Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 4 (26.1.1894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Vesterrrichifchr Wochenschrift Seite 63 der nichts als Pflichten und wieder Pflichten und keine Rechte kennt, der Schritt für Schritt vom Erwerbe abgedrängt wird, — daß es diesem unglückseligen Menschenkinde noch immer viel zu gut gehe. Und so wird denn frisch und flott eine neue Hetze veranstaltet, diesmal gegen den Juden-nein, die Herren Rumänen können auch höflich sein — gegen den Israeliten als Kaufmann. Das will nicht weniger besagen, als eine Hetze gegen die ungeheure Majorität der rumänischen Inden. „Die Israeliten beklagen sich bitter" — so beginnt das Regierungsorgan seinen Leitartikel — „daß sie im rumänischen Lande verfolgt werden, ohne dem Umstande Rechnung zu tragen, daß in Wirklichkeit die Rumänen von der Judenschaft verfolgt werden (!!!) Da glücklicherweise nicht alle Hebräer politische Rechte genießen, ist der Kreis ihrer Thätigkeit ausschließlich auf das Geschäftsleben beschränkt; hier aber verfolgen sie erbarmungslos und ihr Borgehen ist ganz darnach angethan, entweder die Rumänen vollständig zu ruiniren oder sie zu Betrügereien zu veranlassen, um so die Concurrenz bestehen zu können. Das Handelsgericht erklärt regelmäßig in jeder Woche ungefähr fünf israelitische Kaufleute fallit. Alle (?) diese Fallimente sind frauduloser Natur." In dieser Tonart geht es fort. Dann heißt es: „Wir verlangen nicht wilde Verfolgungen, wir verlangen nicht einen Unterschied in der Behandlung von Christen und Anhängern der mosaischen Religion, aber wir haben das Recht zu beanspruchen — und das beanspruchen wir auch — daß inan uns nicht die gesetzmäßige Möglichkeit benehme, uns gegen Plünderer zu vertheidigen." Dieser Aufsatz ist ebenso in seiner Behandlung des Meritorischen als in der Form typisch. Solche Tartufferie kennzeichnet fast alle Aeußerungen der Rumänen über die Juden. Man stellt falsche Behauptungen auf, dichtet den Juden die unmöglichsten Dinge an und schließlich, nachdem die beabsichtigte Verleumdung ausgesprochen ist, erklärt man mit treuherziger Miene, daß dem Rumänen, diesen: Belgier oder Franzosen des Ostens, diesem Culturträger an der unteren Donau, Judenhaß völlig fremd sei. Was ist es aber mit den erwähnten Anschuldigungen des jüdischen Kaufmannsstandes in Rumänien? Nun, es ist ein einziges Körnchen Wahrheit daran, aber freilich auch dies in falschen: Lichte gezeigt. Da, wie der „Timpul" sagt, „glücklicher Weise" nicht alle Hebräer politische Rechte genießen, so müssen diese wohl oder übel sich mit dem Handel befassen. Ergo ist auch die Zahl der Kanfleute jüdischer Confession ungeheuer groß, und demgemäß ist auch die Zahl der zu Grunde gehenden Kaufleute dieses Bekenntnisses eine verhältnißmüßig große. Diemonstruöse Lüge, daß alle diese Kaufleute fraudulose Crida ausagen, ist so unglaublich, daß sie gar keiner Widerlegung bedarf — diese unerhörte Verleumdung kennzeichnet die einige Zeilen später affichirte Vorurteilslosigkeit des „Timpul", gleichzeitig auch die der meisten Rumänen. Wir haben augenblicklich nicht statistische Tabellen zur Hand, von kundiger Seite wird uns aber versichert, daß von den jüdischen und christlichen Kaufleuten in Rumänien die letzteren im Verhältnisse zu der Anzahl häufiger die Zahlungen einstellen. Dabei ist nicht zu übersehen, daß die jüdischen Kaufleute die Vermittler sind zwischen dem Auslands- und dem Jnlandshandel und in zweiter Linie vielfach auch als Engrossisten die Waaren an Rumänen auf Credit abgeben und daß gerade die Zahlungsunfähigkeit dieser letzteren sehr häufig den jüdischen Kaufmann zu Falle bringt. Die Behauptungen des „Timpul" sind in ihrer Gänze tendenziös entstellt und das absurde Detail, daß die Rumänen von den Juden verfolgt werden, wirkt geradezu humoristisch. Dies erinnert an eine in Rumänien wohlbekannte Anekdote, die, wenn sie vielleicht nicht wahr ist, doch so trefflich und charakteristisch ist, daß man keine bessere ersinnen könnte: „In einer Gerichtsverhandlung fragt ein zu spät gekommener Rumäne einen Stammesbruder, um was es sich handle. Und dieser antwortet, traurig den Kopf schüttelnd : „Ach, hat da der arme Rumäne dem schuftigen, bösen Juden ein Kalb gestohlen und wird am Ende gar noch verurtheilt!" Ja, so steht es in den letzten Tagen des so vielfach besungenen Jahrhunderts des Fortschrittes, daß in einem Lande eine nach Hunderttausende zählende Bevölkerung von einem anderen Theile der Bevölkerung in schmählichster Weise unterdrückt und verfolgt wird, und so oft der arme Rumäne