Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Veflerrelihisihr WochrnphrM Sette 9 der einzelnen Lehrgegenstände und in der Art deren Aufarbeitung wesentlich abweichende Wege. Während der Mittelschulunterricht in erster Reihe die Vorbereitung zUr wissenschaftlichen Laufbahn vor Augen hält und dementsprechend die theoretischen und praktischen Theile der einzelnen Wissenszweige auf möglichst breiter Basis vorträgt, behandelt demgegenüber der Bürgerschulunterricht — der einerseits für den Handel und das Gewerbe, andererseits für das Familienleben gebildete junge Leute erziehen will — aus jedem der Wissenszweige hauptsächlich den im praktischen Leben vorkommenden Theil, seine dort zur Geltung kommende leichte und tägliche Verwendung und deren Begründung, demnach nicht so sehr seine Theorie als vielmehr seine Resultate. Den Lehrstoff der Bürgerschule bilden die Elemente der verschiedenen Wissenschaften. ihr Lehrziel die sichere Nutzbarmachung dieser Elemente. Lehrstoff sowohl als Lehrziel sollen eher eine allgemeine Bildung, denn eine Propädeutik zu den Wissenschaften bieten. Aus der Bestrebung nach allgemeiner Bildung folgt, daß die Bürgerschule sich nicht mit dem Bruchtheil irgend eines Lehrgegenstandes begnügen darf, sondern ein abgeschloffenes Ganzes zu bieten hat. (Fortsetzung folgt.) Stimmen aus dem Publicum. Zur Rede des Seminar-Directors Dr. Schwarz an der Bahre Ad. I e l l i n e k's erhalten wir folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Die alten Talmudisten haben es als geschmacklos verpönt, Homilien einer Kritik zu unterwerfen. Indessen dürfte eine Ausnahme gestattet, vielleicht geboten sein, wenn es sich um den Lehrer der Homiletik und darum handelt, die Geistesrichtung und Ausbildung unserer zukünftigen Führer und Seelsorger zu controliren. Ich bemerke, daß mir der Name des Seminardirectors Herrn Dr. Schwarz erst aus der „Oesterr. Wochenschrift" bekannt geworden, und am. letzten Sonntag erfuhr ich aus seinem Munde, daß er auch Homiletik an der jüd.-theol. Lehranstalt docirt. Ich stehe dem theologischen Leben seit Jahren gänzlich ferne und habe nicht die geringste Ursache und Absicht, den Herrn persönlich zu kränken. Ausschließlich sachliche Erwägungen drängen mich zu einem freimüthigen Worte über die homiletische Musterleistung, welche der Docent für jüdische Homiletik an der Bahre Jellinek's der Trauerversammlung zum Besten gab. Ich vermeide ein charakterisirendes Wort über Form und Vortrag, über die stylistische und rhetorische Art des Herrn Dr. Schw arz, wiewohl dasUrtheil des enttäuschten Publicums darin ein ungetheiltes war; ich widerstehe auch dem Versuch, den geistigen Gehalt dieser sonderbaren Gedenkrede an der Hand einer anderen zu würdigen. Ein Anderes liegt mir am Herzen, und es wäre Unrecht, wollten Sie, Herr Redacteur, jedes freimüthige Wort aus Rücksicht für die Empfindlichkeit des Betroffenen unterdrücken, dem nur gedient sein kann, ein unbefangenes Urtheil zu vernehmen und zu beherzigen. Seminardirector Dr. Schwarz leitete seinen Nachruf mit den Worten des Bibeltextes Jes. 39, 8 ein: „Gut ist das Wort Gottes, das Du gesprochen." Als König Hiskia vor den Abgesandten des Königs von Babylon seine Reichthümer und Schätze prahlerisch und hochmüthig zur Schau gestellt hatte, erschien vor ihm der Prophet Jesaias, um dem Hochmüthigen ein furchtbares göttliches Strafgericht anzukünden: . „Siehe, es kommen Tage, wo weggebracht wird alles Gur, was in Deinem Hause ist und was Deine Väter aufgesammelt bis auf den heutigen Tag, nach Babel: es wird nichts übrig bleiben, spricht der Ewige, und von Deinen Söhnen, die Dir Nachfolgen und Dir geboren werden, werden sie nehmen und sie zu Haussclaven machen des Königs von Babel." Hiskia aber sprach zu Jesaia: „Gut ist das Wort des Ewigen, das Du gesprochen — indem er sagte: Daß nur Frieden und Bestand sein wird in meinen Tagen." (Jes. 39, 6—8.) . Und dieses Wort fatalistischer Resignation und sündhafter Leichtfertigkeit, welches einen schwarzen Schatten wirft auf den Charakter dieses Königs, welcher „das Wort Gottes gut" preist, weil es den Hereinbruch der Katastrophe bis nach seinem Tod hinausrückt, dem das angedrohte traurige Geschick des Volkes und der Untergang seines Hauses ein Geringes war, wenn das Gebäude nur wenigstens bis zu seinem Tode aufrecht bleibt; jenes an den berüchtigten Ausruf: „^xres nons 1e deluge“ gemahnende Wort des jüdischen Königs legte Seminardirector Dr. Schwarz seiner Gedenkrede auf Adolf Jellinek als Textwort zu