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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-12 · 2 (12.1.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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bir. 2 Srsterreichische Political insanity *) 811. Die englischen Moralisten haben sich eine Theorie zurecht gelegt, nach welcher gewisse Verbrecher, wenn nicht alle, von einer Art Geisteskrankheit besallen sind, die ihre Verantwortlichkeit nicht nur herabmindert, sondern ganz aufhebt. In ähnlicher Weise wird ja auch der Selbstmord als die Folge einer außerordentlichen Geistesstörung hingestellt, welche zu der für jeden Normalmenschen schrecklichen Thatsache unwiderstehlich treibt. Die deutlichste Form der moral insanity, so heißt diese angebliche Gehirnkrankheil, ist die Sucht, Brand zu stiften. Der dieser Gattung Krankheit Unterworfene begeht sein Verbrechen ohne jedes sonstige Motiv. Nicht Rache oder Haß gegen den Eigenthümer oder die Bewohner des Brandobjectes, nicht Versicherungsspeculation oder sonstige eigennützige Absicht und Ueberlegung treibt ihn dazu: sondern die krankhafte Sucht, große Flammen, erschreckte Menschen zu sehen. Eine ähnliche, aber doch nicht gar so gemeingefährliche Geisteskrankheit ist die Kleptomanie, die Stehlsucht. Es kann ohneweiters zugegeben werden, daß es Diebe oder Diebinnen, auch Braudstister, Selbstmörder, andere Mörder und sonstige Verbrecher gibt, denen das Bewußtsein der Unthat im Augenblicke derselben oder auch schon einige Zeit vorher fehlt; daß sich bei ihnen der Gedanke daran als fixe Idee einnistet und alle anderen Geisteskräfte überwältigt, besonders wenn dieselben von Haus aus gering sind. Auch ist bei manchen Verbrechern nachgenuesen, daß ihre Eltern und Großeltern schon Verbrecher waren, und daß bei ihnen nicht blos die schlechte Erziehung oder Verwahrlosung, sondern wirklich ererbte Anlage vorliegt, welche die criminalistische Verantwortlichkeit herabmindert. Nur muß man sich gegen die Verallgemeinerung einzelner diesbezüglicher Erfahrungen verwahren. Manche Verbrecher sind Wahnsinnige, sogar erblich Wahnsinnige, aber das beweist nicht, daß das Verbrechen im Allgemeinen nichts sei als eine Gattung Wahnsinn und daß der Nachkomme eines Verbrechers auch Verbrecher sein müsse. Bei der gleichen Vorsicht gegen .vorschnelle Verallgemeinerung ließe jedoch in noch zahlreicheren Fällen eine ähnliche Krankheit sich constatireu, die political insanity. Und bei dieser wäre zwar weniger die Erblichkeit, desto mehr die Ansteckungsfähigkeit, der epidemische Charakter, ein auffallendes Merkmal. Es ist nicht blos ein Spiel mit Worten, nicht blos ein geistreich sein sollender Vergleich, wenn man die Ausbreitung gewisser falscher politischer Ideen in^ Parallele stellt mit der Ausbreitung gewisser körperlicher Krankheiten. Das gesprochene und geschriebene Wort, die Vermittlerin alles geistigen Fortschrittes, kann auch mißbraucht werden zur Einflößung von Vorurtheilen und Gefühlen des Hasses, Neides, der Kampflust und Streitsucht. Und wie bei der körperlichen und Geisteskrankheit der Ausbruch derselben in jenem Zeitpunkte erfolgt, wo die Richtungen der inneren Anlage (z. V. zu Lungeuleiden) und des äußeren Anlasses (z. B. der Verkühlung) sich treffen, so kommt bei der political insanity die eben weitverbreitete Neigung (z. B. der R a s s e no d e r C l a s s en haß) bei irgend einer vergleichsweise geringfügigen Gelegenheit zum Ausbruche. Derselbe erfolgt, wenn die fixe Idee sich bereits eingenistet hat, gewöhnlich dann, wenn ihr schroff widersprochen wird. In ihrem Anfangsstadium ist sie aber gerade nur durch ernsten Widerspruch zu beseitigen. Nicht die Schwäche und Nachgiebigkeit imponirt auch dem zur political insanity neigenden Menschen. Nicht das Schmeicheln und halbe Zustimmen bringt ihn zur Vernunft. Solches Verfahren — auch bezüglich falscher Volksmeinungen — bestärkt nur den schon halb verrückten Politieaster; es entmuthigt gleichzeitig die Besserdenkenden. Wenn schon maßgebende, mächtige, führende Geister nicht den *) Das „Vaterland" vom Samstag den 6. Jänner 1894 publieirt als Feuilleton einen hochinteressanten Artikel, welcher von einer merkwürdigen Wandlung der Anschauungen in der eonservativen