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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-22 · 51 (22.12.1893) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 51 Seite 9-1 Orsterrrichifchr Wochenschrift Anders Prinz Liechtenstein. Nicht als ob seine Kenntnisse auf diesem Gebiete gerade viel größer wären, als die des Herrn Dr. Pattai. Aber vor Allem was er schreibt ist nicht ledern, er selbst ist ein Mann von Temperament und Talent und wir schenken nicht ohne Vergnügen seinem Artikel „Die Ziele der gewerblichen Bewegung" unsere Beachtung und Besprechung. Das Charakteristische in demselben ist aber nicht sein Inhalt. Ganz im Gegentheile sehen wir das Bemerkenswertheste desselben darin, daß von seiner ganzen in der „Reichspost" gegenwärtig vorliegenden Studie dem Inhalte nach in dem ausführlichen Anträge zur Gewerbereform, den der Prinz in 38 Paragraphen im Abgeordnetenhause eingebracht hat, auch nicht das Geringste zu finden ist. Dort ausführliche, aber ganz trockene Bestimmungen über Ausdehnung des Befähigungsnachweises, Erweiterung der Kluft zwischen den einzelnen Gewerben, Stärkung der Meister, Herabdrückung der Gesellen in ihren Rechten. Hier ein Programm, das sich die weitesten Ziele, die Umkehr und Revolutionirung der kleingewerblichen Production stellt, gegen das der Befähigungsnachweis und Alles was drum und dran hängt, geradezu in seiner Bedeutung verschwindet. Bei der Einbringung seines Antrages im Abgeordnetenhause hat der Prinz den Inhalt dieses Antrages als die einzige Panacee für das Gewerbe hingestellt. Welches ist nun das wirkliche Reccpt des Prinzen, welches von den beiden ist das ernstgemeinte — woher stammen die Programme von in ihrer Bedcutung und Ausdehnung so ganz verschiedenem Inhalte? Das Rätbsel ist nicht schwer zu tosen. Im Abgeordnetenhause stand der Prinz bei Einbringung seiner Anträge Leuten von Urtheilsfähigkett gegenüber, vor denen man sich bei aller Süffisance nicht blamiren will. Sein neues Leibblatt ist aber für dw politische „Schwemm" Wiens, deren Chef er ist, bestimmt, und der Schwemm kann mau eben eine ganz andere Küche bieten. Sehen wir uns nun das von dem Prinzen seinen literarischen Gästen gebotene Menu genauer an, so muß vor Allem aufsallen, und das ist sehr charakteristisch für den von ihm bei seinen Lesern vorausgesetzten Mangel an Denkfähigkeit, daß er als selbstverständlich hinstellt, was in der That die Hauptstrertfrage ist. Er behauptet nämlich schlankweg: „die von der Zunftpartei gewählten Mittel sind zweckmäßig." Wir begreifen aber sehr wohl, daß sich der Prinz auf irgend eine Detaillirung dieser Mittel, auf eine Begründung derselben weiter nicht einläßt. Sie haben eben bis jetzt in nichts Anderem, als in dem durch die Novelle des Jahres 1883 eingeführten Befähigungsnachweis bestanden. Damit war der Witz der ganzen Partei erschöpft, und heute, wo das Fiasco desselben ein unleugbares und selbst als ein von den Zunftführern ungeleugnetes sich herausstellt, wissen die Herren keinen andern Rath als die Verdopplung desselben. Nichtsdestoweniger baut Prinz Liechtenstein auf diesen ganz und gar faulen Grund sein anderes neues großes Gebäude aus. Und welche verteufelt romantische Figur macht dieses Gebäude? Bei aller Mangelhaftigkeit seiner Kenntnisse hat der Prinz denn doch seither zwei Dinge gelernt. ErsteW, daß die heute gebrauchten Massenartikel und Maaren in Quantität und Qualität nicht ohne gewisse Centralisirung des Betriebes erzielt werden können, und zweitens daß die Gesellen ein Factor sind, dessen Widerstand die Aufführung seines Gebäudes unmöglich machen würde. Bor Allem will er nun diese Centralisirung für seine Meister ausschließlich in Beschlag nehmen. Er entwirft allen Ernstes folgenden Plan. Alle die befähigungsberechtigten Meister eines Gewerbes hätten zu einer großen Erwerbsgesellschaft zusammenzutreten, welche die Erzeugung monopolisirt. Das Monopol wird ihnen dadurch gesichert, daß keine neue Fabrikscoi cession mehr gegeben, daß mit dem Tode eines jeden der jetzt lebenden Fabrikanten die Fabrik erlischt und das Inventar derselben von der Genossenschaft übernommen wird- Der Vorstand jeder Genossenschaft hätte den Rohwaareneinkauf für sämmtliche Mitglieder der Genossenschaft zu besorgen, die Arbeiten im Gewerbe an die einzelnen Meister (nach welchem Maßstab wird nicht gesagt — wahrscheinlich dem der verläßlichen Gesinnung) zu vertheilen und die erzeugten Produkte in der genossenschaftlichen Verkaufshalle zu verkaufen. Wir hätten also da vor uns eine große Actiengesellschast, in welcher aber nur die befähigungsberechtigten Meister Aktionäre sein dürften. In dieser Idee repräsentirt sich also nichtsweniger als die Uebertragung des Cartellgedankens, wie ihn bis jetzt nur einzelne