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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-12-15 · 50 (15.12.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
50 (15.12.1893)
Date
1893-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Svte 972 Orsterrrichischr Wochenschrift Nr. 50 Stammes könnte ich die Worte anführen welche zu den jüdischen Fischern gesprochen worden: „Ihr werdet in Zukunft nicht Fische, aber Menschen fischen". Aber die Rolle des Menschen beruht nicht auf einer allgemeinen Charakteristik, sondern in diesem Falle darauf, ob die Fischernetze zu edlem oder unedlem Zwecke ausgeworfen werden. In der Geschichte ganzer Völker sehen wir, dag ein Volk nicht eine Gattung oder eine Thierfamilie ist, welche aus einer Anzahl ähnlicher Individuen besteht, sondern ein zusammengesetzter Organismus, dessen Glieder die größte Verschiedenheit aufweisen. Gibt es doch die verschiedensten Merlmale bei den Völkern, wie z. V. militärische, schriftstellerische, oder andere Fähigkeiten, deren Anwendung sie erst nach ihrer Art wohlthätig oder unheilvoll macht. Wir sehen in der Geschichte, daß jede Art Druck oder Verfolgung eine Gegenwirkung übt, daß, insolange ein Stamm sich nicht in voller Gleichb rechtigung befindet, er nicht geschützt ist, den Schutz des öffentlichen Rechtes und der öffentlichen Meinung, iurch gewisse edle Fähigkeiten nur im Rahmen seines eigenen sozialen Körpers auszuüben versteht und allen anderen gegenüber sich feindselig gegenüber stellen muß. Wenn wir z. B. sagen, daß die Judengemeinschaft einen Staat im Staate bildet, daß sie et.oas Fremdes ist das sich nicht assimiliren läßt, so dürfen wir ja nicht daran vergessen, daß jeder Druck einen Gegendruck erzeugen muß, wer aber das öffentliche Leben in Galizien aufmerksam beobachtet bat, der weiß, daß nach Maßgabe des Anwachsens der öffentlichen Rechte, der Gleichheit vor dem Gesetze und der öffentlichen Meinung diese Schale verschwindet und die anscheinend so homogene Judenheit sich zu lockern und der allgemeinen Gesellschaft zu nähern beginnt. Und wenn der Fortschritt in dieser Beziehung noch nicht groß genug ist, so trifft die Schuld wohl beide Thcile, die endliche Lösung jedoch ist für mich längst kein Rärhsel mehr. Ich hatte Gelegenheit, viele Judengemeinden kennen zu lernen und zu beobachten, daß jede von ihnen aus den verschiedensten Elementkn und socialen Schichten sich zusammensetzt, welche in beständigem Kampfe untereinander stehen, und zwar in einem ungleichen Kampfe, da den armen Massen mächtige Oligarchien sich gegenüber befinden. Man spricht wohl von der „Ausbeutung der Christen durch die Juden", weiß aber nicht, daß die jüdischen Massen durch jene Oligarchien viel ärger ausgcbeutct werden. Allein eben in diesen im Nahmen der Gemeinden bestehenden Antagonismen, welche noch von keiner höheren Idee erfüllt sind, sehe ich die Möglichkeit einer Annäherung der jüdischen Gesellschaft an die christliche. Ich habe z. B. bevbachtel, wie jede volkswirthschaftlich-industrielle Organisation die Juden den Christen sofort näher bringt, und daß. wenn die den Inden drohende gemeinsame Gefahr, das heißt, die Bedrohung ihrer religiösen Uebcrzeugung durch Verfolgung nicht besteht, die Analogie der Interessen zu wirken beginnt und gewisse Schichten der jüdischen Bevölkerung solchen der christlichen nähert, ich glaube, daß ebenso, wie es unsere Pflicht ist, den jüdischen Stamiu zu landwirthschastlicher und industrieller Arbeit zu erziehen, wir au ererseits uns selbst zum Haudelsfach erziehe» müssen. Ich gebe übrigens zu, daß die Sache nicht leicht ist. Sobald man von der Theorie zur Thal schreibet, kommen sofort wirthschaftliche Gegensätze an d-e Oberfläche. Ein Jeder möchte, daß die Juden ans allen anderen Gebieten concurrircn, nur nicht auf dem seinigen. Das bloße Bestreben, die Juden dem. Ackerbau zuzuführen, ruft sofort die Feindschaft der Bauernschaft wach. „Sie sollen sich der Industrie zuwcnden!" sagen die Bauern. Der Industrielle schickt sie wieder zum Ackerbau. Und doch ist beides eine Nvthweudigkcit. Insolange in dieser Beziehung nicht ftistematisch gearbeitet wird, insolange die vom patriotischen Geiste beseelten Elemente nicht dahin wirken,, daß die beiden Stämme durch die tägliche Arbeit einander näher treten, so lange werden auch alle Abhandlungen über Assimilation nicht aus Lew Reiche der Nebelhaftigkeit heraustrcken. Die Judensrage gehört zu jenen Fragen, welche durch hoble Argumente nicht zu lösen sind, sonder» nur durch Thaten; ihre Lösung, w'e die jeder anderen wichtigen Frage, bedarf der Arbeit ganzer Generationen". Die russischen Juden. Seit dem HL Jahrhundert vor der üblichen Zeitrechnung bis zum Jahre 1893. Herr Leo Errara, Professor an der Universität in Brüssel, correspondirendes Mitglied der königlich belgischen Akademie, veröffentlicht „über die