Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1022 Vekerretrtzilrtze WochenfchrM Nr. 52 glieder zeigten, thatsächlich gelungen ist. Vor ungefähr vier Wochen hielt in diesem Vereine Herr Dr. W. Haynemann, Professor der Oberabtheilung der Hirsch'schen Realschule zu Frankftrrt a. M., einen sehr geistreichen und formvollendeten Vortrag über das Thema: Der Herzog von Naxos oder Don Juda Nasi. Sonntag am 17. December hielt im selben Vereine Herr Dr. Gustav Karpeles aus Berlin einen Vortrag über das Thema: Humor und Liebe in der hebräischen Poesie. Für den nächsten Vortragsabend hat der Historiker Herr Professor Dr. A. Sulzbach einen Vortrag in Aussicht gestellt. Das Merkwürdige bei dem letzten Vortrage war, daß selbst die antisemitisch angehauchte „Oberhessische Zeitung" sowohl des Vortrages als auch des Vortragenden rühmend gedachte. Zum Schlüsse sei mir noch gestattet, der Thatsache Erwähnung zu thun, daß am selben Abend, an dem Herr Dr. Karpeles (hier) den Vortrag hielt, hier ein Einacter (Schauspiel), gedichtet von einem 22jährigen jüdischen Jüngling. Julius Baer, aufgeführt wurde, das in der Marburger und Gießener Tagespresse viel von sich reden macht. Die Zeitungen beider erwähnter Universitätsstädte füllen ihre Spalten mit Besprechungen des Schauspiels „Die Brüder" aus. Am jüdischen Parnaß erblüht wieder ein hoffnungsvoller Dichter. Daß die antisemitische Presse darüber nicht mit Stillschweigen hinweggeht, ist selbstverständlich. Dr. Kaufmann. Paris. M. Charles Lyon-Caen, Professor an der juridischen Facultät zu Paris, wurde zum Mitgliede der Akademie für moralische und politische Wissenschaften gewählt. Seit dem Ableben von M. Adolphe Frank gehört dieser Akademie kein Jude an. Jede Section des Institut de France, mit Ausnahme der Academie Frangaise, zählt Inden zu den Mitgliedern. In der Academie des Inscriptions et lettres fitzen die Herren Derenbourg, Breal, Oppert und Henri Weil!. In der Academie des 8ciences sitzen die Herren Maurice Levy, Loewy, Lippmann und Bischoffsheim; in der Academie des Fines Arts Baron Alphonse de Rothschild. M. Moises Schwab wurde zum Bibliothekar der National- Bibliothek von Frankreich ernannt. Für das für Gounod zu errichtende Monument weist die erste Subscriptionsliste die Summe von 41.000 Francs auf, wovon der vierte Theil von Juden subscribirt wurde. Stockholm. Der Chef der Firma Simon Sachs ist zum türkischen Generalconsul für Schweden vom Sultan ernannt worden. London. Herr Leo Taussig, ein Schüler des berühmten Violoncellisten David Popper, hat in Stainway Hall sich mit vielem Beifall hören lassen. In demselben Concerte wirkte der Wiener Pianist Professor Theodor P l o w i tz mit und fand ebenso wie seine Frau, Madame P l o w i tz, welche als Liedersängerin sehr beliebt ist, großen Beifall. _ Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". 3eb« «»befugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungr- Zg) recht« Vorbehalten.) „Einen solchen wunderbar heiligen, engelsgleichen Mann ließ Markgraf Friedrich Wilhelm wie eine wilde Bestie an die Mauer ketten!" rief Markbreiter zähneknirschend. „Weiter, weiter!" rief Wertheimer in höchster Spannung. „Statt jeder Antwort preßte ich meinen Vater heftig an meine Brust, betrat die oberste Sprosse der Leiter und begann den Abstieg. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das sich nur der vorzustellen vermag, der es einmal selbst empfunden, das mich durchströmte! Den Vater am Arme, einen so gefährlichen Weg zu wandeln, zu wissen beim geringsten Ausgleiten rettungslos hinabzustürzen, mit dem geliebten Vater zerschmettert niederzufallen, das sind Gedanken, welche die Seele zerfoltern. . . . Beim Niederschreiten schwebte es mir fortwährend vor, was würden Mutter, Schwester sagen, thun, wenn sie von Ferne den markerschütternden Todesschrei des Gatten, Vaters, Sohnes, Bruders hören würden?! .... Der Weg auf der schwanken Bahn schien mir eine Ewigkeit zu dauern, aber auf dieser irdischen Welt hat doch alles ein Ende — endlich stand ich mit meinem Vater am Arme unversehrt auf der Eisfläche des Stromes!" „Gott Lob!" entfuhr es unwillkürlich Markbreiter's Lippen. „Deidelsheimer geberdete sich vor Freude, wie ein Wahnsinniger; er küßte meinem Vater Hände und Füße und schrie: „Rabbi, Rabbi! mein Herr! mein Vater! mein