Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 992 Vekterreichlsche WochenfchrM Nr. 51 gang des Kleingewerbestandes" durch eine neue Organisirung desselben, ja nötigenfalls durch eine vollständige Umgestaltung der ganzen Production Einhalt gethan werde, überhaupt zu acceptiren? Ist denn nicht dem Socialpolitiker, genau wie dem Arzte, geboten, die Existenz der Krankheit, den Umfang derselben erst zu constatiren? Ist denn diese Diagnose in ernster Weise schon versucht worden? So ganz allgemein ohne Begründung und ohne Untersuchung den bevorstehenden drohenden Unters"- des Handwerkes als etwas Selbstverständliches hinzuste , > jede vernünftige Therapie von selbst aus. Klagen und Beschwerden, die laut werden, sind noch durchaus kein Beweis einer wirklichen allgemeinen Krankheit, eines Marasmus des ganzen Organismus. Wir haben seinerzeit an die Spitze unserer Erörterungen des Befähigungsnachweises in der „Neuen Freien Presse" (..Bilanz des Befähigungsnachweises") ein längeres Citat gestellt, entnommen Seb. Brandt's „Narrenschiff", einem autoritativem Werke aus dem fünfzehnten Jahrhundert, also aus der Blüthezeit der Zunft. Die Verse Brand t's beweisen mehr als Bände zu thun im Stande wären. In diesem Citat kommen in heftigster Weise und genau mit denselben Worten alle jene Klagen vor, wie wir sie auch heute von Schneider und seinem Anhang zu hören gewohnt sind. Unter allen Schichten waren es eben die Handwerker, die Zunftgenossen, welche von je am meisten zu Klagen geneigt erscheinen. Und zwar aus einem sehr natürlichen Grunde. Die Aufnahme in die Znnft hat in jedem Handwerker die Erwartung erregt, von diesem Momente einer „Socialen Assecuranz" anzugehören, eine Hoffnung, welche die Genossenschaft nie und zu keiner Zeit erfüllen konnte. Denn die große Querlinie, welche in allen Berufen die Fähigen und Fleißigen von den Unfähigen und Unfleißigen scheidet, ist auch damals mitten durch die Handwerker hindurch gegangen. Nichtsdestoweniger wollen wir ohneweiters und sofort zugeben, daß der Fabriksbetrieb, welcher vor ungefähr zwei Jahrhunderten begann, seither die Stellung des Kleingewerbes in einer ganzen Reihe von Arbeitszweigen total verändert hat. Aber dieser Proceß ist schon in sich vollendet und das Handwerk hat die Resultate dieses Procesies für sich acceptirt. Der Handwerker kauft vor Allem für seine Arbeit sein Werkzeug, sein Rohmaterial, sein Halb- und sein Ganzfabricat von der Großindustrie. Und wahrlich nicht zu seinem Schaden. Wenn vordem ein Schlosser einen verloren gegangenen Kastenschlüffel neu zu machen hatte, so mußte er denselben einen halben Tag lang schmieden, bohren und feilen — heute hat er die Type auf Lager oder er kauft ohneweiters das Exemplar nach der Musterkarte für ungefähr einen oder zwei Kreuzer, macht kaum einen Feilstrich und erhält an Bezahlung mehr oder zumindest nicht weniger als vordem. Der Proceß zwischen Handwerk und Großindustrie ist vollendet und jener Kreis, welcher dem Handwerk verblieben ist, kann und wird ihm nicht weiter eingeengt werden. Er ist als Zwischenhändler der Verkäufer der großiudustriellen Erzeugnisse, und insoweit er ein eigentlicher selbsterzeugender Handwerker geblieben ist, gehört ihm ausschließlich die Befriedigung des individuellen Bedürfnisses und des individuellen Geschmackes. Das eigentliche Movens der Handwerkerbewegung liegt auch ganz und gar nicht mehr in dem Kampfe gegen und in der Bedrängung durch die Großindustrie, sondern wesentlich in einem ganz anderen Momente. Es geht eben mitten durch den Kreis des heute noch selbstständig erzeugenden Handwerkes ein großer Riß. Die modernen Anforderungen an das Gewerbe sind solche geworden, denen eben nur der Intelligentere, technisch Tüchtigere, geschäftlich Befähigtere Nachkommen kann. Durch die besseren Volks- und Bürgerschulen der Städte, durch die steigende Intelligenz des Arbeiterstandes, durch die Gewerbeschulen, welche wieder — was schon ganz aufgehört hatte — die Söhne aus dem besseren Bürgerstand zum Gewerbe heranziehen, bildet sich nach und nach eine gewisse Aristokratie des Gewerbestandes heraus, deren Mitglieder für den Kampf mit den Gew erb sgen offen in ganz anderer Weise geschult sind, als die älteren Handwerker, welche als Lehrbuben in Urväterweise roh und ungeschlacht aus den böhmischen Wäldern nach Wien gekommen sind. Wir behaupten rundweg, dem geschickten Handwerker geht es in Wien nicht schlecht, zumindest gewiß nicht schlechter, als