Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021010--03132-3027254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 30 Vesterretchtsche WochenschrM M. 2 derselben, den Herren Fuchs, Pam und I. Neuberger, die durch ihr reichhaltiges, wohlgewähltes Programm allen Anforderungen eines gebildeten Publicums gerecht wurden, zu einer imposanten Kundgebung. Nach einem durch den hiesigen Tempelchor würde- und geschmackvoll ausgeführten Gesänge betrat die festlich geschmückte Rednebühne der Präses des Vereines, Herr Fuchs, Nedactcur des „Hcunagid", und in einer schwungvollen, geistreichen Rede in eleganter, hebräischer Sprache hob er die Würde des Augenblicks und die'Bedeutung des Festes hervor, welche in Bezug auf Inhalt und Form, jede Anerkennung verdiente. Von nicht minderem Erfolge begleitet, war die Rede des nun vortretenden Herrn I. Neuberger sen. Er besprach in einem mustergiltigen Deutsch nach eurer einleitenden Bemerkung über Zweck und Werth der Universalgeschichte den ganz besonderen, nie zu verkennenden Werth des Geschichtsstudiums für die Juden, zumal in der jetzigen Zeit^wo wir Lebenssaft, Muth und Trost doch nur der Geschichte unserer Vergangenheit entnehmen können. Er geißelte die Fahnenflüchtigen in unseren Reihen und fertigte alle Jene ab, die einer richtig verstandenen Assimilation in dem Wege stehen, oder richtiger in den Weg sich stellen und zu diesem Behufe unter verschiedenen Namen und Fahnen sich vereinen. Ein Quartett, das allseitigcn Beifall sich erwarb, schloß die Reihe der Reden ab. Es folgten Declamatiönen polnischer Gedichte, die Herr stuck. zur. Neuberger mit Chic und wahrhaftem Verständnis; der Vortragekunst ausführte. Den Schluß der Festlichkeit bildeten abermals Gesang und Spiel, wobei sich ein rühmensmerther „blinder Sänger*, Namens Lipkind sehr vortheilhaft producirte. Prag, 7. Jänner. Der heutige Tag war für die isr. Gemeinde Karvlinenthal ein Trauertag. Der altehrwürdige. Vorsteher derselben, Herr Salomo» E u g e l m a n n, »vurde im Alter von 64 Jahren unter Theilnahme aller Kreise der Bevölkerung zur Erde bestattet. Der Sarg wurde tut Tempel aufgebahrt, und die Rabbiner Dr. H i r s ch von Carolinenthal und T h o r s ch aus Schlau kielten (Ersterer in deutscher, Letzterer in böhmischer Sprache) ergreifende Gedenkreden. Aus der Hauptstadt waren die Herren Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld und Rabbiner DDr. Kisch und Tauber bei der Ceremonieerschienen. Auch der Präses-Stellvertreter Dr. B e n d i n er gab dem Verblichenen das letzte Geleite. Heute Abend, als am Qreb> Rosch Chodesch Schwat, beging die Chewra-Kadischa ihre statutengemäße Gedenkfeier für ihre verstorbenen Mitglieder. Wie üblich, hielt der jüngst angestellte Rabbiner — diesmal Dr; Hirsch aus Karolinenthal — die erste, der Oberrabbiner die zweite Rede. Beide rhetorischen Leistungen waren vom nachhaltigsten Eindruck auf die Zuhörer. Namentlich ergrist die Schilderung der Folgen des Abfalles vom Judenthum, die Herr Dr. E h r e n f e l d aus dem traurigen Anlasse gab, da die Fahnenflucht bei uns in letzter Zeit so viel vorkam, alle Anwesenden. Prag, 8. Jänner. Die hiesige Chewra-Kadischa beging gestern in traditioneller Weise ihren Fast- und Exhortationstag. Der Zuspruch