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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-15 · 50 (15.12.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 50 KestrrreiüListtLL Wortzenschrttt octtr 979 und ziemlich umfangreichen Inserat mit der fetten Ueberschrift: „Reeller Ausverkauf". Da werden Posamentier- und Strumpfwaaren „zu Fabrikspreisen" — was die Hetzblättchen nicht scharf genug verurtheilen können — angeboten. Was aber das Spaßhafteste bei der ganzen Angelegenheit ist: die Annonce macht am Schluß in sehr fettem Druck darauf aufmerksam, daß Hofprediger a. D. Stöcker dieses Ausverkaufs-Geschäft „allen Gesinnungsgenossen in Berlin und auswärts" empfiehlt. Der Inhaber des Geschäftes heißt Aschenbrenner. Diesen Namen führte bekanntlich auch der Protege Stöcker's, der vom Portier zum „Redacteur" des Leibblalies jenes Geistlichen aufgestiegen war und in dem berühmten Stöckerproceß eine Rotte spielte. Sollte der frühere Portier mit dem Veranstalter des „reellen Ausverkaufs" identisch sein und wieder einmal eine neue Carriere einschlagen wollen? Berlin, 29. November. Die getauften Juden werden uns jetzt auch auf's Conto geschrieben. Die „Kreuzztg." bringt einen Leitartikel über die Absicht der Berliner städtischen Behörden, dem früheren Lehrer am Humboldt-Gymnasium Dr. Caspary eine Anstellung bei einer städtischen höheren Lehranstalt zu geben. Caspary ist seinerzeit im Disciplinarwege entlassen worden, weil er bei der Bewerbung um eine Professur in Dorpat als Jude die ausdrückliche Versicherung abgegeben hatte, daß er evangelischen Glaubens sei. Zur Entschuldigung dieser Täuschung führt er an, daß er bereits mit einem Prediger in Verbindung getreten sei, um zur evangelischen Kirche überzutreten. — Diejenigen Personen in den städtischen Behörden, welche jetzt die Anstellung von Caspary befürworten, führen an, daß er in den dazwischenliegenden Jahren jenes Vergehen hinlänglich hart gebüßt habe. Auch wird seine besondere Befähigung als Lehrer der Mathematik hervorgehoben. Wir unsererseits sind nicht geneigt, zu diesem Fall grundsätzlich Stellung zu nehmen. Man muß hierfür die Acten im Einzelnen kennen. Wir erfahren nur, daß das Provinzial-Schulcollegium, ohne dessen Zustimmung eine Wiederanstellung gar nicht erfolgen konnte, die Wiederanstellung von Caspary befürwortet. Gerade von jüdischer Seite aber wird mehrfach aus erklärlichen Gründen der Wiederanstellung widersprochen. Die „Kreuzztg." ist also vollständig auf dem Holzwege, wenn sie annimmt, daß hier ein Fall vorliegt, wo „die städtische Schulverwaltung dem Judenthum zu Liebe" handeln wolle. An solchen „Juden" ist uns nichts gelegen. Das sind Ihre Glaubensgenossen, Herr von Hammerstein und Kropatschek! — Der freigelassene Paasch hat sogleich nach seiner Freilassung Flugblätter gegen seinen bisherigen Vertheidiger Hertwig losgelassen; und später — wieder zurückgenommen. — Ueber den Rückgang der antisemitischen Bewegung wird der „Köln. Volksztg." aus Berlin geschrieben: „Man geht wohl kaum fehl, wenn man den fortgesetzten Krakehl unter den antisemitischen Führern und die unzuverlässige Haltung der antisemitischen Abgeordneten im Reichstage als Ursache für das Nachlassen der antisemitischen Hochflut annimmt. Aus anfänglichen Gegnern der Militär-Vorlage „mauserten" sich die antisemitischen Abgeordneten im Reichstage zu Freunden derselben, und ihrer Abstimmung ist es wesentlich zu danken, daß jetzt die Steuerschraube in ungemessener Weise angezogen werden soll. Ein Theil der antisemitischen Wähler hat das Vertrauen zu ihren Abgeordneten verloren und wird wahrscheinlich das nächste Mal socialdemokratisch wählen. Im Reichstage werden die antisemitischen Abgeordneten ihr den ' Wählern gegebenes Versprechen einzulösen haben, daß die „schwächeren Schultern" nicht belastet werden sollen. Man darf gespannt sein, wie sie den Kopf aus der Schlinge ziehen werden." Berlin. (Ein Geschenk für Ludwig Bamb erg er.) Man schreibt uns aus Berlin, 10. December: Bei Herrn Dr. Ludwig Bamberger, dem hervorragenden Parlamentarier, mit welchem trotz seines freiwilligen und vielbedauerten Rücktrittes unsere politischen Kreise fortdauernd lebhaften Verkehr unterhalten, erschien heute eine aus fünf Abgeordneten beider freisinnigen Gruppen bestehende Deputation der ehemaligen deutschfreisinnigen Partei, um ihm ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk in der Gestalt eines großen, monumentalen Albums zu überreichen. Das Album, von der Größe eines starken Folianten, trägt auf dem Deckel in eleganter Lederpresfung das Monogramm Bamberger's und die Jahreszahlen 1823 und 1893, während der Titel ein von dem ausgezeichneten Maler Döpler