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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-22 · 51 (22.12.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 988 Vrstrrreichtptzr Wochrnfchrifi Nr. 51 Darin vor Allem liegt die verheerende Gewalt dieser fluchwürdigen Bewegung, daß sie in den Tiefen der Bevölkerung den Sinn für Recht und Gesetz schwer erschüttert hat. Und darum ist es nicht blos ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern auch ein Gebot der Staatsraison, daß die neue Aera mit der sogenannten Judenfrage so rasch und so gründlich als nur immer möglich aufräume. Wir sagen ausdrücklich Judenfrage und nicht Judenhetze! Es darf eine Judenfrage in Oesterreich gar nicht geben, das bloße Wort schon ist eine Verhöhnung der Gesetze weil es den einheitlichen Begriff des Staatsbürgerthums zerreißt und Unterscheidungen zuläßt, welche in der Staatsverfassung nicht begründet sind. Nochmals: Wir halten den Zeitpunkt für gekommen, in welchem die berufenen Vertreter der gesammtösterreichischen Judenschaft sich zu einem energischen Schritte, zu einem lauten Proteste gegen den Antisemitismus und seine Consequenzen vereinigen! Der judrnreine Ball. Ballberichte gehören eigentlich nicht in die „Oesterreichische Wochenschrift". Aber jede Zeitung ist bestrebt, ihren Lesern die allcrneuesten Nachrichten zu bringen und ihren Colleginnen zuvorzukommen. Sie darf daher auch, wenn es sich um etwas besonders Interessantes, noch nie Dagewesenes handelt, eine Ausnahme machen. Werden nicht die Reporter der „Times" und des „New-Aork Herald", die höchstens über ein Ereigniß berichten, das eben stattgefunden hat, wie Schnecken mir gegenüber erscheinen, der ich Ihnen heute, am 17. December 1893, schon über einen Ball berichten kann, der im Fasching 1904 stattgefunden haben wird! Vor Allem aber will ich einem möglichen Mißverständniß zuvorkommen. Wenn ich von einem judenreinen Ball spreche, so werden die geehrten Leser vielleicht glauben, es werde bis zum Jahre 1904 den verschämten und unverschämten Wiener Antisemiten, sowie unseren stets liberalen Stadträthen und Gemeinderäthen gelungen sein, die schöne Kaiserstadt ganz von Juden zu reinigen; sie werden vielleicht glauben, Herr Gregorig werde dann schon das ausschließliche Privilegium zum Handel mit alten Hosen erhalten haben und Herr Zu leger, von aller Concurrenz frei, sich dem so schnell bereichernden Hausirgeschäft in Wirthshäusern mit häufigem Hinausgeworfenwerden gewidmet haben. Nein, so schnell wird man die Juden nicht los. Das anscheinend so zweckgemäße Mittel, die Juden auf „legalem Wege" nämlich mittelst Tobtschießens loszuwerden, hat in den zehn Jahren wenig geholfen. Und daran waren allein die „Judenknechte" im Parlament Schuld. Sie haben nämlich den von einem wackern Arier eingebrachten Antrag, den Juden das Tragen von Panzern zu verbieten, im Jmmunitätsausschuß begraben. So konnten die Juden sich mit Schuppen- oder Kettenpanzern schützen, und da unsere Antisemiten bei ihrem bekannten arischen Muthe nur von Ferne und aus sicherem Verstecke zu schießen wagten, so trafen sie selten das Ziel. Nur wenige verdienten sich das Schußgeld und deshalb nahm auch der Bierconsum nicht zu. — Auch das von andern arischen Menschenfreiuiden empfohlene Mittel, die Juden langsam auszuhungern, hatte nur geringen Erfolg. Prinz Liechtenstein hielt zwar Jahr für Jahr um die heilige Weihnachtszeit seinen nichtschönen Vortrag im schönen Rathhause, um der „Christlichen Familie" das Sündhafte und Schädliche des Kausens bei Juden zu beweisen und unser liberaler Bürgermeister hörte ihm stets aufmerksam zu, um doch endlich zu erfahren, ob dieser Verein ein geselliger oder humaner sei, hatte es aber, wie es scheint, noch immer nicht erfahren. Die Juden schickten jedes Jahr eine Deputation zu ihm, der er in seiner kindlichen Unschuld offen und wahr, liberal und human antwortete. Aber wie gesagt, den Juden schadeten die Predigten des frommen und sportliebenden Prinzen nicht. Sic hungerten ein bischen mehr, verkauften noch billiger, waren noch zuvorkommender gegen ihre Kunden, und so sah man