Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Oesterreichische Wocherrschrist Seite 65 Es kann nicht unsere Ausgabe sein, dieEntreprenneure der internationalen Musik- und Theaterausstellung gegen dessen rohe Ausfälle in Schutz zu nehmen. Wie sagte nur der gewesene Gemeinderath Sigmund Mayer: Es gibt keinen Inden, der so tief steht, daß er nicht jedem Antisemiten thurmhoch in puueto Sittlichkeit überragen würde. Allein wir wollen uns Zur dankbaren Ausgabe machen, an der Hand täglicher Vorkommnisse in der Residenz eine Schilderung der sittlichen Verkommenheit der Wiener Antisemiten in möglichst gedrängter Form zu geben, denn wollten wir nur einigermaßen ausführlicher sein, dann würden nicht die Spalten der „Qesterreichischen Wochenschrift" genügen, und ein mehrbändiges Werk zu schreiben, würde die Sache nicht werth sein. Das geistige und sittliche Niveau, auf welchem die Wiener Antisemiten stehen, wird am besten gekennzeichnet durch die „Locale", welche sie besuchen, nicht um sich eilte geistige Anregung zu schaffen, sondern um „der Hetz" halber. Wir wollen die bekannten Locale: schöne Schäferin, blauer Luchs, Elterlein, Stahlener, Schwender, in denen es so „bunt" zugeht, übergehen, sie sind sämmtlich eine Stätte der Erbanung für christlichsociale Antisemiten, allein diese Locale werden nicht ausschließlich vom Fürsten Liechtenstein, Lueger, Gregorig n. s. w.! besucht. Wenden wir uns den „Heurigen"-Spelunken zu, wo die I "Antisemiten „unter sich" sind und jedem Andersgesinnten bei Ge-! fahr des Hinauswurfes der Besuch verwehrt ist. i Wie es in diesen Heurigen-Schänken zugeht, fitnn sich i nur Derjenige einen Begriff machen, welcher dieselben besucht! und das Treiben daselbst mit angesehen hat. Das Programm! einfür allemal lautet: es wird musicirt, gesungen, gepfiffen,! getrunken und den Schluß bildet eine Keilerei. Diese Heungeuj Schänken werden von den Patrizierfamilien der antisenlitischcn > Partei mit Kind und Kegel besucht, (die Zeche einer Familie! beträgt oft 10, 20 bis 50 Gulden) da wird die g c m e i n st e j Zote gezüchtet, der größte unsittliche Uuflath bejubelt und! das holde Antiseinitentvchterlein, es erröthel nicht, es singt im : Chorus mit. Denn dem Reinen ist Alles rein. Die Butschetri. j Bandmacher, Grinzinger Quartett u. s. lv. spielen auf, die j Natursänger stimmen an und ein füllt die ganze Antisemiten-! Gemeinde in weinseliger Laune, im Dusel, gesteigert bis zum; veritablen Rausch. Da diese „gemächlichen" Unterhaltungen! einer polizeilichen Licenz nicht bedürfen, so wacht auch das! Auge des Gesetzes nicht. Man ist ohne „Genirer" und ganz „unter sich", da hat man freies Spiel, Alles in den Koth zu zerren und alle staatlichen Einrichtungen, die kirchlichen inbegriffen, zu verhöhnen und zu verspotten. Wer die Zote des Ändern an Lascivität übertrumpft, wird bejubelt und wird als „Champion" verherrlicht. Nichts ist dem vom „Heurigen" Berauschten heilig nicht Kirche, nicht Altar, nicht Kind und Weib, auch das des Nächsten nicht. Eine sittliche Verkommenheit tritt zu Tage, wie sie anderweitig nicht anzutreffen ist. Die Wiener Gemüthlichkeit, wie sie früher anzutreffen war, ist, seitdem die Antisemiten die alleinigen Frequentanten sind, aus den „Heurigen"-Schänken ganz verschwunden. Und da wagt Grcgorig noch, für sich und namens seiner Gesinnungscomplicen den Sittenrichter zu spielen. Der Jude besucht ein Theater, ein Concert, eine Vorlesung, wo es ethischen und informativen Genuß gibt, er ist auf's Aengstlichstc bedacht, seine Töchter von den sittenverderbendeu „Volksproductionen" und Vorstellungen der Volkssänger fernzuhalten. Keine Kosten sind dem Juden zu groß, um seine Kinder gut zu erziehen und zu bilden. Und nun kommt ein Gregorig und spricht von jüdischen „Jnfecten-Bubeu". Hoffentlich ist die Zeit nicht ferne, wo auch in dieser Richtung eine Abrechnung stattfinden wird und da wird es sich zeigen, auf welcher Seite das Deficit vorhanden ist. Mögen die Juden fvrtfahren in der Pflege des Familienlebens. der zufriedenen Häuslichkeit, der rationellen Erziehung ihrer Kinder und sie werden dann kühn einen Vergleich bestehen können mit Cato-Gregorig und seiner antisemitischen Sippe. Ed. B eer. Jüdische Soldaten. Man schreibt dem „Israelit" aus London: Wie unberechtigt dieVorurtheile sind, die man gegen die Tapferkeit der jüdischen Soldaten hegt und denen man besonders in Deutschland Feigheit vorwirft, beweist ein Artikel in Züe Graphicvom 23. Tecembcr 1803 bei Gelegenheit eines Gottesdienstes (Chanucka) für jüdische Soldaten, einberufen vom Rev. Francis L. Cohen in