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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-22 · 51 (22.12.1893) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 Vestrrveichiphr Wortzenschriy Sette 993 Auf diese verlohnt es sich noch ein wenig zurückzukommen. Hanslick. der berühmte Kritiker, hat in seinem letzten Musikfeuilleton Veranlassung genommen, auf die Entstehung und Vorgeschichte gerade des fraglichen Mordpoems „Nächtliche Fahrt" einzugehen und sehr interessantes, aufklärendes Material zu Tage gefördert, das Herrn Dühring gerade so gut zu Gebote hätte stehen können, wenn dieser nicht mit empörender Leichtfertigkeit es vorgezogen hätte, lächerlich-alberne Vermuthungen als profunde Weisheit in die Welt zu setzen. Ferner wird man des feinsinnigen — und wahrlich nicht allzu nachsichtigen Rufes sich erfreuenden — Aesthetikers Urtheil über Heinrich H e i n e's Dichtung hören und selbes der Dühring'schen Werthungsweise gegenüberstellen können. Heine ist noch nicht der Mann, über den ein D ü h r i n g mit Achselzucken und Naserümpfen zur Tagesordnung übergehen kann und von dessen „mindest schlechten Piecen" wohlwollend herablassend zu sprechen ist. Hören wir also, was von Heine und der „Nächtlichen Fahrt" gesagt wird: „Bei Schumann's Composition des „Armen Peter" von Heine fiel mir ein, daß wir von der Bar bi, der Spies, von Walter, Scheidemantel, Gura u. s. w. kaum einen Liederabend gehört haben, in welchem nicht Compositionen Hein e's ch er Gedichte eine große Rolle spielten. Heine hat die deutschen Componisten unausgesetzt beschäftigt — befehligt möchte man sagen, wenn man erwägt, wie viele H e i n e's ch e Gedichte und wie vielmal ein jedes componirt worden, von Franz Schubert angefangen bis auf unsere Jüngsten. Die meisten seiner Lieder sind eben wunderbar musikalisch in Form und Inhalt und singen sich gleichsam selbst. Sollte man nicht annehmen, Heine, der Nährvater der deutschen Liedercomponisten, habe wie kein Anderer zu beurtheilen gewußt, welche Gedichte sich vorzüglich für Musik eignen? Und doch ist es nicht so. Ein interessantes, kleines Buch von H. Hüffer „Aus dem Leben Hein e's" enthält auch ein Capitelchen über Heine's Berhältniß zur Musik. Daraus erfahren wir, daß Heine im Jahre 1851 dem Musikverleger Schloß in Köln auf dessen Ersuchen drei Gedichte eigens zum 'Zwecke musikalischer Com- Position geschickt hat. Welche waren nun diese Gedichte, von deren Eignung zur Composition der Dichter so fest überzeugt war? Man schlage im Romanzero nach und lese: 1. „Altes Lied", 2. „Nächtliche Fahrt", 3. „Das goldene Kalb!" Componiren in rein mechanischem Sinne läßt sich freilich Alles. Aber man dürfte nicht viele Gedichte finden, die von Haus aus musikalischer Behandlung so stark widerstreben. Ich habe nicht erfahren können, ob eines dieser drei Gedichte componirt sei; am ehesten dürfte ein Beherzter sich an dem ersten versucht haben, falls ihn die zwiespältige Empfindung in der Schlußstrophe nicht abgeschreckt hat. In der „Nächtlichen Fahrt" glaubt Heine, wie er an Schloß schreibt, „etwas sehr Comp onirbares" gegeben zu haben. Auf Schloß' sehr begreifliche Bemerkung, daß er das Gedicht unverständlich finde, antwortet Heine: „Ich mache Sie auf die Hauptsache aufmerksam: Drei Personen steigen in den Kahn, und bei ihrer Rückkehr ans Land sind ihrer nur zwei. Es geht daraus deutlich hervor, daß ein Mord begangen worden, und zwar an der Sch önen, die schweigend geblieben und höchstens das ..Wehe" ausgerufen hat, welches in der vorletzten S tr o ph e vorkommt. Ueb er die Motive des Mordes erfährt man nichts Bestimmtes; man ahnet nur, daß er ein Act der Schwärmerei: ein Liebender oder ein Moralrigorist oder sonst ein Heiland an xetlt xieä begeht die That aus innerem Drang, nicht aber ganz ohneZweifel an seiner moralischen Berechtigung — er will Hie Schönheit retten vor Befleckung, von der Welt Unflätherei, und doch weiß er nicht, ob er nicht vielleicht eine Narrheit begeht oder im Wahnsinn handelt. Dieser innere Seelenproceß, der'sich bis zum höchsten Angstruf steigert und ein furchtbares Drama im Dunkeln bildet, kann aber durch die Musik am besten wiedergegeben werden." Nach diesen quellenmäßigen Darlegungen können wir die Acten des Mordprocesses Heine mit voller Beruhigung schließen und überlassen den grotesken Ankläger Eugen Dühring getrost der allgemeinen Lächerlichkeit und Heiterkeit, welche er durch seine wahnwitzigen Extravaganzen sich wohlverdienterweise zugezogen hat. Es ist nun gewiß nicht ohne einigen Reiz, den Spuren