Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 10 Vrstrrreichifchr Wochrnschrifl GorresKonäensm. Wien. Eine kurze Notiz in unserem Blatte zeigte vor wenigen Wochen die Gründung des theologischen Vereines der Hörer an der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien an Jetzt, nachdem dieser Verein schon einige Zeit besteht und beiseiner Chanuckafeier so recht deutlich gezeigt hat, in welchen Grenzen seine Leistungsfähigkeit sich bewegt, dürfte es unseren Lesern nicht unwillkommen sein, Näheres über diesen Verein zu erfahren, zumal die große Bedeutung des Seminars für die Judenheit unseres Vaterlandes auch ein Interesse für seine Hörer und ihren Verein voraussetzen läßt. Als die Hörer des Wiener Seminars ihren Verein gründeten, folgten sie hierin dem Beispiele der ähnlichen Anstalten in Berlin, Breslau und Budapest. Im Großen und Ganzen stimmen auch die Zwecke und Ziele des Wiener Vereines mit denen seiner Brudervereine überein. Im Streben, vor Allem einen Mittelpunkt zu schaffen, der die Hörer der Anstalt als Collegen auch auf einem anderen Boden als dem des gemeinsamen Unterrichtes nähert und in ihnen das Gefühl der Zusammengehörigkeit als künftige Mitglieder eines besonderen Standes stärkt. Ein weiterer Zweck des Vereines ist die wissenschaftliche Selbstausbildung der Hörer, die mit der mehr oder weniger theoretischen A sbildung von Seiten der Anstalt Hand in Hand zu gehen hat. Die Samenkörner der Wissenschaft, von den echt wissenschaftlich gebildeten Docenten der Anstalt in den empfänglichen Geist der Hörer gesäet, müssen durch vielfältige und unverdrossene Uebung seitens der Hörer erst reifen, um hundertfach die Mühe und den Lehreifer der Lehrer zu vergelten. Zu diesem Zwecke finden im Vereine allwöchentlich Vorträge rein wissenschaftlichen Inhaltes und homiletische Uebungen statt, in denen die Hörer Gelegenheit finden, ihre Kraft zu erproben. Die un- Parteiische Beurtheilung der Collegen — unparteiisch und sachgemäß im Lobe wie im Tadel — zeigt dem Redner wie den Hörern, was gut und was verfehlt war und schafft im Laufe der Zeit ein Schatzkästlein von Regeln, die, unmittelbar der Praxis entnommen, der praktischen Ausbildung des späteren Prediger-, Lehrer- und Gelehrtenberufes zugute kommen. Durch alljährlich vom Vereine zu veranstaltende größere öffentliche Vorlesungen wird dann auch ein größerer Kreis unseres jüdischen Publicums in die Lage gesetzt werden, sich ein Urtheil über die Leistungsfähigkeit und die Kräfte des Seminars zu bilden. Wie ideal man aber auch immer solche Bestrebungen im Dienste der reinen und als Kanzelberedtsamkeit ausgeübten Wiffenschast auffaffen mag, der praktische Sinn wird doch einsehen, daß auch das materielle Wohl der jungen Leute, deren Ernst für die Aufrichtigkeit jener Bestrebungen Bürgschaft leistet, ins Auge gefaßt werden muß. Materielle Sorgen dürfen den Weg der Wissenschaft und ihrer Jünger nicht beschwerlicher und dornenreicher machen, als er es ohnehin ist. Die Vereinigung von Seminar- und Universitätsstudium, auf welche der Erziehungsgang der jüdischen Theologen sie hinweist, bürdet dem Geiste eine viel zu complicirte Beschäftigung auf, als daß ihm Zeit und Fähigkeit bliebe, mit den gewöhnlichen Sorgen des täglichen Lebens einen aufreibenden und zur Arbeit unfähig machenden Kampf zu führen. Die den Hörern von Seiten der Anstalt gewährten Unterstützungen, wie sehr sie auch von dem edlen Herzen der Spender und ihrem Bestreben Zeugniß ablegen, den Seminaristen die Möglichkeit ruhiger Arbeit wenigstens theilweise zu gewähren, können dennoch nicht derartig ausgiebig sein, als es aus den angeführtenGrüuden wünschenswerth erscheint. Und deshalb hat der Verein, auch hierin dem Beispiele anderer Seminarvereine folgend, als ein Hauptprincip seiner Wirksamkeit die Aufgabe aufgefaßt, für die materielle Situation der Mitglieder in der Weise zu sorgen, daß im Bedarfsfälle aus dem Bereinsvermögen Darlehen gewährt werden. Wie oft kommt ein Studirender in die Lage, bei Jnscriptionen, bei Rigorosen, behufs Anschaffung von Lehrmitteln, ferner im Erkrankungsfalle rc. eine größere Summe zu benöthigen! In solchen und ähnlichen Fallen sollen dem Studirenden dann die nöthigen Mittel vom Vereine vorgestreckt werden. Zur Erreichung des ersten Zweckes des Vereines, der Erweckung und Erhaltung brüderlicher Gesinnung unter den Collegen, ist nur der gute Wille der Hörer selbst nöthig. Seine w issensch aftlichen Bestrebungen werden sicherlich der