Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Vrstrrretchisthe Wochenphrifl Seite 2S der Jury und macht diese darauf aufmerksam, daß es noch einen bedeutenden Künstler christlichen Glaubens gibt, dem diese Ehre nicht. zutheil wurde, und daß es demzufolge nicht schicksam wäre, wenn man den großen Preis schon Heuer einem Juden zuerkennen möchte. Der Vorschlag gefällt, und zur großen Ueberraschung aller Welt publicirt die Jury das verblüffende Urtheil, das zwar kein salomonisches, dafür aber ein — christlich-sociales ist. So bindet man uns an Händen und Füßen, und macht uns dann den Vorwurf, daß wir uns nicht bewegen können. Allein trotz dieser Hindernisse haben die Juden auf dem Gebiete der bildenden Kunst Erfolge aufzuweisen, auf welche wir mit Recht stolz sein können. Die Juden, die bis vor kurzer Zeit einer jeglichen künstlerischen Thätigkeit fremd gegenüber standen, haben sich in neuester Zeit als mächtige Träger der modernen Kunst bewährt. Und wenn sie auch nicht — wie man es zu sagen pflegt — schöpferisch auftreten, so liegt in diesem Vorwurfe ein großes Lob für die jüdischen Künstler, denn die vielen neuen und allerneuesten Richtungen auf dem Gebiete der bildenden Kunst der Gegenwart dienen nicht immer zur Hebung derselben. Aus den vielfachen gänzlich zerfahrenen Verhältnissen der modernen Kunst, aus den zahllosen Richtungen und Schulen, die heute wie Pilze nach einem Regen in die Höhe schießen, wird sich die reine Kunst siegreich erheben, und ein späteres Geschlecht wird den jüdischen Künstlern dafür Dank wissen, daß sie an dem Verfalle der Kunst durch unnatürliche Erfindung neuer Richtungen nicht mitgewirkt haben. Diesen Borwurf können wir daher mit Stolz übernehmen, gegen den anderen aber, daß wir Juden auf dem Gebiete der bildenden Kunst nicht productiv sind, nützt keine Verwahrung, da müssen sich die besser situirten Glaubensbrüder zu werkthätiger Hilfe vereinigen, denn die jüdischen Künstler verdienen es, daß man ihnen thatkräftig unter die Arme greift. Rabbiner Dr. L. Goldschmied. EorrerMäenrrn. Wien. (Eine freche literarische Büberei.) In seiner Nummer 1803 von Mittwoch, den 10. Jänner d. I., veröffentlicht das „Deutsche Volksblatt" ein Feuilleton unter dem Titel: „D e r T a l m u d", angeblich aus der Feder Ernest Renan's. In einer Fußnote bemerkt die Redaction ausdrücklich. „Wir veröffentlichen also einen in Deutschland beinahe unbekannten Aufsatz von Ernest Renan über den Talmud. Das Urtheil eines gegen uns Antisemiten seitens der Judenpresse stets als Zeuge geführten Hebraisten über die Talmudfrage dürfte nicht ohne Interesse sein." Der Aufsatz ist von AbisZ eineinfame, niederträchtige Fälschung, so infam und niederträchtig, wie sie eben nur im „Deutschen Bolksblatt" möglich ist, das bekanntlich sein Dasein mit dem berüchtigten Wiener Briefe begonnen, das Handwerk der Fälschung also vom ersten Tage an prakticirt hat. Wir wissen nicht, ob die Gemeinheit ausschließlich auf Rechnung des Herrn Vergani und seines Schandblattes kommt, ob die Fälschung in seiner Redaction fabricirt oder ob ihm das Machwerk, zu welchem Renan's Name mißbraucht wurde, aus Deutschland zugesendet wurde. Aber wer nicht von vornherein die Absicht, den ausgesprochenen Willen hat, auf Kosten des Namens Ernest Renan's eine Büberei zu begehen, muß die Fälschung auf den ersten Blick erkennen. Es sind einzelne Sätze aus dem Werke des großen Forschers und Humanisten herausgerissen, im Uebrigen aber bewegt sich der ganze Aufsatz in der Phraseologie des modernen Antisemitismus. Nach zwei Richtungen also haben sich hier Ernst Vergani und sein „Deutsches Volksblatt" einer beispiellosen Nichtswürdigkeit schuldig gemacht. Sie häufen auf das Andenken Ernest Renan's eine unerhörte Schmach in dem Bewußtsein, daß der todte Meister diesen Frevel nicht mehr von sich abzuwehren vermag, und sie benützen die Unwissenheit ihrer Leser, um die Judenhetze neuerdings mit einem wissenschaftlichen Namen zu decken. Wien. Aus Berlin wird uns gemeldet: Die öffentlichen Blätter publieirten folgende Notiz: „Die Summe von 500.000 M. haben Herr Moriz Mannheimer und dessen Gattin der hiesigen jüdischen Gemeinde gespendet. Für das Geld soll ein eigenes Siechenhaus errichtet «erden, da es sich herausgestellt hat, daß das seit dem Jahre 1876 mit dem jüdischen Krankenhause in der Auguststraße verbundene Siechenhans sich in dieser Verbindung nicht bewährt hat. Die neue Anstalt soll nicht „Siechenhaus", sondern „Hospital" oder ähnlich heißen. Die „Bolkszeitung" bemängelte hierauf die konfessionellen Humanitätsanstalten und meint, die Juden brauchten kein besonderes Krankenhaus; daß die meoieinische Wiffenschaft