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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-22 · 51 (22.12.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
51 (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 51. Wien, 22. Decemver 1893. Jahrgang X, Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. 3t K. ft. Postspruialsena-nl Clraringvrrftrhr ilc. 810.4)76. Sebastian rmb AbministraUon: Wien Jrani Josess-lLnai Nr. 8. Telephon-Nr. 6535. -xK- EigrnLhümer: Reichsraths-Ahgeordneter vi. Mach. --m Erscheint jeden Freitag. Man adonnirt bei allen Vostanflallen il vr» In- und Auslandes.!- vezugspreiS: Halbjährig 4 ft.!; Einzelexemplare 25 kr. Ji Auzetgrn: Die 4mal gespaltete PetttzeUe 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Was nun? — Der judenreine Ball. — Die Franenpredigt des Prinzen Liechtenstein. — Die gewerbliche Bewegung und die fürstl. Liechtenstein'sche „Reichspost". — Eine Größe der antisemitischen Literatur. — Wilhelm Stiaßny. — Gesammt-Lehrplan für den Religionsunterricht der Pester israelitischen Cultusgemeinde. — Cor res pondenzen: Wien, Przemysl, Berlin, Schneidemühl, Paris, Sophia, Petersburg, Cairo. — Vermischtes: Wien, Proßnitz, Krakau, Lembergs Przemysl, Rzeszow, Snyatyn, Stryj, Muteszalka, Stuttgart, Beuthen, Rybnik, Paris. — Eine Antimagyaren-Liga in Wien. — Fürstengunst XXXVIII. Literatur. — Wo chenkalender. — Inserate. Was nun? Von einem österreichischen Parlamentsmitglied erhalten wir folgende Zuschrift: Wenn wir die Zeichen der Zeit recht verstehen, so ist die gegenwärtige Coalitionsära mehr als eine zufällige und vorübergehende Wandlung, die lediglich dem Schaukelspiele der parlamentarischen Kräfte entspricht. Wir stehen vor einer völligen Neugestaltung der inneren Politik unseres Vaterlandes, vor einer Epoche der^Stabilisirung und Festigung, denn der Coalitionsgedanke ist nichts anderes als der österreichische Staatsgedanke. Der wiederholt unternommene und immer wieder gescheiterte Versuch, diesem Gedanken auch in der Gruppirung der parlamentarischen Parteien zum Ausdruck zu verhelfen, ist endlich gelungen, und wie der erste Strahl der Sonne, der einmal das Nebelgewölk durchbrochen, nur der Vorbote ihrer vollen Herrlichkeit und Majestät ist, so wird die Coalitionsidee unter denen, die sich nur gezwungen zu ihr bekannten, und unter denen, die ihr heute noch feindlich gegenüberstehen, mehr und mehr an Leuchtkraft und überzeugender Gewalt gewinnen. Der Coalitionsgedanke, so sagten wir, ist der österreichische Staatsgedanke. Nach den Gesetzen dieses Staates aber sind die Juden vollberechtigte Staatsbürger, ihre Religionsgemeinschaft ist nicht nur geduldet, sondern anerkannt, sie leben nicht nur in Oesterreich, sie sind ein Stück Oesterreich. Wer die Coalition in ihrer vollen Wesenheit und Bedeutung erfaßt, der muß sich sagen, daß die sogenannte Judenfrage mit zu jenen Auswüchsen der bisherigen nationalen, politischen und gesellschaftlichen Kämpfe gehört, welche durch die neue Aera beseitigt werden müssen, will sich dieselbe nicht selbst ad absurdum führen. Die Judenfrage braucht nicht gelöst, sie muß einfach aus der Welt geschafft werden, denn ihr bloßes Vorhandensein schon ist eine Ungesetzlichkeit, ein Hohn auf die bestehenden Gesetze. Und sie kann und wird aus der Welt geschafft werden, wenn die berufenen Vertreter des Judenthüms sich vereinigen, um ihr gutes Recht in Anspruch zu nehmen. Der unerschütterliche Patriotismus der Juden ist vor wenigen Tagen neuerdings von höchster Stelle aus anerkannt worden. Der Kaiser hat es