Partei Zeugniß ablegt. ' Wir erachten uns verpflichtet, den ersten Theil jenes Artikels unseren Lesern wörtlich zur Kenntniß zu bringen. Woüxenschrist Seite 23 Muth finden, dem Jrrthum offen und entschieden zu widersprechen, Durchschnittsmenschen, die mit dem Strome schwimmen, fühlen sich dazu noch weniger berufen. Und unter dieser allgemeinen feigen Nachgiebigkeit und falschen Popularitätssucht gedeiht und wächst der geistige Krankheitskcim und setzt sich unwiderruflich fest, wird durch den Aufschub der rechtzeitigen Heilung unmittelbar gemeingefährlich. Die Geisteskrankheit breitet sich dann immer mehr aus unter dem Einflüsse einer merkwürdigen Wechselwirkung zwischen Führer und Geführten. Sie überbieten sich gegenseitig; die Zungen unter den Letzteren suchen die Führer hinauszudrängen, durch immer größeren Radicalismus. Und diese Führer geben nach, um nicht verdrängt zu werden; in diesem schrecklichen Wettlauf wird die Unvernunft schließlich bis zum wirklichen Wahnsinn gesteigert. Die Geschichte aller Revolutionen zeigte diese allmälige Entwicklung vom ersten Stadium der Einseitigkeit und Rechthaberei bis zur Verketzerungs- und Schmähfilcht und dem schließlich unheilbaren Größen- und Verfolgungswahn, der Petroleum und Dynamit bereits als Waffen gerechter Nothwehr betrachtet und vor den ärgsten Verbrechen, Einzel- und Massenmord, nicht mehr zurückschreckt. Muth in der Abwehr gegen die ersten Anfänge der Geistesverwirrung, nicht aber das Buhlen um sogenannte, immer unzuverlässige Volksgunst bannt die political insanity. Neues vom antisemitischen Büchermärkte. Das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel enthält in der 4. Nummer dieses Jahrganges eine viel zu merkwürdige Ankündigung, als daß wir verabsäumen dürften, dieselbe unserem Leserkreise mitzutheilen. Sie lautet: „In wenigen Tagen erscheint: Politischer Bilderbogen Nr. 12. Deutscher T o d t e n t a n z. Der neue Bilderbogen Nr. 12 wird voraussichtlich noch weit stärker, als selbst der vielbegehrte Bogen „Die Juden in Friedrichsruh" verlangt werden. Er schildert nach der Art der altdeutschen Todtentanzbilder den dämonischen Einfluß des Judenthums in Deutschland. Dieser Bogen wird noch in späteren Zeiten als eine volkstümliche, ergreifende Caricatur aus das Deutschthum von heute seinen Werth behalten. In tänzelndem Gange das Ritualmesser schwingend, eröffnet der Jude den deutschen Todtenzug, in dessen Reihen die führenden Gestalten des heutigen Deutschthums sichtbar werden, ^zch bitte ausreichend zu bestellen. Druckerei Glöß, Verlagsa b t h e i l u n g in Dresden." Wir haben selbstverständlich von der liebenswürdigen Einladung zur Bestellung sofort Gebrauch gemacht, da es uns einerseits lebhaft interessirt, einmal die persönliche Bekanntschaft eines mit dem geschwungenen Ritualmesser einhertänzelnden Semiten zu machen und andererseits es uns gar nicht gleichgiltig fein kann, zu erfahren, wer denn da alles unter den führenden (?) Gestalten sich befindet. Wir sehen mit begreiflicher Spamtung dem Eintreffen des so verlockend geschilderten Bogens entgegen. Ei, dieses Sachsen ist doch ein industriöses Land! Unter seinen Exportartikeln nehmen die Antisemitica wahrlich nicht die allerletzte Stufe ein. Ein rentables, wenn auch just nicht eben reinliches Gewerbe, das da schwungvoll betrieben wird. Die Druckerei Glöß, Berlagsabtheilung, welche die Jnfanrie, die Verleumdung und die Niedertracht zu ihrer Specialität gemacht hat, hält schon bei Nr. 12 ihrer schamlosen Schaudbilder, die jedem Gesitteten ekelhaft sein müssen. Das Dutzend ist voll, aber die Gier des aufgestachelten deutschen Bildungspöbcls nach derlei schmachvollen „Mandelbögen" noch lange nicht befriedigt. Ihre Schmutz- Rafaels haben noch für lange zu thun. Derselbe Verlag kündigt auch das Erscheinen eines neuen Buches „Kirche und Juden" von „einem Theologen" an: „Ein protestantischer Theologe ergreift in dieser Schrift in leidenschaftlicher Weise das Wort, um die protestantische Kirche zu bewegen, in den Kampf gegen das Judenthum einzutreten." Also man rühmt sich der Leidenschaftlichkeit gar noch, als ob das eine gute, herrliche Sache wäre? Wir haben bisher immer gerade

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