Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 50 (15.12.1893)
- Date
- 1893-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 50 Orstrrrrichifchr Wochenschrift Seite 973 2. Bis auf Weiteres werden als unzulässig erklärt im Namen eines Juden geschlossene Verträge, betreffend den Ankauf, hypothekarische Belastung oder Verpachtung von ländlichen Immobilien, die außerhalb der Städte und Marktflecken gelegen sind; ebensowenig kann das einen Juden übertragene Recht, ein Grundeigenthum obbezeichneter Natur zu verwalten oder; darüber zu verfügen, gesetzliche Giltigkeit erlangen. 3. Es ist den Juden verboten, an Sonn- und Feiertagen christlicher Religion ihre Geschäfte zu betreiben; die Gesetze, welche Christen zwingen, an jenen Tagen ihre Geschäfte zu schließen, finden auf jüdische Geschäftshäuser gleiche Anwendung. 4. Die obbezeichneten Maßregeln beziehen sich nur auf diejenigen Gouvernements, die sich in der Ausdehnung des jüdischen Territoriums befinden. Endlich hat die Behörde seit 1882 ein System der Zurückdrängung und Unterdrückung ins Werk gesetzt, dessen unbestreitbarer, ja geradezu ausgesprochener Zweck es ist, „mehrere Millionen Menschen zu zwingen, vor Hunger zu sterben, sich zu bekehren oder Rußland zu verlassen". Trotz der Beschlüsse der vom Grafen Pablen geleiteten Commission, welcher die Ausarbeitung eines allgemeinen Berichtes über die Lage der Juden im russischen Reiche anvertraut war und die danach strebte, den Juden einen Theil der ihnen bis dahin hartnäckig verweigerten bürgerlichen Rechte zu Theil werden zu lassen — trug der fanatische Rath des P o b edonoszew doch immer den Sieg davon und ist zur Schmach .des XIX. Jahrhunderts noch bis auf den heutigen Tag in Rußland allmächtig. Als man diesen modernen Torquemada fragte, was er mit den russischen Juden machen wolle, erwiderte er unverdrossen, „daß die 80 Millionen Slaven sich von dieser kleinen Schaar Fremdlinge gestört fühlen und daß man daher Mittel suchen muß, sich ihrer auf alle mögliche Weise zu entledigen." Man sagt ihm sogar das grausame Wort nach: „Ein Drittel wird sich bekehren, ein Drittel auswandern und die Uebrigen vor Hunger sterben!" Rudolf Kahane. Das neue Nntisemitenblatk. Einem dringenden Bedürfnisse abzuhelfen, erscheint mit 1. Jänner 1894 in Wien ein neues Tagblatt: „Reichspost", „Unabhängiges Tagblatt für das christliche Volk Oesterreichs". Was dieses neue Blatt bieten wird, hievon bekommt man durch das „Flugblatt", welches als Einladung zum Abonnement in, man spricht von 50.000 Exemplaren, verbreitet worden ist, einen Vorgeschmack. Das Flugblatt bringt Artikel von Geßmann, Monsignore Scheicher, Prinz Liechtenstein, Pattai, Lueger und Trabert. Richtung und Programm liegen klar zu Tage: Antisemitismus acl infinitum. Der ganze antisemitische Heerbann erscheint aufgeboten, die Führer stellen sich an die Tßte und schwenken die Fahne des Glaubens- und Rassenhasses, mit dem Rufe: unter dem Zeichen des crassesten Judenhasses wollen wir siegen. In hoc signo vinces! Dies es hetzerische Flugblatt wird, wie die „Ostdeutsche Rundschau" m i t t h e i l t, von b c it katholischen Catecheten unter den Schulkindern verthe ilt und zur Uebergabe an die Eltern empfohlen. Die Schule wird immer mehr für b c it Dienst der antisemitischen Hetze m i ß b ra u ch t. Auf die Expectorationen der Herren Pattai, Lueger, Liechtenstein u. s. w. zurückzukommen, dürfte sich einander mal- Gelegenheit bieten. Heute wollen wir uns nur mit Herrn Monsignore Dr. Josef Scheicher, resp. mit seinem im Flugblatte der „Reichspost" erschienenen Artikel „Der Antisemitismus und die christliche Liebe", beschäftigen. Scheicher schreibt nach einer längeren, auf die Verdächtigung der dem Antisemitismus neutral sich verhaltenden Socialdemokraten zielenden Einleitung in seinem Artikel wörtlich: „Die Fabel vom verfolgten Juden glaubt doch kein Mensch. Arme verfolgte Juden? Wo in aller Welt