freund-! lichen Unterstützung der Lehrkräfte der Anstalt theilhaftig tUrden. Der dritte Zweck des Vereines aber, der materielle, bedarf, um in dem Maß erreicht zu werden, wie es nöthig und wünschenswerth, der kräftigen Unterstützung des großen jüdischen Publicums. Der stets opferwillige Sinn der jüdischen Bevölkerung unseres Vaterlandes uno besonders Wiens, in tausend Gelegenheiten angerufen und bewährt, wird, wie wir bestimmt erwarten, auch diesem Vereine und seinen edlen Zwecken zugute kommen. Zum Theile sind diese Hoffnungen schon in Erfüllung gegangen. Der gesammte Lehrkörper der israelitisch-theologischen Lehranstalt, ferner der Vicepräses ihres Curatoriums, Herr Moritz Karpeles, die Herren Oberrabiner und Prediger Dr. M. Güdemann und der inzwischen leider verstorbene Dr. Adolf Jellinek, der dem jungen Verein seine wärmsten Sympathien entgegenbrachte, Rabbiner Dr. Jon. Wolf, Gemeindevorsteher und Landesschulrath Dr. Gustav Kohn -und viele Andere sind dem Vereine bereits theils als unterstützende, theils als Gründer beigetreten. Mögen sich viele ihrem Beispiele anschließen, damit der theologische Verein die Aufgabe, die er sich gestellt, voll und ganz erfüllen und in Wirklichkeit ein Mitfactor in der Erziehung und Ausbildung so vieler künftiger Rabbiner und Prediger unseres Volkes werden könne. Beitrittsanmeldungen wolle man richten: An den Theologen-Verein II., Tempelgasse 3. E. B. Wien. (Ankäufe des Kaisers in der Weihnachtsausstellung des Oesterreichischen Kunstvereines.) Vorige Woche besuchte Se. Majestät der Kaiser die Weihnachtsausstellung des Oesterreichischen Kunstvereines und besichtigte die exponirten Gegenstände eingehend. Besonders lobte der Kaiser die von der Firma M. Herz u. Sohn in Wien ausgestellten Uhren wegen des auf die Secunde übereinstimmenden Ganges, der schönen Ausstattung und des prächtigen Schlages. Einen Teppich der Damen Rosa Freud und Landauer bezeichnet der Kaiser als sehr schön und wohl mit unendlicher Mühe verfertigt. Auch über die Ausstellung der Terracotta-Fabrik von Friedrich Goldscheider sprach sich der Kaiser lobend aus. Wien. (Die ärztliche Staudesehre.) Unter dem Schlagworte „Jüdische Gewissenhaftigkeit" bezeichnet das „Deutsche Volksblatt" die Meldung, daß in Berlin der praktische Arzt Dr. Blum verhaftet wurde, weil derselbe falsche Atteste zum Zwecke des Gebrauches bei Versicherungsanstalten ausgestellt hatte. Pan Bergan iv knüpft daran die tiefsinnige Betrachtung, wie berechtigt die Klage der deutschen Aerzte sei, daß durch die Ueberhandnahme der jüdischen Mediciner die Standesehre in mancher Beziehung untergraben werde. Vergehungen gegen die Stande^ehre, welche von arischen Aerzten begangen werden, verschweigt Herr V e r g a n i allerdings consequent. Vor wenigen Tagen erst wurde in Wien ein christlicher Arzt wegen Abtreibung der Leibesfrucht verhaftet. Auch vor zwei Jahren machte ein Proceß, in welchem ein in der Kärntnerstraße etablirter christlicher Arzt des gleichen Verbrechens beschuldigt war, großes Aufsehen. Fälle von „käuflichen Aerzten" kommen also auch unter den Ariern vor, aber in Niederträchtigkeiten, welche nicht von Semiten ausgehen, sieht das „Deutsche Volksblatt" keine Schädigung der Standesehre. Wien. (Stampiglius ein Nachkomme der Tallesweber aus Kolomea.) Die Wiener Gastwirthe haben bekanntlich eine Action gegen die Preiserhöhung der Pilsner Biere unternommen. Diesen Anlaß benützte der treffliche Mechanikus Schneider, welcher einen Wiener Bezirk im Reichsrathe vertritt, wie der „Stammgast" meldet, um sich in einer die Gastwirthe in gerechten Unmuth versetzenden Weise in die Angelegenheit zu mischen. Es wird ihm daher von diesem Blatte eine Magistrale Abfertigung aufgemessen. Was ihm übrigens da für Wahrheiten auch gesagt werden, er hat ihrer schon noch ganz andere zu hören bekommen. Er ist dafür offenbar nicht empfindlich. Es wird ihm vorgehalten, daß selbst die übergroße Mehrheit der antiliberalen Gastwirthe von ihm nichts .wissen wolle. Es wird daran erinnert, was ihm Vetter, Holomay rc. angethan haben, und ihm vorgeworfen, daß er ein „Geschäfts-Antisemit" sei, der zehn Gulden Tagesdiäten im Reichsrathe, acht Gulden im Landtage beziehe, und daß seine „Gewcrbefreundlichkeit" also einen goldenen Boden habe. Es wird ihm mit Veröffentlichungen gedroht, die ihn selbst bei seinen Gesinnungsgenossen unmöglich machen würden. Das ist aber noch Alles nichts. Das Schönste kommt jetzt: Der „Stammgast"-berichtet, daß es im antisemi- V