des Publicums war ein außergewöhnlich starker, angeregt durch den Umstand, daß die erste der beiden statutengemäß vorgeschriebenen Predigten in dem Saale der israelit. Beerdigungs-Brüderschaft von dem neuengagirten Carolinenthaler Rabbiner Herrn Dr. Isidor Hirsch abgehalten wurde. Nach Verrichtung der üblichen Gebete an den Gräbern der besonders hervorragenden, auf unserem weltberühmten alten Friedhofe bestatteten Geistesheroen folgte der Gottesdienst in der Klaus-Synagoge, an den sich die von unserem hochgeschätzten Oberrabbiner Herrn Dr. Ehrenfeld gehaltene zweite Predigt anschloß. Das Abendgebet trug Herr Obercantor Singer meisterhaft vor. Prag, 9. Jänner. Der Redacteur des antisemitischen Blattes „Unsere Interessen", Jaromir Huschet, wurde heute vom Ausnahmssenate zu einer Woche, durch Fasten verschärften Arrests verurtheilt. Die Anklage stützte sich auf einen im genannten Blatte veröffentlichten Artikel, welcher heftige Angriffe auf das Judenthum enthielt. Auch seine heutige Bertheidigungsrede benützte Huschet zu antisemitischen Ausfällen. _ Kostet. Am 5. d. wurde in Koste! der 85jährige Rabbiner Samson Kulte, der Nestor der mährischen Rabbiner, begraben, welcher durch volle 55 Jahre als Seelsorger in der Kosteler Cultusgemeinde gewirkt hatte. Am Grabe sprachen die Herren Rabbiner Dr. Groß aus Lundenburg und Rabbiner Dr. Feuchtwang aus Nikolsbürg. Der Pfarrer voy Kostet, Herr Dechant Ignaz K o n e c n y, gab dem Verstorbenen bis zum Friedhofe das letzte Geleite, um so, wie er sich zum Sohne des Verstorbenen äußerte, „seinem Amtscollegen" die letzte Ehre zu erweisen. Horazdowitz, 9. Jänner. Die General - Versammlung der hiesigen Beerdigungsbrüderschaft fand am 7. d. M. unter zahlreicher Betheiligung von Seite der Mitglieder statt. Der verdiente Obmann des Vereines, Herr Wilhelm L. Kohl, erstattete den Rechenschaftsbericht über die abgelaufene dreijährige Periode, der von dem stetigen Aufschwünge des Vereines Zeugniß ablegt. Der Thätigkeit des Gesammtvorstandes, insonderheit des langjährigen Obmannes, wurde über Antrag des Herrn I. U. Dr. M. K o h n durch Erheben von den Sitzen die wohlverdiente Anerkennung zutheil. Hierauf hielt Herr-Religionslehrer_ M. Friedmann einen 'Bortrag über die historische Entwicklung der Beerdigungsbrüderschaften in Israel wie über die Tendenzen unserer Chewra, der mit großem Beifall ausgenommen wurde. Während des Festmahles herrschte die animirteste Stimmung; dochwurde auch der Armen gedacht und verschiedene Beträge für wohlthätige Zwecke gewidmet/ so wurden beispielsweise für den isr. Freitischverein in Prag 20 fl. gesammelt. Bei der Wahl in den Ausschuß gingen aus der Urne hervor die Herren: W. L. Kohl, H. Steiner, M. Stern, G. Kohn und S. Weißkopf. Der neue Ausschuß wird vor Allem die veralteten Statuten einer Revision unterziehen müssen und hat zu dem Zwecke die Herren K. Münz und A. Baum cooptirt. Bräun. (Lehranstalt für Rabbinats - Candid aten.) Der Gemeinderath der Landeshauptstadt Brünn hat, wie der „T. a. M." meldet, beschlossen, das vom Landes-Rabbinatsverweser Dr. Placzek bei der mährischen Statthalterei gestellte Ansuchen um Bewilligung zur Errichtung einer Lehranstalt für Rabbinats-Candidaten beim israelitischen Tempel in Brünn conform