eristiren solche? Wo hat je der böseste Antisemit gegen einen armen Teufel von jüdischen Handwerker, Taglöhner, Talles web er, ja selbst auch Hausirer ein Wörtlein gesagt. Wenn man sich auf dieser Seite gegen Juden wehrt, so meint man jene, welche sich längst zu Herren der Christen gemacht haben, welche die Presse, die Poesie, die Theater verjudeten, welche die Preise auf der Börse in den Ringen und Cartellen machen, welche durch und in den Banken und Actienunternehmungen den Staat exploitiren, die kleineren Fabrikanten und Unternehmer, die Handwerker und Bauern mit unsichtbaren Händen oder unwiderstehlicher Gewalt zu Tode concurriren, kurz, man meint die Träger des volksausbeutenden Capitalismns." So schreibt Monsignore Dr. Joses Scheicher, der thatsüchlich ein sehr kurzes Gedächtniß zu haben scheint. Seine Reden, gehalten ans der Tribüne, in Versammlungen und Conventikeln, seine Artikel in antisemitischen Zeilschristen aihmeten stets nichts als Haß und Verdächtigung gegen die Juden und fordern direct zu deren Verfolgung aus. Die Verfolgungen, welche die Juden in Rußland, Preußen und Oesterreich zu erdulden haben, sind also eine Fabel! Die Million armer Juden, welche ohne jedes andere Verschulden, als daß sie Juden sind, in grausamster Weise von Hans linb Hof weg? gejagt worden sind, waren demnach nach Ansicht Monsignore Sch eiche r's keinen Verfolgungen ansgesetzt. Auch die Juden in Holleschau, Kolin u. s. w., in welchen Städten man Blutmärchen und Ritualmorde ad ho6 erdichtete, wurden also auch blos ausgezeichnet. Mit heuchlerischer Scheinhelligkeit sragt Monsignore Scheicher, wo hat je der böseste Antisemit einem armen Teufel, einem jüdischen Handwerker, Taglöhner, ja selbst Hausirer ein Wörtlein gesagt? Man halte nur Umfrage bei den jüdischen Handwerkern, wie es in dieser Richtung bestellt ist. Thatsache ist, daß kein jüdischer Handwerker von Ariern Beschäftigung zn bekommen vermag. Von den Antisemiten bestimmt nicht und von arischen Nichtantffemiten deshalb nicht, weil sie befürchten, proscribirt und als Philosemiten verdächtigt zu werden. Und erst die jüdischen Hausirer, diese Aermsten unter den Armen, welche Hunger und Roth erdulden und sich im Schweiße ihres Angesichtes das sauere Brot des Elends erwerben müssen, wie werden sie beschimpft, mit welchen gemeinen Titulaturen werden sie belegt und welche rüde Behandlung müssen sie erdulden, wenn sie in ein Local gerathen, wo sich Gäste von der Gesinnungscouleur Monsignore Sch e i ch er s besinden. Monsignore Scheicher nimmt weiters Anlaß, sich über „ch r i st l i ch e N ä ch st e n l i e b e" auszusprechen. Wie dieser katholische Priester dieses christliche Gebot sich zurecht legt, ist genugsam bekannt. Der Nächste ist dem Antisemiten nur ein Christ, aber auch nur daun, wenn dieser Christ ein waschechter Antisemit ist, denn, so sagt Scheicher, „sollen die Christen etwa ans Nächstenliebe ruhig zuschauen, bis das christliche Volk „enteignet" wird, Zusehen, wie die großen Vermögen in die Hände Jener kommen, welche von gestern sind". „Man zähl's doch einmal", so heißt es weiter, „wem heute die meisten großen Häuser Wiens gehören, man zähle die Millionäre. Was an Christen unter diesen ist, har sein Vermögen aus alter Zeit Es ist also 'Niemand da, der sich über Wegnahme seines Erbes beklagen könnte. Die neuen Riesenvermögen aber sind irgend woher erst g e n o m m e n worden, denn sie waren vor Kurzem noch im Besitze Anderer, als der gegenwärtigen Herren." Wahrlich, diese Dynamitdecharge, von der Breitseite aus abgegeben, kann dem Monsignore Scheicher nur zur Ehre gereichen, weniger den Factoren, welche derartige Aufreizungenzu Diebstahl und Raub p.assiren lassen. In so diplomatischer Redewendung hat noch Keiner der Herren Hetzcapläne je gegen den Besitz und das Eigenthum der Juden revolutionirt. Allein Scheicher hat hiet ein Thema berührt, das besser unerörtert geblieben wäre. In Oesterreich