Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-19 · 3 (19.1.1894) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
3 (19.1.1894)
Date
1894-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021011--03147-3027270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 44 Vesterredtzifchr — Nicht wir, Herr. Gott hat es gethan, antwortete ein Greis aus der Mitte der Juden. — Aber, Menschen, Eure Rache ist grausam, wir sind ja Christen — Goim, schrie ich jetzt noch lauter. — Geschrieben steht: „Du sollst die armen und kranken Goim genau so mild und mit derselben Liebe behandeln nnd pflegen, wie die aus dem Hause Israels, und Du sollst auch die Todten der Goim begraben wie Deine eigenen" —■ antwortete mit Würde der Greis. — Wo steht das geschrieben? — fragte ich erstaunt. „Im Talmud Bawli, Traktat Gitin, ans Seite 61" — war die Antwort*). Teutobold's unmatzgebliche Ansichten. XVI. Wien, Mitte Januar 1894. Liebster Cumpan Pumpo! Haben wir es ihnen gegeben? Haben wir es ihnen diesmal gezeigt? Zwar kehren schon seit einer längeren Reihe von Jahren derartige liebliche Debatten im Landtage immer wieder, aber eine solche, wie die heurige, gab es bis dato noch nicht. Großartige sage ich Dir, Lueger und Gregorig wieder einmal prachtvoll. Das fehlte uns noch, den „Deutschen Schulverein" subventioniren. Wie ich ihn hasse, diesen Deutschen Schulverein, diese verjudetste Genossenschaft — gegen ihn ist ja die Chetvra-Kadischa der reine Germanenbund. Mußt Dir nur mal den Stundenplan ansehen, Pumpo. Von 8—9 Schulchau, von 9—10 Aruch, von 10—11 praktisches Schächten, von 11—12 Scholetologie, vorgetragen von Professor Tonello, von 12—1 Berechnungen geometrischer Körper mit besonderer Berücksichtigung der „Kugel"; die Nachmittage sind erläuternden Vorträgen über die großen Meister der jüdischen Kanzelberedsamkeit wie Mannheimer, Jellinek, gewidmet. Rabbi Weitlos inspiciit das Ganze . . . Dazu also sollten meine sauer verdienten, arischen Stcuergelder verwendet werden, wenn ich welche zahlen würde? Das wäre ja ein geradezu erschrecklicher Mißbrauch, der unmöglich geduldet werden dürste. Wie käme denn ich armer, ausgcbeutelter Steuerzahler dazu, eine so specifisch-jüdijche Einrichtung zu fördern, wie diesen Deutschen Schulvereiu? Ta war unser selig in Schönerer entschlafener „Schütterem für Deutsche" ganz ein anderer Kerl. Er hatzwar blos drei Kindergärten ins Werk gesetzt, aber die waren dafür so judenrein, wie nur wünschenswcrth. Wir sehen nämlich schon bei den allerkleinsten Kindern darauf. Man kann nicht früh genug an fangen. Wo eigentlich die Gelder Unseres Vereines hiugekommeu seien, fragte man unter Anderem den Hauck. Ich halte das für eine jüdisch-vordringliche Frage semitischer Neugier. Das sind jedoch unsere allerinternsten Angelegenheiten, die gehen die Semiten gar nichts an. Von politischen Zwecken wurde was gesagt. Unsere Wahlen kosten ohnehin wenig genug, weil wir sogar die Wagenthürlaufmacher ersparen und dies in eigener Regie besorgen. Der Säckelwart des Schulvereins für Deutsche hat seine Baarbestände wohl dem Schatzmeister des Germanenbundes aufzuheben gegeben — und Letzterer hinwieder den Ersteren seines Vertrauens in dieser Hinsicht gewürdigt. So hatten sic wechselseitig Einer vom Andern genügende Sicherheit in Händen. Und jetzt sind beide Baarschaflen so gut versteckt und verwahrt, daß nur die leeren Cassen gestohlen werden könnten. Wo das Geld wirklich hingekommen ist, weiß Niemand und wird auch sobald Keiner erfahren. Die stramm Teutsch-Nationalen plaudern nichts aus, sie wissen ein Geheimniß in treu-germanischer Mannrsbrust fest und stark zu hüten. Und setzen wir gar den Fall, die Gelder wären zur Anfeuchtung von ausgetrockneten germanischen Kehlen verwendet worden, — interne Angelegenheit — so wäre dies nach meiner Ansicht nur eine ganz ausgezeichnete Verwendung in Wochenschrift Nr. 3 echt nationalem Geiste, eine rühmenswerthe wackere Deutsch- That. Wird ein Verein ausgelöst, so löst sich das Geld eben mit auf. Das ist doch klar und begreiflich und sollte