Fürst! ich seh' Dich wieder! Welch unfaßbares Glück!" Mein Vater aber sprach, bevor er die stürmische Begrüßung erwiderte, den Blick emporgerichtet den Bibelvers: „„Zu gering bin ich für all die Huld und Gnade, die Du Deinem Knechte erwiesen", dann aber wandte er sich an Deidelsheimer: „Ah .... Reb Josel, Dm bist uns stets ein treuer Diener gewesen, — Du hast meinem Sohne beigestanden, mich aus dem Kerker zu erretten! Möge Gott Dir's lohnen auf dieser und auf jener Welt!" Plötzlich ertönte vom Ufer her ein wilder Aufschrei, ein Fluch, der Kerkermeister rief: „In zehntausend Teufels Namen, das Geld .... das Geld .... die vierundzwanzigtausend Gulden.ich will mein Geld haben, sonst schieß ich Euch nach, alarmire die Wache!" # „Ich hatte in der That in meiner «furchtbaren Aufngung an die. Zahlung dieser Summe vergessen, aber natürlich nicht die Absicht gehabt, sie dem Kerkermeister vorzuenthalten. Deidelsheimer hob meinen Vater in den Wagen, rief dem Kutscher zu: „Fahr' so rasch als Du kannst, wenn wir in zwei Stunden die Grenze überschritten haben, bekommst Du, so wahr Gott lebt, noch fünfzig Ducaten über das bestimmte Fahrgeld," mir aber rief er zu: „Um Gottes willen befriedigen Sie den Mann und kommen Sie uns so bald als möglich nach." Der Wagen rollte fort, und ich rief dem Kerkermeister zu: „Ich will Euch ja keinen Kreuzer behalten .... kommt zu mir auf's Eis, wir haben es ja so bedungen!" — „Ich traue mich nicht zu Euch, auf die Eisfläche," heulte der Kerkermeister in wilder Wuth.„Ihr müßt herüberkommen oder . . ." Ich schritt nun dem Ufer, wo sich Winador und seine zwei Gehilfen befanden, zu, ich reichte ihm das Packet, in welchem die 23.000 Gulden abgezählt waren und wollte mich rasch entfernen, aber die mißtrauischen Menschen wollten mich nicht eher fortlassen, als bis der Kerkermeister das Geld gezählt und richtig befunden hatte, was bei der Ungeübtheit des Zählenden sehr lange dauerte. „Warum," frug ich entrüstet, „seid Ihr nicht, wie es besprochen war, zu mir auf die Eisfläche gekommen? Wenn ich böse Absichten gegen Euch gehabt hätte, wärt' Ihr ja Drei gegen Einen gewesen!" „Wir haben nicht Sie, wir haben gefürchtet, daß die Eisfläche bersten würde!" Ich erschrack, daß sich mir das Blut im Herzen vereiste. Deidelsheimer hatte während der Fahrt davon gesprochen, daß seit zwei Tagen ein Witterungswechsel eingetreten, daß es wärmer geworden und fortwährend geregnet hatte; wäre ich nicht ausschließlich von dem Gedanken beseelt gewesen, meinen Vater glücklich aus dem Kerkerthurm zu bringen, hätte ich schon früher ans den Gedanken verfallen müssen, daß die schmelzende Eisdecke unter der Last des Wagens, oder auch ohne diese zusammenbrechen könnte! Ich blickte angstvoll nach dem Flusse, auf dem, sich mein Vater, meine Mutter, meine Schwester mein treuester, ergebenster Freund befanden! Hat es, seit Gott die Welt erschuf, je einen Menschen gegeben, der unerwartet einen solch furchtbaren Verlust in einem Momente zu befürchten hatte?! Ich wollte meine Stimme zur Macht des grollenden Donners verstärken, meine Lieben zu warnen, aber so weit mein Auge reichte, war weder ein Wagen noch ein Mensch auf der Spiegelfläche des Stromes zu sehen, „Herrund Gott!" rief ich in wahnsinnigster Verzweiflung. Das kannst Du mir und den Meinen nicht zufügen, das hätten wir — so wahr Du ewig lebst — nicht um Dich verdient!" „Ich finde Ihre Aufregung erklärlich", meinte Werthheimer in seiner ruhigen, milden Weise, als wolle er den leicht verschleierten Vorwurf, den Fränkl gegen die Vorsehung erhob, entschuldigen. „Ich eilte, trotzdem ich es noch heute nicht begreife, daß mich meine zitternden Füße trugen, wie von Furien verfolgt, das Ufer entlang, hoffend die Meinen zu erreichen, bevor der voraussichtliche Eisgang eingetreten; der Zeitpunkt des Eintretens desselben ließ sich ja nicht genau vorherbestimmen, es konnte bis dorthin immerhin eine geraume Zeit vergehen und die Meinen sich dann mit Gottes Hilfe schon gerettet auf festen Boden befinden — aber nachdem es ringsumher gespensterhaft geklirrt hatte, ertönte plötzlich ein gewaltiger Knall und jählings begann es sich auf der todten Eisfläche furchtbar zu regen, sie barst in Tausenden von großen und kleinen Blöcken, die sich geisterhaft emporreckten, von den anstürmenden Wasserfluthen erfaßt