Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021010--03133-3027255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 Vesterredhifche Wochrnfchrist Teile 51 Strastnitz (Mähren). 9. Jänner 1894. Unter einer Betheiligung unserer Bewohner, so zahlreich und mannigfaltig, wie sie nur einem Bedürfnisse des Herzens zu entspringen vermag, haben wir heute eine brave und hochverehrte Frau, die seit Decennien als Zierde und Wohlthäterin unserer Gemeinde wirkte, zu Grabe getragen. Frau Netti Rebenwurzel war es. die Witwe unseres einstmaligen, um die Stadt hochverdienten Bürgermeisters Herrn Pinkus Reben Wurzel, welcher bewegten Herzens die Bevölkerung das letzte Geleite gab, da deren Vorzüge und Tugenden ihr seit jeher und für immerdar die allseitige Liebe und Hochachtung erwarben. Im Vereine mit ihrem zu früh dahingeschiedenen Gatten stand sie bis zu dessen im Jahre 1878 erfolgten Ableben an der Spitze der Verwaltung ihres gemeinsamen großen Grundbesitzes in Mähren und Ungarn und der mit demselben verbundenen industriellen Unternehmungen. Schaffensfreudiqer Fleiß und vollendete Tüchtigkeit zeichneten sie in diesem großen Wirkungskreise nicht minder aus als stille Bescheidenheit und die rastlose Bethätigung eines wahrhaft edlen Wohlt h ä t i g k e i t s s i n n e s . der es als Pflicht des Herzens empfand, an den eigenen Erfolgen und den Segnungen des Geschickes die dürftigen und entbehrenden Gemeindegenossen theilnehmen zu lassen. Zum unvergleichlichen Ausdruck gelangte dieser charakteristische Zug der Selbst- und Bedürfnißlosigkeii in dem engeren Kreise der Familie, in welchem diese edle Frau als hingebungsvollste Gattin und als die verkörperte Mutterliebe waltete. ... In beredten Morten schilderteunser Rabbiner Friedmann den Lebenslauf und die leuchtenden Tugenden der Verblichenen, deren irdische Hülle von den Angehörigen und Freunden, voran von deren Schwiegersöhnen, den Advocaten Dr. Hieronymus Fialla in Brünn und Dr. Hermann Fialla in Wien, bis an die Tempelpforte getragen und von da auf den sonnenbeschienenen „guten Ort" gebracht wurde. Möge diese allgemeine Anerkennung und Verehrung ein gelinder Trost sein für die Hinterbliebenen zwei Töchter, deren tiefer Schmerz von so vielen guten und mitfühlenden Menschen getheilt wird. Wsetin. (Ehrenbürgerrecht.) Der hiesige Gemeinderath hat den Großgrundbesitzer und Glas-Großindustriellen, Herrn I. Reich (in Firma I. Reich u. Co..) Bürgermeister von Groß-Karlowitz, einstimmig das Ehrenbürgerrecht verliehen. Mateszalka (Ungarn). In der jüngst stattgehabten Generalversammlung der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde wurde der bisherige sich allgemeiner Werthschätzung und Popularität erfreuende Präses Herr Adolf Keller mit großer Begeisterung einstimmig neuerdings zum Präsidenten gewählt. Trenesen-Baan. Am 2. Jänner wurde Herr Jakob Marmor st ein aus Ksina nach kurzem Leiden hier zu Grabe getragen. Er zählte 73 Jahre und war in Folge seines ehrenhaften und biederen Charakters in der ganzen Gegend bei Jedermann geachtet und geschätzt. Er hinterließ außer der Witwe, mit der er 44 Jahre glücklich verlebte, noch 2 Söhne. Die Trauerrede hielt der hiesige Bezirksrabbiner Herr M. R e i ch. Hamburg. Samstag, den 13. Jänner wird unser Prediger Herr Dr. Leimdörfer seinem berühmten verschiedenen Meister Herrn Dr. Jellinek in der hiesigen Synagoge einen Nachruf halten; bekanntlich war Herr Dr. Leimdörfer Lieblingsschüler des Verblichenen. 8. 