nicht so ein großes Wesens davon gemacht werden. Gregorig, unser vorzüglichster Zwischenrufer im Streit, hatte eine glänzende Woche wie nie; ein oratorischer Erfolg trat dem andern auf die Fersen. Er sprach in derselben würdigen, gewinnenden und immer geistvollen Weise, die seine Parteigenossen von jeher an ihm geschätzt haben. Du, Pumpo, ich sage Dir, das ist ein sehr bedeutender Mensch. Die colossale Bildung seines geläuterten Geistes ist der seines edlen, großgesinnten Herzens vollkommen ebenbürtig. Der Mann beherrscht ein ungeheures Gebiet des menschlichen Geistes, Unterhosen und andere dunkle und verwickelte Sachen nicht allein, er versteht sich nicht nur auf schlecht sitzende Hemden, sondern auch darauf, daß das moralische Nachtleibel der christlichen Bevölkerung ein solides, sittlich-religiöses Unterfutter erhalte. Seine Sorgfalt erstreckt sich in dieser Hinsicht sogar aus das Seelenheil des sonst bestgehaßten Bürgermeisters und er findet, daß derselbe anstatt des kostspieligen Empfangsabends im Rathhaus, lieber eine weitaus billigere Betstunde im katholischen Gesellenverein, die auch ganz amüsant ist, hätte abhalten können. Die theure Beleuchtnng des Rathhauses hat unseren Gregorig besonders, und wie ich glaube, mit Recht verdrossen. Wenn der Bürgermeister von Wien empfängt, kann er sich und seinen Gästen ein Paar Schusterkerzen anzünden und es ist gerade so gut. Auch betet dieser gute Prix viel zu wenig. In einer Interpellation wird demnächst gefragt werden, ob der eiserne Johann Nepomuck, wenn er sich Abends zur Ruhe begibt, auch ordentlich händefaltend im Bettchen knieend, sein Nachtgebetlein sagt: „Müde bin ich, geh' zur Ruh, schließe meine Aeuglein zu" oder ob er — was uns viel wahrscheinlicher für seine bekannte Gesinnung zu sprechen scheint, nicht gar am Ende betet: „Erlöse uns von dem Uebel." Das muß herausgebracht werden. — Gregorig ist, wie Du weißt, mein lieber Pumpo, ebenso principieller, erbitterter Gegner des Frauenerwerbvereins, als der freiwilligen Rettungsgesellschaft, des Deutschen Schulvereins und aller Volksbildungsvereine, ob sie nun alte Schmöker in Volksbibliotheken unentgeltlich herleihen oder Sonntags die Leute mit ihren Gratisvorlesungen behelligen. Gregorig hat wieder Recht. Ich muß diesem ebenso erleuchteten, als großherzigen Parteigenossen und Schwätzmeister abermals in allen Stücken seiner prächtigen Ausführungen Recht geben. Wozu diese Vorlesungen? Kann der kleine Manu nicht lieber Schneider's milde Weisheit, Schlesinger's tiefsinnige, nationalökonomische Forschungen, Lichtenstein's sociale Probleme, Lueger's anatomische Studien und — vor Allem Gregorig's großartig angelegte Reden sich anhören? Prosttirt er da nicht weit mehr? Wird dadurch dem Kleingewerbe — besonders den Glasermeistern — nicht viel besser gedient? „Von die Clässiker kann man nicht leben." hat Gregorig, der große Mann gesagt. Dies herrliche Wort sollte in Marmor gegraben und in der Aula aufgestellt werden. Das „die" nehmen ihm die liberalen Tintenjuden zwar gewaltig übel. Und doch hat er wieder Recht, auch damit : . er zeigt, daß er ein nach allen Seiten gänzlich unabhängiger, freier Mann ist, der sich von Niemandem, am allerwenigsten von einem kleinwinzigen Pronomen was vorschreiben läßt. Ob Dativ oder Accusativ, das ist ihm schnuppe; mit souveräner Selbstverfügung wahrt er sich das Recht, den Fall aus eigener Machtvollkommenheit zu bestimmen, welchen das „von" zu regieren hat. Und kann man von „die" Clässiker eigentlich leben? Nicht einmal von „den". Geht irgend ein vernünftiger Mensch in ein Gasthaus und verlangt eine Portion Schiller, einen kleinen Goethe öderem Viertel Shakespeare? Ein eingemachtes Grillparzer hat noch keinen fett gemacht, aber ein gutes Entert, braun unb knusperig gebraten, mit Salat — das ist doch ganz was anderes, gelt? Gregorig, der Weise soll leben — die Unterziehhosen-Philosophie soll leben —nieder mit „d i e" Clässiker! ') Citirt in ber oben bezeichnten Nr. 46 der „Wosschod?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.