Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 5 (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82 Veflrrrrichifchr Wochrnschrtft Nr. 5 im Jahre 1886 durchschnittlich auf Einwohner: In Niederösterreich auf 5012; in Salzburg 16.353; inTirol 16.774; in Vorarlberg 6711; in Böhmen 11.257; i n Galizien erst auf 40.814. Aus dem Jahre 1887 publicirte das Justizministerium im XXVII. Bande. 2. Heft der Oesterreichischen Statistik nachstehende Daten: In Salzburg ein Concurs auf 8178 Einwohner; in Tirol auf 8946 Einwohner; in Nieder österreich auf 10'790 Einwohner; in Böhmen auf 17-394 Einwohner; in Westgalizien aus 53'164 Einwohner; in Ostgalizien erst auf 64-568 Einwohner. Angesichts dieser amtlichen Feststellung, daß Galizien an der Gesammtzahl dep Concurse am wenigsten bet heiligt ist, nennt Dr. Elbogen Galizien den „klassischen Boden des Falliments!" Wir haben die Jahre 1885, 1886 und 1887 ausgezogen. Aehnliche Ziffern und Daten wird aber Dr. Elbogen in den anderen Jahrgängen der Oesterreichischen Statistik finden, welche zusammen das Resultat bestätigen, daß in derZahl der Cridafälle Galizien hinter allen anderen Kronländern der Monarchie zurückbleibt. Der Percentsatz der Insolvenzen ist in jedem anderen Kronlande ungünstiger als in Galizien. Und wie verhält es sich mit dem Resultat des Concursverfahrens, mit der Quote für die Gläubiger? Eine Statistik des Ergebnisses im Concursverfahren bei deni Wiener Creditoren verein aus der Zeilvon 1875—81, ergibt folgendes interessante Resultat: Im Jahre 1875 erzielte der Verein bei Concursen in Nicderösterreich 39 Percent, bei Concursen in Galizien und der Bukowina mehr als 44 Percent. Im Jahre 1876 in Niederösterreich 41 4 Percent, in Galizien und der Bukowina 47 3 Percent. Im Jahre 1877 in Nieoerösterreich 39 Percent, in Galizien und der Bukowina 41 2 Percent. Im Jahre 1879 in Niederösterreich 39 Percurt, in Galizien und der Bukowina 44 Percenl; in Böhmen. Mähren und Schlesien 37 Percent; in Ungarn 42 Percent. Im Jahre 1880 in Niederösterreich 41.2 Percent, in Oberösterreich 44'7 Percent, in Galizien und der Bukowina 47 1 Percent, Steiermark, Kärnten und Kram 44 1 Percent. Im Jahre 1881 in Niederösterrcich 39 Percent, in Oberösterreich 38 Percent, in Galizien und der Bukowina 43 Percent. Im Jahre 1683: In Niederösterreich 36 Percent; in Oberösterreich 31 Percent; in Galizien und. Bukowina 43 Percent. 1884: In Niederösterreich 38 Percent; in Oberösterreich 31 Percent; Galizien und Bukowina 47 Percent. 1887: Niederösterrcich 44 Percent; Oberösterreich 45 Percent; Galizien und Bukowina 49 Percent. 1889: Niederösterreich 41 Perzent; Galizien und Bukowina 44 Percent. Angesichts dieser Daten, welche Nachweisen, daß die Insolvenzen in Galizien für die Gläubiger eine bedeutend höhere Durchschnittsquote ergeben, als in Niederösterreich oder Oberösterreich, Salzburg unp Tirol, wagt man das iufrmirende Dictum: „Jede Crida in Galizien ist ein Betrug! Herr Dr. Elbogen hatte in einem einzigen. Fall Malheur, und weil seine Intervention erfolglos war, darum wird die ganze ga izische Kaufmannschaft an den Pranger gestellt. Kaufleute, welche bei dem von Dr. Elbogen angezogenen Falle betheiligt sind, haben uns mit aller Bestimmtheit erklärt, daß die Zahl der Fallimente sowohl absolut, als auch im Verhältnisse zum Consum in Galizien nicht bedeutender sind, als anderwärts. Ein Reiseschriftsteller, der einst zu sonniger Mittagsstunde durch eine Stadt fuhr und dabei zwei Bettler im Schalten des Marktbrunnens schlafen sah, schrieb über die Einwohner dieser Stadt: B. ist von einer armen, zerlumpten und arbeitsscheuen Bevölkerung bewohnt, die den ganzen Tag in trägem Nichtsthun verbringt." So urtheilt Herr Dr. Elbogen über Galizien. Er hat einmal einen galizischen Staatsanwalt gesprochen, der ihm sagte: „In Galizien ist jede Crida ein Betrug" und seither schwört er auf dieses Dictum. Er hat einmal mit einem jüdischen Spitzbuben zu thun gehabt und seither sind alle galizischen Juden Spitzbuben. Das ist die Manier der Antisemiten, die jeden Fehler, jedes Vergehen eines Einzelnen generalisiren und auf die gesammte Judenschaft übertragen. In Wahrheit sind die jüdischen Händler in Galizien in ihrer großen Mehrheit so ehrlich wie die Händler in anderen Kronländern. aber ungleich mehr bedauernswerth, weil sie unter unsäglichen Mühen, unter großen