Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 1018 Veperrrtttzisrtzr WochrnsttzrM M. 52 unter griechischer und römischer Herrschast*), in der VI. Classe s wird die Entwicklung des Judenthums unter der Einwirkung der christlichen Kirche und des Islams bekannt gemacht, während man in der Vll. Classe die Wirkung der Neuzeit in den Bestrebungen der Renaissance, Reformation und im Zeitalter des wissenschaftlichen Aufschwunges vorträgt. Ergänzt wird der Geschichtsunterricht in der VH. Classe durch die Bekanntmachung der Gegenwart mit besonderer Rücksicht auf die ungarischen Israeliten. Die Aufgabe der Vlll. Classe ist die systematische Zusammenfassung und Ergänzung der jüdischen religiösen Ideen und Morallehren mit besonderer Rücksicht auf die herrschenden religiösen und socialen Ideen der Gegenwart. _ (Fortsetzung folgt.) GorresMäenLm. Wien. („Voran das Christenthum und hinten die Un zu ch 1.") Daß der biedere Urgermane Pan Verganiw es fertig bringt, um oen Preis eines guten Inserates die schamloseste Unzucht zu propagiren, ihr mit allen Mitteln seiner christlichen Reclame nachzuhelfen, ist unfern Lesern nicht unbekannt. Daß aber dieser Frechling dazu die eiserne Stirne hat, „haltet den Dieb" zu rufen, verdient um des verblödeten Lesepöbels wegen, dem dieses Leibblatt die geistige Nahrung bietet, eine besondere Würdigung. Am 16. December ist im Etablissement Ronacher die „berühmte" Chansonettensängerin Ivette Guilbert aus Paris zum ersten Male aufgetreten und ihre gesungenen Zoten bildeten einen Leckerbissen für hocharistokratische und bürgerliche Feinschmecker. Das „Vaterland" vom 18. December 1893 gab seiner Verwunderung Ausdruck über den allgemeinen Zulauf zu der gesprochenen und gepredigten Sünde und notirte die Haltung derPresse zuIvette Guilbert mit ihren „gewagtesten" Chansons. Vernehmen wir nun, wie beispielsweise die „Presse", über die Ivette Guilbert schrieb: „Unsere rabensckwarze Tinte wird carminroth, da wir uns anschicken, von dem Inhalte der Chansons zu schreiben, welche die G u i l b er t mit der unschuldvollsten Miene von der Welt einem hohen Adel (?) und P. T. Publicum an die Köpfe säuselt . . . Der Inhalt ihrer Chansons läßt sich nicht einmal andeutungsweise wiedergeben." Das „Fremdenblatt" findet, daß der Text eines Chansons von „verblüffender Frivolität" ist. An einer anderen Stelle schreibt dieses Blatt: „Diese Texte leisten an Ungenirtheil oft das Unglaublichste. Man darf sie kaum verstehen; zum Mindesten muß man erröthen — schon der Schicklichkeit wegen." Die „N. Fr. Presse" schreibt über einige Chansons der Ivette Guilbert: „So bekamen die Wiener noch drei Lieder zu hören: „A la vilette", „Le fiacre" und „La femme ä Narcisse", welch letzteres, wenn es vom ganzen anwesenden Publicum verstanden worden wäre, doch vielleicht einige Bedenken erweckt hätte . . . ." Das „Vaterland" brachte am 18. December vorstehende und zur Kennzeichnung der antisemitischen „Tugendgte es hinzu: r noch viel merkwürdiger ist das Verhalten jener zwei ■wiener -oiatter gegenüber der Ivette Guilbert, welche Doctor Lueger erst kürzlich im Musikvereinssaale als „christliche" proclamirt hat. Die beiden „christlichen" Blätter des Herrn Dr. Lueger machen nämlich für die Pariser Chansonettensängerin die lebhafteste Reclame in Wort und Bild, — ja, wirklich in Wort und Bild! Und das ist doch sehr — merkwürdig?" In seiner Nummer vom 27. December 1893 gestattet sich nun dieser Herr Verganiw folgende Leistung: „Bald hätten wir ein wichtiges Ereigniß der Weihnachtswoche übersehen. Ivette Guilbert, eine französische Volkssängerin, deren Kunstleistung dem Inhalte ihrer Programmnummern entspricht und für welche sämmtliche Tagesblätter von der „angesehenen" „Neuen Freien Presse" bis herab zum „Extrablatte" in spaltenlangen Berichten seit Wochen Reclame gemacht hatten, als ob es sich um einen der ersten Sterne am Kunsthimmel handeln wurde, hat ihr Gastspiel in *) Didactische Gesichtspunkte ließen es wohl für gerochener erscheinen, daß wir in Anpassung an unsere allgemeine Mittelschul- Lehrpläne das Alterthum der jüdischen Religionsgeschichte schon in der IV. Classe beendigen, in welchem Falle das Mittelalter auf die V., die Neuzeit auf die VI. und die neueste Zeit auf die VII. Classe käme: allein in der jüdischen Religionsgeschichte enthält das Alterthmn solch' wichtige Entwicklungsmomente, daß deren gründliche Würdigung neben dem unerläßlichen Studium der Religionsliteratur innerhalb eines Lehrjahres unmöglich wäre. Wien beendet. Wir empfehlen unseren Lesern den „Caricaturen-. Winkel" im „Wiener Figaro" der abgelaufenen Woche zur Einsicht.