keine specifisch evangelische Tubereulose, keine speeifisch katholische Diphtheritis, keinen speeifisch jüdischen Knochenbruch und kein specifisch atheistisches Siechthum kennt, daß daher die Gründung von Krankenhäusern sich am besten ohne jegliche confessionelle Rücksicht vollziehe, wie es ja auch dem Kranken ganz gleich sein kann, welcher unter den auf der Welt bestehenden Hunderten von religiösen Richtungen der ihn behandelnde Arzt oder das ihn verpflegende Wärterpersonal angehört, wenn er nur mit Erfolg behandelt und mit liebevoller Aufmerksamkeit gepflegt wird. Daraufhin erhielt das Blatt von einem Leser nachstehende Zuschrift: „Am hiesiegen jüdischen Krankenhause «erden Krankenpflegerinnen ausgebildet. Da nun im Augusta-Hospital Bedarf an solchen war, das jüdische Krankenhaus aber einige Krankenwärtcrinnen entbehren konnte, so empfahl eine Ehrendame, weiche diese Stellung zugleich dem jüdischen und dem Augusta-Hospital gegenüber innehat, Frau G e r s o n, eine Krankenpflegerin aus dem jüdischen Krankenhaufe zur Anstellung im Augusta-Hospital. Die solchergestalt empfohlene Krankenwärterin wtlrde jedoch im Augusta-Hospital abgclehnt. und zwar unter Hinweis auf ihre Confession. Die Krankeuwärterin war nämlich jüdischen Glaubens. Da in den Statuten des Augusta-Hospitals über die Confession der Wärterinnen nichts Besonderes vermerkt wird und dies der Ablehnung entgegengehalten wurde, so wurde die Ablehnung schließlich mit der Besorgniß motioirt, daß man mit der Einstellung der zurückgewiefenen Wärterin an höheren Stellen unliebsam berühren könnte. Daß Frau G erson in Folge dessen ihre Stellung als Ehrendame niederlegte, hat für die Oeffentlichkeit nur ein verhältnißmäßig untergeordnetes Interesse. Wichtiger für die Allgemeinheit ist es, festgestellt zu sehen, daß in einem großen Berliner Krankenhause, zu dessen Unterhaltung von Angehörigen aller Confessionen und nicht am wenigsten von Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft reichliche Mittel hergegeben werden, eine an sich durchaus empfehlenswerthe Krankenwärterin nur deshalb zurückgewiesen werden kann, weil sie Jüdin ist. Wenn wir diese uns gewordenen Mittheilungen veröffentlichen, so geschieht es nicht zuletzt in der Hoffnung, daß die interessirten Personen im Augusta-Hospital über den offenbaren Jrrthum aufgeklärt werden, als könnte die Anstellung einer tüchtigen und brauchbaren Krankenwärterin, gegen die nichts weiter vorliegt, als daß sie weder evangelisch noch katholisch ist, an irgend einer höheren Stelle zu Recriminationen Anlaß geben. Wenn man von Seiten des ComitLs für die Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche „jüdisches" Geld sehr gern und je reichlicher, desto lieber, nimmt, sollte da in einem vom Hause aus nicht einmal eonfessionell zugefchnittenen großen Krankenhaufe einerjüdischen Krankenwärterin, die in vollstem Maße ihre Pflicht thnn will, die Eingangspforte verschlossen bleiben?" Wien. (Die Früchte der Antisemiten- H etz e.) Aus König grätz wird uns geschrieben: Die Judenschaft der hiesigen Gemeinde und ganz Böhmens steht unter dem Eindruck des erschütternden Ereigniffes, das sich in einer nahen Ortschaft abgespiät hat. Eine ganze jüdische Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei erwachsenen Töchtern, wurde meuchlings in bestialischer Weise ermordet. Die Familie, die von dem höchst tragischen Schicksale betroffen worden, stand in bestem Rufe. Das Haupt derselben, Herr L ö w y, war ein angesehener, geachteter Kaufmann in seiner Gemeinde und weit außerhalb derselben als solider, reeller Kaufmann geachtet und als gutherziger, friedliebender, wohlthätiger Mensch bekannt. Es ist kein bloßer Zufall, daß sich verruchte Mörderhände gerade eine jüdische Familie zu ihrem Opfer auserwählten. Tag für Tag wird antisemitischerseits gegen die Juden in rüdester, pöbelhaftester Weise, auf der Tribüne in Versammlungen, der Publicistik und durch massenhaft verbreitete Flugblätter gehetzt und geschürt. Man predigt da dem Pöbel: alles Geld haben die Juden, und das Geld, welches die Juden besitzen, haben sie den Christen in unrechtmäßiger Weife abgenommen. Diese unaufhörliche Hetze wird von den maßgebenden Factoren geduldet, darf es da Wunder nehmen, wenn der fanatische Mob zur ultima ratio schreitet, darf es dann beftemden, wenn der Pöbel zu Brandschatzung, zu Raub und Mord greift! Man muß nur der gütigen Vorsehung danken, wenn die Exceffe in Folge der antisemitischen Angriffe auf die Juden noch keine größeren Dimensionen angenommen haben, allein man muß der gerechtfertigten Befürchtung Raum geben, daß es zu solchen noch kommen wird, wenn diese fortgesetzten