Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 1016 r Vrsterretltziptzr WochrnfttzrM Nr. 52 den Lehren eines Bakunin und Krapotkin geworden, und so verbindet sich auf den Wegen des Fanatismus paradiesisches weltfernes Denkerideal und weltzerstörendes banausisches Verbrech erthmn. Unter dem Baum der Frecheit, sagen die Reactionäre, ist der Anarchismus erwachsen; das ist falsch. Auch am Baume des Despotismus, in Rußland, wuchert er, und gerade von dorther flog der Same nach Westen. Das soll man nicht vergessen, wenn man die Mittel zur Bekämpfung des Anarchismus beräth, der politisch bedeutungslos, und wie jedes gemeine Verbrechen gefährlich nicht der Gesammtheit, sondern nur den Einzelnen ist. _ p. Nathan. Gesammt Lehrplan für den Religionsunterricht der Pester israelitischen Cultusgemeinde. (Fortsetzung.) B) Religionsunterricht an den Mittelschulen. Das engere Ziel des Religionsunterrichtes an den Mittel schulen ist: Die nach höherer Biloung strebende Jugend mittelst eingehender Kenntnisse zum vollen Bewußtsein des weltgeschichtlichenBerufes des Judenthums zu bringen, sie von der hervorragenden Bedeutung unserer religiösen Ideen und von der Nothwendig keit d er confessionellen Gemeinsamkeit im Interesse der allgemein menschlichen und nationalen Aufgabe zu überzeugen. Das in Verbindung mit dieser Ueberzeugung entwickelte religiöse Gefühl soll den Schüler veranlassen, daß er als selbstbewußter und begeisterter Anhänger seiner Confession sein ganzes Leben hindurch an deren beruflichen Arbeiten mitwirke und deren traditionelle Institutionen mit pietätsvoller Achtung erhalte. Die diesem Ziele entsprechenden L e h r g e g e n ft ä n d e sind: 1. Die politische und Religionsgeschichte des israelitischen Volkes mit besonderer Rücksicht a) auf jene Institutionen, Gebräuche und Ceremonien, in welchen sich während verschiedener Zeitläufte das rein religiöse Bewußtsein äußerte: h) auf die Bethätigung der jüdischen Ideen und Religionsprincipien in der Erziehung der Menschheit, sowie auf deren Würdigung bei Vergleichung mit allen jenen Religionen, mit denen das Judenthum seit den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag in Berührung war. 2. Religiöse Literatur: Die Bekanntmachung jener clasfischen Werke, üi denen die missionellen Ideen, Aufgaben und Bestrebungen des - Judenthums und das wahrhaft religiöse Gefühl literarisch am besten zum Ausdruck gelangten (in erster Reihe die Bibel und das Gebetbuch: ferner der Talmud Midrasch, Poeten und Philosophen in ihren charakteristischen Theilen). 3. Systematisch^ Religions- und Sittenlehre: Die religiöse Weltanschauung und die sittlichen Ideen des Judenthums mit besondererRücksicht auf die religiösen Institutionen und jene socialen Ideen, womit sich die Gegenwart hervorragend beschäftigt. Hieran schließt sich als Hilfsgegenständ die hebräische Sprache an, insoferne es nur die Kenntniß derselben möglich macht, daß die Schüler die wichtigsten Stellen der Bibel und des Gebetbuches im Originaltext verstehen. Allgemeiner Lehrplan. Die wohlverstandenen Lehrziele des Religionsunterrichtes an Mittelschulen können wir in erster Reihe durch je eingehenderen Unterricht in der Heiligen Schrift erreichen. Das Judenthum hat stets zu dieser fundamentalen heiligen Schrift gegriffen, so oft das religiöse Leben in seiner Mitte einen neuen Aufschwung genommen. In ihren erzählenden Theilen lehrt sie. uns in methodischer Darstellung und mit Begründung der Ereignisse die^von unserer Religion verkündete Weltanschauung und veranschaulicht uns, daß Gott sein Volk und die Menschheit erzieht. Jn^den Psalmen hören wir die Offenbarung des reinen, reUKSsen Gefühles, in den Büchern der Propheten nehmen wir dewEampf und den Sieg der monotheistischen Ideen wahr, im Pentateuch aber lernen wir die detaillirten Gesetze kennen, welMAM individuelle und sociale Leben nach dem Willen des einzigen wahren Gottes regeln. In Anbetracht dessen, daß uns wöchentlich nur geringe zwei Stunden zur Verfügung stehen, können wir die Heilige Schrift nicht nach ihrem ganzem Umfange in der hebräischen Ursprache lehren: jedenfalls entspricht auch dies dem für den