Kümmernissen ihr Dasein fristen. Die Mehrzahl der Fallimente dieser Händler erfolgt unverschuldet. Wie ihnen der Fabrikant, so müssen sie den Bauern creditiren, und wenn die Bauern dem Händler nicht zahlen, so kann auch der Händler dem Fabrikanten nicht zahlen. Und das ist fast immer der Fall. In der Regel behält der Cridatar nicht so viel,, um sich und den Seinigen für den nächsten Tag Brot zu schaffen. Das ist die eine Seite der Medaille. Nun wollen wir Herrn Dr. Elbogen auch die andere Seite zeigen. Trotz der von ihm behaupteten Unsicherheit der Verhältnisse reißen sich alle österreichischen Großfabrikanten, anti- und philosemitische, um die galizische Kundschaft, und wenn Dr. Elbogen von einer besonderen Technik des galizischen Falliments spricht, so möge er sich um die ersten Handgriffe dieser Technik gütigst bei seinen neuesten Freunden, den Herren Fabrikanten, erkundigen. Der galizische Händler muß oft die Waare mit einem 60percentigen Aufschlag kaufen. Der Fabrikant nützt seine wirthschaftliche Schwäche aus, er hängt ihm die Pofelwaare zu. enormen Preisen an. Wer ist in diesem Falle der Betrogene, der Ausgebeutete? Es gibt eine Art der Bewucherung, die nicht unter die Strafsanction des Wuchergesetzes zu bringen ist und hier wird diese ArtWucher geübt.Und dieFabrikanten wissen genau,warum sieso gerne nach Galizien arbeiten. Die galizischen Händler verarmen immec mehr, während die Fabrikanten Millionen aufspeichern. Dr. Elbogen hat ja einmal sehr instructiv über die Attractionskraft des Capitals geschrieben. Wir kennen eine arischgermanische Firma, welcher durch besondere Umstände das galizische Absatzgebiet versperrt wurde. Seither macht diese Firma alle Bemühungen, sie geht von Ministerium zu Ministerium, um sich die Thore Galiziens wieder zu öffnen, und in ganz Galizien stirbt kein Rabbiner, ohne daß der Chef jener Firma eine Beileidsadresse senden würde, um sich die verlorene Sympathie der Juden wieder zu gewinnen. Ein anderer Fall! In unmittelbarer Nähe Wiens befindet sich eine christlich-germanische Fabrik, welche fast ausschließlich nach Galizien arbeitet. Der Reisende dieser Firma ist ein begeisterter Verehrer August Rohling's und steht mit demselben in regelmäßigem Briefwechsel. Das hindert nicht, daß er mit den galizischen Juden sehr gute Geschäfte macht. Wenn er über bei Einem seiner Kunden auf Schwierigkeiten in der Zahlung stoßt, hält er es sogar für überflüssig, zu Gericht zu gehen. Er wendet sich an den Rabbiner und dessen Intervention genügt in der Regel, um den Schuldner zur Zahlung zu bewegen. Und nun gar die naive Behauptung, daß den galizischen Juden gegenüber kein Gericht und keine Staatsanwaltschaft etwas ausrichten kann! Aber Herr Dr. Elbogen! Wer wird denn seine Blamage so an die große Glocke hängen? Weil S i e einen Proceß verloren haben, was übrigens schon größeren Geistern passirt ist, soll gleich die ganze Justiz in Galizien nichts taugen und donnern Sie gegen die Geschwornengerichte ebenso leidenschaftlich wie der Graf Lamezan! Sie wegen der „galizischen Fallimente" und Graf Lamezan wegen der „Reclamesucht der Bertheidiger". Es ergibt sich da eine sehr interessante, sehr lustige Jdeenverbindung, die wir nicht weiter verfolgen wollen. Aber wir empfehlen H'errn Dr. Elbogen, doch seine Vergangenheit nicht gar zu brutal Lügen zu strafen und in der Wahl des Zeitpunktes für seine justizreformerischen Pläne etwas vorsichtiger zu sein. In einem Augenblick, wo der Präsident des Wiener Strafgerichtes von der „Bertheidiger- Moral" spricht, ist es bedenklich, von der „Taruopoler Moral" zu sprechen, und aus derThatsache, daß die „Ostdeutsche Rundschau" den Artikel des Herrn Dr. Elbogen mit Behagen abdruckt und seine Zeugenschaft für ihre'Hetzzwecke verwerthet, und aus dem Auftreten des Oberstampiglienmeisters im niederösterreichischen Landtage mag er erkennen, wem er mit der neuerlichen Vorführung seines Special-Steckenpferdes genützt und wem er geschadet hat. - Pan Verganew gegen die „Vrsterr. Wochenschrift." Ernst Vergani druckt der „Oesterr. Wochenschrift" das in ihrer letzten Nummer publicirte famose Urtheil des Gerichtsadjuncten H. Piskozub in Stanislau nach! Es ist eine billige Freude, die er seinen Lesern bereitet, und . Ernst Vergani ist außerordentlich entgegenkommend, wenn es ihn nichts kostet. Muß doch das Herz jedes „ehrlichen" Anti-