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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-22 · 51 (22.12.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 51 Vesterredtzifche Wochenfchrifl Seite 989 Die Stimmung ward immer animirter und am Schlüsse fielen Dr. Lueger und Dr. Richter einander gerührt in die Arme. Die Gruppe erstrahlte in bengalischem Feuer. Die Juden aber, welche dem Ball fern geblieben waren, ließen das ersparte Geld — es soll einige Tausend Gulden betragen haben — ihren Armenanstalten zu kommen. Damit wäre meine Pflicht als Berichterstatter erfüllt. Ich kann mich aber nicht enthalten, einen Vorschlag zu machen: 28 äre es nicht schön, w e n n d i e W i e n e r Juden von 1894, freiwillig vom Balle wegbleibend, das Beispiel ihrer Glaubensgenossen von 1904 befolgen möchten? Den Armen w ü rd e es sehr zu st a tt e n kommen, und.es wäre die b e st e A n t w o r t d e r jüdis ch en Fami lien an die „Ch r i stl ich e Familie" des H etzpri n ze n. M. Die Frauenpredigt des Prinzen Liechtenstein. Dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen des Gemeinderaths-Präsidiums hat am letzten Sonntag die angekündigte Hetzversammlung des Vereines „Christliche Familie" in der Volkshalle des neuen Rathhauses stattgefnnden. Als Hauptredner fuugirten in derselben die Abgeordneten Prinz Alois Liechtenstein und Dr. Pattai. Wenn der „eiserne Mann" auf der Höhe des Rathhausthurmes menschlich empfinden könnte, wie die Herren Dr. Prix, Dr. Richter und Dr. G rübl, dann müßte brennende Schamröthe sein Antlitz überzogen haben, angesichts der Schmach, welche der Stadt Wien und dem Palaste ihrer Bürgerschaft mit diesen Reden angethan wurde. Prmz Liechtenstein begann seine Ausführungen mit einer wehmüthigen Klage darüber, daß die Judenhetze von Neujahr ab aus diesem herrlichen Baue, diesem „Denkmale christlichen Geistes", an welchem „alle Arbeiten von der einfachsten Taglöhnerarbeit bis zur Geistesarbeit des Schöpfers eben nur von Christen geleistet wurden", verbannt sein werde. Der hochfürstliche Hetzer kennt sein Publicum, er rechnet darauf, daß die „christlichen Frauen" mit der Baugeschichte des neuen Hauses nicht sonderlich vertraut sind. Aber dennoch sollte ein Mann, der auf den Namen eines Cavaliers trotz alledem und alledem Anspruch erhebt und dem die Begriffe von Ossiciersehre trotz seiner Freundschaft mit einem Schneider noch immer geläufig sein dürsten, nicht gar so unverschämt lügen. An der Pforte zur Volkshalle grüßt den Eintretenden der in Stein gemeißelte, intelligente Kopf des Mannes, der dem Erbauer des Rathhauses der tüchtigste Mitarbeiter und Berathcr war. Dieser steinerne Kopf ist ei n D enkm a l jüdischer Geistesarbeit und jüdischen Fleißes, die sich in einem der ausgezeichnetsten Architekten unserer Vaterstadt, einem Meister der gothifchen Baukunst und dem genialsten Schüler S ch m idt's, Namens Max Fleischer, verkörpern. Und so wenig der Kopf Max F l e i s ch e r's vom Rathhause wegzulügen ist, so wenig, kann ihm sein Judenthum weggelogen werden, denn diese Zierde unserer Glaubensgemeinschaft ist heute Vorstandsv Mitglied der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und Präsident des Tempelvereines im VI. und VII. Bezirke. Neben Max Fleischer haben auch noch zahlreiche jüdische Künstler und Handwerker an dem Baue des neuen Rathhauses mitgearbeitet, von denen wir hier nur folgende nennen: Bor Allem Architekt Siegfried Stern, einen getreuen Mitarbeiter und Gehilfen des Oberbaurathes Schmidt. Die Anlage der elektrischen Beleuchtung, der Telephonleitung und der Blitzableitung ist das Werk von B. Egger; die Beschläge und Kunstschlossereiarbeiten leitete Moritz Schwarz. Selbst das fchwierigeWerk der Dachdeckerei am Rathhause war einemJuden anvertraut. Das Mobilar lieferte ein jüdischer Möbelfabrikant Jacyb Vogl Hut, die Atlasstoffe wurden von der Firma S. Eisenberger bezogen. Den Personenaufzug hat Ingenieur Philipp Meyer eingerichtet, die Orientierungstafeln, die Aufschriften und Numerirungen, welche den Antisemiten helfen, im Rathhause sich zurecht zu finden, sind Arbeiten der Firma Michael Winkler & Sohn. Prinz Alois Liechtenst ein hat auch damit die Unwahrheit gesagt, daß er das vom 1. Jänner beginnende Verbot der Abhaltung politischer Versammlungen in der Volkshalle! der „Pression eines fremden Stammes" zuschrieb. Der diesbezügliche Beschluß des Ätadtrathes datirl vom Juli d. I. und wurde