Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Sir. 51 Vesterrrichische Wochenschrift Seite 1001 Rabbiner Dr. S. Rosenthal in Breslau, Dr. Simonsen in Kopenhagen, E. de Sola in Curaoao, A. S. Salomon in New-Aork, O. A. Strauß in New-Aork. — Im Ganzen sind 17 Herren neu- und 18 wiedergewählt. Das gesammte Central- Comit« besteht aus 63 Mitgliedern. Eine Antimagyarrn-Liga in Wien. (Original-Bericht der „Oesterreichischen Wochenschrift".) Die Antisemiten sind eigentlich schon lange geschworene Feinde Ungarns. Nicht wegen des staatsrechtlichen Dualismus, sondern weil bei Marchegg der Antisemitismus aufhört und alle Bemühungen, ihn hinüberzuschmuggeln, fruchtlos geblieben sind. Seitdem aber das Ministerium Wekerle sein kirchenpolitisches Reformprogramm aufstellte, in welchem die Reception des Judenthums eine hervorragende Nummer bildet, wodurch das polarische Verhältnis von Cis und Trans nur um so greller hervorsticht, indem hier an der Reaction und drüben an dem Ausbau der Emancipation der Juden gearbeitet wird, ist diese Feindschaft, wenn möglich, noch gestiegen und die am Anfänge be^ Christmonats wirklich eingebrachte Vorlage dieser kirchenpolitischen Reform hat die antisemitische Galle gegen Ungarn znm Platzen gebracht. Wie rächt man sich an diesem gottvergessenen Lande? Gleich am Abend nach der Blättermelduug von diesem epochalen Ereigniß im ungarischen Parlamente wurde in einem geheimen Conventikel die Gründung einer Antimagyaren-Liga beschlossen, deren Aufgabe es zu sein hat, ungarische Musik, ungarische Weine, ungarische Mädchen, kurz Alles, was in Wien aus Ungarn importirt wird, zu meiden, daß es bei all seinem Paprika in seinem eigenen Fett ersticken und sein Ruin unvermeidlich sein müsse, selbst wenn jeder arme Edelmann eine reiche Jüdin bekommt. Es ist gut, den Feind zu kennen, und ich führe den ungarischen Lesern der „Oesterreichischen Wochenschrift" ein hervorragendes Mitglied dieser Antimagyaren-Liga vor. Es ist mein Schuster, ein enragirter Antisemit, aber gegen seine jüdischen Kunden gnädig und sie stets seines Schutzes versichernd, wenn's in Wien losgehen wird. Die erste Tugend aller Verschwörer ist bekanntlich die Tapferkeit, und mein Schuster ist der Tapfersten einer. Seit fünfundzwanzig Jahren besucht er Tag für Tag, ob schön, ob Regen, ein und dasselbe Gasthaus. Das ist leichter gesagt, als ausgeführt. Dieses Gasthaus hat vielleicht im Laufe des Vierteljahrhunderts mehrmals schon seinen Eigenthümer gewechselt, denn trotzdem beim Gasthausgewerbe die jüdische Concurrenz fast ganz ausgeschlossen ist, kommen doch m Wien Gastwirthe selten dazu, Dynastien zu gründen, wahrscheinlich weil die Gäste in ihrem arischen Idealismus nicht rechnen können und dem Zählkellner immer um einige Krügel Bier weniger ansagen, als sie in Wirklichkeit geschlürft haben. Aber was geht einen echten Stammgast die Personalfrage an? Ihm ist nur das Local an den Magen gewachsen; er erzieht sich seinen Wirth und seine Wirthin, Kellner und Köchin selbst. Und ein solcher treuer Stammgast ist mein Schuster seit fünfundzwanzig Jahren. Ist das etwa nicht tapfer? Mein Schuster besitzt aber noch größere Consequenz. Just Schlag lOUHrVormittags betritt er jedesMal seinStammgasthaus, geht in das Extrazimmer, setzt sich an den bestimmten Tisch, circumicisirt einen Wecken, trinkt ein Krügel Bier, ißt sein „kleines Gullasch", trinkt das zweite Krügel, macht sich auf zum Weggehen und trinkt stehend noch das dritte Krügel — so regelmäßig an einem Tage, wie an dem anderen feit fünfundzwanzig Jahren bei allen Wandlungen, die seitdem das Maß der Getränke und der Preis des Fleisches durchgemacht haben. Muß es nicht schrecklich sein, wenn sich solch' consequente Charaktere gegen die vitalsten Interessen eines Landes verschwören? Möwa Bizancia! Das „kleine Gullasch" insbesondere ist meinem Schuster zum Dogma seiner Lebensweise geworden; er setzt es in sein täglich Gebet ein. denn er versteht unter: „Gib uns unser täglich Brot" im Vaterunser nichts anderes, als ' dieses „kleine Gullasch". Muß man aber nicht bei dieser Gullasch-Consequenz, durch welche man Fleisch vom ungarischen Fleische wird, ein Freund der Ungarn sein? Mein Schuster war es in der That. Er fühlte sogar ungarisch. Wenn er einen deutschen Gesellen und