Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 1014 Drsterretchtptzr Wochrnschrtst Nr. 5S Krapotkin sagt an anderer Stelle ' ergänzend: Auch der Communeaufstand ging zu Grunde, weil er dem „f£tichisme gouvernemental“ huldigte, weil das Volk sich eine Regierung gab. Die Regierungslosigkeit ist das Princip; und dieses bringt die Anarchisten in einen völligen Gegensatz zu den Socialisten, deren Ideal der schrankenlose Majoritätsdespotismns aus allen Gebieten ist — politisch und wirthschaftlich. Die Socialisten rücken die wirthschaftliche Frage in den Vordergrund; die Anarchisten leugnen nicht die Bedeutung der wirthschaftlichen Frage; aber das wirthschaftliche Wohlergehen und die wirthschaftliche Gleichheit genügen ihnen nicht; sie wollen dazu die unbegrenzte persönliche Freiheit, ja diese vor Allem und diese Freiheit soll ebensowenig verkümmert werden durch einen Despoten, wie durch eine despotische Majorität, sei sie nun von einem Parlament oder auch durch die Abstimmung eines ganzen Volkes repräsentirt. Erhält somit der Socialismus durch die stete Betonung der Magenfrage zunächst ein materialistischeres Gepräge, so mündet die anarchistische Lehre mit der Verherrlichung einer sessellosen Freiheit des Individuums unmittelbar in verstiegenstem Idealismus. Eine Strecke Weges können beide gleichwohl gemeinsam gehen. Die Kritik der heutigen Zustände ist bei beiden dieselbe; mit glühenden Farben schildert der eine wie der andere die Schäden und Ungerechtigkeiten der heutigen socialen Zustände: Chaos industriel et commercial et faillite de la production capitaliste. . . Ddcomposition galopante et faillite prochaine des Etats*). Das unterschreibt jeder Socialist. Die Anarchisten gehen dann weiter; sie kritisiren unerbittlich das System der Volksvertretung. »Les candidats sont ommiscients et infaillibles: mais que seront le mandataires? Quand ils auront enfin leur part de royaute, ne seront ils pas fatalement saisis par le vertige du pouvoir, et comme des rois, dispensds de tonte sagesse et de tonte vertu?« So Elisäe Reclus. Die Socialisten wollen die Staatsintervention auf das Aeußerste steigern; die Anarchisten zeigen auf Schritt und Tritt die verhängnißvollen Folgen, welche schon die heutige StaaKintervention und das Repräsentativsystem haben und sie sagen, daß neue ökonomische Grundlagen neue politische Institutionen verlangen. Baut man die Staatsherrschaft aus, so steigert man auch die Uebel der Staatsherrschast. Folglich muß man gleichzeitig das Privateigenthum wie jede Form der Staatsherrschaft vernichten. Was alsdann? So scharf die Kritik, so einfach ist der Aufbau. O'est simple comme bonjour. Die Expropriation der Expropriateure ist erfolgt, und die Regierungen und alle Behörden sind durch das Volk gestürzt. Es gibt jetzt nur noch Berufsgenossenschaften, in die man ftei eintritt und aus denen man frei austreten kann. Diese Berufsgenossenschaften tauschen nach Bedürfniß ihre Arbeitsproducte aus. Friedlich leben sie nebeneinander, friedlich leben die einzelnen Communen nebeneinander. Da es keine Grenzen mehr gibt, gibt es keine internationalen Rivalitäten mehr, und da Alles Allen gehört, gibt es auch keine Verbrecher, denn die meisten Verbrechen richten sich ja gegen das Eigenthum. Ohne Eigenthum keine Uebelthäter. „Bei einer guten socialen Organisation wird die Tugend unnütz". Sollte es aber doch noch einige Verirrte geben, so sind es eben verirrte Leute, denen man mit Milde verzeihen muß. Diese Welt ist das Paradies: „Begehre von Jedem nach seinen Fähigkeiten, gib Jedem nach seinen Bedürfnissen. *) Die nachfolgende Darstellung stützt sich im Wesentlichen auf die Zeitschrift »Le R<§volt£«, in der von 1879 bis 1882 die Ideen des Anarchismus im Anschluß an Proudhon und Bakunin nach allen Seiten von Krapotkin entwickelt wurden; hier ist der ganze Gedanken- »orrath des politischen Anarchismus ausgemünzt. Später wurden die wichtigsten dieser Aufsätze herausgegeben von Elisve Reclus, dem Geographen. „Chacun travaillera pour le bien-etre de tous et tous pour le bien-etre de chacun.