schilderung: „Die „Dresdener Nachrichten" wissen zu vermelden, daß das politische Interesse nun auch in Dresden lebhafter geworden sei und die Tagesereignisse allenthalben den Gegenstand der täglichen Gespräche bilden. „Die Einen trauen den Sieg den Franzosen, die Anderen den Deutschen zu und doch wissen sie Alle, daß. dos lediglich nur den Chassepots und den Zündnadeln überlassen werden muß." (!) „Die Zeitungen und das Bier spielen die Hauptrolle, und jeder eintretende Soldat wird als zukünftiger Held und Sieger begrüßt. Freilich tauchen auch (!!) und zwar wohl in der Mehrzahl ernste Gedanken auf." „Freilich gehen sie einer verhängnißvollen Zukunft entgegen, wissen nicht, ob sie wiederkehren oder auf dem Felde der Ehre -bleiben — aber das ist ja nur die alte Wiederkehr der Dinge, wie sie seit Jahrhunderten sich -gestaltete. (!) Am schlimmsten kommen diesmal die Hoteliers und Wirthe in | der sächsischen Schweiz (!!) davon; denn die Reiselust wird mit der Kampflust zu Boden geschmettert." „Wie es mit unserer Dresdener Vogelwiese (!!!) steht, können wir freilich nicht missen; darüber hat das Comite zu entscheiden." „Es bleibt uns nichts übrig, als in Geduld zu Harrendessen, was da kommen soll; vorläufig können wir j an der Elbe ruhig, ganz ruhig (!!) sein; denn ehe das Kriegsgetümmel! bis über die alte Brücke sich zieht, ehe man von der Brühl'schen I Teirasse die ersten Franzosen sieht, kann es noch einige Zeit dauern, die norddeutsche Armee ist eine starke Mauer, zu deren Durch- und Abbruch schon eine herkulische Arbeit gehört." Natürlich nehmen die „Dresd. Nachr." jetzt den Mund recht voll, wenn von Patriotismus und nationaler Gesinnung die Rede ist, und zu den Gepflogenheiten dieses Hauptorgans für sächsischen Antisemitismus, Conservatismus und Klatsch gehört es, zahlreichen Mitbürgern die Vaterlandsliebe abzusprechen. München. (Der „Jude Lessi ng".) Aus München wird uns geschrieben: An einem großen europäischen Fürstenhofe finden gerade in Liesen Tagen prunkvolle Festlichkeiten statt. Bei solchen Anlässen ist es Brauch, daß jedem Mitgliede des Fürstenhauses mehrere Pagen, die dem Cadettencorps entnommen werden, zugetheilt werden, selbstverständlich auch dem Landesvatcr und der Landesmutter. Vor der endgiltigen Zuweisung der Pagen wird deren Namensliste den betreffenden hohen Herrschaften zur Genehmigung vorgelegt. So geschah's auch diesmal. Der Bruder des Fürsten, einsehr schneidiger Herr, der es auch nicht verschmäht, selbst Kleinigkeiten sein Augenmerk zuzuwenden, überlas die Liste der ihm zugedachten Pagen, auf welcher unter Anderen auch der Name v. Lessing stand; nebenbei bemerkt, ist dessen Träger der Sohn eines hohen Officiers. Der Fürst überlegte: „Lessing, Lessing — das ist wohl ein Nachkomme des Dichters des „Nathan"?" Auf die bejahende Antwort sagte der hohe Herr mit der entsprechenden Handbewegung; „Ist also Jude — den will ich nicht als Pagen!" So kam Jung-Lessing um die Auszeichnung, hinter d-m Prinzem als Page einherzuziehen, und mußte wohl noch froh sein, daß er schließlich einer etwas — literaturkundigeren Prinzessin zugewiesen wurde. Also geschehen im Jänner 1894 — nicht in Bückeburg. London. Welche Erfolge eine gehörig organisirte Wohlthätigkeitsaction erzielen, kann, beweist der jüngst ausgegebene Rechenschaftsbericht des Bekleidungs-Comites jüdischer.Damen. Das Comite constituirte sich im November 1892 unter dem Vorsitze von Mrs. Leopold de Rothschild und besteht aus 37 Mitgliedern. Dasselbe bezweckt die Vertheilung von Kleidern an Arme in den Schulen, Wohlthätigkeitsanstalten rc. Die erste Sammlung fand im Jänner 1892, die folgenden im -April und Oktober desselben Jahres statt und ergaben gegen 20.000 Kleidungsstücke. welche auch bereits zum größten Theil zur