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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-02 · 5 (2.2.1894) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 90 Vrstrrretchiptzr WmtzrnfchrM Nr. 5 Angesichts des stattgesundenen tiefgreifenden Wandels in den innerpolitischen Verhältnissen sowohl, als im Hinblick auf die bis zur Siedehitze gestiegenen antisemitischen Umtriebe halte er den Moment für gekommen, daß der Verein an die Regierung herantrete und sie um die Unterstützung seiner Ziele und Strebungen ersuche Eine in diesem Sinne vorgelegte und wohlmotivirte Resolution ' wurde von der Versammlung einstimmig genehmigt und durch die Herren Baron Suttner, v. Mingazzi, Graf Hoyos, Baron Leitenberger und Hofrath Nothnagel die Resolution am 30. d. M. dem Fürsten Windischgrätz, Marquis Bacquehem, R. v. Madeyski und Grafen Schönborn überreicht. Der Herr Ministerpräsident empfing die Deputation in entgegenkommendster Weise und gab über die Resolution folgende Erklärung ab: „Die Regierung hält sich klar vor Augen, daß jeder gesetzlich anerkannten Kirche und Neligionsgesellschaft ohne Unterschied das volle Ausmaß der staatsgrundgesetzlich ihr gewährleisteten Rechte gebührt, daß somit auch die berufenen staatlichen Organe die Pflicht haben, allen solchen Kirchen- und Rcligionsgesellschaften — daher auch der mosaischen, deren Mitglieder Ihr Verein geschützt wissen will — erforderlichen Falles den gesetzlichen Schutz angedeihen zu lassen." Auch von den übrigen Herren Ministern wurde die Deputation auf das Liebenswürdigste und Wohlwollendste empfangen. Dieselben betonten übereinstimmend, die Regierung sei sich ihrer Pflichten gegenüber allen Staatsangehörigen bewußt und rverde auf strenge Wahrung der Gesetze achten. Sämmtliche Herren Minister ertheilten die Zusicherung, die Resolution. einem eingehenden Studium zu unterziehen. Wien. (Das Geschlecht derer von Sch in ul Leb Kohn.) Die deutschnational-antisemitische „Ostdeutsche Rundschau" bringt in der Nummer vom 27. Jänner 1894 über die clerical-antisemitische „Reichspost" nachstehende Enthüllung: „Wir brachten in Nr. 2 vom 3. d. M. die interessante Meldung, daß der Herausgeber der neugegründeten christlich-socialen „Reichspost", Namens A. Weimar, ein getaufter Jude sei und sich nach seinem Geburtsorte Weimar nenne. Genannter A. Weimar beeilte sich, uns schon am nächsten Tage eine Berichtigung zu schicken, in der er angab: 1 Es sei unwahr, daß er ein getaufter Jude ist; 2. es sei unwahr, daß er sich nach seinem Geburtsorte Weimar nenne; wahr sei vielmehr, daß er wie seine Eltern Christen sind. Wir siuck nun der Sache nachgegangen und heute in der Lage, Folgendes zu constatiren: A. Weimar hieß früher Robert Spitzer; in der Militär-Evidenzhaltung, und zwar bei der Verpflegsbranche, welcher er als Reservist angehört, soll er diesen Namen noch fiihren. Der Vater desselben war Jude und ist später zum Protestantismus übergetreten. Bon dem Christentüum de.' Robert Spitzer, jetzigen Herrn A. Weimar, hat man bis vor kurzer Zeit in Lainz, wo derselbe wohnt, nichts gewußt. Erst die christliche sociale Bewegung soll ihn veranlaßt haben, sich bei den Lainzer Jesuiten zu Exercitien zu melden, von wo er dann als frischgewaschener Antisemit an der Hand des Dr. Geßmann in die Gesellschaft des Prinzen Liechtenstein, Dr. Lueger u. s. tv. trat. Den Namen Weimar soll Herr Robert Spitzer durch Adoption von einen: Onkel haben, der aber auch Jude war. Wem: es dem Herausgeber der „Reichspost" belieben sollte, uns tvieder zu berichtigen, dann rathen wir ihm gleich, dasselbe durch die zuständige Behörde zu thun, denn der § 19 des Preßgesetzes genügt uns nicht. Wir wollen'ihm vielmehr Gelegenheit geben, seine jüdische Abstammung amtlich bestätigt zu sehen." Die antisemitische „Reichspost" rächt sich dafür indem sie den verstorbenen Dr. Jaques in zwei Artikeln beschimpft. Wie weit die brutale Heuchelei und der Bolksbetrug getrieben werden darf, dafür ein köstliches Pröbchen. Das „Deutsche Volksblatt" vom 30. v. M. berichtet über einen Bergnügungsabend des „Bolkswirthschaftlichen Vereines", bei welchem der Schriftleiter des „Vergani-Blattes", August Schreiber, eine vom Theater-Referenten der „Reichs-post", JosefStolzig, verfaßte Rede: „Zum Einzug des Fürsten Bismarck in Berlin" vortrug; ein von flammender nationaler Begeisterung durchglühtes Gedicht." — Am selben Tage aber schrieb die „Reichspost" in ihrem politischen Theile: „Ju: Interesse Preußens. Deutschlands und Europas kann man nur wünschen, daß der Empfang, den Fürst Bismarck in Berlin gesunden hat, eine Episode bleibe, nicht aber der Ausgangspunkt einer politischen Action werde. Europa ist ruhiger, seit Fürst Bismarck beseitigt ist, und erst seitdem erfreut man sich des Glaubens an den Frieden. In Preußen und Deutschland sind die Zustände seitdem vielfach gebessert, eine Verschlechterung