Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021011--03145-3027268- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seitt 42 Vestrrretchtfchr Wochenschrift Nr. 3 Genossen gesellten sich neun andere Antisemiten, unter denselben die würdigen katholischen Priester Scheiche r und Schnabl. Nie hat es eine Partei gegeben, welche alle Principien der Humanität, jede Regung menschlicher Theilnahme und menschlichen Empfindens so grundsätzlich verleugnet und verhöhnt Härte, als diese Entarteten des neunzehnten Jahrhunderts, welche plötzlich ihr mildes Herz entdecken für die leidende Thierwclt und ein SH'ächtverbor fordern. Was Herrn Stampiglius betrifft, so halten wir diesen Menschen einer ernsten Erwiderung kaum würdig. Den übrigen Unterzeichnern des Antrages im nied.-ösierr. Landtage möchten wir ein kleines Geheimniß verrathen. Es hat das ästerr. Mini st e r i u m des I n n e r n in der Frage des Schächtverfahreus wiederholt Erhebungen veranlaßt und es existirt ein Ministerialerlaß allerjüngsten Datums, welcher der jüdischen Schächt methode das g ü n st i g st e Z e u gn i ß a u s st e ll t: Erlaß des k. k. M i n i st e r i u m s des Innern mitgetheilr durch den k. k. Statthalter von Steiermark Baron K ü b e ck an den Stadtrath von Graz. „Z. 9940. Abschrift. An den Stadtrath Graz: Auf die vom Stadtrathe unterm 10. Jänner l. I., Z. 103.698, gestellte Anfrage, ob ein allgemeines Verbot des bei den Juden üblichen „Schächtens" der Schlachtthiere zu gewärtigen sei, wird dem Stadtrathe in Folge Erlasses des k. k. Ministeriums des Innern vom 11. l. M., Z. 2560, eröffnet, daß „die im Jahre 1888 über die bei den Israeliten übliche Methode des „Schächtens" der Schlachtthiere durchgeführtcn Erhebungen zu dem Ergebnisse geführt hatten, daß, wenn alle Bestimmungen des Rituals erfüllt werden, i n d e r M e t h o d e d e s „Schächtens" eine 1 h i e r g u ä l e r i s ch e Handlung nicht g e f u n d e n werden kann, daher auch für das Ministerium des Innern eine Veranlassung nicht v o r l i e g t, um gegen dieselbe ein z u s ch r e i t e n." Graz, am 19. April 1893. Der Statthalte r." Wir bemciken schließlich, daß, als dieser Erlaß an die Statthalterei in Graz erging, an der Spitze der österreichischen Regierung noch Graf T a a f f e stand. Er war Ministerpräsident und Leiter der Ministeriums des Innern und der erwähnte Erlaß trägt seine Unterschrift. Sind die Herren Antisemiten in ihrem Gewissen nunmehr beruhigt? Me lange noch? Im niederösterreichischen Landtage und im Gemeinderathe hat es neuerlich antisemitische Scandale gegeben. In beiden Vertretungskörpern wurden die bekannten Hepp-Hepp-Rufe angestimmt und von den Galerien herab erscholl das Beifallsgejohle des Stammpublicums, das zu solchen Gelegenheiten immer maffenhaft aufgeboten wird. So oft nun solche öffentliche Aufreizungen gegen die Inden Vorkommen, gibt es immer einen Haufen besonders kluger und bedächtiger Leute, die davor warnen, daß man derlei Dingen eine übertriebene Bedeutung beimesse. Das bischen Geschimpfe, sagen sie, thut Niemandem weh und jeder vernünftige Mensch weiß ja einen Greg orig und einen Jed licz ka nach seinem wahren Werthe zn beurtheilen. Jeder vernünftige Mensch — das ist richtig. Aber der Vernünftigen sind Wenige und der Unvernünftigen sind unendlich Viele. Und das Charakteristische der antisemitischen Bewegung ist ja die Wirkung auf die großen, urtheilslosen und ungebildeten Massen. Ob Herr Gr eg orig im Landtage Herrn Noske, oder ob Herr Jedliczka im Gemeinderathe Herrn Dr. Richter ein Kraftwort an den Kopf schleudert, das hat allerdings nicht viel zu bedeuten, denn die Herren Noske und Dr. Richter können füglich auch ohne die Werthschätzung dieser beiden edlen Kumpans leben. Aber solche Heldenthaten finden durch den Mund der Presse ihre Verbreitung und wenn die Tausende und Abertausende von Unvernünftigen mindestens iebc Woche einmal zu lesen bekommen, daß die Juden alles Geld besitzen, daß sie das christliche Volk ausbeuten, daß die Liberalen im Judensolde stehen und daß die einzige Rettung in der Austreibung, Beraubung oder Vernichtung der Juden liege, dann gewinnen diese planmäßig inscenirten Vorgänge, deren jeder für sich nicht allzu tragisch zu nehmen wäre, in ihrer Wiederholung und in ihrer Gesammtwirkung allerdings eine sehr große Bedeutung, die noch durch die stillschweigende