Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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i'sseseu+’UKX.' > i m mr, Seite 66 Orstrrreichifchr Wochenschrift Nr. 4 In der eingeborenen indischen Armee findet man eine sehr bedeutende Anzahl schwarzer Juden, genannt Beni Israel; sie genießen einen sehr guten Rnf, sind sehr strebsam und solide und viele ihrer Offieiere haben sich besonders ausgezeichnet. Als Dr. Mols, Vater des Sir Drumond Wolf, Central- Asien und Nord-Indien 1829 besuchte, fand er daselbst eine große Anzahl Juden, welche hohe militärische Posten in den verschiedenen eingeborenen Armeen inne hatten. Er erwähnte besonders den General Berowsky, ein polnischer Jude, welcher Abbaß Mirza in seinen Kämpfen gegen Khorassan beistand; General Ventura, welcher im Dienste des Runject-Singh stand, dann im Dienste des Scheer Singh in Lahore. Zu diesen darf man wohl noch den Namen Perez Lachmann zählen, ebenso bekannt als General Loustanuan, welcher eine hohe militärische Befehlshaberstellung beim Kaiser von Mattas inne hat. Adolf Iellinek. Ein Gedenkblatt von L. Schechter in Cambridge. Deutsch von Ignaz Kaufmann (Kojetein). „Iellinek ist tobt" — mit dieser letzten Trauerbotschaft schließt die Liste der im vergangenen Jahre Dahingeschiedenen, einem Verluste, der um so schmerzlicher, als mit ihm ein neues Glied jenes Restes dahingegangen, durch dessen rettenden Genius „wir unter den Nationen leben werden". Wohl ist es wahr, daß „Israel niemals verlassen sein wird", daß in seiner Mitte es nie an pflichttreuen Lehrern und begnadeten Helfern fehlen wird, an Männern, die das geistige Wohl ihrer Gemeinden hüten, sie auf den Weg der Pflichterfüllung leiten werden. Aber mit der eigenartig reizvollen Gattung von Männern mit den schönen Seelen, den weiten Herzen und den umfassenden Geistern der ersten Decennien dieses Jahrhunderts scheint es furchtbar abwärts zu gehen, ohne die Aussicht, daß die Zukunft sie wieder erschaffen werde. Sie alle waren ausnahmslos das Product der alten Talmudschule, der Jeschiba. Treibhäuser für exotische Theologen waren noch nicht erfunden worden. Die Jeschiba hatte unzweifelhaft ernstliche Fehler. Sie ermangelte des methodischen Unterrichtes, der strengen Wissenschaftlichkeit, das profane Wissen wurde fast gänzlich von ihr vernachlässigt und selbst die Frage nach einem einheitlichen Ziele wurde niemals aufgeworfen. In der That war es den Jeschiboth mehr darum zu thun, den Gemeinden unterrichtete Männer zu liefern — mochten sie nun diesen oder jenen Lebensberuf einschlagen — als sie mit Rabbinern oder Ritusbestellten zu versorgen. Aber gerade in diesem Mangel an System und Methode lag auch ihre Stärke. „Der heilige Drill" war ihnen unbekannt. Dem Genie war freier Spielraum gelassen und die Individualität von keinem andern Hinderniß als von der eigenen Unfähigkeit gehemmt. Demgemäß mußten auch die praktischen Resultate, an dem Maßstabe der zahllos nichtbeamteten Rabbiner gemessen, die aus diesen Schulen hervorgingen, erbärmlicher sein; es war eben nur die Auslese der Tüchtigsten unter den Bachurim, die jemals eine Kanzel bestiegen oder einer Gemeinde vorstanden. Diese waren aber Männer von der Art eines R. Samson Raphael Hirsch von der einen, eines R. Abraham Geiger von der andern Seite. Auch Iellinek gehörte dieser Schule an, daher die Schwierigkeit, von seiner literarischen Thätigkeit irgend ein zutreffendes Bild zu geben. Denn wie die meisten Männer aus jener Zeit, konnte er niemals ein eigener Specialist werden. Nach einer von Dr. Müller im Jahre 1882 entworfenen Liste der Werke Jellinek's beläuft sich die Zahl derselben, von kleineren Artikeln und Studien in verschiedenen Zeitschriften abgesehen, auf 107, die sich allen Zweigen des jüdischen Denkens zuwenden. In ihm wohnte in der That das Genie eines Dichters, das nicht in die Schranken einer momentanen Schöpfung gebannt ist und das nicht zwischen den Deckeln dieser oder jener Handschrift Halt macht. Da gab's kein Verweilen bei den Gräbern rings um ihn. Licht und Leben war das Ziel seiner Forschungen in seiner langen literarischen Laufbahn, die im Jahre 1839 begann und mit seinem letzten Athemzuge zu Ende geführt wurde. Sein empfindsamer Geist schien alle Prosa der Literatur in Poesie zu verwandeln. Man lese nur seine zwei Vorlesungen, betitelt: „Der Talmud", wo wie durch magische Berührung aus dunklen Halachasätzen Raketen von geistvollen Lebensregeln und Aussprüchen hervorschießen. Selbst rein bibliographische Artikel wußte er durch sein Genie interessant und lesbar zu machen. Durch seine poetische Auffassungsart erklärt sich auch seine Vorliebe für die Hagadah und die Mystik. In beiden