ru,fischen Juden" ein Buch, welches, 184 Octavseiten umfassend, in Europa lebhafte Sensation erregt. Das Werk trägt als Ueberschrift ein . Wort des Fürsten D em id o ff S a n D o n a to: „Man muß den Juden bürgerliche Gleichberechtigung und völlige Freiheit gewähren, sich im ganzen Reiche niederzulassen." An Stelle des Vorworts ist ein Brief des berühmten deutschen Geschichtsschreibers Th. Mom-msen abgedruckt, welchen wir unseren Lesern bereits mitgetheilt haben. In den elf Capiteln seines Werkes erörtert Herr Errara der Reihe nach die Ausicdlung der Juden in Rußland, die Stellung, welche ihnen gegenüber die Czaren bis zu Anfang des XIX. Jahrhunderts ernnahmeu, die von Alexander I., Nicolaus I, Alexander ll. und Alexander HI. ergriffenen Maßregeln, die Blutthaten von 1881, die Arbeiten der P a h l e n'schen Commission, den Einfluß Pobedonoszew's, die jüdische Bevölkerung in Rußland, die derselben auferlegten Bedingungen für die Bewohnung des angewiesenen Territoriums, die Verfolgungsmaßregeln, die von Seite der Antisemiten erhobenen Anklagen, endlich die mögliche Lösung der Frage. Des knappen Raumes halber ist es mir leider nicht gegönnt, in alle die interessanten Abhandlungen des vorerwähnten Buches hier näher emzugehen; ich werde mich daher lediglich auf einige wichtigere Stellen desselben beschränken müssen.. -i- * * Die ältesten jüdischen Elemente in Südrußland und der Krim greifen bis auf das dritte Jahrhundert vor der neuen Aera zurück. Später, gegen das siebente Jahrhundert unserer Zeitrechnung, wurde von jüdischen Gelehrten der größte Theil des an den Ufern des Wolgastuffes ansäßigen Chasarenvolkes, vom König und dem Adel angefangen, zum mosaischen Glauben bekehrt. - Dieses jüdische Königreich wurde zu Ende des zehnten Jahrhunderts von einem russischen Fürsten zu Kiew zerstört, und die besiegte Bevölkerung flüchtete sich nach der Kritn, um sich mit den seit Jahrhunderten daselbst bestehenden israelitischen Gemeinden zu verschmelzen. Wir wollen die Geschichte der jüdischen Einwanderung nach Rußland hier nicht weiter verfolgen. Was vorher gesagt wurde, genügt, um zu beweisen, daß die Israeliten, weit davon im großen slavischen Reiche Eindringlinge zu sein, im Gegentheil zu den urältesten Bewohnern des Landes gezählt werden dürfen. Schon im Jahre 1110 indeß brachten die Herrscher Moskaus den Juden eine Feindschaft und einen Haß entgegen, die in den Vorurtheilen ihrer Zeit ihre Wurzel hatten. Die „Judenfrage" begann jedoch in Rußland ihren schärferen Charakter erst dann anzunehmen, als in Folge Erweiterung des jungen Reiches denselben solche Provinzen einverleibt wurden, in welchen das jüdische Element in überwiegender Zahl vorhanden war. Den Ausgangspunkt der Quälereien, welche die russischen Juden gegenwärtig erleiden, bilden die Senatserläffe von den Jahren 1786, 1791 und 1794. Weiß-Rußland, welchem sich nachher noch andere eroberte Provinzen anschloffen, bildete seither das „jüdische Territorium", welches den Juden nur unter gewissen Bedingungen'zu verlassen gestattet war. „Von diesem Zeitpunkte angefangen," sagte der obbezeichnete Verfasser, „beruht die traurige Leidensgeschichte der Juden in Rußland in dem erbitterten Streite der von mittelalterlichem Geiste der Intoleranz beseelten Zurückdrängungsmaßregeln und dem einer zahlreichen, intelligenten Bevölkerung innewohnenden Streben, die enggezogenen Grenzen eines Gebietes zu überschreiten, wo sie unter unablässigem Verdacht gehalten wurde, das Land nicht verlassen durfte und andererseits allen Bekehrungsversuchen einen heldenmüthigen Widerstand entgegensetzte. Seit dem Regierungsantritte des jetzigen Czaren Alexander III. begann die altrussische Partei einen schrecklichen Feldzug gegen alles Nichtrussische, Nichtorthodoxe. Man erinnert sich wohl an die blutigen Gräuelthaten, welche das Ende des Jahres 1881 und den Anfang des Jahres 1882 befleckten, Gräuelthaten, denen eine sehr große Anzahl Juden zum Opfer fiel und welche mehrere Hunderttausende total ruinirten. Neue Ausnahmsgesetze', die berüchtigten Gesetze vom Mai 1882, ein Werk des Generals I g n a t i e s f, verschlimmerten noch mehr die Lage der Juden, indem sie diese als verdächtig dem Haffe und der Gewalt der Christen Preisgaben. Wir wollen hier den Wortlaut der betreffenden Bestimmungen citiren: Der Ministerrath hat auf Grund eines Berichtes des Ministers des Innern über die Ausführung der zeitweiligen Bestimmungen, betreffend die Juden, Folgendes beschlossen: 1. Als vorläufige Maßregel bis zur allgemeinen Revision der die Lage der Juden betreffenden Gesetze bleibt es denselben untersagt, sich in Zukunft außerhalb der Städte und Marktflecken niederzulaffen. Ausnahme hievon wird gemacht zn Gunsten der bereits vorhandenen jüdischen Colonien, wo sich die Juden mit Ackerbau beschäftigen.

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