durcy die Forderung der Arbeiter um Ueberlassung der Volkshalle zu socialdemokcatifchen Versammlungen veranlaßt. Dem fürstticheli Hetzer beliebt es, die Juden einen „fremden Stamm" zu nennen. Es ist möglich, daß er dies nicht aus Mangel an Wahrheitsliebe, sondern aus Unwissenheit thut, und wir ergreifen gerne die Gelegenheit, um ihn eines Besseren zu belehren. Auf jenem gesegneten Fleck Erde, auf welchem sich heute unser schönes Wien erhebt, hat es viel früher Juden als Christen gegeben. Noch als Wien eine römische Colonie und das Christenlhum in Danubieu und Pannonien gänzlich unbekannt war. wohnten hier bereits Bekenner des jüdischen Glaubens. Das Heimatsrecht der Juden in Wien ist demnach viel älter, als jenes der Herren Liechtenstein, Pattai und Genossen. Vom geschichtlichen Standpunkte ist also ihre Bezeichnung als „fremder Stamm" eine Lächerlichkeit, vom politischen Standpunkie aber ist diese Bezeichnung etivas weit Schlimmeres, sie ist eine Auflehnung gegen das Gesetz, denn die Juden sind Staatsbürger, die in ihren Rechten und Pflichten allen übrigen Bewohnern dieses Reiches vollkommen gleichgestellt sind. Uno darum trifft auch das Beispiel, welches der fürstliche Hetzer angezogen hat, das Beispiel von dem Antagonismus zwischen den in Paris wohnenden Deutschen und den eingevorenen Franzosen nicht zu. Die Deutschen in Frankreich sind Angehörige eines fremden Staates, die in Frankreich nur das Gastrecht genießen. Die Juden sind treue Staatsbürger, die antisemitische Partei aber, sowohl in Oesterreich als in Deutschland, besteht aus eineni vaterlandslosen Gesindel, welches noch jederzeit bereit war, die vaterländischen Interessen zu Gunsten ihrer antisemitischen Zwecke preiszugeben. Den Hepp-Hepp-Rus gegen die jüdischen Geschäftsleute begründete Fürst liechten slern mit dem Satze, daß die jüdische Moral von der christlichen total verschieden sei; bei den Christen heißt es: Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst! bei den Juden aber: ,,Aug' um Aug', Zahn um Zahn." Lassen Sie sich Ihr Lehrgeld vom Kalksburger Jesuitencollegium zurückgeben, durchlauchtigster Prinz." Die Väter der Gesellschaft Jesu sind genaue Kenner der jüdischen Literatur, sie hätten Ihnen sagen können, daß die Lehre: ,Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!' dreimal im Alten Testament wörtlich eingeschärft wird und daß das christliche Evangelium dieselbe aus der jüdischen Moraltheologie übernommen hat. Solche Dinge kann man allerdings nur einer Hörerschaft auftischen, die ihre geistige Nahrung aus den Fälschungen der antisemitischen Sudelpresse schöpft. Auch die Rede des Dr. Pattai war auf die Geistesarmuth seines PubltcumS zugeschnitten. Dr. Pattai begann mit der Besprechung einer Reihe von Strafbestimmungen des neuen Strafgesetzentwurfes, welche den Zweck haben, den reellen Verkehr zu Hedem und vor Ausbeulung zu schützen. Als Urheber der Ausbeutung wurden selbstverständlich immer stillschweigend die jüdischen Geschäftsleute angenommen. Der Redner führte an, daß es bisher immer „usuell" gewesen sei, z. B. statt 1000 Stück Drahtstiften nur 800 in ein Packet zu geben, ebenso sei man bei Bändern, Spulenzwirn rc. verfahren. Herr Dr. Pattai hat sein Beispiel sehr unglücklich gewählt. Von 31 Drahtstiftenfabrikanten in Wien sind nur zweiJuden, jener betrügerische „Usus" ist also christlicharischen Ursprungs. Ebenso ist eS bekannt, daß die Bandfabrication fast ausschließlich in christlich-arischen Händen liegt, und die einzige Firma, welche in Oesterreich Spulenzwirn erzeugt, ist sogar eine ausgesprochen antisemitische. Dr. Pattai sprach ferner von den „unreellen Ausverkäufen". Wir erinnern nur daran, daß der Sitzredacteur des Stöcker'schen Judenhetzblattes „Volk" vor Kurzem wegen „unreellen Ausverkaufes" in den öffentlichen Blättern an den Pranger gestellt worden. Höchst unvorsichtig aber war es von Herrn Pattai, dasCapitelvon der „Lebensmittelverfäls chung" auszurollen. Es ist eine erwiesene Thatsache, daß 98 Percent aller Le b ensmitte lvecfälschungen von christlicharischen Geschäftsleuten begangen werden. Just in dieser Woche wurde vor dem Wiener Landesgerichte em Proccß durchgesührt, in welchem eine große Anzahl von Fleischselchern und Fleischhauern angeklagt war, im Einverständniß mit Beamten der Vieh- und Fleischmarkt-Cassa einen t Ring zum Verkaufe finniger Schweine gebildet zu haben.

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