der Borough- Synagogne, Alderstreet am 10. Dec. 1893 zur Erinnerung an die Kunst der Waffenhandhabung bei den alten Maccabäern. Es versammelten sich zu diesem Gottesdienste etwa 100 jüdische Qfficiere und Soldaten der activen Araree, sowie der ..ValauteM". Nach dem gewöhnlichen Abendgebet hielt Herr Cohen von seiner Kanzel, welche mit einer seidenen englischen Flagge drapirt war, eine militärische Predigt. Die Synagoge selbst war zu dieser patriotischen Feier ebenfalls mit Flaggenschmuck geziert. Flaggen in der Synagoge sind keine ungewöhnliche Erscheinung. In der alten Synagoge in Prag, — genannt die Alt-Neue Schule — befindet sich eine Flagge, welche dieser Genreinde vom Kaiser Ferdinand in Anerkennung ihrer Tapferkeit und Loyalität, welche sie bei der Belagerung der Stadt durch die Schweden 1618 entfaltete, geschenkt wurde und die heute noch zum Schmucke der Synagogen-Decke dient. Jede'., der die geringste Kenntniß der jüdischen Geschichte hat, sagt das erwähnte englische Weltblatt, muß sich wundern, daß es überhaupt noch einer Widerlegung dieses Borurtheils bedarf. — Abgesehen von den Kämpfen, welche die Bibel so oft darstellt, haben die Juden stets einen sehr entschiedenen militärischen Sinn gezeigt. Es konnte z. B. durchaus kein Zufall sein, daß eine große Anzahl jüdischer Freiwillige den "Armeen Alexanders des Großen sich anschlossen, oder daß Onias und Tositheus zwei Juden, hervorragende Commandeure unter Ptolemaus Philometer waren, oder daß Julius Cäsar auf die Tapferkeit der jüdischen Hilfe pochte. Daß Rom unter Titus und Hadrian vor Judäa zitterte, auch daß Mohammed es für nöthig hielt, ein specielles Gebet an Allah zu richten, er möge ihm doch beistehen, sich der jüdischen Krieger bei Khaiber zu bemächtigen, ist allgemein bekannt. Alles dieses ist natürlich lange her, aber der wesentliche Charakter und das Gefühl eines Volkes kann sich unmöglich verändert haben, wenn es seine 9kassen-Unterschiede so hartnäckig aufrecht erhielt, wie es bei den Juden der Fall ist. In der That, die neuere Geschichte beweist, daß in all ihren traurigen Demüthigungen die Juden ihre Kampfeslust, welche'sie in den Zeiten ihrer Unabhängigkeit so sehr auszeichnete, durchaus nicht verloren haben. In den großen revolutionären Kämpfen der Neuzeit figuririen sie in großer Anzahl. Sie folgten Napoleon in allen seinen Feldzügen und viele von ihnen erreichten hohe Stellungen m der französischen "Armee. — Ein ganzes Regiment jüdischer Freiwilliger zeichnete sich im Unabhängigkeitskrieg in Polen aus und Berec. ein Officier dieses Regiments wurde Oberst und mit der'Tapferkeits-Medaille auf dem Schlachtfelde beehrt. Als die Bereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit erklärten, da sammelte sich eine große Anzahl jüdischer Qfficiere mit dem Oberst Isaak Frank, aid-de-caoip des, General-Feldmarschalls Washington an der Spitze, um das Sternen-Banner. — Während des Krieges zwischen dem "Norden und Süden dienten, nicht weniger als 20 jüd. Feldofficiere, 10o active jüd. Qfficiere und 6000 freiwillige jüd. Soldaten bei den Vereinigten Armeen. — Gegenwärtig sind die Juden in allen Armeen Europas gemäß den Conscriptionsgesetzen der verschiedenen Länder ihrer Anzahl nach gebührend vertreten. Nur in Frankreich wurden sie zu hohen Stellungen zugelassen. In Rußland liefern sie im Vergleich zur Bevölkerung eine größere Zahl Recruten als ihre christlichen Mitbürger, scheinbar deshalb, weil die Gesetze gegen sie mit mehr Strenge angewendet wurden, als auf die orthodox-stavischen Staatsangehörigen. Was Groß-Britanuien anbeirifft, so war früher ein ganzes Corps jüdischer Freiwilligen in London, aber sie vermischten sich mit anderen Corps seit 1801. Eine ganze Anzahl jüdischer Familien sind auch jetzt noch in der englischen Armee vertreten, wie z. B. die Montefiores, Mocattas, Goldsmids, Sasportas, Basevis, Lousadas, Barrows und die Gomportz. Joshua Montefiore, ein Onkel des verstorbenen Sir Moses Montefiore war, der erste Jude der in England einen hohen militärischen Posten bekleidete. Er diente in verschiedenen Theilen der Welt und 1808 als Officier in der Pork-Light-Jnfantery; auch bei der Eroberung von Martinique und Guadaloupe war er gegenwärtig. Die Goldsmids haben sehr bedeutende Soldaten geliefert; dem Major-General Goldsmid wurde in der Schlacht bei Waterloo das Pferd unter dem Leibe erschossen. — Sein Großneffe Oberst Albert Goldsmid war bis vor Kurzem Deputy-Assistant- Aojurant-General ad Headquarters und war vom Baron Hirsch ersucht worden, die Kolonien von New-Exodus in Argentinien zu organisiren.