Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 26 Veflrrrrtchtsche wochensttzrifl Nr. 2 Angriffe durch stillschweigende Duldung gewissermaßen eine autoritative Weihe empsangen. Wir bitten die löbl. Redaction der „O e st e r re i ch i s ch e n Wochenschrift", die sich den Schutz der verfolgten inib angeseindeten Juden zur Aufgabe gemacht hat, um gütige Aufnahme dieses unseres Schmerzensschreies." Wien. 5. Jänner. (Aus dem Lager der „Unverfälscht-Deutschen.") Herr Georg Schönerer, der am 20. December v. I. wieder in den Vollgenuß der bürgerlichen und politischen Rechte gelangt ist, wurde bei diesem Anlaffe von seinen Getreuen mehrfach aufgefordert, sich wieder um ein Reichsrathsmandat zu bewerben. Es wurde auch ausdrücklich erklärt, Herr Dotz, der derzeitige Abgeordnete des Landgemeinden-Bezirkes Zwettl, welchen bekanntlich Herr Schönerer durch lange Jahre vertrat, sei ohneweiters bereit, sein Mandat nlederzulegen, damit der Schloßherr von Rosenau desselben theilhaftig werden könne. Nun scheint sich aber dieser vor einem Durchfall durchaus nicht gefeit zu halten. Kurz, Herr D ö tz ist bisher noch Reichsraths-Abgeordneter und in der neuesten Nummer des S ch ö n er e r'schen Leibblättchens ist also zu lesen: „Jenen es gewiß aufrichtig meinenden Genossen, die in diesen letzten Tagen in Hunderten von Zuschriften an Schönerer die Bitte richteten, er möge im Abgeordnetenhause wieder seine Stimme erheben, möchten wir nur ertvidern, daß es denn doch nicht so leicht, sozusagen von heute auf'morgen, möglich ist, daß Schönerer, auch wenn er persönlich dem Wunsche dieser Genossen zu entsprechen geneigt wäre — im Abgeordnetenhause erscheinen kann. — Wo ist der Wahlbezirk, der heute Schönerer ein Mandat für das Abgeordnetenhaus zu übergeben hat? Diese nüchterne Frage muß all' den drängenden Forderungen der jüngsten Zeit, Schönerer möge neuerdings im Parlamente erscheinen — entgegengehalten werden." Wien. (Die Verunglückten v om Gr oßglockner.) Am 4. Jänner rvnrden die abgestürzten Touristen unter zahlreicher Betheiligung von Vertretern alpiner Vereine und juristischer Kreise zu Grabe getragen; Vormittags wurden Dr. Patz au und Robert Pick auf dem Döblinger Friedhofe, Nachmittags Dr. Ludwig K oh n auf dem Centralfriedhofe beerdigt. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt eine ergreifende Trauerrede au dem Sarge Dr. Ko h n's, indem er der ausgezeichneten Eigenschaften des Verstorbenen gedachte, zugleich aber die Leidenschaft tief beklagte, welche den jungen hoffnungsvollen Mann in den Tod getrieben hatte. Aus dem Grabe des Verblichenen werde der Segen der Erkenntnin erblühen als eine Lehre für die Heranwachsende Jugend, der Pflichten gegen das eigene Leben stets eingedenk zu sein. Am Grabe sprachen mehrere Berufsgenossen des Verstorbenen Worte inniger Theilnahme. Als ehemaliger Obmann des Concipientenvereines, dessen Vorstandsmitglied Dr. Kohn war. widmete ihm Dr. Jacques Fisch er einen warmen Nachruf..Der Redner dankte dem Dahingeschiedenen für seine stlbstlose Thätigkeit im Interesse der engeren Berufsgenoffen und fuhr dann fort: „Aber auch als Glaubensgenosse fühle ich mich Dir zu tiefem Danke verpflichtet. Mit Reckt hat es der edle Priester eben verkündigt, daß Deinem Grabe Segen entsprießen werde. Denn diejenigen, die uns Juden mit dem Geifer der Verleumdung besudeln und stets behaupten, daß alle unsere Leidenschaften und Bestrebungen aus Gelderwerb und schnöden Mammon Hinzielen, müssen beschämt an Deinem Sarge verstummen. Einer erhabenen Leidenschaft, der unwiderstehlichen Sehnsucht nach den großen Werken Gottes bist Du zum Opfer gefallen. Wir werden Dir stets ein liebevolles, ein dankbares Angedenken bewahren!" Tiefbewegt verließen die Angehörigen und Freunde das Grab des Frühverstorbenen. (Antisemitischer Styl.) Ein Freund unseres Blattes übersendet uns aus München die am 4. d. M. erschienene Nummer des dortigen, mit dem Motto: „Deutschland den Deutschen" versehenen Journals: „Deutsches Vo.ksblatt, Bayrische antisemitische Zeitung für Stadt und Land". In diesem Blatte findet sich unter der Ueberschrift: „Allerlei Koscheres" solgende Notiz: „Drei Wiener Juden wollten den Großglockner besteigen und kamen elend dabei um. Bekanntlich fehlt der Judenschaft die kraxelfrohe Muskelkraft; was dem Hebräer nicht verlieh'n, dess' soll er sich nicht unterzieh'n. Es paffen unsre deutschen Berge nicht für krummbein'ge Judenzwerge." Der Einsender hat diese Notiz mit der Randglosse