ist nicht wahrzunehmen und speciell die katholische Bevölkerung Preußens und Deutschlands hat keine Ursache, dem Canossamanne eine Thrane nachzuweinen. Wir können nur wiederholen, was wir unlängst gesagt haben: Der Mann von Blut und Eisen hat im L a u e n b u r g's ch e n Sachsen- 'walde sein St. Helena gefunden — möge er dort, bleiben! Wer ihm Dank schulde — wie Kaiser Wilhelm, die Hohenzollern, die Bürger Berlins — der erzeige ihm denselben in Huldigungen und Ehren; denn Dankbarkeit ist Jedermanns Pflicht. Im klebrigen aber kann man Gott nur bitten, daß er Preußen, Deutschland und die Welt davor bewahren nröge, wieder unter den Einfluß eines Mannes zu kommen, dem d' e Vorsehung zwar viel glänzende Gaben verliehen hat, dem aber eine gänzlich versagt geblieben ist: Rechtsgefühl. Zurück mit ihm nach seinem St. Helena, damit die Völker frei von Besorgniß wieder sich der Arbeit zuwenden können, damit die Mutter, die krieg sdienstpflichtige Söhne, die Kinder, die kriegsdienstpflichtige Väter haben, wieder ruhig schlafen k ö u n e n. Z u r n a mit ihm nach St. Helena!" Was sagt der von nationaler Begeisterung durchglühte Theater-Referent der „Reichspost" zu diesem Urtheil seines politischen College» über den Fürsten Bismarck? E. B. Wien. (Verjudung der katholischen Hierarchie.) Die seitens gewisser kirchlicher Kreise gegen den derzeitigen Erzbischof von Olmütz Dr. Theodor Kohn continuirlich gerichteten pamphletischcn Anwürfe und Verunglimpfungen wegen dessen jüdischer Abstammung sind bekannt, und wenn sie auch ■ ein bedenkliches Symptom gelockerter Disciplin sind, die anzutasten ehedem bei Acht und Bann verboten war, so können sie doch zumindest auf ein Motiv zurückgeführt werden, das der Ascendenz des Kirchenfürsten. Die Insubordination in der Clerisei scheint jedoch in dem Maße zuzunehmen, als der Antisemitismus bei derselben sich verbreitet und vertieft. So bringt der in geistlichen und katholischen Kreisen sehr verbreitete antisemitische „Volksfreund" vom 27. Jänner 1894, redigirt von dem verrufenen Dr. Psenner unter der Spitzmarke „Humoristisches" Nachstehendes: „Der neueste Bertheidiger des Talmud ist entschieden der berühmte Gelehrte Rabbi Karl von Melk." Also auch nicht einmal, der Abt von Melk, der hiemit gemeint ist, dessen Abstammung doch zweifellos unverdächtig,, ist vor dem giftigen Geifer der „unverfälschten" Katholiken gefeit. Wien. Wir lesen in der „Wr. Allg. Ztg.": Mit Bezug auf eine in Nr. 4753 d. B. unter den „Politischen Nachrichten" enthaltene Mittheilung, daß der Club der polnischen Landtags- Linken einstimmig beschlossen hätte, einen vermeintlichen Antrag des Abgeordneten Merunowicz betreffs jüdischer Geheimschriften und Gesetze (sofern sie mit österreichischen Gesetzen im ZPiderspruch stehen) nicht zu unterstützen, und daß „im Club der Linken viele Abgeordnete, über Merunowicz's Vorgehen höchst ungehalten, es am Liebsten sehen würden, wenn er ans dem Club scheiden wollte" — erhalten wir von Herrn Dr. Weigel, Obmann des Clubs, die Mittheilung, daß die besprochene Angelegenheit nicht Gegenstand eines Clubbeschlusses war, überhaupt in keiner Clubsitzung vorkam und ein einstimmiger Beschluß daher auch gar nicht gefaßt wurde, und somit auch der übrige Theil der Schlußfolgerungen hinfällig erscheine. — Im Zusammenhalte mit dieser Zuschrift des Herrn Doctor Wßigel schreibt uns unser Lemberger B.-Correspondent: „Wie Sie aus der Berichtigung selbst ersehen, ist dieselbe blos in formeller Beziehung zutreffend. Wahr ist cs, daß Merunowicz einen in meiner vorigen Correspondenz gekennzeichneten Antrag einzubringen beabsichtigte; aber die parlamentarische Commission hat die Unterstützung des Antrages verweigert und die Mitglieder des Clubs der Linken haben ihre Unterschrifteil zu diesem Antrag nicht hergeben wollen. Daß aber weder die parlamentarische Commission es für angemessen, noch Herr Merunowicz angesichts der entschieden ablehnenden Haltung seiner Clubgenossen es für klug gehalten haben, einen förmlichen Beschluß des Clubs zu provociren, ändert an der Sache nichts. Das weitere Schicksal des Antrages Merunowicz verdient aber bei dieser Gelegenheit mitgetheilt zu werden. Wie vorausgesehen, hat er weder auf der einen, noch auf der anderen Seite des Hauses die erforderlichen fünfzehn Unterschriften zur Unterstützung seines Antrages gewinnen können, weshalb er seinen Antrag ° modificirt und äbgeschwöcht hat. Ob dieser „zahme" Antrag mehr Glück bei den Landtags-Abgeordneten finden wird als sein Vorgänger, wird die Zukunft zeigen. Gelingt es aber dem Abgeordneten Merunowicz auch diesmal nicht, fünfzehn Mitglieder der galizischen Landtagsstube von der hohen Wichtigkeit der Sache zu überzeugen, dann dürften Sie wahrscheinlich wieder eine Berichtigung erhalten, daß ein solcher Antrag überhaupt nicht bestanden hat."

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