8. London, den 2. Jänner 1894. Durch Ihr geschätztes Blatr wurde mir die traurige Nachricht von dem Hinscheiden unseres hochgeehrten Rabbiners Salomon Spitzer zu theil. Ich glaube, es dürfte Sie, sowie die Leser Ihres werthen Blattes interessiren, daß hier in London zu Ehren des selig dahingeschiedenen Rabbiners ein Hespeä stattgefnnden hat, zu welchem sich ein sehr zahlreiches Publicum versammelte. Kopf an Kopf stand die Menschenmenge in dem großen Saale der Synagoge Lootstreet und mußten wegen Ueberfüllung die Thore von Außen geschlossen werden, und mehreren hundert Personen wurde der Eintritt verwehrt. Die Trauerfeierlichkeit dauerte von 4—7 Uhr Abends und waren die Reden zweier russischer Rabbiner, Reverend Salomon Golukovsky und Rabbiner Daniel Kohn, so erhebend und rührend, daß. kein Auge thränenleer blieb, und konnte man zeitweilig heftiges Schluchzen vernehmen. In den Reden der beiden Reverends, wurde zum Muster und Beispiel aller Jehudim besonders die Aufopferung des Dahingeschiedenen für die heil. Lehre hervorgehsben. Julius Lunzer. Petersburg. Im Ministerium des Innern tagt jetzt eine Commission von Rabbinern und Laien, welche die Judenfrage vom Standpunkte der inneren Angelegenheiten berathen solle. Die Verhandlungen werden geheim gehalten. Die Mitglieder der Conferenz sind: Rabbiner R a b i n o w i tz aus Wilna, welcher von der Regierung zum Präsidenten ernannt wurde, Rabbiner Mohilowes aus Bialystok, Rabbiner Melik o w s ky aus Mestislaw, Rabbiner Kottlowker aus Kischinew, ferner die Herren B a r r a s, Advocat aus Kiew, Simchowitz aus Minsk und Gottes man aus Zitomir. Alexander Srligmann. Erlebnisse eines Straßburger Juden während der Schreckensherrschaft der französischen Revolution. Bortrag des Dr. Wilhelm Gabler, Directors der böhm. höheren Töchterschule in Prag, gehalten im historischen Vereine daselbst. Mit specieller Bewilligung des Herrn Verfassers ins Deutsche übertragen von A. Stein, Rabbiner in Sobieslau. Vor der großen Revolution lebten die Juden in Frankreich in nicht llngünstigeren Verhältnissen als die Juden in Oesterreich vor 1848. Sie durften unter gewissen Beschränkungen in Städten, Dörfern, sowie an den Sitzen des Feudaladels — natürlich gegen Bezahlung gewisser Gebühren — wohnen. Politische Rechte besaßen sie keine, so daß in dieser Beziehung zwischen ihnen und den übrigen Franzosen kein wesentlicher Unterschied bestand, denn auch sie hatten vor 1789 keine politischen Rechte und Freiheiten. In socialer Beziehung bildeten die Juden eine in sich abgeschlossene Gesellschaft, sie waren geduldet, aber nicht verfolgt. In Paris lebten ziemlich viele Juden, die ihr Geschäft in der Stadt hatten, während sie in den Vorstädten wohnten und auch da ihre Synagogen hatten. Ein Pariser Jude kaufte die Herrschaft Peguigny, womit er auch das Recht eines Kirchenpatrons erwarb. Der Bischof von Amiens führte Klage gegen ihn, wollte ihm dies Recht streitig machen; doch die Gerichte entschieden zu Gunsten des Juden, der auch alsbald einen Pfarrer dort anstellte?) Auch im Elsaß lebten damals viele Juden, durchaus Deutsche, die aber in Straßburg selbst nicht wohnen, sondern sich hier blos tagsüber aufhalten durften, wenn sie hier geschäftlich zu thun hatten. Jeden Abend verkündete vom Thurme des Domes ein Hori?* **)), daß die Zeit um sei, daß sie die Stadt verlassen und sich in ihre Wohnorte, die Dörfer Bischheim, Wolfisheim, Lingoloheim zurückbegeben mußten, woher sie am nächsten Morgen wieder in die Stadt kommen durften. Eine jüdische Familie aber hatte trotzdem ihr Haus in Straßburg, es war dies der reiche Banquier Eerf-Beer, ursprünglich H ir sch-Be er genannt, von Bischofsheim, Lieferant der königlichen Armee, dem Ludwig XV. mittelst eines besonderen, königlichen Befehles 1768 an den dortigen städtischen Magistrat die Erlaubniß durchsetzte, in Straßburg wohnen zu dürfen. Cer f-Beer verstand es, in kluger Weise seine Stellung hier so günstig als möglich zu gestalten und die Rechte der Juden hier zu erweitern. Schon im Jahre 1771 wurde er durch einen geheimen Vertrag wirklicher Eigenthümer des Palastes de Ribeaupierre und im Jahre 1777 verordnete der Kriegsminister dem Magistrate von Straßburg, daß er auch *) Mercier. Tableau de Paris T. I. chap 120. Paris 1783. Das betreffende Dorf heißt richtig Becquigny. **) Dieses Horn hieß Kräuselhorn und ist noch heute iu der dortigen Gcmeindebibliothek unter anderen städtischen Antiquitäten zu sehen.