versehen : „Das Gemeinste, was je geleistet wurde." Das ist nicht richtig, in den Wiener Antisemitenblättern sind bereits Dinge gestanden, die sich an Gemeinheit mit der Notiz des Münchener „Deutschen Volksblatt" ohneweiters messen dürfen. Eger, 5. Jänner. Die erbärmliche Verlogenheit des antisemitischen Preßgesinde'ls finden Sie neubestätigt durch die „Ascher Zeitung" vom 30. December 1893. Da heißt es in einem Berichte aus Eger: „Dem deutschen Bürger mußte es anekeln, wenn er an allen Ecken und Enden der Stadt große Ankündigungen von „billigen und passenden Weihnachtsgeschenken" zu lesen bekam, welche von Juden, nichts als Juden angeboten wurden. Dem gegenüber wollen wir constatiren, daß unter den Ankündigungen, über welche sich die „Ascher Ztg." so sehr kränkt, richtig eine einzige von einer jüdischen Firma war. Daß aber die Arier lauter brave und biedere Prachtkerle sind, könnte man aus derselben Nummer der „Ascher Zeitung" ersehen. Diese Nummer bringt nämlich einen Steckbrief gegen einen arischen Defraudanten, die Mittheilung von einem Todesurtheil gegen einen arischen Raubmörder und unter der Spitzmarke „Ein Act der Rohheit" wird erzählt, wie germanische Burschen auf den Landstraßen, die ahnungslos Dahingehenden mit Steinen nnd Messern tractiren, u. zw. besonders an Sonn- und Feiertagen. Solche Zeugnisse für die Vollkommenheit der arischen Rasse gehören in die „Ascher Zeitung". Horazdowitz. Zur Entkräftung des uns Juden von antisemitischer Seite häufig gemachten Borwurfes des Mangels an persönlichem Muthe erlaube jch mir folgende Thatsache zu berichten: Vor dem Schwurgerichtshofe zu Pisek in Böhmen stand Anfangs November 1893 der Vagabund Wenzel Zelenka angeklagt des Raubes, begangen an den Eheleuten Moriz und Bertha Kohn in Husic bei Winterberg. Zelenka war im Juni 1893 nach Verbüßung einer sechzehnmonatlichen Kerkerstrafe, zu der er in Folge des Verbrechens der Schändung verurtheilt worden war. aus der Strafanstalt Pilsen entlassen worden, und in seine Heimatsgemeinde Buk heimgekehrt. Daß die Strafe diesen Verbrecher nicht gebessert hat, ersieht man daraus, daß er einem Mädchen, das ihm rieth, einen ordentlichen Lebenswandel auzunehmen und ehrlich zu arbeiten, erwiderte: Jch pfeife auf die Bauern, mag nicht ihr Schwarzbrot fressen, da werde ich lieber den Husicer Juden tödten und^ ihn berauben. Diesen scherzhaft vorgebrachten Worten ließ er Anfangs September die Thal folgen. Nachdem er am 3. September zum Zwecke der Orientirung den Laden des Moriz Kohn recognoscirt hatte, erbrach er in der Nacht vom 6. auf den 7. September mit Gewalt die wohlversperrte, mit Eisen beschlagene Ladenthüre und drang in den Laden. Das Oeffnen der Thüre veranlaßte ein heftiges Klingeln des oberhalb derselben angebrachten Glöckchens, wodurch die mit den Kindern beschäftigte Frau Bertha Kohn und deren Dienstmädchen aufmerksam wurden und zur Glasthüre, die in den Laden führte, eilten. Der Räuber bedrohte sie mit erhobenem Revolver und zwang sie, sich im Bette zu verstecken, worauf er eine geweihte Kerze (kromuiee) anzündete, wahrscheinlich um sich unsichtbar zu machen, und begann sein Werk. Herr Moriz Kohn, der einzige Jude im Dorfe und schwerhörig, schlief in einem auf der andern Seite des Ladens befindlichen Nebenzimmer und erwachte um diese Zeit in Folge des hartnäckigen Gebells seines Hündchens. Im Nachtgewande stürzte er in den Laden, und den Räuber erblickend, im Begriff eine Pfeife von der Wand zu nehmen, rief er ihn an: „Zelenka, Du verdammter Dieb, was treibst Du hier?" Zelenka wandte sich um, ließ ein Packet mit Maaren zu Boden fallen, und erhob den mit sechs scharfen Patronen geladenen Revolver gegen Kohn, mit der Drohung: „Noch einen Schritt, und ich erschieße Dich wie einen Hund". Kohn ließ sich aber nicht einschüchtern und stürzte sich unbewaffnet auf den etwa drei Meter, von ihm entfernten Räuber. Ein Schuß krachte, haarscharf an ihm flog die Kugel vorbei, aber Kohn drang muthig vorwärts, ergriff mit seiner Linken die bewaffnete rechte Hand des Räubers und entwand ihm nach kurzem Ringen den noch mit fünf Schüssen scharf geladenen Revolver und schleuderte diesen zwischen die Regale. Zelenka ergriff hierauf einen großen Bohrer und bedrohte damit Herrn Kohn. Diesem gelang es, ihm auch diese Waffe zu entwinden, wurde aber am Ohre und an der Hand gebissen, worauf der Räuber in der Richtung gegen Buk entwich. Die durch den Schuß geweckten Nachbarn eilten herbei, kamen aber schon zu spät.