- Die Frechheit dieses Antisemistlings wächst offenbar mit der zunehmenden Vertrottelung seines Lesepöbels, dem Denk- und Erinnerungsvermögen abhanden gekommen. Wien. (Zur arischen Sittengeschichte.) Aus dem frommen judenreinen Tirolerland meldet die „Meraner Zeitung" vom 13. December 1893 nachstehende Gerichtsverhandlungen, von welchen das biedere „Deutsche Bolksblatt" sämmtliche — verschweigt: Während der gestern beim Kreisgerichtein Bozen begonnenen IV. ordentl. Schwurgerichtssession sind folgende Straffälle zur Verhandlung., 1. Am 11. Vormittags 9 Uhr gegen Rosa Reifer von St. Andrä bei Brixen wegen Verbrechens des Kindesmordes und Peter Stockner von dort wegen Mitschuld am Verbrechen des Mordes. 2. Nachmittags 4 Uhr gegen Serasino Praggion von St. Margherita, Provinz Padua, wegen Verbrechens der versuchten Nothzucht. 3. Am l2. Vormittags 9 Uhr gegen Johann Evangelist Adang aus Ruccava, Bezirk Buchenstein, wegen Verbrechens der versuchten Nothzucht, Schändung, Verführung zur Unzucht und Uebertretung der Wachebeleidigung. 4. Am 13. Vormittags 9 Uhr gegen Filomena Holzer aus Kortsch, Bezirk Schlanders, wegen Verbrechens des Kindsmordes. 5. Am 14. Vormittags 9 Uhr gegen Faustino Pedrazzoli von Pellizzano, Bezirk Male, wegen Verbrechens des versuchten Raubmordes. 6. Am 15. Vormittags 9 Uhr gegen Mathias Waldthaler von St. Michael in Eppan wegen Verbrechens der schweren körperlichen Beschädigung. 7. Nachmittags 4 Uhr gegen Domenico Foppa aus Piano, Bezirk Buchenstem, wegen Verbrechens des Diebstahls. 8. Am 16. Vormittags 9 Uhr gegen Luigi Zampalocca v. S. Pietro, Viminario, ProvinzPadua, wegen Verbrechens des Todschlages. 9. Nachmittags 4 Uhr gegen Alois Staffler von St. Walburg in Ulten wegen Verbrechens der Nothzucht. 10. Am 17. Vormittags 10 Uhr gegen Eugenio Maffei von Pomasolo, Bezirk Nogaredo, und Casimiro Correr aus Romagnano, Bezirk Trient, wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit. 11. Am 18. Vormittags 9 Uhr gegen Johann Costa, von St. Lorenzen, Bezirk Bruneck, wegen Verbrechens des Diebstahls. 12. Am 19. Vormittags 9 Uhr gegen Johann Kurz, von Tirol, Bezirk Meran, wegen Verbrechens des Diebstahls. 13. Nachmittags 3 Uhr gegen Jacob Manozza von Enna,. Provinz Vicenza, wegen Verbrechens der Theilnahme an der Münzverfälschung. 14. Am 20. Vormittags 9 Uhr gegen Johann Brunner von Niederrasen, Bezirk Welsberg, wegen Verbrechens des Betruges. 15. Nachmittags 3 Uhr gegen Ludwig Troger von St. Jakob in Deffereggen wegen Verbrechens der Nothzucht. 16. Am 21. Vormittags 9 Uhr gegen Franz Gritsch von Lana, Malermeister in Meran, wegen Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe. 17. Am 22., 23. und 24. gegen Josef Stimpfl von Unterfennberg, wegen Verbrechens des Betruges. Wien. (Die Anhänger des Herrn Schönerer) hielten am 20. December 1893, Abends, in Wien sieben Festversammlungen ab, in denen sie dessen Wiedereintritt in die politischen Rechte feierten. In allen diesen Versammlungen wurde der Herren Lueger, Steinwender, Dr. Pattai u. s. w. mit Pfuirufen gedacht. Nachmittags fand vor der Wohnung des Reichsrathsabgeordneten Hauck, wo Schönerer Absteigquartier genommen hatte, eine Auffahrt von Deputationen deutschnationaler Vereine, niederösterreichischer Gemeindevertretungen und studentischer Verbindungen in 150 Fiakern statt. In einenl der Fiaker waren deutschnationale Arbeiter in blauen Blousen. Die bedeutendste der Versammlungen war jene in Mann's Saal in Penzing, welche am Vorabend stattfand. Hier sprach Schönerer. Heute seien seine Anhänger sehr zufammengeschmolzen. Daran liege ihm nichts — das Kriegsglück sei zu wandelbar und selbst bei der besten Truppe gebe es Deserteure. Daß es Schufte gebe, sei nicht zu ändern, aber das sei verächtlich, daß es in den Kreisen seiner Partei Vertheidiger dieser Schufte gebe. Ein mitleidiges Lächeln habe er für die sogenannte „Nationalpartei". Bisher haben wir zugesehen, aber seit wenigen Tagen müssen wir sagen: „Bis hieher und nicht weiter!" (Beifall.) Schönerer preist hierauf Bismarck, oen „einzigen". „Wenn ich wieder den Reichsrath betrete, werde ich der Angelobungsformel an Ort und Stelle den Schwur hin-, zufügen, daß ich vor Allem der deutschen Nation treu bleiben und ihre Rechte verfechten werde." Nach tosendem Beifall sangen die circa 1500 Versammelten „Die Wacht am Rhein". — In Favoriten sprach Reichsrathsabgeordneter Hauck vor circa 800 Zuhörern. Eine Musikcapelle begleitete das Entreelied.' „Der Gott, der Eisen wachsen ließ", worauf Hauck in seiner Festrede Sch/ö ne rer als gebürtigen Favoritner feierte. Favoriten werde immer die schwarz-roth-goldene Fahne Hochhalten..