Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 51 (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Säte 990 Orsterreichifchr Wochrnfchrtst Nr. 51 Sämmtliche Angeklagte sind selbstverständlich Christen, und es ist höchst charakteristisch, daß das „Deutsche Volksblatt" tiefen sensationellen Proceß kaum mit wenigen Zeilen erwähnt. Der Paragraph 519 des neuen Strafgesetzes gegen den Verkauf verdorbener Maaren, den Dr. P a t t a i besprach, wird sehr wohlthätig wirken, aber zu fürchten haben diesen Paragraphen lediglich die Gesinnungsgenoffen des Dr. P a t t a i. Ueberaus rührend ist die Besorgniß, welche Herr Doctor Pa tta i für die Ruhe und das Wohl der christlichen Millionäre hegt; daß es eine erkleckliche Anzahl solcher gibt, haben wir in unserer letzten Nummer durch Anführung einer stattlichen Reihe von Namen nachgewiefen. Trotzdem erklärte Prinz Liechtenstein in der Volkshalle, daß „schon beinahe Alles" in den Händen der Juden sei. Aber mit dieser Behauptung steht die Sorge des Dr. Pattai, daß durch die Arbeiterunruhen der reiche Arier „nicht zum ruhigen Genuffe seiner Schätze komme", in grellem Widerspruch. q- * * Die zärtliche Besorgniß, welche Herr Dr. Pattai in seiner Rede für die arischen Millionäre an den Tag legte, ist recht auffällig und Herr Ed. B e er schreibt uns darüber: Wer ist Derjenige, der den arischen Großindustriellen das Fadricat verschleißt, der Jude ist es zum allergrößten Theil entweder durch den Zwischenhandel oder durch den Vertrieb an den letzten Consumenten. Man hätte deshalb zu oer Erwartung berechtigt sein sollen, daß die arischen Großindustriellen schon aus Geschäftsinteresse gegen den Boycott jüdischer Geschäftsleute Stellung nehmen werden, was bisher jedoch nicht geschehen ist. Im Gegentheil, man hat nach bewährtem Muster die Hetze durch Jgnoriren stillschweigend tolerirt und derselben hiedurch eine sehr bedenkliche Autorisation verliehen. Bon Tger bis Grulich und weiter tief in Mähren ist die Textilindustrie nahezu ausschließlich in arischen Händen. Die Fabrikate dieser Industrie werden, bis auf einen kleinen Bruchtheil von Juden entweder aus dem Wege des Zwischenhandels oder durch directen Verkehr mit dem Händler vertrieben. Zum Dank hiefür laffen die arischen Industriellen, anstatt sich dagegen zur Wehre zu setzen, den Boycott ihrer Waarenabnehmer ruhig gewähren. Cs ist wohl auch die Frage gestattet, ob Andere als Juden die Fähigkeit und Aufopferung besitzen, welche Handel und Verkehr erfordern, um mit Geschick inscenirt zu werden. Wer hängt noch wie der Jude mit jeder Faser seiner Individualität an seinem Berufe als Kaufmann? Wer noch, als der jüdische Kaufmann, begnügt sich mit einem so verschwindend kleinen Nutzen bei seinen geschäftlichen Transactionen? Wer noch, als der jüdische Gewerbetreibende, besitzt die Zähigkeit und Ausdauer, den Kampf um's Leben mit gleicher Hartnäckigkeit zu bestehen? Wem noch, als dem jüdischen Kaufmann, stehen gleiche geistige und physische Kräfte zu Gebote, um die aufreibenden Sorgen, welche die Erfüllung der commerciellen Verpflichtungen mit sich bringt, zu ertragen? Und wem kommt all dies in erster und letzter Linie zu statten, als den arischen Industriellen, für welchen die jüdischen Geschäftsleute die commerciellen Pionniere, die geschäftlichen Pfadfinder sind, die Tag und Nacht am Werke sind, dessen Fabrikate bis in die entferntesten Winkel zu verschleißen. Man wird freilich mit der Einwendung bei der Hand sein, daß die arischen Großindustriellen bei Juden große Verluste erlitten haben. Glücklicherweise sind sie hiebei nichr nur mit heiler Haut davoMekommen, es sind ihnen, es soll dies ohne Neid und sogar mit Befriedigung constatirt werden, nach diesen großen Verlusten noch etwelche Millionen geblieben. Wie ist es aber mit den jüdischen Geschäftsleuten, welche so unglücklich waren, in Concurs zu gerathen oder vom Schauplatze commercieller Thätigkeit verschwinden zu müssen, beschaffen. Das Facit bei 95 Percent jüdischer Händler ist der Bettelstab. Mcht aber, daß sie durch Unwirthschaft oder Luxus zu Grunde gingen. Im Gegentheil, es gibt keinen mäßigeren, anspruchsloseren Menschen, als z. B. den polnischen Juden, dessen ganzes Leben eine Kette von Entbehrungen bildet. Von Sonntag Früh bis Freitag Abend von Haus und Familie abwesend, besteht seine ganze Nahrung in trockenem Schwarzbrot und einer Zwiebel. Mit einem schweren Bündel beladen, wandert er