Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 VrflrrrekMrhr Wmtzenptzrtft Seite 3 des Rechtes gestellt werden könnten. Wieder nehmen wir hier als eine ruhmreiche Errungenschaft in Anspruch, was unsere Gegner als ein Verbrechen hinstellen. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, in Kunst und Wissenschaft, in Handel und Industrie, in der Armee und in der Bureaukratie nehmen Juden eine hervorragende Stellung ein und haben Tüchtiges und Segensreiches für den Staat geleistet. Selbst wenn man die Frage von Recht und Gesetz bei Seite läßt und sich lediglich auf den Standpunkt der Opportunität stellt, muß man sagen, daß die Entrechtung der Juden oder auch nur die fernere Duldung der Judenhetze in ihren Consequenzen zu einer Erschütterung des Staatsgefüges, zu einer schweren Schädigung der bürgerlichen Ordnung und der wirthschaftlichen Wohlfahrt führen müßte. Man hat uns nicht nur Wahrheit und Offenheit, man hat uns auch eine kräftige Verwaltung versprochen. Nun denn, diese kräftige Verwaltung setze vor Allem dort ein, wo Gefahr droht, daß das Rechtsbewußtsein und die Staatsautorität untergraben werde. Die Vorgänge in Böhmen zeigen, .welche Folgen eine maßlose Agitation, eine systematische Irreführung des Volksgeistes nach sich ziehen kann. Hält man die Judenhetze für minder bedenklich als die nationale Hetze in Böhmen? Und nochmals sei es gesagt: Was geschehen soll, muß jetzt, muß ungesäumt geschehen, wenn das Uebel sich nicht unausrottbar einfressen, wenn aus dem Unrecht nicht ein Recht der Gewohnheit werden soll. Wir haben die Abwehr allein, ohne jeden Bundesgenossen, lediglich mit jenen geistigen Waffen geführt, welche uns Geschichte und Wissenschaft an die Hand geben. Aber längst ist die sogenannte Judenfrage über den Rahmen akademischer Controversen hinausgewachsen, längst hat der Antisemitismns sein wissenschaftliches Mäntelchen abgestreift und hat sich zu einer politischen Macht, zu einem socialen Pestgeschwür entwickelt. Es ist hoch an der Zeit, daß Staat und Gesellschaft uns gegenüber ihre Pflicht thun und mit ihren starken Waffen sich an unsere Seite stellen. Die von uns angeregte Conferenz soll den Anstoß hiezu geben. Wir erneuern heute diesen Vorschlag und citiren dabei das WortRüdiger'svon Starhemberg:„KeineZeit verlieren, jakeineZeit mehr verlieren!" Der „goldene Sonntag". „Aber am siebenten Tage sollst du ruhen.f/* — Der wöchentliche Ruhetag ist eine semitische Institution, welcher die arischen Völker nach langen Kämpfen sich unterworfen haben. Das religiöse Moment verband sich dabei mit dem socialen Bedürfnisse, und wie der Sabbath bei den Juden, so ist auch der Sonntag bei den Christen nicht blos der Erholung, sondern auch der Heiligung geweiht. Die Bibel weist auf den göttlichen Charakter des Ruhetags zurück und die modernen Wirthschaftsgesetze kennzeichnen ihn als eine Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft, bei welcher das ethische und materielle Princip in gleichem Maße Berücksichtigung findet. Die strenge Befolgung der Sonntagsruhe ist daher eine Forderung, ün welcher sich die Socialpolitiker mit den Priestern der katholischen Kirche begegnen, und als die Vertreter der Wiener Geschäftswelt vor Kurzem an den Handelsminister mit der Bitte herantraten, den „goldenen Sonntag", auf welchen diesmal der Weihnachtsabend fiel, freizugeben, da waren es die Socialdemokraten und die Clericalen, welche consequenter Weise sich gegen die Erfüllung dieser Bitte aussprachen. Aber auch noch eine dritte Gruppe schloß sich ihnen an, welche nicht von Gottesfurcht und nicht von Menschenliebe geleitet wird, deren Triebfeder vielmehr der Haß ist: die sogenannten Christlich-Socialen. Sie eiferten gegen die Freigebung des Verkehres, nicht weil ihnen die Entheiligung des „goldenen Sonntags" ein Greuel war, nicht weil sie den zur Weihnachtszeit überbürdeten Gehilfen Ruhe gewähren wollten, sondern weil sie den jüdischen Kaufleuten das Geschäft mißgönnten. Die Christlich-Socialen sind aus rein antisemitischen Gründen Bertheidiger der Sonntagsruhe und ihre Organe benützen denn auch die Freigebung des „goldenen Sonntags", um förmliche Proscriptionslisten solcher jüdischer Geschäftsleute zu veröffentlichen, welche von der Erlaubniß des Handelsministers Gebrauch gemacht haben. Unter dem Schlagworte: „Ein Beispiel jüdischer Ueberhebung" bringt