Duldung der Autoritäten verstärkt wird. Maie hat bei uns ein sehr weites Gewissen gegenüber den antisemitischen Rede- Excessen. Liegt das in der Abstumpfung durch die Gewohnheit oder ist darin eine Absicht zu suchen? Es war gut, daß die Gemeinderathe Dr. Stern, Tagleicht, Stiaßny, Dr. Fried jung, Lang, Kareis und von G old schm i dt sich zu einem Proteste gegen die Duldung solcher Verhetzungen aufgerafft haben. Es war zeitgemäß und verdienstlich, daraufhinzuweisen, unter welcher Art Gleichberechtigung wir leben. „Als in der Plenarsitzung des Gcmeinderathes vom 9. Jänner d. I. Herr Gemeinderath Steiner seine Ausführungen mit einem Angriffe auf den Aovocatenstand begann, wurde er sofort von dem Herrn Präsidenten unterbrochen und wurde dem Redner die Ungehörigleit solcher Ausfälle strenge verwiesen. In gleich entschiedener Weise wird seitens des verehrlichen Präsidiums immer vorgegangen, wenn ein Redner Angriffe gegen einen Stand, eine Berufsclasse oder deren Angehörige vorznbringen sich erlaubt. Bon diesen ausnahmslos geltenden Rechtsprincipe wird jedoch — cs muß dies eonstatirt werden —eine Ausnahme zu Ungunstcn der vom Staate an erka nnten i sr ae l itische n Cv nfe ssi n n und ilirer Angehörigen als solcher geübt. Mögen immerhin die täglichen Vorkommnisse in Wien außerhalb des Gemeinderathes eine nur zn wohlberechtigte Kritik herarlsfordern, so können sie doch niemals zur Rechtfertigung dessen, was innerhalb dieser autonomen Körperschaft geschieht, herangezogen werden. Jnr Gemeinderathe, in dessen öffentlichen Plenarsitzungen wird von antisemitischer Seite unausgesetzt jede Gelegenheit bei den Haaren herbeigezogen, um Unwahrheiten, verdächtigende Schmähungen gegen die israelitische Religivnsgesellschaft und deren Angehörige als solche vorznbringen, ohne daß dagegen jene Repression, von ivelcher das Präsidium in den Fällen, da nngehörige Angriffe gegen einzelne Stände, und Berns belassen Vorkommen, mit Recht Gebrauch macht, geübt nürd. Unser herrliches, aus den Stcucrgeldcrn aller Bürger ohne Unterschied der Eonfession erbautes, der Stadt zier Ehre und Zier gereichendes Rathhaus ist von antisemitischer Seite als. die Statte ansersehen, aus welcher immer neue Gluthen zur Anfachung der unserer Stadt zu Schimpf und Schaden gereichenden antisemitischen Agitation hergeholt werden." Die Antwort, welche der Bicebürgermeister Herr Doctor Grübl den genannten Gemeinderäthen ertheilte,.war correct, nur zweifeln wir, ob thatsächlich Wandel geschaffen wird. Und es muß Wandel geschaffen werden, nicht blos im Gemeinderathe, sondern auch in den anderen Bertretungskörpern, zumal im n.-ö. Landtage. Diese Landtagsverhandlungen bilden eine Abnormität und spritzen Gift ans in alle Landestheile. Wenn z. B. Herr Lueger mit heuchlerischem Augenaufschlag erklärt, er achte jeden Juden, der sich ehrlich zu seiner Nationalität bekennt, aber er verachte jeden Deutschen, der seinen Nacken willig unter das Joch der Judenherrschaft beugt, so liegt darin ein viel giftigerer und gefährlicherer Angriff auf das Judenthuni als in einer directen Beschimpfung nach Gregorig'schem Muster. Nichts vermag die christliche Mehrheit zu leidenschaftlicherem Hasse gegen die jüdische Minderheit anfzureizeu, als die immer wiederkehrende Behauptung, daß diese Minderheit eine rücksichtslose und ausbeuterische Herrschaft ausübe. Der Herr Landmarschall aber hat zu dieser Brandrede Lueger's geschwiegen und die große Lüge geht nun unwidersprochen in die Massen hinaus und übt dort ihre agitatorische Wirkung. Wer wird daran zweifeln, daß Herr Lueger Recht hat? Ein Mann, der so unbefangen ist, dem ehrlichen jüdischeri Bekenntnisse seine Achtung zu bezeugen, verdient ja doch vollen Glauben, lvenn er die Judenherrschaft als eine unumstößliche Thatsache hinstellt! Herr Lueger ist ein Muster von Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Ist es nicht so? Und wie der Landmarschall geschwiegen hat, so schweigt auch der Staatsanwalt noch immer zu den Hetzartikeln der antisemitischen Presse. In diesem Punkte hat sich seit dem Amtsantritte der neuen Regierung nichts, aber auch rein gar nichts geändert. Die Juden sind nach wie vor vogelsrei — es gibt keinen Frevel, kein Verbrechen, das ihnen nicht ungestraft zugeschrieben würde! In auffallender Weise mehren sich die Confiscationen socialistischer Blätter und die Proceffe gegen