Großindustrien verwirklicht haben, auf die Gesammtheit der gewerblichen Erzeugung, eine Monopslifiruug derselben zu Gunsten einer bestimmten Anzahl von Handwerksmeistern, die noch ärger wie im Mittelalter eifrigst und möglichst sich gegen jeden Zuzug zu schützen bestrebt sein würden. Sehen wir von der ganz merkwürdigen Ausbeutung, welcher die Consumenten, die gesammte Bevölkerung verfallen sein würden, von den Preisen, welche dann gezahlt werden müßten, ab — kitnnen dann, diesen Traum als verwirklicht vorausgesetzt, die Kleinbetriebe überhaupt die heuts gebrauchten Waaren auch nur der Qualität nach — die Quantität ganz außer Acht gelassen — Herstellen? Es ist ja Jedem, welcher das heutige Gewerbs- und Jndustrieleben kennt, ganz klar, daß der Prinz hier nur zur halben Erkenntniß gelangt ist. Er acceptirt von der Centralisirung des Betriebes, die er nun einmal als unabweisbar anerkennt, nur den Anfang, den Rohwaareneinkauf, und das Ende, den Verkauf. Die eigentliche Herstellung soll weiter in unzählige Kleinbetriebe vertheilt bleiben. Da ist es doch klar, daß ihm die Hauptsache, um die es bei der Herstellung von der Mehrzahl der Artikel der heutigen Industrie sich handelt, die Theilung und das gleichzeitige Jneinandergreifen der Arbeit, nicht klar geworden ist. Aber auch damit, mit der Theilung und Vereinigung bei der Herstellung, ist das innerste Wesen der Großindustrie noch lange nicht erschöpft, deren Nothwendigkeit nicht erfaßt. Der Prinz stellt nicht ungeschickt die Fabrik als die monarchische, die absolutistische, den vertheilten Kleinbetrieb als die republikanische Jndustrieform dar. Er gibt letzterer den Vorzug. Darüber wollen wir gar nicht streiten. Die wirthschädliche Entwicklung fragt eben ganz und gar nicht nach unserem Geschmack. Aber in dem, was er einfach als „Absolutismus" ansieht, liegt noch ein ganz anderer innerster Kern. „Daß sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände." Mit diesen Worten läßt Goethe seinen Faust die große Unternehmung", mit der er sein Leben schließt, charakterisiren, — mit diesen Worten ist aber auch das Wesen jeder großen Unternehmung, so auch der Großindustrie scharf und sicher bezeichnet. Die großen Dinge sind noch nie von kleinen Leuten gemacht worden. Wir können hier auf ein uns sehr nahe, aber auch dem Leser nicht fernekiegendes Beispiel Hinweisen. In der Gewerbe- Enquete haben wir gegenüber dem Anstürme auf die Confection dargethan, daß die handvoll ExPortconfectionärewWienso viel an Herrenkleidern exportiren als nach einer sehr weitgehenden Schätzung die gesammte Bevölkerung Wiens an Herrenkleidern consumirt und bezahlt. Nach dem Prinzen müßten diese Confectionäre, diese Monarchen, ihre Etablissements schließen, die Republik der böhmischen Stückmeister selber exportiren. Aber selbst wenn wir dem Prinzen diese auf die ganze Industrie zu verallgemeinernde unsinnige Consequenz seiner republikanischen Gesinnung passiren lassen wollen, ohne sie nach dieser Richtung weiters zu verfolgen, ist ihm denn nicht klar, daß, wenn er den Socialismus ausschließlich für die Meister pachten will, die Gesellen, die Arbeiter mit Recht einwenden werden, daß zur Activirung dieser socialistischen Einrichtung sie die Herren Meister ganz und gar nicht brauchen und daß sie sich mit aller Kraft gegen eine solche Confiscation des socialistischen Gedankens zu Gunsten und Nutzen der Meister stemmen würden? Ihr Widerstand wäre umso berechtigter, als die Productivgenofsenschaften der Meister noch alle zu Grunde gegangen find und nur die wenigen von Arbeitern gegründeten: die Prodnctivgenossenschaft d<"7 Lederarbeiter, der Buchdrucker u. s. w., in Wien Bestand gefunden haben. Doch wir thun Unrecht. Traum- und Schaumgebilde ernst zu nehmen. „Binnen wenigen Jahren, schreibt der Prinz, könnte dieses Ziel erreicht werden, wenn Staatsgewalt und Parlament nicht der Gesellschaft den Weg zu diesem Ziel versperrten." Wer sich nicht nur dieses Ziel steckt, sondern diese Vernichtung der Großindustrie, diese Vergesellschaftung der ganzen Arbeit zu eine Collectivgenofsenschaft des Meisterhandwerkes für die laichte Arbeit einiger weniger Jahre hält, der verzichtet weiter selbst auf eine Discussion von Seiten ernster Leute. Allerdings mit der Verwerfung dieser und ähnlicher Vorschläge — und bisher find alle von Seite der Zunftpartei, der Christlich-Socialen u. s. w. zur Gewerbereform gestellten Anträge in gleicher Weise verwerflich gewesen — ist die „Gewerbefrage" an sich noch nicht „gelöst". Aber — und hier berühren wir eine der fragwürdigsten Seiten dieser Frage — ist diese „Gewerbefrage" denn in dem weiten Sinne, in welchem sie von der Zunftpartei gestellt wird, nämlich daß dem „Nieder-

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