selbst eifrige Antisemiten verstohlen in die jüdischen Handlungen schleichen, um billiger als bei ihren arischen Gesinnungsgenossen einzukaufen. Uebrigens fehlte es auch nicht an wahrhaft liberalen Staatsmännern, die sich der Juden eifrig annahmen. Herr von Plener, der bereits im Jahre 1892 eine Interpellation an den Ministerpräsidenten unterzeichnet hatte, in der die Regierung um Stellungnahme gegen diese antisemitischen prinzlichen Aufreizungen ersucht wurde, hatte während der paar Jahre, in denen er selbst Minister war, leider keine Zeit gehabt, sie zu beantworten. Er erneuerte sie aber, sobald er wieder einfacher AbgeordneterundOppositionsmann geworden war, und wartete nun seit 1902 geduldig, bis er wieder Minister werden wird. So kam es also, daß im Jahre 1904 noch ebensoviele Juden wie zehn Jahre früher in Wien lebten, und als der Bürgermeister den großen Ball der Stadt im Rathhause veranstaltete, beschloß er in seiner bekannten Gerechtigkeitsliebe und Unparteilichkeit, auch den Juden Antheil daran zu gestatten. Sie sollten nach dem Verhältniß ihrer Zahl und Steuerleistung betheiligt werden, in derselben liberalen und gerechten Weise, wie es bei Verleihung von städtischen Äemtern und bei Wahlen in den Stadtrath geschieht. Bürgermeister und liberale Gemeinderäthe zeigten, daß sie sich vor den Antisemiten nicht fürchten, und es wurde beschlossen, zu dem aus den vornehmsten Damen zu bildenden Comittz von vierzig Damen auch eine Jüdin einzuladen. Selbstverständlich müßte sie geadelt und ihr Mann müßte mindestens Millionär sein. Stadtrath Dr. Lue ger brachte hierauf das Amendement ein, daß nur eine halbe. Jüdin zu dem Comitö zugelassen werden sollte, da unter den „vornehmsten Damen der Bürgerschaft" sich nicht einmal ein Procent Jüdinnen befinde. Das Amendement wurde unter lauter Heiterkeit der Versammlung angenommen. Da sich aber keine jüdische Millionärin bereit fand, sich für die Ehre, dem Ballcomitä anzugehören, halbiren zu lassen, so blieb das Damencomite judenrein, was sowohl der Bürgermeister als auch Dr. Richter aufrichtig bedauerten. Nun begannen die Inden zu berathen, ob sie sich überhaupt auf den Ball wagen sollten. Einige meinten, man solle lieber das Geld, das der Ballbesuch kosten würde, zur Bekleidung armer jüdischer Schulkinder oder für jüdische Feriencolonien oder zur Unterstützung der durch die christliche Liebe des Prinzen L i e ch t e n st e i n bedrängten jüdischen Gewerbsleute verwenden. Die Berathung erwies sich aber bald als überflüssig, da das inzwischen constituirte Ballcomite einigen tanzlustigen jüdischen Jünglingen, die sich Ballkarten zu zehn Gulden holen wollten, solche mit der Begründung verweigerte, eine Herrenkarte koste wohl zehn Gulden, aber Juden seien keine Herren. Das Comite berief sich dabei aus Henm Hauck und andere ebenso ehrenwerthe Abgeordnete, welche im Parlament, wenn sie von Juden sprechen, nie das Wort Herr gebrauchen. Eine deshalb an den Bürgermeister, gesendete Deputation erhielt zur Antwort, er könne zu seinem „tiefsten Bedauern" auf die Verhandlungen im Reichsrathe keinen Einfluß nehmen, das sei Sache des Präsidenten. Dann unterhielt er sich freundlich mit einzelnen Deputirten und entließ sie gnädig. So konnte also der judenreine „Ball der Stadt Wien" stattfinden. Zu größerer Sicherheit wurden noch Paulus Meyer und sein treuer Freund an der Thüre des Saales postirt, um jeden! Gast zu untersuchen ob er nicht Jude sei oder ein Messer zur Abschlachtung junger Tänzerinnen unter seinen Arack versteckt habe. Den rein Befundenen drückte Mechanikus Schn eid er seine Stampiglie auf und sie konnten den Ballsaal betreten. Der Ball selbst verlief in ungetrübter Heiterkeit und wurde durch die Gegenwart des Prinzen Liechten st ein beehrt. Herr Jedliczka hielt an ihn eine Anrede in correctestem Hochdeutsch und die Braut von Paulus Meyer überreichte ihm einen Blumenstrauß. Der Prinz zeichnete einige der Anwesenden durch Anreden aus und Manche hatten sogar das Glück, ihm die Hand küssen zu dürfen, worauf er ein Faß Abzugbier spendete.

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