eines so merkwürdig interessanten Geistes noch ferner ein wenig nachzugehen, und namentlich zu betrachten, wie seine Gestrengen sich zu den allerersten Größen des deutschen Schriftthums stellen, nach welchen Grundsätzen ihre gefeiertsten Leistungen geprüft und welche Maßstäbe an dieselben gelegt werden. Die Ergebnisse dieser kritischen Forschungen sind geradezu niederschmetternd. Nichts als Ueberschätzung, Einer hat dem Andern nur bewundernd und gedankenlos nachgebetet — da kam Dühring der Unparteiische, der antisemitische Gelehrte, und es ward — Gelächter. „Zum Liederdichter hatte er Anlage. . . Auf Hervorbringung von Charakter und Handlung war er in seinem eigenen persönlichen Wesen nicht angelegt. Sich dagegen in Gefühlen ergehen, sich dem Wellenspiel von Gemüthsantrieben überlaffen und allenfalls einige gegenständliche Malerei zugehöriger Situationen, letztere aber schon einigermaßen nach ausländischen Mustern ausüben, — darin bestand bei ihm das am meisten Hervortretende. . . In hundert Fällen auf einen hält der Inhalt die Kritik nicht aus, während Formglätte und ein gewisses Maß der Herrschaft über die Sprache anzuerkennen sind." Wir haben diese Citate in die Form eines kleinen Scherzrebus gebracht und den Namen des nicht unbegabten Anfängers bis hieher verschwiegen, um die Neugier der Leser zu reizen. Sie vermuthen gewiß einen an- und nachempfindenden Dilettanten dahinter, und nach Dühring hätten sie auch gar nicht einmal so ungeschickt gerathen. Es ist ein sicherer Goethe, dem die liebevolle Aufmunterung gilt und dem das „gewisse Maß der Herrschaft über die Sprache" nnd das allfalsige „Nachempfindungstalent" doch nicht zur Gänze abgesprochen werden kann. Friedrich der Große hat einmal eine sehr absprechende Kritik über Goethe's „Götz" niedergeschrieben. Der Alte war zu sehr in französischem Formalismus befangen, die neue Kost war ihm zu aufrührerisch, zu stark, zu ungewohnt. Er verstand die Zeit nicht mehr, die mit Goethe ihren glänzenden Siegeseinzug hielt. Dühring findet da einen willkommenen Bundesgenossen. Das bisher blos als literarisches Curiosum durch die Bücher spukende miserable Urtheil über den „abscheulichen Berlichingen im schlechtesten Geschmack", Dühring greift es allen Ernstes auf, um es im Triumph vorzuweisen. Er findet, daß man einem altgewordenen Helden „mit Puppentand und Mädchenspielzeug der Goethe'schen Art doch nicht mehr kommen darf. Wer von der männlichen Art Friedrichs, sich erst einmal in der Richtung auf wirkliche Aufklärung^ bewegt, hätte sich von der Unklarheit, mit welcher die sonst bessere Lyrik bei Goethe behaftet war, auch abgesehen von deren meist kleinlichem Inhalt, abgestoßen gefunden." Wir fürchten, Seine Majestät, der alte Fritze, hätte sich von Herrn Dühring und seiner Manier doch noch weit mehr abgestoßen gefunden, als von G o e t h e's unklarer Lyrik mit kleinlichem Inhalt, denn er haßte die Fanatiker und Zeloten jeder Richtung, wie den Teufel und schwang den Krückstock oft drohend genug gegen sie." Dühring findet aber seinerseits ferner: „das G o e t h e'sche Wert Herroman che n, welches außer dem Götzstück noch hätte in Frage kommen können, wäre für den greisen König ein gar seltsames G e r i ch t ch e n gewesen .... selbstgefällige Schaustellungen falscher und zum größten Th eile erborgter Liebesempfindelei. Der „Faust" erinnert unseren großen Kritikus an „das alte Judenmärchen, dem dann ein n e u j ü d i s ch e s angeblich durch Liebe erhebendes folgt. . . Die hauptsächliche Großthat, durch die erfahren werden soll, was das Leben sei, ist die Verführung eines Mädchens. . . Von solcher Art Lösung, die das Verfallen an den Henker durch das Jenseits ausgleichen will, brauche ich kaum kritisch zu reden. . . Was aber sonst (Faust zweiter Theil) gezeigt wird oder vorgeht, ist kaleidoskopisches Kinderspiel, nur noch etwas weniger zusammengehörig und geordnet als die bunten Glasscherbchen in. den Rosetten jenes Spielzeugs. Goethe hat hier allerlei zusammengekramt . . . Wenn nun Einer wie Goethe durchaus mystisch verhimmeln muß, so mag ihm dies Bedürfniß zur Ausgleichung seines Verstand e smangels nicht verargt werden!" Sollen wir uns wirklich die Mühe nehmen, diesen Krimskrams und lächerlichen Galimathias Dühring's noch des Langen und Breiten zu glossiren? Wir denken, er spricht deutlich genug für sich selbst und glauben, daß der große Goethe unserer Vertheidigung nicht bedarf. Noch ein paar Citate dürfen wir uns aber wohl zur Aufheiterung vergönnen.

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