dem bösen Juden irgend ein neues Leid zufügt, seufzt Ersterer tief auf über die ihm „im eigenen Lande" angethane Unbill ...." Das haben die Diplomaten vom Berliner Congreß mi ihrer Leichtgläubigkeit gegenüber den Vertretern Rumäniens verschuldet und unter den Folgen dieser übel angebrachten Vertrauensseligkeit haben Hunderttausende von Menschenkindern bitter zu leiden. Wie lange noch? Das wissen die Götter und die Diplomaten. Vom Wiener Nntisemitenmarkt. Vergani s Gaunerblindheit. Woran es doch nur liegen mag, daß Herr Ernst Vergani gaunerblind ist? Wir bilden das Wort nach dem Muster von „Farbenblind". Der Farbenblinde sieht bekanntlich nur einzelne Farben, der Gaunerblinde Ernst Vergani will keine arischen Spitzbuben sehen. Da haben wir das „Deutsche Volksblatt,, vom 20. d. M. Auf Seite 6 findet sich eine Notiz mit der Spitzmarke: „Jüdische Defraudanten." In derselben werden drei angebliche Juden mit Ausrufungszeichen vorgesührt, welche wegen verschiedener Eigenthumsdelicte dem Landesgerichte eingeliesert wurden. Der Eine dieser drei angeblichen Juden heißt Theodor H i n t e r t h ü r, ist zu Meppen in Preußen geboren und — Protestant. Ein Zweiter, der bereits mehrfach abgestrafte Adolf Krebs, ist, wie das „Deutsche Volksblatt" vermuthlich am besten weiß, sogar ein notorischer Antisemit und besonderer Schützling des Herrn Jedliczka! Krebs war Buchhalter der I. Genossenschaftlichen Waarenhalle der Tischlermeister Wiens, in der Herr Jedliczka eine so große Rolle spielt; auf derselben Seite finden wir aber noch eine lange Serie anderer interessanter Notizen. Da wird erzählt, daß zwei Strolche den Laden des Trödlers Nathan Patznik erbrochen und ausgeraubt haben. Die Strolche waren Arier, aber Vergani ist ja „gaunerblind", er vergißt dies ausdrücklich zu constatiren. Eine zweite Notiz bringt zur Kenntniß, daß der Budapester kgl. Gerichtshof die Ausforschung des Zauberkünstlers Ludwig Csap wegen Raubes angeordnet habe. Csap ist Arier, was Herr Vergani wieder zu constatiren vergißt. Dann erhalten wir Kenntniß von einem gestohlenen Geldsäckchen. Der Dieb ist ein arischer Fleischhauergehilfe Namens Franz Wellan, der Bestohlene ein jüdischer Kaufmann Namens Abraham Hermann. Vergani vergißt abermals, die Confession des Ganners zu constatiren. Nun kommt eine lange Geschichte unter dem Titel: „Ein Berbrecher- Consortium von jungen Mädchen." In Meidling ist ein äußerst gefährliches Gauner-Consortium, durchwegs aus jungen Mädchen bestehend, entdeckt worden. Die Namen sind interessant: Marie Schrank, 18 Jahre, genannt der „Remis-Ruß", Leopoldine Hohniggel, 16 Jahre, genannt die „g'flickte Poldl", Wilhelmine Ritter, 16 Jahre, genannt „Dragoner-Minerl", Johanna Mussil, 16 Jahre, genannt der „g'flickte Potschen", und die 19jähr:ge Irschik. genannt das „Elephanten-Weiberl". Diese hoffnungsvollen Blüthen des Arierthums haben Diebstähle, Raubanfälle und Einbrüche verübt. Vergani vergißt zu erwähnen, daß sie der arischen Jugend angehören. Weiters wird von zwei Einbrüchen bei jüdischen Parteien berichtet — die Einbrecher sind Arier, was Vergani wieder mit christlicher Nächstenliebe verschweigt. Zwei Schwestern Elvira und Emma Agostino werden dem Landesgerichte wegen Diebstahles eingeliefert — sie sind Arierinnen mit italienischem Typus. Den Typus constatirt Herr Vergani, das Arierthum verschweigt er. Wir sind noch immer nicht fertig! Das Wiener Landesgericht verfolgt den Baron Erwin von Hazdan wegen Betruges — einen blaublütigen Arier. Das Polizei-Commiffariat Ottakring currentirt den Complicen des Schlvssergehilfen Josef Ruiihn er, einen Burschen mit dem Spitznamen „Gigerl", wegen Diebstahls — Vergani verschweigt seine Stammesangehörigkeit. Das Alles findet sich auf derselben Seite 6, auf welcher drei angeblich jüdische Gauner mit Ausrufungszeichen unter ausdrücklicher Hervorhebung ihrer Confession angeführt werden. Aber die Gaunerblindheit Vergani's nimmt immer bedenklichere Dimensionen an. Auf Seite 5 wird die Sensationsgeschichte des Einbrechers Svietly und seiner Complicen erzählt, einer großen, wohlorganisirten Einbrecherbande, bestehend aus Ariern und Arierinnen Namens Svietly, Stöger, Hauser, Altenhofer, Wolge rc. Bei all' diesen Ehrenmännern und Ehrendamen vergißt Vergani die Confession anzugeben. Ebenso vergeßlich ist er gegenüber dem gräflichen Betrüger Conte Piatti, der zu 2Vr Jahren schweren Kerkers verurtheilt wurde. Woran es doch nur liegen mag, daß Herr Vergani „gaunerblind" ist. Sollte er bei jedem Verbrecher von vornherein das Arierthum stillschweigend voraussetzen und daher