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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-29 · 52 (29.12.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
52 (29.12.1893)
Date
1893-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 52 Orstrrrerchischr Wochenschrift Seite 1015 Es gibt in Deutschland drei Typen, die den Anarchismus vertreten; der philosophische Anarchismus, der Anarchismus als politisch-wirthschaftliche Theorie und der Anarchismus der That seitens des Verbrecherthums. Der philosophische Anarchismus, der in seiner Art das Leben zu kritisiren, aus Proudhon, in seiner Art Folgerungen aus dieser Lebensbetrachtung zu ziehen, aus Max Stirner zurückgeht, ist ein seines, weltabgewandtes, echt germanischideologisches System, ein System der aristokratischen Einsamen. Sein heutiger Vertreter ist John Henry Mackay, ein Schotte, der in Deutschland ausgewachsen ist. Mackay ist ein philosophischer Dichter; seine Freunde haben ihn den ersten „Sänger der Anarchie" genannt, und er charakterisirt sich selbst in dem Vorwort zu seinem neuesten Buch „Die Anarchisten"* **)). Er entgegnet aus die Frage, warum er nicht agitatorisch auftrittt, das Folgende: „Ich erwidere darauf: weil ich es nicht kann: weil ich es nicht könnte, auch nenn ich es wollte. Die Gaben der Menschen sind verschieden. Ich bin ein Künstler, vielleicht nicht „durch und durch", denn mein Interesse gehört Vielem im Leben, doch so Manches lastet ans mir, von dem ich mich, ich fühle es. nur befreien kann in dichterischem Schassen. Die Herausgabe und Leitung einer Zeitung aber würde mich lödten und ein Hervordräugen meiner Person in den lauten, rohen Kamps des Tages und seiner Meinungen wäre mir vollends unmöglich." Dieser Dichter, dessen „Anarchisten" lyrisch-weich, wehmüthig und ein wenig breit voll den Uebeln dieser Welt sprechen, wendet sich direct gegen die Terroristen. Der Inhalt seines Buches sucht gerade den Gegensatz zwischen den zwei Richtungen des Anarchismus herauszuarbeiten, zwischen dem philosophischen Anarchismus und dem Anarchismus edel angelegter Menschen, die zu Fanatikern geworden sind: „Trupp war ein vorzüglicher Mensch. Aber er war oft auf beiden Augen blind. Er war ein Fanatiker. Er war zudem der Fanatiker einer Phantasie. Denn eine Phantasie ist der Communismus, welcher die Gewalt zu Hilfe rufen muß, um trostlose Wirklichkeit zu werden." Aus diesem Buche tönt der Spruch Lessing's wieder: Was Blut kostet, ist des Blutes nicht werth. Und Mackay folgert mit Stirner, die Befreiung der Menschen tonnen nicht die Menschen vollziehen. Jeder Einzelne kann nur sich selbst befreien, und erst, wenn ein jeder Einzelne sich selbst befreit hat, werden alle frei sein. Anarchist sein, heißt daher, einsam an seiner Selbstbefreiung arbeiten und nichts thun, was andere an ihrer Befreiung hindern würde. Aus der aristokratisch-egoistischen Zurückgezogenheit auf sich selbst soll das allgemeine Glück erstehen. Weder mit großer Schärfe noch mit großer Kruft wird diese lyrische Philosophie vorgetragen, die wie die stille Einsamkeit des schottischen Hochlandes mit seinen mystischen Nebelschleiern anmuthet. Unmittelbar in die Politik sucht eine neue Broschüre von Benedict Friedländer einzugreisen. Schon ihr Titel sagt, was sie enthält; er lautet: „Der freiheitliche Socialismus im Gegensatz zum Staatsknechtthum der Marxisten.)-;) Eugen Dühring's Lehre mit Wärme ausnehmend und vertheidigend, greift diese Schrift mit großem Geschick die Theorien der heutigen Socialdemokratie an, den Zwangsstaat von Marx. „Wenn je die marxistischen Bestrebungen verwirklicht werden würden, so wären voraussichtlich nur die Formen der Knechtschaft und Ausbeutung und ihre persönlichen Träger andere geworden; die tlebel selbst aber würden die gleichen bleiben." Die Schrift ist geboren aus dem Gegensatz zur Socialdemokratie, aus der Furcht vor jener Majoritätsdespotie, die das politische wie das wirthschaftliche Leben Aller beherrscht und die Alles regelt. Und nun ist Eines psychologisch außerordentlich interessant. Friedländer, der mit nicht gewöhnlicher Schärfe aus der menschlichen Natur heraus nachweist. daß der socialdemokratische Staat ein Staat der Knecht¬ *) Culrurgemälde aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Berlin. Magazin für Volksliteratur. 