Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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ötitc 50 Drsterrrtchifitzr WochrnfchrM Jlx. 3 Geehrter H err Redacteur! Durch einen Zufall gelange ich heute zur Kenntnis; der folgenden Thatsache, die ich zur Kennzeichnung der unter der christlichen Landbevölkerung über die Inden herrschenden Anschauungen und als einen Beitrag zur Entstehung und Verbreitung des Blutmärchens der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten möchte. Bei dem Teppichhändler Herrn Hassan, einem Mitgliede der türkisch-jüdischen Colonie. ist seit Kurzem ein christliches Mädchen als Amme bedienstet, welche mit diesem Platze und mit der Behandlung, die ihr von ihren Dienstgebern widerfährt, überaus zufrieden ist. Dieser Tage nun erhielt das Mädchen von seinem in Rybnik bei Kromau (Mähren) wohnhaften Eltern die folgende offene Coires p o n d e n z k a r t e in böhmischer Sprache: „Herzlichen Gruß der Gusti! Ich gebe Dir zu wissen, den Platz nimm nicht für so wenig Geld, namentlich bei Juden, denn wenn Deine Hausleute hinter Dir gehn, so wird das Ende sein, daß sie Dich erschlagen und es wird Niemand von Dir mehr wissen. Gehe lieber des Nachts durch! Füttere nicht diese Fremdlinge, das sind Wölfe gegen Christen, das ist kein Platz für eine Amme, welche dort verlassen ist ivie in einer Burg. Es ist vor den jüdischen Feiertagen, sie wird Dich abschächten und es wird mit Dir aus sein. Geh' durch, bevor es zu spät ist. Mit Gott Joses H l a d k y. Auch von dem Geliebten des Mädchens, den in der Goldschlagstraße wohnhaften Schlossergehilsen Joses Bednarz gelangte eine Co r r es p o nd e n z f a rte ähnlichen Inhaltes an. In derselben heißt es: „Mit Ehre! — Ich baute Euch, daß Ihr mir mitgetheilt habt, wie sich die Sache verhält. Derjenige, welcher ihr den Platz verschafft hat, hat keinen Kopf und keinen Verstand gehabt, er war ein Ochs ohne Gedanken, daß er so eine That vollbrachte. Gewiß wird sie keinen Vortheil davon haben, wenn sie ihr Blut in den Nachen der Juden stopft. Wenn sie nicht sreiwillig sortgehen wird, werden wir sie polizeilich ausheben lasten, damit sie nicht bei Jrrden Amme ist." Zweierlei ist an diesen Zuschriften in hohem Grade ausfällig. Zunächst der Umstand, daß die Ausdrucksweise nicht diejenige eines gewöhnlichen böhmischen Bauers ist, so daß man unwillkürlich zu der Annahme gedrängt wird, cs habe hier ein höherer Einfluß mitgespielt. Es ist selbstverständlich das Recht des Vaters, seiner Tochter zu rathen, ja sogar ihr zu befehlen, einen Platz als Amme nicht bei Juden anzunehmen. Darin läge nichts Ungewöhnliches, das kommt häufig vor. Aber die Begründung dieses Verbotes mit dem Blutmärchen deutet auf planmäßige Agitationen unter dem Landvolk hin, für welche in letzter Zeit wiederholte Beweise erbracht wurden. Das zweite Moment ist die anstandslose Beförderung offener Karten, welche die Blutbeschuldigung enthalten, seitens der Post. Es besteht eine Verordnung, daß offene Correspondenzen beleidigenden oder aufreizenden Inhaltes nicht befördert werden dürfen. Wie ist es nun möglich, daß die beiden oben mitgetheilten Correspondenzkarten mit ihrem ungeheuerlichen Inhalt dennoch an ihre Adresse gelangten? Eine energische Interpellation an die Postverwaltung wäre da wohl am Platze. Hochachtungsvoll 8. GonesponäenLen. Wien. Se. Ehrwürden, Oberrabbiner Dr. Güoem a ii n ist von einem schweren Schicksalsschlage heimgesucht worden. Am 13. d. M. starb dessen Gattin Frau Fanni G ü d emann, geborne Spiegel, nach langen-, schwerem Leiden. Der Tod hat hier einen Herzensbund von seltener Reinheit und Innigkeit zerrissen. Wie eine wahrhaft heilige Liebe die beiden Gatten in der Jugend zusammengeführt, so hat treue, selbstlose, aufopfernde Liebe bis ins Alter ihre Herzen durchglüht und ihre Tage erhellt. Die Verblichene war ein Muster edelster Weiblichkeit, voll und ganz erfüllt von dem erhabenen Berufe ihres Gatten und mit hingebender Sorgfalt bemüht, ihm die Ausübung desselben zu erleichtern. Kein besseres Wort vermögen wir zum Ruhme dieser ausgezeichneten Frau zu finden als das herrliche Lob Salomons: „Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler als die köstlichsten Perlen. Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, sie thut ihm Liebes und kein Leides sein Leben lang. Ihr Mann ist berühmt in den Thoren, wenn er sitzet bei den Aeltesten des Landes. Sie wird gerühmt werden von den Früchten ihrer Hände und ihre Werke werden sie loben in den Thoren." Trotz der hohen Verehrung, mit welcher man ihr in allen Kreisen begegnete, lebte sie zurückgezogen, mied die großen Gesellschaften, zufrieden nnd glücklich m der Erfüllung ihrer häuslichen und Standespflichten und zahlreiche Arme und Nothleidende verlieren in ihr ihren Schutzengel. Seit Jahren zehrte ein schweres Siechthum an ihrem Leben. Aber mit rührender Zärtlichkeit verbarg sie dem geliebten Gatten ihre schmerzliche Pein und ihre düsteren Ahnungen. Noch aufdemTodtenbette, noch im Angesichte des Unabwendbaren übte sie die Pflichten der Hausfrau mit jener Selbstvergessenheit, welche stets nur auf das Wohl des theuren Geführten bedacht ist und des eigenen Leides nicht achtet. Sie war eine tief fromme Natur, und diese wahrhafte Herzensfrömmigkeit verlieh ihr die Kraft, ruhig und gottergeben auch das Schlimmste zu ertragen, den Gedanken an die zeitliche Trennung von dem Manne, dem sie Alles war und dem jeder Pulsschlag ihres Herzens gehörte. Zu Hunderten und Hunderten zählen die aus Nah und Fern telegraphisch und christlich angelangten Condolenzen, die sich in den Ausdrücken rührender Verehrung für die Heimgegangene überbieten. Der Raum reicht nicht aus, auch nur die wichtigsten dieser Zuschriften einzeln namhaft zu machen. Nur das Schreiben, welches der israel. Cultusvorstand in Wien dem Herrn Oberrabbiner zugemittelt hat, möge hier eine Stelle finden. Dasselbe lautet: „Sr. Ehrwürden Herrn Dr. Moriz Güdemanu, Oberrabbiner der israel. Cultusgemeinde Wien. Euer Ehrwürden! Der Unterzeichnete Vorstand hat mit tiefster Betrübniß Kenntniß genommen von dem schweren Leid, das Euer Ehrwürden getroffen' und das auch durch den Umstand nicht gemildert erscheint, daß sein Eintritt leider schon geraume Zeit als unabwendbares Berhängniß vorhergesehen und gefürchtet werden mußte. Denn in dem Heim gange Ihrer edlen Gattin betrauern Sie, hochverehrter Herr O berrab b iner, d en Verlust der treuen Lebensgeführt in, die nicht allein — mit allen Tugenden des jüdischen Weibes ausgestattet — Ihnen in hingebungsvoller Liebe stets zur Seite stand, sondern auch durch ih r e h o h e g e i st i g e Veranlagung inderLage war, verständnißv o l l A n t h e i l nehmen zu können an dem geistigen Streben und Wirken ihres Gatten. So charakterisirte die schönste Harmonie des Herzens und des Geistes die Häuslichkeit — deren Herrin nun ihr Auge geschlossen. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde begreift und würdigt Ihren Schmerz, hochverehrter Herr Ob^rrabbiner, er nimmt den innigsten Antheil an demselben, er will aber auch mit diesen Zeilen seinem tiefem Wunsche und seiner Hoffnung Ausdruck geben, es werde Euer Ehrwürden gelingen, in der Ausübung Ihres hehren Berufes Linderung Ihres Schmerzes und die nothwendige Ruhe des Gemüthes wieder zu finden. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberrabbiner, den Ausdruck unserer besonderen Hochachtung und Verehrung, mitderwirzeichnen Wien, am 14. Jänner 1894. Der Vorstand der Israel. Cultusgemeinde Dr. Gustav Kohn, I. Hildburghäusser, Moriz Karpeles, Dr. Theodor Lieben, Secretär." Eine gleiche Zuschrift kam vom Vorstande der Türkischisraelitischen Gemeinde in Wien (Sephardim) und vom Vorstande der israel. Cultusgemeinde in Lemberg. Das Leichenbegängnis; gab nicht minder Zeugniß von der Liebe und Verehrung, welche die edle Frau in allen Kreisen genossen hatte. Im Trauerhause hatte sich die Elite der Wiener jüdischen Gesellschaft eingefunden, um der Verblichenen die letzte Ehre und dem gramgebengten Gatten ihre Theilnahme zu bezeugen. Wir sahem u. A. die Herren: Baron Hermann v. Königs-