“ Es. herrscht die Identification : de l’individue avec tous ses semblables. Und der Wahlspruch dieser Welt ist: „81 tu veux etre heureux, fais L chacun et ä tous ce que tu voudrais que l’on te fit ä toi-meme“. Das sind evangelische Worte, und der Anarchismus beruft sich denn auch unmittelbar auf die Kirchenväter und die großen Kirchenlichte; denn Ambrosius sagt: „Die Natur predigt das Recht der Gemeinschaft und nur ein Unrecht hat das Eigenthum geschaffen". Und Basilius: „Der Reiche ist ein Dieb." Und Hieronymus: „Der Ueberfluß ist immer die Folge eines Raubes; wenn dieser nicht durch den gegenwärtigen Besitzer begangen wurde, so haben es seine Ahnen gethan." Und Johannes Chrysostomus: „Der Reiche ist ein Räuber. Er soll sich der Allgemeinheit fügen, indem er ihr von seinem Ueberflusse gibt. Es wäre besser, wenn alle Güter gemeinschaftlich wären." Und endlich Clemens: „Bon Rechtswegen sollte Alles Allen gehören. Die Ungerechtigkeit hat das Privateigenthum geschaffen." So mündet denn der Anarchismus bei jenem mildesten, edelsten Idealismus, der seine Wurzeln in der Bibel hat. Unmittelbar neben diesem biblischen Idealismus gähnt aber der gräßliche - Abgrund. Teufelsfratze und Engelsgesicht entsprießen demselben Samen. Soll die Menschheit regenerirt und auf die anarchistische Höhe gehoben werden, so muß das alte Gebäude von Grund auf zerstört werden, und die Menschheit einer furchtbaren Cur unterliegen. Eine jahrelange Revolution muß über die Erde dahinbrausen, und diese Revolution muß eingeleitet werden durch jede Form kühner Propaganda, durch die sogenannte Propaganda der That. Die Propaganda der That hat die Menschen immer wieder an die tiefen Schäden des heutigen gesellschaftlichen Lebens zu erinnern, und der Terrorismus muß die Zögernden schließlich zu Concessionen zwingen. Jedes Opfer- Hat der Anarchist für diese Aufgabe zu bringen. Der erste von den fanatischen Grundsätzen „über die Pflichten des Revolutionärs" lautet also: „Der Revolutionär ist ein selbstgeopferter Mann. Er hat keine gewöhnlichen Interessen, Gefühle oder Neigungen, kein Eigenthum, nicht einmal einen Namen. Alles in ihm wird verschlungen von einem einzigen ausschließlichen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft — der Revolution." Der wilde Fanatismus war stets das größte Unheil dieser Welt; er hat mit der Bibel in der Hand Millionen in den Tod geschleppt; verkettet auch in diesem Falle das Streben nach unerreichbaren, paradiesischen Idealen mit dem blutdürstigsten Verbrecherthum. Diese Verknüpfung von unmöglichsten Idealismus und größter Barbarei, von Wildheit und Milde ist heute ein besonderes Gewächs russischen Bodens. In zahlreichen russischen Schriften wird das Problem entwickelt, wie die Unfähigkeit, die Wirklichkeit zu gestalten, zu dem Wunsche führt, die Wirklichkeit zu vernichten, wie der russische Idealismus sich im Nihilismus verkörpert.. So konnten denn auch Souvarin die Worte in den Mund gelegt werden: »81 la jnstiee n’etait pas possible avec Phomme, il faillait que Phomme disparüt.« Die beiden Seiten der Lehre, ihr utopischer Idealismus und ihre barbarische Verbrechertaktik, wurden von Russen nach Westeuropa gebracht, und alle Russen waren in Westeuropa ihre hervorragenden Vertreter. Auf dem westeuropäischen Boden sich selbst überlassen, siel die Lehre charakteristischer Weise in ihre Theile auseinander. Die Russen sind verbrecherische Idealisten; ihr Nachahmer in Westeuropa waren in ihren charakteristischen Erscheinungen reine Idealisten' oder reine Verbrecher. Und gerade auch in Deutschland hat sich diese Scheidung besonders scharf vollzogen.