1893. **) Freie Verlagsanstalt. Berlin. 1892. schüft sein müsse, — derselbe Mann ist gänzlich blind, um zu erkennen, wie der communistische Anarchismus oder das „antikrarisch-focialitäre System" Dühring's und Hertzka's — auf die feinen Unterschiede gegenüber anderen wirthschaftlichen Lehren der Anarchisten und Communisten kommt es hier nicht an — gleich utopistisch ist wie der Marxismus. Alle Productionsmittel gehören natürlich Allen und die Ausnützung der einzelnen Productionsmittel steht freien Wirthschaftscommunen zu, denen Jeder beitreten und aus denen Jeder nach Belieben austreten kann. Welche Wirlhschaftscommune würde dann in Jahrzehnte langer harter Arbeit Sümpfe austrocknen und Canäle bauen, um im Augenblick, da die genußbringende Verwerthung eintritt, von neuen Genossen überschwemmt zu werden, die den Vortheil an dem Schaffen der Anderen fast mühelos mitverzehren; wie Heuschrecken würden die Menschen über jene Früchte herfallen, die sich jeweilig unter Aufwendung der geringsten Arbeit pflücken lassen, bis auch an den Steller müheloseren Lebens eine Einöde geschaffen wäre, und die Äeichmäßigkeit dann in der That auf der tiefsten Stufe der Cultur erreicht ist. Die Verknüpfung der Fähigkeit schärfsten Sehens nach der einen Achtung mir völliger Unfähigkeit, nach der anderen Richtung zr blicken, dieser „verdunkelte Punkt im Gehirn", der sv charrrteristisch für alle Apostel und Heilslehrer ist, zeigt sich arlch hier. Neberdem Philosophen, neben dem politisch-ökonomischen Theoretiker wer Praktiker, der im russischen Sinne zum Handeln schreiteh oder der Andere hierzu aufstachelt; das ist für Deutschland Johann Most, der zu Augsburg 1846 von katholischen Eltera geboren wurde;*) sein Vater war ein kleiner Subalternbearter. In M,st vollzieht sich der Uebergang zum reinen Verbrecherthum Das anarchistische System ist nur noch Phrase, die Nenschenbeglückung ist nur Redensart, und Realität ist di Lust am Verbrechen aus moralischen Wahnsinn und ausEitelkeit. Für die Propaganda der That die Bakunin udKrapotkin predigten, liefert M o st die Anleitung. In einem kleinen Lehrbuch: „Revolutionäre Kriegswissenschaft heif es einleitend: „lieber düBedeutung. welche die modernen Sprengstoffe für die sociale Revoltion in Gegenwart und Zukunft haben, braucht heutzutage nicht nhr gesagt zu werden. Es liegt aus der Hand, daß dieselben im nächen Abschnitt der Weltgeschichte den ansicblaggebenden Factor bilden Und es figen Anweisungen für den Gebrauch und die Herstellung voMitroglycerin und Dynamit, von Bomben, Giften und anden menschenfreundlichen Stoffen. Gerade diese „revolutionäre Kegswissenschaft" von Most, der selbst eilt ausgemachter, veumpter Feigling ist und nur andere in Verbrechen und Todhetzt, hat in der anarchistischen Literatur niedrigster Art Epock gemacht, und dieses Buch erlangte vorbildliche Bedeutung. Most ist njts als ein Verbrecher, aber ein Verbrecher mit der Feder, tev die Feder nicht zu führen vermag und wer mit der Fed« seiner Bestialität und seiner Eitelkeit daher nicht sröhnen kan; bei wem eine höhere aber feigere Intelligenz durch eine widere und brutalere Thatkraft ersetzt wird, der schleudert dan nach den Recepten von Most todbringende Bomben. Damit i der Kreis vom Prinzen Krapotkin, der im bürgerlichen Lebenadellos ist, zu dem Arbeiter Vaillant geschlossen, der schorfünfmal wegen Unterschlagung verurtheilt wurde. Lombroso nst in feiner Charakteristik bestimmter Verbrechertypen auf i: maßlose Eitelkeit hin; so groß und so verblendet ist die itelkeit dieser Verbrecher, daß sie in ihrem Wahn auch das ifer der Selbstvernichtung zu bringen Bereit sind. In dem Hr eines Vaillant ist der Anarchismus nur noch die eitle Grvlannssucht des Verbrechers. Das ist aus *) Bergl. „DAnarchismus und seine Träger". Berlin 1887. Neufeld & Mehring.in Buch, dessen Angaben freilich nur mit Kritik benützt werden könne

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