Vertheilung gelangten. Einzelne Comite-Damen hatten über 1000 Kleidungsstücke gesammelt. Das sind gewiß schöne Beweise für den Eifer der Sammlerinnen, aber auch für die Opferwilligkeit der Spender. Indien. Der jüngst erschienene Bericht über die Volkszählung des Jahres 1891 enthält folgende Mittheilung: Abgesehen von den Haupt-Handelsstädten Bombay und Calculta bestehen hier noch zwei jüdische Colonien an der Westküste. Obschon die Zeit ihrer Gründung unbekannt ist, sind sie Doch ohne Zweifel von hohem Alter. Die beiden jüdischen Gemeinden bestehen aus sogenannten weißen und schwarzen Juden. Erstere sollen sich stets von einer Verheiratung mit den Töchtern des Landes fern gehalten haben, Letztere aber den Mischehen zum Opfer gefallen sein. Auch in Aden befindet sich eine Ansiedelung dieser schwarzen jüdischen Handelsleute, welche einen nordarabischen Dialect sprechen. Die Gesammtzahl der Juden unseres Landes beträgt ungefähr 17.200, von welchen 10.500 in Bombay, 2800 in Aden, 1300 in Cochin und 1450 in Calcutta wohnen. Die Uebrigen leben zerstreut in den verschiedenen Handelsorten oder dienen in der Armee. Diese Letzteren haben neben der Sprache auch viele Gewohnheiten der sie umgebenden Maratha-Bevölkerung adoptirt, sind aber den Grundsätzen ihrer Religion treu geblieben. Dasselbe ist auch der Fall bei den Juden in Cochin. Netv-Iork. Im rüstigen Mannesalter, in der Fülle seiner Schaffenskraft wurde Adolph L. Sänger, der Präsident des Schulraths und angesehener Advocat, in seiner Wohnung. Nr. 50 Ost 63. Straße, von der Lungenentzündung dahingerafft,, .nachdem er nur wenige Tage lang krank gewesen. Herr Sänger war als Kind deutscher israelitischer Eltern in Baton Rouge. La., im Jahre 1842 geboren und kam mit diesen als achtjähriger Knabe nach New Zjcrk. Der Verstorbene nahm regen Autheil am politischen Leben der Metropole,-doch das größte Interesse brachte er dem hiesigen Schulwesen entgegen, zu dessen gründlichsten Kennern er gehörte und um das er sich hohe Verdienste erwarb. Zu der ersten politischen Stellung, nämlich einem Commissär des „United States Deposit Fund", wurde er im Jahre 1870 vom Gouverneur Hoffmann ernannt. Im Jahre 1885 wurde er auf dem demokratischen Ticket mit einer Mehrheit von 25.000 Stimmen zum Präsidenten des Stadtrathes erwählt und vertrat bei verschiedenen Gelegenheiten Mayor Grace in dessen Abwesenheit. So fungirte er auch als Vorsitzender des Comites, das die französischen Ehrengäste anläßlich der Einweihung der Bartholdi-Statue empfing. In den Jahren 1880 und 1884 war er Präsidentschafts-Elector und im Jahre 1887 wurde er von Mayor Hetvitt zum Mitglied des Schulrathes ernannt, welche Stellung ihm Mayor Grant ihm Jahre 1889 und 1891 wiederum übertrug. Er fungirte lange als Vorsitzer der verschiedensten Comites und erwies sich bald als eine treffliche Kraft im Schulraths. Wie bei seiner Abkunft nicht anders zu erwarten, war er ein warmer Freund des deutschen Unterrichts, für dessen Nothwendigkeit er den Nativisten im Schulrath gegenüber stets eintrat. Ihm ist es auch besonders zu verdanken, daß der deutsche Unterricht trotz der erbitterten Opposition einer gewissen Clique im Jahre 1890 eine erhebliche Erweiterung erfuhr. Seine Collegen würdigten denn auch die Verdienste, die er auf verschiedenen Gebieten des Schulwesens errungen, indem. sie ihn am 12. Januar v. I. an Stelle von John L. N. Hunt zum Präsidenten des Erzrehungsrathes erwählten. Die Einrichtung von Kindergärten und die Einführung des Turn-Unterrichtes in den Volksschulen strebte er ebenfalls an, und die Freunde von Schulreformen und der Reorganisation des Schulrathes und der Schulverwaltung werden Sanger's Ableben besonders schmerzlich etnpfinden.

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