den Mitgliedern jedes anderen Geschäftsberufes, wie es durch die Zeitläufte bedingt ist. Wir kennen keinen geschickten Portaltischler in Wien, keinen Tapezierer von Geschmack, der in Wien sein Fortkommen nicht findet. Will man einen wirklich seinen passenden Schuh von einem der guten Schuster in der Umgebung des Grabens erhalten» muß man eine gediegene Zahl von Wochen warten, bis man denselben geliefert bekömmt. Noch nie hat es Kundenschneider in Wien gegeben, welche wie heute neben und trotz der Consection ein so gediegenes Geschäft, gediegen an Leistung und Erwerb, gemacht hatten. Kurz, der mode r n e leistungsfähige Handwerker prosperirt unzweifelhaft, aber gegen ihn kann eben der alte orthodoxe nicht mehr aufkommen; von diesen letzteren geht auch der, und zwar von ihrem Standpunkte ganz berechtigte Schmerzensschrei aus — sie bilden die Armee Liechtenstein-Schneide r's. Auf der Vorgängerin der letztabgehaltenen Gewerbe- Enquste, auf jener ebenso umfangreichen des Jahres 1873, welche damals von der Handelskammer in Wien veranstaltet wurde, drückte dieses Moment ein gescheidter Schneider mit den Worten aus: „Die Hauptursache liegt halt darin, daß man leider heute mit der Dummheit nicht mehr so sortkommt wie früher." In diesem verschiedenen Effect der verschiedenwerthigenAusrüstung für den Kampfliegt derHauPt-Ln8ns belli. DieseVerschiedeuheit kann nicht aufgehoben, sie wird, jemehr die besseren Schichten sich dem Gewerbe wieder zuwenden, verschärft werden. Die wahre Demokratie besteht nun darin, immer weiteren und weiteren Schichten die Mittel, die Gelegenheit zu dieser höheren Ausrüstung zu gewähren, aber der Unterschied selbst kann und soll auch nicht aufgehoben werden, er ist mit dem Fortschritt identisch. Den besseren, tüchtigeren, fähigeren, intelligenteren Gewerbsmann wird es immer besser gehen müssen, wenn diese Befähigung selbst noch irgend einen Werth behalten soll. Allerdings kennen wir eine Serie von Gewerbsleuten, welche ihrer ganzen Veranlagung nach zum modernen Gewerbsmann prädestinirt sind und die trotzdem einen doppelt schweren Kampf führen. Es sind dies unsere jüdischen Handwerker, unter denen wir eine ganze Reihe kennen, welche sozusagen zu den tüchtigsten der ganzen Gattung zählen. Sie haben zu kämpfen nicht nur mit dem Antisemitismus, nicht nur mit der Thatsache, daß der christliche Bauherr dem jüdischen Bauschlosser die Arbeit nur dann gibt, wenn dieser sich entschließt, den christlichen bedeutend zu unterbieten, sie haben auch zu kämpfen mit der Indolenz, mit der Passivität der Juden selbst, die nicht einsehen wollen, daß es, insolange diese Strömung den jüdischen Handwerker in so unverdienten und entschiedenen Nachtheil versetzt, ihre Pflicht ist, diesen in erster Linie zu berücksichtigen. Es ist keineswegs richtig, daß die Tüchtigkeit des jüdischen Handwerkers allein genügt, um ihm in christlichen Kreisen Anerkennung und Beschäftigung zu schaffen. Die antisemitische Strömung hat die Denkweise, selbst unserer besseren Kreise, bis zu einem Grade vergiftet, daß man den Juden seiner Tüchtigkeit halber nicht pardonnirt, sondern umgekehrt dieselbe ihm erst recht zum Vorwurfe macht, in dieser Tüchtigkeit einen neuen Grund sucht und findet, den Juden zu Haffen. Denn nicht die Fehler der Juden sind es, welche den Antisemitismus gemacht haben, sondern umgekehrt, seine Vorzüge! Doch das Alles soll uns nicht hindern, wird es auch nicht, den Kampf für unser gutes Recht weiter zu kämpfen, wie bisher. Daran soll Prinz L i e ch t e n st e i n wahrlich nichts ändern. Was ist Liechtenstein?! Wir haben Pharao und Czar Nico laus überstanden, Bismarck und Ta affe überlebt. Man kann uns Juden überhaupt nur verfolgen, aber nicht vernichten. Das hätten die Herren doch, wenn auch sonst nichts Anderes, in den 6000 Jahren schon lernen können. Wir sind überzeugt, sie werden es noch lernen. Eine Größe der antisemitischen Literatur. IV. 'Nochmals der M ö r d e r H e i n e; D ü h r i n g u n d d i e D i ch t e r f ü r st e n. Wir haben im Verlaufe unserer Untersuchungen dargelegt, wie D ü h r i n g sich zu Börne und Heine verhält, welche Methode er bei seinen kritischen Arbeiten einschlägt, wie gründlich, sachkundig und unparteiisch er dabei zu Werke geht. Er hat B ö r n e's „Knechtseeligkeit" nebst schlechter Schreibweise entdeckt und sein unbestreitbares, alleiniges Verdienst bleibt es, wenn Heinrich Hein e's schaudervolle, haarsträubende Mordthat endlich enthüllt wurde.