die ganze Woche von einem Dorf ins andere, von einer Einschicht zur andern, und mit welchem Erfolg? Wer die einschlägigen Verhältnisse kennt, weiß es ja zur Genüge, daß die sogenannten Bankerotteurs sämmtlich Bettler und auf die Mildthätigkeit ihrer Gemeindegenoffen oder Verwandten angewiesen sind. Per Saldo haben daher die arischen Industriellen die Millionen, die ihnen Niemand mißgönnt, die Juden den „Dalles", wie der terminus technicus lautet, und es hat denn doch den Anschein, daß die jüdischen Geschäftsleute ihr Schärflein zur Schaffung der großen arischen Vermögen beitragen. Man hätte daher meinen sollen, daß es Pflicht und Schuldigkeit der arischen Großindustriellen gewesen wäre, gegen die die Existen;' ihrer jüdischen Kunden bedrohende Hetze in offener, loyaler Weise Stellung zu nehmen. q- * Zum Schluffe erwähnte Dr. Pattai die „betrügerische Reclame" und das „schwindelhafte Anpreisen von-Heilmitteln". Er vergaß leider hinzuzufügen, daß Schönerer's „Unverfälschte deutsche Worte" fast in jeder Nummer Proben solcher betrügerischer Reclame und der schwindelhaften Anpreisung von Heilmitteln aus dem — „Deutschen Volksblatt" citiren. Die Frauenpredigten des Prinzen Liechtenstein und des Dr. Pattai stellen sich, wie wir im Vorstehenden gezeigt haben, als ein Gemisch von Lüge, Unwissenheit und boshafter Verleumdung dar. Trotzdem werden sie ihre Wirkung thun, weil die Lüge für wahr gehalten wird, und deshalb ist das Verlangen berechtigt, daß gegen diese verwerfliche Agitation endlich an maßgebender Stelle mit aller Entschiedenheit eingeschritten werde. Die gewerbliche Bewegung und die fürstl. Liechtenstein'sche „Reichspost". Von Sigmund Mayer. Der Befähigungsnachweis des Jahres 1883 ist unstreitig schon bei seiner Conception von einer großen Zahl seiner Fürsprecher als ein anonymes Judengesetz gedacht worden. Nun liegt gewiß in dieser naiven Verwechslung von Juden- und Geiverveftage ein gar arges Stück Unwissenheit. Der wirthschaftliche Proceß, gegen welchen der Befähigungsnachweis gerichtet ist, hat ffich nirgends so rasch und so durchgreifend entwickelt, als in jenen Ländern, England, Frankreich, Nordamerika, in denen die Juden nur in verschwindender Anzahl gelebt hatten und diese Wenigen keine Gewerbsleute waren. Noch deutlicher wird diese Verwechslung durch die Thatsache, daß in Wien zur Zeit der Einführung, des neuen Zunftzwanges die Lage jener Gewerbe, in denen die Juden noch keinen oder nur sehr vereinzelt Eingang gefunden hatten, um kein Haar günstiger war, als in allen übrigen. Nichtsdestoweniger hat das Gesetz in seinem Verlaufe vielfach diese anonyme Wirkung haben müssen. Die Juden nehmen unleugbar zu dem Gewerbsleben eine mehr fortschrittliche Stellung ein uno sie hatten bis dahin mit Vorliebe und ungeyindert den Eintritt in mannigfache, namentlich in jene Vorstadtindustrien gepflegt, bei denen es vorzüglich auf commercielles Geschick, auf Geschmack und Erfindung angekommen war. Schon von diesem Standpunkte aus begrüßen wir es mit aufrichtiger Genugthuung, wenn die Leitung der „Oesterreichischen Wochenschrift" dem neuesten reactionären Organ, welches unter directer Führung und Regierung des Prinzen Alois Liechtenstein vom ersten Jänner ab erscheint, der „Reichspost" erhöhte Aufmerksamkeit zuwendet. Dasselbe wird sich an die Genossenschaften anlehnen, wird die rückläufige gewerbliche Bewegung zu seinem Hauptagitations- und Stützpunkte wählen. Die Probenummer enthält dementsprechend nicht weniger als zwei lange Artikel über die Gewerbefrage. Den einen von Dr. Pattai über „Beruisgenoffenschaften", den anderen vom Prinzen selbst über „Die Ziele der gewerblichen Bewegung". Ob Herr Dr. Pattpi den Beruf, für Berufsgenoffenschaften zu wirken, thatsächlich fühlt, kann, gelinde gesagt, zumindest bezweifelt werden. Was aber ganz und gar nicht zweifelhaft erscheint, ist, daß er, vorläufig, nämlich nach seiner uns vorliegender Leistung zu. urtheilen, den Beruf nicht besitzt. Herr Dr. Pattai mag in seinem Berufe als Advocat ein Handwerker sein, ein Maurer, kein Architekt, aber vom „Handwerk" und von Allem, was d'rum und d'ran hängt, wie Genossenschaft u. s. w. versteht er nichts. Auf diesem Gebiete ist der Herr Doctor kein Gegner für unsere Klinge, und wir erlassen uns und unseren Lesern die Erörterung, seines Artikels, der noch dazu in unlesbarer Form geschrieben, und wenn man die Form überwunden, des Lesens nicht Werth gewesen ist.