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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-29 · 52 (29.12.1893) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
52 (29.12.1893)
Date
1893-12-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52 VrsterredWche Wortzenfchrist Seite 1013 „Unter Denen, welche aus der Nähe oder aus der Entfernung ein Leben beobachtet haben, gibt es keinen, der ihn nicht achtete, der nicht Zeugniß ablegte für seine hohe Intelligenz und sein Herz, das von Güte überströmt, der ihn nicht für wahrhaft edel und rein erachtete .... Sein Verbrechen ist, daß er die Armen und Schwachen liebt; seine Missethal ist, daß er ihre Sache vertritt."") Neuerdings hielt sich Krapotkin in London aus; er hatte ein bescheidenes Häuschen in Harrow on the Hill; er lebt zurückgezogen wie ein Gelehrter, er ist ein außerordentlich eifriger Besucher der Leseziurnrer im Britischen Museum und er liefert für die großen englischen Revuen, namentlich für die „^ineteentü Century“ Beiträge, die voll wissenschaftlicher Rtlhe und wenigstens stets beweiskräftig für großen Kenntnißreichthum sind. Dieser Prinz Krapotkin ist nicht der Vater, aber für Frankreich der eifrigste Säemann arnarchistischer Ideen gewesen; und nicht nur für Frankreich. Die arnarchistischen Glaubenssätze hat er zuerst in jene Fassung gebracht, die für die Tagesagitation allerorten heute dienen. Vaillant, der durch seinen Bombenwurf in der französischen Deputirtenkammer mehrere Dutzend Menschen leichter und schwerer verwundete, ist ein völlig heruntergekommener verlumpter Mensch. Er ist unwissend, wegen gemeiner Verbrechen wiederholt bestraft, fünfmal wegen Diebstahls; er ist moralisch und intellectueü brate, ein Vieh. Und dieser Vaillant sagt, daß er seine That als Anarchist begangen habe. Zwischen dem Prinzen Krapotkin, einem makelfreien Charakter, und dem Zuchthäusler Vaillant ist eine >'.lust wie zwischen der Höhe moderner Wellbildung und der tiefen Barbarei großstädtischen Verbrecherthmns, und doch führen von dieser Höhe zu dieser Tiefe Fäden. Den Zusammenhang aufzuweisen, ist vor Allem psychologisch interessant. Cs zeigt sich dann, wie Edelsinn und Bestialität unmittelbar zusammmenstoßen tonnen. Der moderne Socialismus und der moderne Anarchismus haben gemeinsame Wurzeln; sie entwickelten sich an dem Gegensatz, der sich innerhalb der internationalen Arbeiterassociation, zwischen Bakunin, dem Russen, und Marx, dem Deutschen, herausgebildet hatte. Jene internationale Association der Arbeiter, die im Jahre 1864 gegründet worden war, ist erfüllt von den Kämpfen zwischen Marx und Balunin, die sowohl sachlicher, wie vor Allem auch persönlicher Natur waren, und die sich darstellten als das Ringen zweier gleich zäher und gleich herrschsüchtiger Gegner, wobei Bakunin das feurigere, thatkrästigere Temperament, Marx den verschlagenen Strategen darstcllt. Beide fußten auf Hegel; Bakunin mit russischer Anpassungsfähigkeit und Weitläufigkeit setzte die Hegel'sche Kunst der Dialektik in scharfgeprägte politische Agitationsmünze um, die er in Reden und Broschüren in die Bevölkerung schleuderte; griff seine Agitation unmittelbar in die Massen hinein, so sollte sie sich auch sogleich in Thaten umsetzen. Max förderte die neue Sache zugleich geheimer und auf Umwegen, und erschuf nach der Sitte früherer deutscher prosessoraler Gründlichkeit den philosophisch-ökonomischen Codex der Partei, der weit- , läufig und tiefgründig und in gelehrsamer Unverständlichkeit mehr geheimnißvoll verbarg als klar darlegte, und darum gerade konnte dieser Codex eine Art heiliges Buch werden, dessen Lectüre und Kritik nicht verboten zu werden brauchte, weil es nur ganz Wenige zu lesen wagten und von diesen Wenigen nur Wenige zu durchdringen vermochten. Schon in der Charakteranlage von Bakunin und Marx steckt somit ein Theil der Verschiedenheiten von Socialismus und Anarchismus. Der Russe, der mit fliegender Hast schnell zerfallende Organisationen schuf, ging auf die rasche That aus und zog für das, was nach der That zu geschehen hat, nurleichthin einige Umrisse. Der Deutsche, jüdischen Blutes, knüpfte mit ungeheurer Beharrlichkeit immer wieder die abreißenden Faden nach allen Seiten an; er organisirte und schablonisirte und er schweißte mit einer talmudisch-philosophischen Zugespitztheit und Dunkelheit sein theoretisches System zusammen. Diese Gegensätze führten endlich zum offenen, entscheidenden *) Pierre Kropotkine: Paroles d’un revolte. Ouvrage publii par E. Ric’.us. Paris. Marpon et Flantnarion. F. VH. Bruche im Jahre 1673. Im September dieses tagte zu Genf der sechste Generalcongreß der Internationalen, losgelöst von den Marxisten. Damals fiel zuerst das Wort Anarchie: Der Collectivift Brousse sagte: „Ihr wollt das Gebäude der Autorität einreißen; die Anarchie ist Euer Programm. Noch ein Axthieb und Alles stürzt zusammen.