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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-12 · 2 (12.1.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 24 Orstrrrevtztsttzr Wochenfchrtst Nr. 2 das Gegentheil davon rühmen und preisen gehört, die leidenschaftslose, ruhige, sachliche Beurtheilung — aber die antisemitische Preßmeute. ftech und kühn geworden durch jahrzehntelange, wohlwollende Unterstützung und Duldung, beliebt seither Alles und Jedes auf den Kopf zu stellen — gute Sitte, Anstand und Moralitätsgesetze nicht ausgeschlossen. — Diese wackere Dresdener Firma Glöß schlägt gewaltig dröhnend aus die Reclametrommel, um die Leute anzulocken und brüllt großmäulig dazu: „Herreinspaziert meine Herren und Damen!" Hier zu sehen der das Schächtmesser schwingende Tanzjude — bei uns gehl es äußerst leidenschaftlich zu. Jeder wird das Local befriedigt verlassen", und der Gesinnungspöbel strömt in hellen Haufen in die Bude. F. Jüdische Künstler der Gegenwart. Eine jede Dummheit wird heute Schule machen können, wenn sie in Form eines uns angedichteten Vorwurfes erscheint. Auf -jedem Gebiete des geistigen Lebens sind Juden thätig, und die Statistik, eine Wissenschaft, die keine Rücksichten kennt, stellt uns das Zeugniß aus, daß wir unseren „arischen" Mitbürgern zumindest ebenbürtig zur Seite stehen. Allein, wo der Haß das große Wort führt, muß die Vernunft schweigen, und im Bewußtsein unseres Rechtes müssen wir gar viele von der andern Seite kommende Vorwürfe geduldig über uns ergehen lassen. Und wenn die Zeit auch ferne ist, wo eine Regierung sich auf „legalem Wege" dazu wird bestimmen lassen, auf uns Schußgelder auszuschreiben, so müssen wir heute, wo wir noch das Recht des freien Wortes besitzen, diejenigen, die noch zu gut sind, um Antisemiten zu sein, davon überzeugen, daß wir Juden doch keine solchen Scheusale sind, wie uns unsere Gegner schildern. Es ist eine traurige, aber nicht hinwegzuleugnende Thatsache, daß Kunst und Wissenschaft, im Jahrhundert der interconfesiionellen Schule, in erster Reihe nach ihrem Glauben befragt werden, und vor Kurzem erst konnten wir in diesen Blättern den allerdings berechtigten Borwurf lesen, daß unsere wohlhabenden Glaubensbrüder, ja sogar einzelne Cultusgemeinden die fähigen jüdischen Architekten einfach übergehen. Eigentlich sollte auf. dem.Gebiete der geistigen Thätigkeit die confesfionelle Seite nie hervorgekehrt werden, und man sollte voraussetzen dürfen, daß einSkopas, Praxiteles, Phidias, Michelangelo oder Raphael von ihrer Größe nichts verlieren möchten, wenn sie beispielsweise der jüdischen Religion angehört hätten. Es zeigt von einer Abirrung des menschlichen Geschmackes, wenn man beim Genüsse, den der Anblick eines Kunstwerkes uns gewährt, danach fragt, ob der Schöpfer desselben ein Christ oder ein Mohammedaner, ein Arier oder ein Semit sei. Die Taufscheine und Matrikauszüge gehören nicht strenge zu den Kunstwerken, und am Olymp, wo die Künstler thronen, ist ein Jeder ein gerne gesehener Gast , mag er nun von Sem oder von Japhet stammen, wenn er nur ein Künstler von Gottes Gnaden und eigenem Können ist. Die Finsterlinge, die es verstanden haben, alte, schon einigemal eingesargte Vorurtheile wieder in's Leben zu rufen, sie haben auch Sorge getragen, daß der Streit der Rassen auch in die geweihten Hallen der Kunst eingeführt werde. Sie haben es verstanden, den giftigen Samen des Haders und der Zwietracht in einen Boden auszustreuen, aus welchem bis nun die herrlichsten Symbole der Einheit und der Harmonie, die Schöpfungen der bildenden Künste hervorgegangen sind. Und so können wir neben den übrigen unberechtigten Vorwürfen auch denjenigen vernehmen, daß der Sinn für künstlerisches Schaffen unserer Raffe oder unserem Glauben, denn was wir eigentlich sind, darüber entscheidet von Fall zu Fall X die Bequemlichkeit, völlig ftemd ist. Und wenn die übrigen Vorwürfe, die wir zu erdulden haben, auf ihren wahren Werth reducirt wurden, so befolgt man bei der Beurtheilung dieses Vorwurfes eine eigenthümliche Methode. Mit einer Oberflächlichkeit, die nahezu an Unwissenheit grenzt, gibt man die Richtigkeit derselben zu, und versucht nur, entschuldigende Ursachen dafür zu entdecken. Es ist dann ergötzlich anzusehen, wie die verschiedenen Apologeten des JuLenthums sich eine Zwangsjacke anlegen, um an der Berechtigung dieses Vorwurfes ja nicht zu rütteln. Das Herrlichste, aber auch Geistreichste, leistet auf diesem Gebiete Leroy-Beaulieu in seinem jüngsten, der Judenfrage gewidmeteu Buche. Er sagt, daß die Juden die künstlerische Begabung, die ihnen abgeht, durch ein dramatisches Talent ersetzen. So hauen sie mit der Mimik, mit der leichten