Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3 VrSerrriMiche WochrnkchrM Seite 43 socialistische Redner. Der Antisemitismus aber betreibt sein Handwerk der Verhetzung und Unterwühlung ungestört weiter, ihm gegenüber waltet der Arm des Gesetzes mit unbegreiflicher Milde. Ja diese Milde ist unbegreiflich, denn das antisemitische Gesindel ist ja so erbärmlich feige, daß eine einzige kräftige Manifestation von Seite der Regierung, ein einziges energisches Exempel genügen würde, um demselben Lust und Muth zu weiteren Hetzereien zu benehmen. Aber diese entschiedene Manifestation läßt leider noch immer auf sich warten, das Signal zu solch' energischem Einschreiten wird nicht gegeben. Wir kennen nicht die Anschauungen, die hierüber in den maßgebenden Kreisen herrschen. Allein wir möchten vor der Annahme warnen, daß der antisemitische Hexensabbath seinen Höhepunkt überschritten habe und sich bald von selbst ausgetobt haben werde. Eine laxe Handhabung der Gesetze gegenüber ungesetzlichen Agitationen ist eher geeignet, zu ermuthigen, als abzudämpfen und die cisleithanische Regierung hätte ja an der Haltung der ungarischen ein wirkungsvolles Beispiel vor sich, wie man einer den Frieden der Gesellschaft bedrohenden Hetze mit einem Schlage ein Ende zu machen vermag, und wie eine pflichtbewußte Verwaltung selbst die versuchte Ungesetzlichkeit mit rücksichtsloser Strenge verfolgen muß. Das Cabinet T i s z a hat der Judenhetze in Ungarn rasch den Garaus gemacht und der Antisemitismus ist jenseits der Leitha nur mehr eine traurige und für jeden Patrioten demüthigende Erinnerung. Trotzdem hat es das Organ der clericalen Partei in Ungarn, der „Magyar Allam", in seiner Wuth über die Durchführung der kirchenpolitischen Reformen vor wenigen Tagen gewagt, der liberalen Partei mit einer neuen Auflage von Judenverfolgungen zu drohen. Jedermann im Lande wußte, daß man es hier mit einer leeren Drohung zu t-hun habe, die weit, weit weniger ernst zu nehmen war als die bekannte Aufforderung des Ritters Stampiglius, die Juden wie einen Wildschaden abzuschießen. Und trotzdem hat die ungarische Regierung nicht gezögert, gegen den „Magyar Allam" die strafgerichtliche Verfolgung eiuznleiten. Man sage uns nicht, daß dies aus politischen Rücksichten geschah, weil das clericale Blatt gegen eine Action der Regierung zum Sturme geblasen hatte. Die liberale Partei in Cisleithanien, die ja stets nur die judenliberale genannt wird, hätte weit mehr Ursache, ihre politische Reputation gegenüber dem Antisemitisnius zu wahren, als die liberale Partei in Ungarn die ihrige gegenüber dem Clericalismus. Aber jenseits der Leitha ist eben die Regierung die unbeugsame Hüterin des Gesetzes und hat eine feine Empfindung für die contagiösen Wirkungen jeder von oben geduldeten Rechtsverletzung. Sie will auch nicht den leisesten Zweifel darüber aufkommen lassen, daß die Gleichberechtigung der Confessionen im Reiche der Stephanskrone zur Wahrheit geworden ist. Wenn aber in der diesseitigen Reichshälfte, solche Zweifel vollauf begründet scheinen, so sind die Regierungen — leider auch noch immer die gegenwärtige — von der Schuld hiefür nicht freizusprechen. Ein freies, aufklärendes und erlösendes Wort von Oben her — und der ganze häßliche Spuk der Inden- Hetze wäre zerstoben! Wie lange werden wir auf solch ein Wort noch warten müssen? Zur Tage der Juden in Russland. Das „Deutsche Volksblatt" hat sich in den letzten Nummern von russischen Antisemiten schauderhafte Erzählungen schreiben lassen von der ausbeuterischen Thätigkeit der unglücklichen russischen Juden. Der Gewährsmann des genannten Lügeublattes ist ein sicherer Herr Pjatkowski, welcher die Klagen der russischen Juden auf den Umstand zurückführt, daß man ihnen in Rußland ihre ausbeuterische Thätigkeit unterbindet. In naiver Weise wird da gefragt: „Ist es schon.hungernden Juden je eingefallen, daß sie durch Feldarbeiten für sich und ihre Familie das tägliche Brot erwerben könnten? Hat man schon je was davon gehört, daß Juden eben zu diesem Zweck die Erlaubniß nachsuchten, in den inneren Provinzen leben zu dürfen?" Wir antworten darauf mit einem trefflichen Artikel aus dem Berliner Abwehrorgan, welches nach den Berichten der antisemitischen Blätter „Kijewljanin", des „Odeßki Wjeßtnik" und selbst in der „Nowoje Wremja" constatirt, daß in diesem Herbst nicht weniger als 3000 junge Juden auf den Feldern der südrussischen Grundbesitzer und zur größten Zufriedenheit der Letzteren als Taglöhner gearbeitet haben. Ja, wenn die verächtlichen Berufshetzer nur offene