Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-02-02 · 5 (2.2.1894) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
5 (2.2.1894)
Date
1894-02-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021013--03190-3027315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 5 Veflrrrekhtsche WmhrnfchrM Sette 85 zu finden. Ich habe als Direktor der Colonie einen vortrefflichen Gelehrten gehabt, aber er besaß zu idealistische Anschauungen, um einen praktischen Berwaltungsmann abzugeben; ich habe dann einen Mann mit ausgesprochenem Berwaltungstalent gehabt, der sich aber aus persönlichen Gründen nicht hat halten können. Durch die besondere Liebenswürdigkeit des englischen Kriegsministeriums ist es mir hierauf gelungen, einen der jüdischen Olkieiera Oßueraux von der englischen Armee, den Colonel Goldsmith, zu gewinnen. Der Oberst, der bei den Horse-Guards steht, wurde auf ein Jahr beurlaubt und trat an die Spitze der Colonie. Aber bald stellten sich principielle Divergenzen zwischen uns heraus. Der Oberst ist ein eifriger Anhänger der Zions-Idee, welche die Zurückführung der Juden nach Palästina will. Ich, der ich den Orient und besonders Palästina kenne, weiß, daß diese Idee einer Chimäre gleichkommt, da Palästina in keiner Weise ein zu Colonisationsversuchen geeignetes Terrain hat. Gegenwärtig wird die Colonie von zwei Directoren geleitet, zwei hervorragenden Pädagogen, die sich während ihrer Lehrthätigkeit an den Schulen der AUiance israelite ausgezeichnet haben. Der eine hat bisher das landwirthschaftliche Jnstttut in der Nähe von Paris dirigirt, der zweite hat an der Allianzschule in Tunis gewirkt. Aber ich sehe es immer mehr: ich selbst werde die Sache mit der Zeit ganz in die Hand nehmen müssen. Ich bin damit beschäftigt, mich allmälig einzuarbeiten, und ich will späterhin meine ganze Zeit und meine ganze Arbeitskraft einem Unternehmen widmen, in dessen Gelingen, wie gesagt, ich festes und unerschütterliches Vertrauen habe. Die Hauptcolonie soll auch weiterhin in der argentinischen Republik verbleiben. Dort sind alle Bedingungen am günstigsten : Güte des Bodens, Entwicklung der Verkehrsmittel, geringe Dichtigkeit der Bevölkerung rc. In Canada und in den Vereinigten Staaten haben wir wohl auch kleinere Versuche gemacht. Aber besonders in den Bereinigten Staaten kann man dem Unternehmen kaum eine größere Ausdehnung geben. An eingeborener Bevölkerung ist kein Mangel; ferner haben sie es dort auch glücklich bis zum Antisemitismus gebracht, und das ist wenig einladend." Ein jüdischer Präsident der Handelskammer für Slavonien. Aus Essegg wird uns telegraphirt: Der Bieepräsident der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, Herr Julius Miskolczy, wurde zum Präsidenten der Handels- und Gewerbekammer für Slavonien gewählt. Diese Wahl wird im ganzen Lande mit lebhafter Befriedigung begrüßt, denn Herr Miskolczy .ist ein Mann von durchaus integrem Charakter, der sich des Rufes ausgezeichneter Befähigung erfreut und für dessen Achtbarkeit und Tüchtigkeit die zahlreichen^ Ehrenstellen Zeugniß ablegen, zu denen er durch das Vertrauen seiner Mitbürger berufen wurde. Die obige Meldung ist geeignet, uns neuerdings die tiefgreifenden Unterschiede zwischen dem socialen Leben" in Eis und Trans vor Augen zu führen. Es gibt auch diesseits der Leitha Handelskammern, deren Präsidenten der jüdischen Confession angehören, wie jene in Brünn, wo die exceptionelle Stellung des Herrenhausmitgliedes Ritter von Gomperz und seine überragende Autorität es herbeiführte, daß er zum dreiundzwanzigsten Male zum Präsidenten der Handels- und Gewerbekammer gewählt worden ist. Auch die Stellung der Juden in Brünn darf nicht übersehen werden. In Slavonien dagegen liegen Handel, Industrie und Gewerbe fast ausschließlich in christlichen Händen und die jüdischen Geschäftsleute sind äußerst dünn gesäet. Mit der Wahl des Herrn Miskolczy zum Präsidenten der slavonischen Handelskammer ist demnach der jüdischen Ehrenhaftigkeit und Solidität im geschäftlichen Leben eine eminente Anerkennung zutheil geworden, welche zugleich ein sehr ehrendes Zeugniß für die confessionelle Borurtheilslosigkeit der christlichen Kaufmannschaft Slavoniens bildet. Der socialen Stellung des Herrn Julius Miskolczy hat es keinen Abbruch gethan, daß er mit hingebendem Eifer den Interessen seiner Glaubensgenossen dient, und diese Thatsache ist doppelt erfreulich in einem Augenblicke, wo in den Ländern der ungarischen Krone