Erregbarkeit ihrer Gesichtszüge die ewig schönen Formen der Bildhauerkunst aus. Die Söhne und Töchter Israels verlebendigen gleichsam die todten starren Formen des Marmors an sich selbst. Wie beehrend diese Art von Apologetik für uns sein mag, wir können sie in dieser Form nicht gelten lassen. Als Maler und Bildhauer leisten die jüdischen Künstler ebenso Herrliches, wie die Anderen. In keinem Zweige der modernen Kunst stehen die Juden den andern Künstlern nach, und ein Rundgang durch die Ausstellungs-Räumlichkeiten der Hauptstädte Europas könnte uns davon überzeugen. Nicht weil ihre künstlerische Bildung eine geringere ist als die, ihrer arischen Genossen, stehen die Juden bei der Betheiligung an öffentlichen künstlerischen Schöpfungen hinter den Christen zurück, sondern darum, weil bei der Bertheilung dieser Arbeiten nicht das Princip des künstlerischen Werthes, sondern -die von diesem völlig unabhängig sein sollende Frage nach der Confession des Künstlers in den Vordergrund gedrängt wird. So wenig, wie man den Juden die Bahnen der geistigen Thätigkeit öffnet, so wenig will man es zulassen, daß sie sich als Künstler bethätigen. Was aber diese Hintansetzung auf dem Gebiete der bildenden Kunst zu bedeuten hat, wird Jeder beurtheilen können, der da weiß, wie hemmend und lähmend ein fertiges Kunstwerk, das nicht untergebracht werden kann, auf einen Künstler einwirkt. Ein Atelier, welches einige nicht verkaufte Werke beherbergt, ist eine Folterkammer für den Künstler, und der bloße Anblick derselben genügt, um ihm die Lust an weiteren Schöpfungen zu benehmen. Wie oft geschieht es nun, daß ein jüdischer Künstler seine Werke nicht an den Mann bringen kann, weil er ein Jude ist? Bei der großen Sensibilität, die schon von der Natur dem Künstler eigen ist, sollte man es vermeiden, bei demselben die Frage nach seiner Religion hervorzukehren. Und daß die Unparteilichkeit in dieser Richtung nicht dem Judenthum, sondern der Kunst zu Gute käme, wird Jeder, und mag er auch von der Krankheit des Rassenhasses angesteckt sein, zugeben müssen. Was aber ein Künstler zu leisten vermag, wenn er eine, wenn auch nicht vollkommene Anerkennung findet, können wir an einigen Beispielen sehen. Der Jude Hörowitz, einer der größten Porträtisten der Gegenwart, der einem Bonnat oder K a u l b a ch ebenbürtig zur Seite steht, bringt die herrlichsten Schöpfungen zu Stande. Und wie mächtig und Alles bezwingend steht sein schöpferischer Geist da, wenn sich ihm eine Gelegenheit darbietet, in das Leben seines Volkes hinabzusteigen und von dort die kostbaren Perlen heraufzuholen und sie in Form eines herrlichen Bildes uns darzustellen. Das Bild, wo er die nationale Trauer der Juden in einer polnischen Klausschul darstellt (der 9. Ab), ist eines der herrlichsten Gemälde der Gegenwart. Und dieser Künstler, der als Ehrenmitglied der Akademie München, als preisgekrönter Aussteller des Salons einen europäischen Ruf mit Recht genießt, muß ein unstetes Leben führen, weil sich kein Staat herbeiläßt, einem jüdischen Künstler, .und mag es selbst ein H o r o w i tz sein, die zur ungestörten Entfaltung seines künstlerischen Genies nöthige Muße und Sorglosigkeit zu verschaffen. Ich könnte eine ganze Reihe von Beispielen anführen, wo bei den Künstlern die Frage hervorgekehrt wird, welcher Confession sie angehören. Von den vielen Beispielen will ich hier nur zwei anführen. Ein jüdischer Maler, glaubt es den Manen seines Volkes schuldig zu sein, ein Bild aus ihrer Geschichte zu malen. Er faßt den Entschluß, das traurige Bild darzustellen, wo Titus die besiegten Judäer im Triumphe nach Rom führt. Der Künstler, der als Zeichenlehrer einer Bürgerschule sein und seiner Familie Leben traurig fristet, macht Studien, skizzirt das Bild, und wie er zur Ausführung kommen will, mangelt es ihm an Geld, seinen künstlerischen Plan, das große Ziel seines Lebens, dem er Jahrzente nachgestrebt, auszuführen. Hätte er die Frivolität sich taufen zu lassen, so könnte er mit seinem Seelenheile auch die zur Ausführung seines Werkes nölhigen Mittel sich verschaffen. . Das zweite Beispiel, das ich anführen will, ist viel harmloserer Natur, beweist aber drastisch, mit welchen „künstlerischen" Ansichten die Juden beurtheilt werden. Es hat sich in einer Jury darum gehandelt, den ersten Preis einem der ausstellenden Künstler zuzuerkennen. Die Kritiker und das Publicum waren darüber einig, daß die xieee cke reslbtance der ganzen Ausstellung ein Porträt ist. Die Jury konnte sich diesem allgemeinen Urtheile nicht verschließen und wollte schon die goldene Medaille diesem Bilde zuerkennen, da erhebt sich ein Mitglied

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