Augen hätten und sehen wollten, wie das russische Israel in der Wirklichkeit lebt, denkt und handelt. Einige Citate aus den letzten Ausgaben der antisemitischen Presse in Rußland mögen es beweisen: „Bon der schmalen, ungepflasterten und zu keiner Jahreszeit ganz austrocknenden Straße sehen Sie nur ein halbverfaultes Strohdach, das irgend ein in bedeutender Vertiefung befindliches Gebäure sehr schlecht zudeckt und Sie wissen zunächst nicht, ob das ein Brunnen, ein Keller, oder ein — Schweinestall ist. Es ist aber weder das Eine, noch das Andere, oder das Dritte. Hier in dieser abscheulichen Grube leben Dutzende von schmutzigen, hungernden und in Lumpen gehüllten Menschenwesen, aber sie leben doch merkwürdiger Weise, denn sie sind Juden,, ... So beschreibt Herr Pach'inww seine Reiseeindrücke aus Moplew in einer Correspondenz au den „Wilenski Wjestnik".*) Das sind die unveränderten „Lebensbedingungen der jüdischen Ausbeuter" in den Städten der westlichen Provinzen seit mehr als einem halben Jahrhundert. Sehen wir nun zu, wie diese Geächteten, denen angeblich alles sittliche Bewußtsein abhanden gekommen ist, im Augenblick der schwersten Prüfung und der allgemeinen Gefahr handeln. Derselbe Herr Pachimow, der im Aufträge des genannten Blattes die westlichen Provinzen zur Zeit der Heimsuchung durch die Cholera im Hochsommdr dieses Jahres bereiste, weiß davon ein Liedchen zu singen: „So zahlreich die Inden in den Städten der westlichen Provinzen zusarnnlengepfercht sich finden, so sind sie doch keineswegs die einzigen Bewohner derselben. In Minsk, Mojilew und Botryskupsk . wohnen z. B. auch viele Christen: Polen, Deutsche, Groß- und Kleinrussen. Doch, die Ersten, welche muthig auf dein Kampfplatz erschienen, um dem Würgengel die Opfer streitig zu machen, waren überall die Juden, besonders die junge Generation derselben. In einigen Tagen haben junge Männer und Jungfrauen aus der Mitte der Juden die ganze Stadt durchstreift und so viel Naturalabgaben an Thee, Zucker, Wein und Cognac gesammelt, daß sofort an den verschiedensten Punkten der Städte Zelte aufgeschlagen werden konnten, wo an Jedermann, gleichviel welcher Nationalität und Confession, zu jeder Tages- und Nachtzeit unentgeltlich guter, frischer und heißer Thee mit Wein, oder mit Cognac verabreicht wurde. Die Bedienung besorgten junge Mädchen aus den besten jüdischen Familien, die alle drei Stunden sich pünktlich ablösten. Die Alten richteten wieder an einer jeden Synagoge Sanitätswachen ein, wo sich gleich ein Arzt oder doch ein erfahrener Feldscheerer mit den nöthigen Medicamenten befand und — große Placate in drei Sprachen (russisch, deutsch und polnisch) verkündeten laut: Die Sanitätswachen an den Synagogen sind nach dem jüdischen Religionsgesetz verpflichtet, Jedermann ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses schleunigst zu Hilfe zu eilen und Alles zur Rettung der Kranken zu thun, gleichviel ob diese Inden, Christen oder Heiden sind" . .**) Herr Pachimow, ein waschechter Moskowiter, gesteht offen, daß er früher nie Sympathien für die Juden hatte, die er sich nur als „hartherzige und tzplt rechnende Egoisten" vorzustellen vermochte. Aber nie in seinem Leben werde er folgenden Vorfall in der Stadt Minsk vergessen, dessen Augenzeuge er war: „In der großrussischen Familie Ch. erkrankte die älteste Tochter. Alle Angehörigen werden von einer lähmenden Panik ergriffen und ein Arzt ist nicht zu finden. In ihrer Verzweiflung lief die Mutter zur nächsten Judensyuagoge, wo die Sanitätswache ihr augenblicklich ins Haus folgte. Dem geschickten und energischen Vorgehen des jüdischen Fel'dscheerers gelingt es, das Mädchen dem sichern Tode zu entreißen. Die glückliche Mutter weint Thräneu der Rührung und der Freude und sie beeilt sich, ihre tiefempfundene Dankbarkeit dadurch zum Ausdruck zu bringen, day sie einem jeden der anwesenden Juden — acht an der Zahl — einen Zehnrubelschein in die Hand drückt. Zu ihrem unaussprechlichen Erstaunen legen aber die Inden, w'e auf Verabredung, alle das Geld wieder auf den Tisch. erklärten, ihre Rettungsarbeit sei unentgeltlich für x :•. .rr. rna und wer Geld hat und geben will, der müsse es den: oraanisirten Rettuugsfond zuweisen. Ich verhielt mich d e gaZTt passiv und war stummer Zeuge der rührenden Sc. Dach konnte ich es beim Anblick dieser zeitgenössische.! TuT >..icht länger aushalten und ich schrie laut auf: Aber, Ihr habt ja ein theures Leben gerettet!" *! Citirt im „Wosschod" Ar. 45 vvm 2o. 2cccmt\n\ **) Citirt in der „Rußkaja Schiza". iMossched 45, vom 20 December.)