* **)) In jener Verschwörerecke des Genfersees, die eingekeilt zwischen Italien und Südfrankreich, namentlich Flüchtlingen aus dem Zarenreiche ein Asyl gewährt, hatte sich der politische Anarchismus unter dem Namen der romanischen, dann der Jura-Föderation zuerst entwickelt. Die Sache war da, aber diese Richtung nannte sich zunächst, um einen Gegensatz zu der Lehre Proudhon's festzuhalten parti föderaliste, dann antietatiste und anti-autoritaire. Nur die Gegner nannten die Gruppe, um sie btoßzustellen, Anarchisten; man ließ sich diesen Namen gefallen, aber hielt zunächst darauf, ihn mit einem Bindestrich so zu schreiben: „an-archisfces“, Gegner der Herrschaft, doch nicht Freunde der Unordnung, bis man schließlich gleich den Geusen sich selbst Anarchisten nannte. Es ist bezeichnend, daß der Vater dieser Richtung ein Russe und seine ersten Adepten die leicht erregbaren, damals auf tiefer Bildungsstufe stehenden romanischen Arbeitermafsen Südfrankreichs und Oberitaliens waren. Am 2. Juli 1876 starb Bakunin in Bern; er hatte den letzten Theil seines Lebens, gealtert und krank, in der Nähe des herrlichen Locarno auf einem Gütchen verbracht, das er der Großmuth seines Freundes Caffiero verdankte. An Bakuniu's Stelle trat Krapotkin, wiederum ein Russe. Wie Bakunin war auch Krapotkin ein russischer Verschwörer und russischer Flüchtling, der ein Leben voll Abenteuer und außerordentlicher Gefahr bereits hinter sich hatte. Um zu begreifen, welche Richtung diese Secte verfolgt, muß man schildern, wie sie sich dem Pariser Communeaufstand des Jahres 1871 gegenüberstellt, diesem Aufstand, der die Spitze rücksichtslosesten Radicalismus darzustellen scheint. Lissagaray^'), der Biograph jener furchtbaren Tage und ihr Verherrlichetsagt: „Der gewappnete Socialismus ist ans den Mauern von Paris herausgesprungeil, nicht allein in Europa, auch in Amerika. Der achtzehnte März gehört allen Völkern, wie der vierzehnte Juli, und die Proletarier der ganzen Welt pflegen ihn feierlich zu begehen." Auch für Krapotkin ist der Communeaufstand eine Großthat: „Die Regierung war verflogen, gleich einer Pfütze stinkenden Wassers beim Wehen des Frühlingswindes, und Paris, das kaum einen Tropfen Blutes seiner Kinder vergossen hatte, war am 19. befreit von dem Schmutzfleck, der die Hauptstadt verpestete."***) Aber Krapotkin theilt auch den überaus interessanten Brief eines seiner intimen Gesinnungsgenossen mit, der jene Communetage mitdurchlebt hat, und dieser Brief spiegelt wieder, wie ein Anarchist die Märztage nachempfand. „Ich werde mich stets jener schöner Augenblicke der Befreiung erinnern. Ich war aus meinem Zimmer in Quartier latin, hoch oben gelegen, hembgestiegen, um in jenen immensen Club unter freiem Himmel mich zu begeben, der die Boulevards von einem zum anderen Ende erfüllte; alle Welt besprach die öffentlichen Angelegenheiten: alle persönlichen Angelegenheiten waren vergessen; es handelte sich nicht mehr darum, zu kaufen und zu verkaufen, alle waren bereit, sich mit Geist und Körper in die Zukunft hineinzustürzen. Selbst die Bourgeois, fortgerissen von dem allgemeinen Eifer, sehen beglückt sich eine neue Welt öffnen. „Muß die sociale Revolution vollzogen werden, nun aut, vollziehen wir sie: es sei Alles gemeinsam, wir sind bereit." Die Elemente der Revolution waren da: es handelt sich nur noch darum, sich ihrer zu bedienen. Als ich des Abends in mein Zimmer zurückkehrte, sagte ich mir: ..Wie schön ist doch die Menschheit! Man kennt sie nicht; man hat sie stets verleumdet!" Dann kamen die Wahlen, die Mitglieder der Commune wurden ernannt, und die Kraft der Opsersähigkeit, und der Eifer zu handeln, verlöschten langsam. Jeder begann wieder seine gewohnte Beschäftigung und er sagte sich: „Jetzt haben wir eine ehrliche Regierung, lassen wir sie handeln." *) Wichtiges Material über diese Zeit enthält: I. Garin, Die Anarchisten. Deutsch. O. Wiegand. Leipzig 1887. **) Geschichte der Commune von 1871, auch deutsch. Stuttgart, , Dietz. 1891. ***) Paroles d’un Rdvoltd, p. 119.

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