Mittelschul-Religionsunterricht ausgesteckten Ziele, wenn man die erzählenden Th eile in der vaterländischen Sprache vorträgt. Psalmen, Propheten, sowie die im Pentateuch enthaltenen Gesetze aber, oder auch jene Theile der Heiligen Schrift, in denen sich die jüdischen religiösen Ideen offenbaren oder Gesetzesform annehmen, sollen womöglich auf Grundlage des heiligen Urtextes gelehrt werden, damit dem eifrigeren und nach gründlicher Kenntniß strebenden Schüler Gelegenheit geboten werde, jene Urquelle kennen zu lernen, in der die Grundsätze unserer Religion enthalten sind. Denn eine selbstbewußte, unserer Religion treu sich anschließende und den Beruf des Judenthumes gründlich verstehende Jugend können wir nur so erziehen, wenn wir unsere Schüler zu d er U eb erz eu g un g leiten, daß in der Heiligen Schrift sich jene Ideen am klarsten und v o l l k o m m e n st e n offenbaren, w e l ch e d a z u b e st i m m t s i n d, zur r e l i g i ö f e n Sittlichkeit zu erziehen. Natürlich können diese eine tiefere Anschauung bedingenden Theile der Heiligen Schrift nicht die Einleitung zum Religionsunterricht an Mittelschulen bilden. In den unteren Classen entspricht der Verstandesentwicklung und der Gefühlswelt des Schülers am besten die biblische Geschichte, deren Vortrag, wie bereits auch oben bemerkt, geeigneterweife in der vaterländischen Sprache geschehen kann. Es ist aber nothwendig, daß auch auf dieser Stufe des Mittelschul-Religionsunterrichtes, einzelne, das religiöse Denken charakteristisch zum Ausdruck bringende Erzählangen, religiös-sittliche Gesetze enthaltende biblische Abschnitte, wie auch gewisse Satzungen "in der biblischen Ursprache vorgetragen werden sollen, theils behufs besserer Veranschaulichung, theils aber deshalb, damit der Schüler sich an das hebräische Wort und einzelne grammatische Formen gewöhne und zu seinen späteren literarischen Studien irgend einen geringen Wortvorrath aneigne. Zur Erweiterung solcher elementarer hebräischer Kenntnisse bietet sich besonders in der lll. Classe Gelegenheit, da dort die Bekanntmachung mit dem Gebelbnche den einen Gegenstand des Religionsunterrichtes bildet. Der systematische Unterricht auf Grund des Urtextes beginnt eigentlich erst in der IV. Classe. Didactische Gesichtspunkte erheischen es, daß dieser Unterricht mit solchen biblischen Partien zu beginnen hat, welche der mit dem Alter des Zöglings schritthaltenden und noch auf schwacher Stufe stehenden Verstandesentwicklung entsprechen und in welchen sich die Seelenwelt des an Gott glaubenden Menschen, die Gedanken vom menschlichen Leben und vom Weltall und die beglückende und veredelnde Kraft der Religion am wirksamsten, aber gleichzeitig auch am einfachsten offenbaren. Dies sind die Psalmen, die ewig musterhaften Schöpfungen der subjectiven religiösen Poesie. Von den Psalmen schreiten wir zu den Propheten, welche, durchdrungen von den religiösen Ideen, als von den durch Gott offenbarten Wahrheiten, für deren Verwirklichung in der Gesellschaft und innerhalb ihrer Institutionen kämpfen. Sie kämpfen in erster Reihe im Judenthume selbst, jedoch mit dem sich immer klarer ausprägenden Bewußtsein, daß ihr Kampf zur Erziehung der ganzen Menschheit dient. Der Schüler durchlebt diese Kämpfe in seiner Seele, begeistert sich daran, fühlt es, daß vom Sieg der Propheten die sittliche Hebung der Menschheit abhängt und daß das Volk Israel dasjenige ist, welches dazu berufen ist, der religiös-sittlichen Entwicklung der Menschheit als Wegweiser voranzugehen. Die Lehren der Propheten sind am geeignetsten, um unseren Schülern das Bewußtsein von der weltgeschichtlichen Mission Israels zu befestigen, zugleich aber auch die Ueberzeugung, daß wir dieser uns von Gott übertragenen Sendung nur so wahrhaft entsprechen, wenn wir die religiöse Sittlichkeit unter uns selbst zur größten Vollkommenheit entwickeln, zur heiligen Gemeinde Gottes werden, nach Selbsthei ligung streben. Da demnach die richtige Erkenntniß der Grundideen unserer Religion zumeist aus dem Propheten rein geschöpft werden könne und da der Schüler nur hier die Gesichtspunkte gewinnen kann, von welchen aus er sich über die inmitten des