jun. geschaffenes Kunstblatt ist, welches oben den in Form eines Goldmedaillons ausgeführten Porträtkopf Bamberger's, unten verschiedene symbolische Hinweise auf seine politische Wirksamkeit und Bedeutung tragt, unter denen vor Allem eine Demosthenesbüste bemerkbar ist. DcN Inhalt des Albums bilden zunächst die Photographien des Hauses von Bamberger's Eltern in Mainz, seines jetzigen Berliner Wohnhauses und seines vom üppigsten Epheu umrankten, gartenumgebenen Landhauses in Jnterlaken, sodann in alphabetischer Reihe die Porträts der Mitglieder der deutsch-freisinnigen Partei aus der vorigen Legislaturperiode. Eugen Richter's Bild befindet sich nicht darunter; diesem Umstande liegt offenbar keine besondere Absicht zu Grunde, zumal Richter sich an der Aufbringung der Mittel für die nachträgliche Festgabe betheiligt hat. Richter gehört offenbar zu den nicht seltenen Leuten, die nicht gern aus Bildern paradiren; immerhin ist der Umstand nicht ohne eine gewisse historische Pikanterie. Die Deputation an Bamberger bestand aus Barth, Langerhanns, Pach nicke, Rickert und M aager. Bamberger dankte hocherfreut, verhehlte aber nicht, daß bei dieser Freude der bittere Tropfen nicht fehle, doch repräsentire das überreichte Album wenigstens einen menschlichen Zusammenhang zwischen den alten Parteigenossen, der auch in Zukunft fortbesteyen möge. Schneidemühl. In welcher Weise der Antisemitismus Proselytenmacherei betreibt, zeigt folgender Vorfall, der sich in dem quellenreichen Schneidemühl zugetragen hat. Wir erhalten darüber folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaction! Es ist die Pflicht eines jeden rechtschaffenen Menschen, Sie in dem nur zu billigenden Kampfe gegen die schmutzige Bewegung, die, unter dem vielversprechenden Namen „Antisemitismus" zusammengefaßt, heute alle Gemüther beschäftigt und doch nur eine unedle Ausbeutung der unedlen Triebe im Menschen ist. zu unterstützen. Ich für meine Person kann es nicht unterlassen, Sie auf ein Schelmenstück, von antisemitischer Seite ausgeführt, aufmerksam zu machen, das als Gipfel antisemitischer Frechheit und Dummheit sehr gut gelten kann. In dem „sagenberühmten" Schneidemühl trug sich das Ereigniß zu, tue Herren, die dabei eine Rolle spielen, find mir persönlich wohlbekannt. Es dürste Ihnen bereits zu Ohren gekommen sein, daß in Schneidemühl Herr v. Mosch einen Verein von Antisemiten gegründet und damit den Cyclus antisemitischer Schauspiele eröffnet hat. Der ersten Vorstellung wohnte auch der Herr Z., ein junger Mann von circa 17 Jahren, jüdischer Confeffion, bei. Er wurde kurz vor dem letzten Acte erkannt und an die Luft gesetzt. Am nächsten Tage erhält nun dieser Herr von dem Restaurateur B. in Sch., dem Vorsitzenden des neu gegründeten Vereins, einen Brief, dessen Wortlaut ich.hier buchstäblich angeben kann, da ihn mir der Herr Z. selbst mittheilte: Geehrter Herr Gesinnungsgenosse! Mit tiefem Bedauern erfahren wir, daß Sie gestern, weil von jüdischen Eltern geboren, aus dem Saale entfernt wurden. Denjenigen, die ihre Hand dazu geboten, ist diese That umsomehr leid, als dieselben später erfuhren, daß Sie, geehrter Herr, schon Ihrem Herrn Vater erklärt haben sollen. daßSieAntisemitsindund sich spätertaufen lassen wollen. Im Namen der gesammten Antisemiten Sch's, insbesondere des neu gegründeten Vereins, bitten wir Sie, den Jrrthum zu entschuldigen. I. A. Otto B. Vorsitzender des Antisemiten-Bereines. Ist es nöthig, noch etwas hinzuzusügen? Das sind die Antisemiten, die „die Rasse und nicht die Religion bekämpfen", und die sich nicht schämen, einem Juden die Hand zu bieten, für den Preis der Taufe. Wir sind gespannt, was der Rector aller Deutschen, Ahlw ar d t, der die jüdische Abstammung bekanntlich bis ins zehnte Glied hinein wittert, zu der ketzerischen Auffassung der Schneidemühler-Antisemiten sagen wird, die einen geborenen Juden als ihren Genossen aufnehmen, blos weil er einmal erklärt haben soll, sich taufen lasten zu wollen. München, im November. Am 3. November eröffnete Geheimrath von Ziemssen die medicinische Klinik mit einem allgemeinen Vortrag, in dessen Verlauf er über die Stellung der Aerzte bei den Juden sprach. Er führte inhaltlich Stellen aus dem Talmud an, die beweisen, daß die Juden den Aerzten stets mit der größten Achtung gegenübertraten. Eine solche, führte er nun weiter aus, genießen die Aerzte auch jetzt noch bei den Juden, denn sie schenken dem Arzt das größte Vertrauen, die Honorirung ist durchaus angemessen. Dieses Verhalten dem Arzte gegenüber hat seine Ursache in dem überaus innigen Zusammenleben der Familie. Wenn ein Familienmitglied erkrankt,

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