das „Deutsche Bolksblatt" die Denunciation, daß ein unter den Tuchlauben etablirter jüdischer Kaufmann sein Geschäft Samstag bis 5 Uhr Abends geschloffen hielt und es Sonntag von 8 Uhr Früh bis 7 Uhr Abends geöffnet hatte. Der erwähnte Kaufmann, Herr Hofbauer, ist ein frommer Jude, so fromm, daß er neben der gewöhnlichen Sonntagsruhe, zu der ihn das Gesetz verpflichtet, auch den Sabbath heiligt und so ein leuchtendes Beispiel dafür bietet, wie man ohne Rücksicht auf seinen materiellen Vortheil ein treuer Anhänger seines Glaubens und zugleich ein guter Bürger des Staates sein kann. Für solchen Opfermuth haben allerdings die Führer der Christlich-Socialen kein Verständniß. Das „Deutsche Volksblatt" nagelt den Juden an, aber es schweigt von seinen eigenen Gesinnungsgenossen. Am „goldenen Sonntag" hielten sämmtliche christliche Angehörige jener Branchen, welche die Herren Greg orig und Zuleger vertreten, ihre Geschäfte geschlossen, nur die Herren Gregorig und Zuleger selbst hatten bis in die sinkende Nacht offen. Die Führer der christlich-socialen Partei haben die Sonntagsruhe, die eine der obersten Forderungen ihres volksbeglückenden „Programms" bildet, nicht gehalten. Die Herren Greg orig und Zuleger konnten der Lockung nicht widerstehen, auf Kosten ihrer „Principien" und auf Kosten ihres christlichen Personals noch die letzten Stunden vor dem Weihnachtsabend, ja den Abend selbst gründlich auszunützen. Der „orthodoxe" Jude Hof bau er aber hat christlicher gehandelt als sie, denn er hat seinen christlichen Bediensteten den Christabend freigegeben, und als sich Einzelne von ihnen weigerten, von dieser Erlaubniß Gebrauch zu machen, bestand er darauf, daß dieselben den Abend im Kreise ihrer Familie zubrächten. Die Herren Greg orig und Znleger haben von jüdischem Opfermuth keine Ahnung. Man kann allenfalls geringschätzig darüber die Achseln zucken, wenn ein wohlhabender jüdischer Kaufmann zwei Tage der Woche feiert, um den Satzungen seines Glaubens und den Vorschriften des Gewerbegesetzes Genüge zu thun. Aber in Galizien leben Tausende jüdischer Arbeiter, Tausende jüdischer Handwerker, welche die Sonntagsruhe in ihrem kargen Erwerb schwer schädigt, da sie infolge ihres treuen Festhaltens an der Sabbathheiligung zwei Arbeitstage einbüßen. Die härtesten Entbehrungen vermögen diese jüdischen Arbeiter nicht zu bestimmen, den Sabbath zu verletzen, die reichen Herren G r e g o r i g und Z u l e g e r aber nehmen keinen Anstand ihren „Grundsätzen" ein Schnippchen zu schlagen, wenn ein paar Gulden zu verdienen sind. Es ist dies übrigens nicht das einzige Beispiel antisemitischer Heuchelei. Die „Staatsbürgerzeitung", das Organ der deutschen Judenhetzer, hält sich darüber auf, daß die „Bossische Zeitung" in Berlin am zweiten Weihnachtsfeiertage erschienen ist. Die brave „Staatsbürgerzeitung" hätte ihre Mahnungen an die gesinnungsverwandten Blätter richten sollen. So erschien die „Tägliche Rundschau" ebenfalls Dienstag Früh, die „Dresdener Nachrichten" und die „Deutsche Wacht" sogar an beiden Weihnachtsfeiertagen. Der Eifer der „Staatsbürgerzeitung" erscheint in einem sonderbaren Lichte, wenn man sich die Thatsache ins Gedächtniß ruft, daß dieselbe früher viele Jahre lang in Berlin das einzige Blatt war, welches Montag Früh erschien, also Sonntag hergestellt wurde. Die antisemitischen Tartuffes bleiben sich in aller Welt gleich. Die Generalversammlung des israelitischen Temxelvereines für Mariahilf und Neubau. Donnerstag am 28. December, Abends 7 Uhr, fand im Hotel zum „Englischen Hof" die zwanzigste ordentliche Generalversammlung des israelitischen Tempelvereines für die beiden Gemeindebezirke Mariahilf und Neubau statt. Die Versammlung war zahlreich besucht und legte neuerdings Zeugniß ab von dem steten Emporblühen und den erfreulichen Fortschritten dieses Tempel verein es und von den Sympathien, deren sich derselbe in allen Kreisen der Wiener Judenschaft erfreut. Der Vorsitzende und langjährige Bereinsprästdent Herr Architekt Max Fleischer eröffnete die Versammlung, begrüßte den Delegirten der Muttergemeinde, den Herrn Cultusvorsteher Salo Cohn, sowie den als Gast anwesenden Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch und erlheilte das Wort dem Schriftführer Hern: Hermann Liebermann zur Verlesung des Protokolls der außerordentlichen Generalversamm-