Gebieten war er der anerkannte Meister, was hauptsächlich die sechs Bände seines Beth-Hamidrasch und seine zahlreichen Publicationen über die großen Kabbalisten Nachmanides, de Leon, Abulafia u. s. w. beweisen, die in der Bibliothek eines jeden jüdischen Gelehrten zu finden sind. Ich weiß, daß unsere Parallelstellenjäger, die die Bedeutung eines Textes nach der Zahl der dabei unterzubringenden Fußnoten bemessen, von seinen Ausgaben nicht befriedigt sind. Diejenigen indeß, die immer noch den durch Commentare unverdorbenen Text für den besten halten, werden Iellinek für seine Herausgabe Dutzender von unbekannten agadischen Quellen dankbar sein. Das Nmwandeln seiner unschätzbaren Kostbarkeiten in kleinere Münze, in gelehrte (mitunter auch ungelehrte) kritische Einzelheiten überließ er eben den Anderen. Hinsichtlich seiner kabbalistischen Arbeiten war er der Erste, der die Erkenntniß schöpfte, daß der Mysticismus trotz aller Schrullen und Abirrungen in vielen Beziehungen eine befriedigendere Lösung des Lebensräthsels bietet, als manche philosophischen Untersuchungen, die nur die Kluft zwischen dem Menschlichen und Göttlichen erweitern, die nur durch religiöses Empfinden, aber niemals durch theologische Algebra überbrückt werden kann. Diese Beherrschung des poetischen Gedankenschatzes der jüdischen Literatur trug aber auch dazu bei, daß er der erste jüdische Kanzelredner geworden ist. Es ist unmöglich, denjenigen, die ihn niemals selber gehört haben, einen Begriff von der Bedeutung seiner Reden für die Zuhörer zu geben. Sie waren sachlich und stylistisch so vollkommen, daß die Gemeinde immer von ihnen hingerissen war. Vor Allem waren sie durch einen rein jüdischen Ton ausgezeichnet und man hatte die Empfindung, als hörte man Erbanungsreden, wie wir sie aus der Pessikta kennen, jedoch in die Form eines mit moderner Cultur und Philosophie durchsättigteu Geistes umgegossen. Oft habe ich die Frage aufstellen hören, wenn von den praktischen Erfolgen dieser Reden gesprochen wurde: „Sind die Wiener durch die Jellinek'schen Reden besser und weiser, als wir es sind, geworden?" Ich kann auf diese Frage vorderhand keine Antwort geben, doch mögen immerhin auf gewisse Köpfe directe Anspielungen auf den Tod oder die Schrecken der Hölle wirksamer sein. Und ich glaube ferner, daß das Vergnügen, welches die Lectüre eines guten Buches, das Betrachten eines schönen Gemäldes, das Anhören eines Oratoriunis bereitet, schon an sich, wenn es auch von keinem weiteren Nutzen begleitet ist, eine wünschenswerthe, preisenswürdige Sache °ist. Wie muß man es doch Dank wissen, daß diese praktischen Weltverbesserer bei der Erschaffung der Welt nichts dareinzureden hatten. Wir hätten dann eine Welt voll Gerste und Krautköpfe, wo blieben aber die Rosen? Ich habe gerade keinen einzigen der zahlreichen Bände von Jellinek's Predigten zur Hand und bin daher nicht im Stande, daraus Auszüge zu geben. Doch gibt es gewiß manche unter uns, die sie gelesen haben und ich brauche hier nur auf seine Predigten: „Das Mutterherz", „Schir Haschirim", auf seine „Einleitung in die Thora", auf sein „Bezelem Elohim" und „Die hebräische Sprache" zu verweisen, welch'letztere ins Englische übersetzt werden müßte, da bei der Wichtigkeit des Hebräischen für die Schule sie gewiß in dieser Hinsicht einen mächtigen Einfluß ausüben würde. Von nicht minderem Interesse und lehrreicher Wirkung war seine Conversatiön. Der verstorbene Isidor L o eb, der mit so manchem großen Geiste in Europa Bekanntschaft hatte, sagte mir einmal, Iellinek sei der geistreichste Mensch, den er je kennen gelernt. Das werden wohl auch Alle zugeben, die das Glück gehabt, ihn auf seinen Spaziergängen zu begleiten oder in den kleinen Kreis zugelassen zu werden, den er allsabbatlich nach dem Morgengottesdienst um sich zu versammeln pflegte. Hier im Zimmer, das an seine berühmte Bibliothek grenzte, saß der Rabbi an der Frühstückstafel, beim Suppenteller geistvolle Bemerkungen, Anekdoten und Apercus über allerlei Dinge in der Welt herumwerfend. Was für einen Reichthum an Wissen und Belesenheit entwickelte er da! Er verstand über nahezu Alles trefflich zu sprechen; denn er kannte alle europäischen Sprachen und las das Beste, was an Werken in ihnen geschrieben wurde. Als ich ihn zum letzten Male sah, brachte er mich durch seine Fragen über das Neueste in der englischen Literatur nahezu in Verlegenheit. Wie alle großen Redner hatte er die Neigung, das Gespräch zumeist für sich selbst in Anspruch zu nehmen, aber er hatte die seltene Gabe, niemals trivial oder landläufig zu werden, sondern sich immer lehrreich und anregend und dabei keineslvegs pedantisch oder herausfordernd zu zeigen.