Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-01-12 · 2 (12.1.1894) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021010--03124-3027246
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 32 VrSerredtztfche WochenfchrM ttr. 8 bestehenden Schulen nicht-aus und es müßten noch 5000 Schulclassen neu geschaffen werden, um nur den Kindern der rumänischen Bürger die Wohlthat des Unterrichtes zugänglich zu machen. Für die jüdischen Kinder wird sonach in absehbarer Zeit kein einziger Platz verfügbar sein, sie sind verurtheilt, in der Nacht der Unwissenheit aufzuwachsen. Und gerade das ist es, was die judenfeindliche Kammer und der judenfeindliche Unterrichtsminister beabsichtigen. Mit raffinirter Grausamkeit hat der Antisemitismus in Rumänien die Mittel gefunden, die Juden ebenso hart zu treffen, wie sie nicht Pharao mit dem Befehl zur Tödtung der Erstgeborenen traf. Wer den Bildungstrieb und Wissensdrang der rumänischen Juden kennt, muß sich' sagen, daß dieses Gesetz für sie einen Stoß ins Herz bedeutet. Den Führern unserer Glaubensgenossen in Rumänien bleibt keine andere Wahl, als sich auf ihre eigene Kraft und auf die werkthätige Unterstützung des gesammten Judenthums zu verlassen. -Sie müffen daran gehen, jüdische Elementarschulen zu errichten, vor Allem aber durch Gründung einer jüdischen Normalschule Lehrer für dieselben heranzubilden. Die Bukarester Gemeinde wollte die Mittel für die letztere durch Veranstaltung einer Wohlthätigkeitslotteric aufbringen. Sie suchte hiezu die Erlaubnis des Ministers des Innern nach, welcher die Gutachten des Präfecten, des Staatsanwaltes und des Bürgermeisters einholte. Die beiden Ersten sprachen sich zustimmend aus, der Bürgermeister aber gab ein ablehnendes Votum ab. Die Begründung dieses Votums verdient zum ewigen Gedachtniß verzeichnet zu werden, denn sie bezeichnet ebenso klar als brutal den wahren Charakter des Gesetzes. „Ich bin gegen die Lotterie", erklärte Herr Nicu Filipescu, „weil ich glaube, daß sie den Gei st des Gesetzes über den Unterricht zu verdrehen sucht". Mit einer Schamlosigkeit ohne Gleichen wird in diesem Ausspruch eingestanden, daß das neue Gesetz über den Elementarunterricht keü^en andern Zweck verfolgt, als die Kinder der jüdischen Bevölkerung von den Quellen der Bildung auszuschließen, sie in geistiger und sittlicher Verwahrlosung aufwachsen und so zum Auswurfe der Gesellschaft werden zu lassen. Und der Minister des Innern schloß sich diesem Gutachten an und verbot die Lotterie. Mit einem Gefühle des tiefsten Ekels muß sich jeder wahrhafte Menschenfreund von der Regierung eines Landes abwenden, welches Anspruch darauf erhebt, unter die civilisirten Staaten Europas gerechnet zu werden. Es ist die höchste Verzweiflung, welche unseren Glaubensgenoffen die Feder in die Hand drückt, um sich an die bewährte Opferwilligkeit aller jüdischen Glaubensbrüder zu wenden. Aus ganzem Herzen unterstützen wir ihre Bitte, durch zahlreichen Beitritt zu dem neugegründeten Rumänisch-jüdischen Landes-Schulverein die Errichtung jüdischer Elementarschulen zu ermöglichen. Die Durchführung dieses Unternehmens muß eine Ehrensache des gesammten Judenthums werden! Glaubensgenoffen! Jeder von Euch steuere nach Kräften bei zu diesem Werke der Menschenliebe und der geistigen Erhebung unserer hart bedrängten Brüder! „Jüdische Vsukttnstler." Das „Deutsche Volksblatt" kann es nicht verwinden, daß wir die Lüge des Prinzen Liechtenstein, das Räthhaus sei ausschließlich durch christlichen Geist und von christlichen Händen erbaut worden, an der Hand von unumstößlichen Thatsachen zurückgewiesen haben. Die Empfindlichkeit Sr. Durchlaucht und seiner publicistischen Leibtrabanten ist eine neue und überraschende Erscheinung. Es ist ja nicht die erste Unwahrheit, auf welcher die ehrenwerthen Herren ertappt wurden und sie sind ja sonst nicht so eifrig beflissen, den Borwurf der Verlogenheit von sich abzuwälzen. Einen so läppischen und täppischen Bertheidigungsversuch hätten wir übrigens nicht einmal dem „Deutschen Bolksblatt" zugetraut, und das will schon viel sagen! Man höre: In der bekannten Rathhaus-Versammlung des Vereines „Christliche Familie" hat sich Prinz Liechtenstein mit vielem Pathos darauf berufen, daß der Palast der Wiener 'Bürgerschaft ausschließlich ein Werk christlichen Geistes und christlicher Künstler sei. Hierauf antwortete die „Oesterreichische Wochenschrift" mit der Anführung der Thatsachen, daß Schmidt's genialster Schüler und zugleich sein tüchtigster Mitarbeiter und Berather am Rathhausbaue der Architekt Fleischer, ein Jude sei und dap der in Stein gemeißelte Kopf dieses Juden den Eingang zur Bolkshalle schmücke. Wir machten ferner eine Reihe von jüdischen Firmen namhaft, welche bei dem Baue und der Einrichttrng des neuen Rathhauses mttgewirkt haben. Das Alles vermögen nun die Herren Prinz Liechtenstein und B e r g a n i nicht in Abrede zu stellen, aber um die Wirkung dieser Thatsachen abzuschwächen, greifen Sie zu einem höchst sonderbaren Auskunftsmittel: Sie besudeln und bestecken das Andenken des Dombaumeisters Schmidt, des Erbauers des neuen Rathhauses, indem sie ihn einerseits als antisemitischen Gesinnungsgenossen und anderseits als einen willenlosen, gehirnweichen Greis hinstellen. Schmidt, so sagen sie, habe die Juden nicht leiden können, habe aber aus Angst vor der jüdischen Opposition im Gemeinderathe Juden bei sich Aufnahme gewährt. Schmidt, so erklären sie weiter, sei Antisemit gewesen, und nur durch die „unglaubliche Güte" des Meisters sei der Jude Fleischer in der Loggia des Rathhauses in Stein verewigt worden. Schmidt, so führen sie weiter an, habe die Juden gehaßt und es nach Möglichkeit vermieden, jüdische Geschäftsunternehmer bei seinen Bauten zu beschäftigen, aber er habe die billigsten Anbote berücksichtigen und daher die Offerte der jüdischen Firmen Egger, Schwarz, Voglhut, Eisenberger, Mayer und Winkl er annehmen müssen. Eine Spitzbuben. Regel lautet: „Wenn Du lügen willst, so berufe Dich auf einen Zeugen, der weit entfernt ist." Dombaumeister Schmidt ist seit Jahren tobt, er kann seine Stimme nicht mehr erheben, um das erbärmliche Lügengesindel, welches seinen Namen und sein Andenken beschimpft, zu brandmarken. Aber die Dummdreistigkeit, welche in den obigen Anwürfen, liegt, richtet sich ja von selbst, und selbst unter den engsten Parteigenossen der Herren Liechtenstein und Vergani wird es nur Wenige geben, welche der Behauptung Glauben schenken, daß Dombaumeister Schmidt in Sachen seiner Kunst sich von einer „unglaublichen Güte" habe leiten und von einigen jüdischen Gemeinderäthen habe terrorisiren lassen. Wir haben es schon in unserm ersten Artikel gesagt: Ueber den steinernen Kopf Max F l e i s ch e r' s, der an erster Stelle angebracht ist, kommen die Antisemiten nicht hinweg, dieser Stein ist ein redendes Zeugniß von der confessionellen Vorurtheilslosigkeit Meister Schmidt's und von der Tüchtigkeit jüdischen Geistes. In einen Streit darüber, welche Stelle Fleischer in der Reihe der Schüler S ch m i d t's gebühre, werden wir uns weder mit dem Prinzen Liechtenstein noch mit Herrn Vergani einlassen. Zur Beurtheilung einer solchen Frage gehört immerhin etwas mehr Kunstverständnis, als beim „goldenen Luchsen" in Neulerchenfeld oder beim „Sulke" in Währing'zu holen ist. Auch über die Behauptung, daß Fleischer zehn Jahre lang „blos" als Zeichner bei Schmidt gearbeitet habe und daß ihm „blos" die Ausarbeitung der Grundrisse und andere untergeordnete technische Details zufielen, kann man nur lächeln. Das war jedenfalls ein sehr kostbarer Zeichner, der seine Prüfung als Architekt mit Auszeichnung absolvirt hatte, ein „Zeichner", der außer seinen Antheil am Rathhausbaue eine Reihe von Bauten geschaffen hat, die zu den besten Werken der Gothik gehören. Max Fleischer hat allerdings niemals nach äußeren Titeln und Ehrenstellen gestrebt. Wenn das „Deutsche Bolksblatt" unter seinen ehemaligen College» Geheime Oberbauräthe, Dombaumeister, Professoren rc. aufzählt, so hat Fleischer sich damit begnügt, seine Kunst vornehmlich in den Dienst des Judenthums zu stellen, welches keine Aemter und Würden zu vergeben hat. Es gehört eine scharfe Brille dazu, darin „Anmaßung" und „Ueberhebung" zu erblicken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.