die clericale Partei neuerdings den Versuch macht, anläßlich des Gesetzentwurfes über die Reception der Juden die Judenfrage auf die Tagesordnung zu stellen. Man darf aus dieser Thatsache wohl den Schluß ableiten, daß der Antisemitismus im Reiche der Stephanskrone endgiltig ausgerungen hat und daß unsere Glaubensgenossen jenseits der Leitha als gleichberechtigte Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetze, sondern auch im socialen Leben anerkannt werden. Man schätzt in Herrn Miskolczy den makellosen Ehrenmann, den Förderer aller gemeinnützigen Institutionen, ohne sich weiters an seine Confession zu stoßen. Und wieder muß hier betont werden, wie tief das Beispiel von oben aus die Stimmung der Bevölkerung einzuwirken vermag. Wir haben im Vorjahre darauf hingewiesen, von welcb mächtigem Eindrücke cs war, als der ungarische Ministerpräsident an der Spitze des Gesammtministeriums, als die hervorragendsten Führer des Parlaments der Leiche Wa h rman n's das Geleite durch die Straßen der Hauptstadt gaben. Das war ein Schauspiel, welches wohl den Neid der cisleithanischen Juden erwecken konnte. Bei uns geschah es anläßlich des Leichenbegängnisses des Dr. Jacques zum ersten Male, daß ein activer Minister, Herr v. P len er, persönlich unter den Leidtragenden erschien. Aber was hier nur der Ausdruck persönlicher Theilnahme war, ist drüben der Ausfluß fester Regierungsgrundsätze. Wir freuen uns aufrichtig, daß in Ungarn in der Ehre, die einem einzelnen Mann widerfahren ist, das ganze Judenthum geehrt worden ist, und wünschen nur, daß auch bei uns endlich eine gerechtere Würdigung des hervorragenden Antheils, welchen unsere jüdischen Mitbürger an dem öffentlichen Leben nehmen, platzgreife. __ Dr. Heinrich. Iaques. Ein tragisches Geschick hat es gefügt, daß der hervorragende und geistvolle Vertreter der Innern Stadt Wien, ein hochangesehener juristischer Fachmann, ein Parlamentarier und Anwalt von seltenen Erfolgen, durch einen Selbstmord freiwillig seinem Leben ein Ende gemacht. Dr. Heinrich Iaques hat in einem Anfalle von Trübsinn Hand an sich gelegt und das schreckliche Ereigniß hat in allen Kreisen der Residenz die lebhafteste Theilnahme geweckt. Ueber den Lebensgang des Verblichenen melden die Tagesblätter: „Dr. Heinrich Iaques, geboren am 24. Februar 1831 in Wien, absolvirte daselbst das Gymnasium, studirte ein Jahr Philosophie und Geschichte in Heidelberg und dann Jus in Wien, wo er 1856 zum Doctor promovirt wurde. Nach dem Tode seines' Onkels und Vormundes, des Bankdirectors Sigmund Edlen von Werlheimstein, leitete er durch fünf Jahre das Bankhaus Hermann von Wertheimstein Söhne, wurde während dieser Zeit Mitgründer der Wiener Handelsakademie, Verwaltungsrath der Theißbahn und später «bis 1881) der Creditanstalt, ferner der Südbahn und Süd-norddeutschen Verbindungsbahn, liguidirte aber 1859 die Firma, um sich ganz der Rechtswissenschaft und später der Advocatie zuzuwenden. Dadurch erhielt die publicistifche Tbätigkeit, der er sich frühzeitig zuwendete, eine zweifache Richtung, die juristische und nationalöconomische. Er trat 1857 zuerst mit einer Reihe von Aufsätzen über „Theorie und Praxis im Zivilrecht" in die Oeffentlichkeit und 1859 erschien seine „Denkschrift über die Stellung der Inden in Oesterreich", welche rasch vier Auflagen erlebte. Nachdem er sodann 1860 eine große Zahl politischer Artikel veröffentlicht hatte, publicirte er die theils politischen, theils juridischen Schriften: „Oesterreichs Desorganisation und Reorganisation", „Ueber unser Parlament", „Die Verfassung und unsere dringendsten Aufgaben" (1861), sowie im Zusammenhänge damit (1867) eine Studie über „Revolution und Reaction in Oesterreich, 1848—1859"; ferner „Unterrichtsrath und Unterrichtswesen in Oesterreich" (1863); „Die legislative Organisation der freien Advocatur" (1868): „Verstärkung des Abgeordnetenhauses" (1869); „Oesterreichs Politik in und nach dem Kriege" (1870); „lieber die Aufgaben des Bertheidigers in Strafsachen" (1873); „Grundlagen der Preßgesetzgebung" (1874); „Alexia de Tocqueville“, ein Lebens¬ und Geistesbild (1876) und „Die Wahlprüfung in den modernen Staaten" (1885). Außerdem veröffentlichte er in der „Presse", „Neuen Freien Presse", „Deutschen Zeitung" und „Augsburger Allg. Zeitung" eine Reihe von Aufsätzen. Als Advocat und Bertheidiger seit langen Jahren thätig, intervenirte er in einigen Sensations-Processen. Auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.