Grunde, es bildete den immcrwiederkehrenden Refrain seiner Ansprache und in dieses Bibelwort ließ er den Nachruf ausklingen. Die sonderbare Wahl, welche Herr Dr. Schwarz für seinen Text getroffen hat, und die Art, wie er das Bibelwort angewendet enthält eine schwere Kränkung des Bibelwortes und eine schwere Kränkung des verblichenen großen Homiletikers. Sollte es mit der Bibelkenntniß des Seminardirectors so bestellt sein, daß sein Wissensschatz ihm keinen geeigneteren, der Würde des Momentes, dem Ansehen der Versammlung und der Bedeutung des Sarges entsprechenderen Text zur Verfügung bot? Ein Prediger in einer Kleingemeinde mag in Voraussicht, daß unter den Zuhörern sich keiner befindet, in dessen Gedächtniß das Capitel 39 Jesaias haften geblieben, eine solche Textanwendung wagen. Ihm wird man es auch zu Gute halten, wenn er sich erlaubt, den Text des Königswortes dahin zu ändern, daß es lautet: „Gut und schön ist das Wort Gottes, das Du gesprochen", obgleich dadurch der Satz zu einer Lächerlichkeit verzerrt wird; vor Wiener Zuhörern, inmitten einer Trauerversammlung von Gelehrten, Schriftstellern und Theologen aus ganz Oesterreich, die herbeigeeilt waren, dem bewunderten Meister jüdischer Homiletik die letzte Ehre zu erweisen, ist eine solche Texlwahl nicht blos eine unbegreifliche Geringschätzung, sondern würdelos und compromittirend, und in Anbetracht des Umstandes, daß Director Schwarz der künftigen theologischen Generation des österreichischen Judenthums zum Vorbilde dienen soll, eine nicht geringe Gefahr. Bor solchen homiletischen Abirrungen muß die theologische Jugend eindringlich gewarnt werden. Was würde z. B. der Herr Superintendent Schack, welcher die classische Gedenkrede des Oberrabbiners Dr. Güdem a n n bewunderte, über eine derartige homiletische Verzerrung des Bibelwortes sich gedacht haben? Dr. Schwarz unterfing sich, die Agada, welche er fälschlich mit Homiletik, identificirte, redend vorzuführen, wie sie Adolf Jellinek im Jenseits mit Pathos und Declamation begrüßt. Die Agada war nie pathetisch und aus der langen und weitschweifigen Ansprache, welche er die alte und ehrwürdige Lehrmeisterin reden ließ, blitzte auch nicht ein einziger jener agadischen Geistesfunken, wie sie sämmtliche Reden Jellinek's durchleuchteten und durchglänzten. Um die Homiletik im Geiste Jellinek's, wie Dr. Schwarz gelobte, lehrend fortzusetzen, muß man mit einem Strahl Jellinek'scher Begabung und Jellinek'schen Genies begnadet sein. Der Herr Seminardirector hat es auch für angemessen erachtet, einer näheren Verbindung der Kanzel im israelitischen Tempel der Seitenstettengaffe mit der Lehrkanzel für Homiletik an der jüdisch-theologischen Lehranstalt, die sich beide einander ergänzen und daher zu einander gehören, das Wort zu reden und er hat seine ganze rednerische Begabung und sein überquellendes Pathos aufgewendet, um dieses Verlangen zu unterstützen. Es bleibe ununtersucht, ob der Moment an der Bahre Jellinek's hiefür tactvoll gewählt war. Allein wenn der Redner dem Verlangen Ausdruck leihen wollte, sich auf den Talmudunterricht zurückzuziehen und die Last des homiletischen Unterrichtes anderen Kräften, welche den Predigtberuf in der Großstadt mit Erfolg praktisch ausüben, zu übertragen, so möge dieser Wunsch dem Curatorium der Lehranstalt im Interesse der künftigen theologischen Generation wärmstens empfohlen sein. Genehmigen Sie, Herr Redacteur, den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung F. Geehrter Herr Redacteur! Als Ihr langjähriger Abonnent ersuche ich um Aufnahme folgender Zeilen: Ich komme in die Trafik II., Praterstraße 13, sehe dort einen armen, von Kälte durchfrorenen Burschen bitterlich jammern. Ans die Frage, warum er weine, antwortete er, „daß er der Trafikantin noch fl. 2.50 für Marken, die er verloren habe, schulde, und sein Chef ihm ein Zeugniß nicht verabfolgen wolle, insolange er diese fl. 2.50 nicht bezahlt habe." Ich gehe zu dem Chef dieses armen Burschen, den Herrn S. A. Wasservogel, und erklärte mich dort bereit, die fl. 2.50 für den Jungen zu bezahlen. Der biedere Chef verschmähte es nicht, diese fl. 2.50 von mir, als fremden Menschen, anzunehmen, worauf mir ein schon vorbereitetes, gutes Zeugniß eingehändigt wurde. Bemerken will ich noch, daß dieser arme Bursche bei 10 Grad Kälte nur nothdürstig gekleidet vom X. Bezirk nach der Leopoldstadt gehen mußte. So sieht das „jüdische Herz" eines jüdischen Bethausvorstehers aus. Hochachtungsvoll Jg. R e i m a n n ll., Große Mohrengaffe 3.