einen czechischen Lehrbuben hatte, schenkte er seine Gunst am liebsten einem ungarischen Mädchen für Alles. Er wachte auch eifersüchtig darüber, daß die ungarische Etiqnette nicht gefälscht werde. So oft eine neue Köchin den Schauplatz des Stammgasthauses meines Schusters betrat, scheute er nicht die Mühe, in die Küche zu schleichen, selbst wenn die Wirthin nicht zugegen war, schaute mit väterlichen Augen auf die Neophtin, griff die durch ihre Würde selbst Unnahbare bei der Hand und belehrte sie, wie sie das „Gullasch" zubereiten müsse, damit es echt ungarisch sei. Seit seinem Uebergang zum Antisemitismus kämpften in der tapferen Brust meines Schusters Liebe und Haß zu Ungarn. Der Ha^ hat endlich seit der Einbringung der kirchenpolitischen Vorlagen im ungarischen Parlamente gesiegt. Der rothe Saft seiner Gullasch-Denkungsart wurde in gährend Drachenblut gegen Ungarn verwandelt, und um das „kleine Gullasch" Punkt IO Uhr Vormittags war's geschehen' Ein Feind der Ungarn sein und doch täglich Gullasch essen, das wäre ja ein Widerspruch sondergleichen, dessen sich ein Charakter wie mein Schuster nicht schuldig machen kann. Anfangs dachte er daran, sich dessen nur allmälig zu entwöhnen, zuerst das Paprikabüchsel auf dem Tische in Acht und Bann zu erklären, dann von der Küche ans die Sauce immer blässer und blässer machen zu lassen, bis das Gullasch seinen specifischen Charakter verlieren würde. Aber wäre das männlich gehandelt gewesen? Nein! Er brach plötzlich mit seiner fünfundzwanzigjährigen Gewohnheit und eines schönen Tages nach jener denkwürdigen Sitzung des ungarischen Parlaments, in welcher die kirchenpolitischen Vorlagen unterbreitet wurden, kam er in sein Stammgasthaus und forderte gleich beim Eintritte zur Verwunderung des ganzen dienstthuenden Personals — eine Portion Schinken. Bon dieser Stunde und von dieser Stelle aus begann auch seine apostolische Thätigkeit für eine antimagyarische Bewegung; das Stammgasthaus wurde zuerst antimagyarifirt und er erwarb sich das Verdienst, einer der ersten Mitbegründer der Antimagyaren-Liga zu werden, deren Abscheu besonders vor dem Gullasch von den Gelehrten unter den Antisemiten noch dadurch erregt wurde, daß sie aus Bibel und Talmud den jüdischen Ursprung dieses Gerichtebewiesen, dessen rothe Farbe eigentlich aus Christenblut gemacht worden ist. Welche innere Wandlung ist aber mit meinem Schuster vorgegangen, seitdem er mit dem „kleinen Gullasch" gebrochen. War er auch früher schon nicht der liebenswürdigste Gatte und Vater, so malträtirte er jetzt beständig Weib und Kinder und man hörte aus der Schusterwohnung ein Jammern und Schluchzen, wie aus einer Prinz Liechteustein'schen Frauenversammlung beim „Wilden Mann". Ich hatte seit Langem eine Arbeit bei meinem Schuster und getraute mich gar nicht, aus Angst vor einer Scene, sie zu reclamiren. Heute wurde ich jedoch von dem ersten heurigen Frost zu diesem Schritt gedrängt, denn nicht Jeder hat die Constitution Kaisers Heinrich IV., eine Erkältung der Füße ohne nachtheilige Folgen auszuhalten. Wie erstaunte ich! Mein Schuster fiel mir um den Hals und hätte mir sicher einen Kuß applicirt, wenn ich mich nicht dagegen so gesträubt hätte. „Sind Sie toll geworden, Herr Meister?" fragte ich. „Nein, mein Herr, klug bin ich geworden," antwortete er, „ich esse von heute an wieder täglich mein kleines Gullasch. Wenn Sie's nicht in die Zeitung bringen, erzähle ich Ihnen, wie ich zu dieser Wandlung gekommen bin. Wie wahnsinnig lief ich heute zwischen 10 und 11 Uhr durch alle Gassen unseres Bezirkes, aus jedem Gasthause duftete das Gullasch heraus. Von der Qual können Sie sich keinen Begriff machen. Da kam ich in eine Gasse, wo ein jüdisches Gasthaus ist. Halt, sagte ich mir in meiner Verzweiflung, da gehst du hinein, da steht dich gewiß kein Gesinnungsgenosse. Gesagt, gethan. Ich taumle hinein. Wen aber seh' ich? Ihn selbst. Und Sie meinen über ein Beuschel? Gott bewahre! Ueber ein kleines G u l l a s ch. „Servus, Doctor," sagte ich erschrocken. Er lächelte wie immer, ohne die geringste Verlegenheit. „Wasser predigen und Wein trinken habe ich von meinen Freunden gelernt. Nur muß man vorsichtig sein, daß es Niemand sieht. Wenn Sie denselben Gedanken haben wie ich, werden wir uns einander nicht verrathen."