ausgesprochen, daß die Juden treu und redlich ihre Pflichten gegenüber dem Staate erfüllen, es ist nicht-mehr als recht und billig, daß dagegen auch der Staat seine Pflichten gegenüber den Juden erfüllt. Es genügt nicht, daß der . antisemitischen Hetze mit halben und äußerlichen Mitteln zu steuern versucht wird, daß man nur einzelne aufreizende Redewendungen verbietet, dem Geiste der Verhetzung aber noch weiterhin freien Spielraum gewährt. Was wir fordern dürfen und fordern müssen, ist die volle Anwendung der Gesetze, der uneingeschränkte Schutz unserer staatsbürgerlichen Rechte ohne Zweideutigkeit und ohne Hinterhältigkeit. Wir richten hiemit an die Borstände der israelitischenCultusgemeindeninWien,Brünn, Prag und Lemberg, an die Landesrepräsentanzen der Juden in Bö hm eit u nd Mährendie dringende Aufforderung, ungesäumt zu einer Kon* ferenz zufammenzu treten, um nach dieser Richtung z u unternehmenden schritte in B erathung zu ziehen. Der Antisemitismus hat aufgehört, ein Faetor im politischen Calcul der Regierung zu sein. Das Coalitionsministerium ist in der glücklichen Lage, auf die Mithilse solcher Kräfte verzichten zu können. Unsere innere Politik erscheint aus eine neue Grundlage gestellt und damit ist der geeignete Augenblick zu einer befreienden und erlösenden That gegeben. HMan hat am Beginne der antisemitischen Bewegung einen .olchen gemeinsamen Schritt, einen solchen wirkungsvollen Protest gegen die Ungesetzlichkeit verabsäumt, und als'das Uebel mehr und mehr anwuchs, als die schmutzigen Wellen dieser Bewegung alle Dämme zu überfluthen drohten, war es zu spät, denn die Judenhetze war zu einer wirklichen Macht geworden, deren Hochdruck sich auch die Regierung des Grasen T a a f f e nicht mehr zu entziehen vermochte. Sie hatte weite Volkskreise in ihren Bann gezogen und die Staatsgewalt war vor die peinliche Nothwendigkeit gestellt, zwischen der Rücksicht auf die aufgewühlten Massen und jener auf die Verfolgten zu wählen. Das Ministerium Taaffe hätte, nachdem es die Hetze die längste Zeit geduldet und ihre Wortführer sogar zu Figuren auf seinem politischen Schachbrette gemacht hatte, sich nun selbst desavouiren müssen, wenn es derselben Einhalt gethan hätte. Das neue Ministerium ist an das politische Inventar des früheren nicht nur nicht gebunden, es empfindet Vielmehr vieles davon als lästigen Ballast. Aber was über Bord geworfen werden soll, muß jetzt, unmittelbar am Beginne der neuen Aera, über Bord! Wird der gegenwärtige Augenblick versäumt, dann erbt sich die Judenhetze auch unter dem neuen Regime als eine ewige Krankheit fort und das Unrecht wird zu einem Rechte der Gewohnheit. Es ist überflüssig, hier des Längeren auszusühren, wie die antisemitische Strömung sich allmälig auch politisch und wirthschaftlich vertiefte und zuletzt auch solchen Parteien willkommene Dienste leistete, deren Bestrebungen mit der sogenannten Judenfrage in keinem ursächlichen Zusammenhänge standen. Diese Complication übte ihre naturgemäßen Rückwirkungen auf die parlamentarischen Gestaltungen, und die parlamentarisch schwache Regierung des Grafen Taaffe mußte ihr nothgedrungen Rechnung tragen. Das ist nun vorüber, die Dinge haben sich, gründlich geändert und die Juden brauchen nicht mehr die Kosten dafür zu bezahlen, daß der parlamentarische Apparat ungestört functionire. Aber noch wirkt die jahrelang betriebene Vergiftung des Bolksgeistes fort, und was so lange geduldet und gefördert wurde, hat heute bereits den Schein der Gesetzlichkeit erlangt.

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