mit dem Votum des Bezirksschulrathes zu empfehlen. Tarnopol. Nur den Bemühungen des jetzigen Schulleiters der israelitischen Knaben- und Mädchenschule zu Tarnopol, Herrn M. Mojerowicz, verdankt die arme Schuljugend der obgenannten Anstalt die warme Bekleidung für den strengen Winter. Auf dessen Initiative wurde nämlich eine Collecte durch den Lehrkörper gemacht; außerdem spendeten: der hierortige löbl. Magistrat die Summe von 150 fl., die löbliche Sparkasse 100 fl., Herr T. Sommerstein, Grundbesitzer und Cultusrath der hiesigen Jsraeliten- Gemcinde 75 fl. u. dgl. — Hievon wurden angeschasst: 29 warme Winterröcke, 34 Paar Stiefel, 31 Paar Vorschub, 12 tvarme Winterkleidchen, 12 Wintermäntel, 11 Kopftüchel, 68 Paar Schuhe und 68 Paar Strümpfe. Am 5. Jänner l. I. wurden damit 94 arme Knaben und 92 arme Mädchen betheilt.; Im Namen der armen Schuljugend sei hiemit. der Löbl. Direktion, wie auch allen wohlthätigen Spendern der innigste Dank ausgedrückt. { M. Glas galt, Schullehrer. Kojetein, 1. Jänner. Unsere Gemeinde hat sich heute selbst geehrt, indem sie nahezu mit Stimmeneinhelligkeit den Beschluß faßte, ihr seit dem Tode Jacob Brüll's verwaistes Rabbinat durch Dr. Salomon Fuchs zu besetzen. Es wird dadurch die stille und langjährige Sehnsucht aller Treugesinnten in unserer stets durch ausgezeichnete Rabbiner bekannten Gemeinde in glücklichster Weise erfüllt. Dr. Fuchs ist nicht nur durch ausgezeichnete talmudische, von den größten Talmudisten Rußlands glänzend bezeugte Vorbildung befähigt, das rabbinische Lehramt in einer seiner berühmten Vorgänger würdigen Weise zu bekleiden, sondern auch in Folge des bedeutenden wissenfchaftlilyen Rufes, den er sich trotz feiner Jugend bereits erworben hat, eine Zierde des Postens, auf den er gestellt worden ist. Männer von. europäischem Rufe wie die ersten Größen der Pariser Akademie haben in Zeugnissen voll des wärmsten Lobes die außerordentlichen Kenntnisse des jungen russischen Gelehrten in den orientalischen Sprachen gepriesen. Mehr aber als alles Lob zeugen die Arbeiten, die Dr. Fuchs in hebräischer und deutscher Sprache bereits veröffentlicht hat, für sich selber.? Er ist mit reichen handschriftlichen Materialien, die von der Zukunft ihre Bearbeitung erwarten, aus Oxford. London, Paris und Berlin ausgestattet, wo er die noch ungehobenen Schätze der Bibliotheken durchforscht hat. Seine Doctorarbeit über den großen Philologen der spanisch-arabischen Sprache Um Balaam ist ein Muster wissenschaftlicher Methode, sowie fachlicher und formaler Gediegenheit. Als Begründer der durch treffliche Arbeiten gesckimückten hebräischen Monatsschrift Ha-Choker hat er sich einen bekannten und geachteten Namen in allen wiffensfreundlichen jüdischen Kreisen geschaffen. Nicht aus Localpatriotismus allein, sondern um des ganzen mährischen Rabbinates willen, in dem es an trefflichen und weithin berühmten Namen nie gefehlt hat, freuen wir uns der getroffenen Wähl, die Mähren um einen viel verheißenden trefflichen Gelehrten reicher macht. Möge unsere Gemeinde erstarken und zunehmeu und in dem rühmlichen Entschlüsse, durch Opferwilligkeit und treues Festhalten an der Vergangenheit ihr verwaistes Rabbinat mit neuem Glanze zu bekleiden, ein Muster und ein Vorbild werden.